Die Prüfung

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von Gefreiter Dippwin Damo Felabro Bendolch (DOG)
Online seit 14. 02. 2006
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Das Geheimnis um die Vorgänge in einer alten Villa wird zur letzten Prüfung in einer langen Ausbildung zum Moloss.

Dafür vergebene Note: 13

Die Inschrift war im Dunkel der Nacht nur schwer auszumachen. Vorsichtig hob die in einen grauen Mantel gehüllte Gestalt ihre kleine Öllampe etwas höher, um die undeutlichen Schriftzeichen über dem Türsturz besser lesen zu können. Jemand hatte mit einem Stück Kohle direkt über dem Eingang der alten Villa eine Nachricht hinterlassen. Im Lauf der Zeit waren die einzelnen Buchstaben jedoch verblasst und durch den häufigen Regen immer mehr zerlaufen.
So sehr er sich auch mühte, konnte der nächtliche Besucher den ersten Teil des Satzes nicht mehr entziffern. Während er mit seinen Fingern den zweiten Teil der Botschaft nachzeichnete, bewegten sich lautlos seine Lippen und formten die seltsamen Worte die noch zu erkennen waren.

... QUI IN TORMENTO VOCEM NON HABET.


Einen Moment lang legte sich seine Stirn in Falten, als er die alte Sprache der Gelehrten für sich übersetzte: '...welcher unter der Folter keine Stimme hat.' Ein Schauer lief ihm bei dem Gedanken über den Rücken, was die Inschrift bedeuten mochte.
Mit vor Kälte steifen Fingern zog er einen kleinen Zettel unter seinem Umhang hervor und strich ihn behutsam glatt. Nur eine einzelne Zeile war auf dem Papier in sorgfältiger Handschrift notiert, - 'Kurvige Allee - N o 36'. Sein Blick glitt zurück zu der Eingangstür und suchte nach dem kleinen Schild unter dem Türklopfer: 'N o 36.' Dies war das richtige Haus.
Schnell löschte der vermummte Mann die kleine Flamme seiner Laterne und blickte sich nervös um. Als er sicher war, dass niemand ihn beobachtete, huschte er über die verlassene Straße, kauerte sich in eine dunkle, windgeschützte Ecke unweit des gesuchten Gebäudes und zog sich die Kapuze noch etwas tiefer ins Gesicht. Die Finsternis verbarg ihn vor zufälligen Blicken. Die Villa hingegen war im sanften Licht des Mondes deutlich für ihn zu sehen.
Das alte Haus mochte vor langer Zeit einmal eindrucksvoll, vielleicht sogar schön gewesen sein. Doch von der alten Pracht war nicht mehr viel übrig. Das obere der beiden Stockwerke war einst verschalt, aber zahlreiche Paneele waren über die Jahre bereits abgefallen. Der größte Teil der Hausfront war indessen von Efeu überwuchert, der sich bis hinauf zum Dach rankte. An mehreren Stellen fehlten Ziegel und gaben den Blick auf morsche Dachlatten frei. Fensterläden hingen schief in den Angeln und bewegten sich leicht im nächtlichen Wind. Die Fenster selbst hatte man teilweise mit Brettern zugenagelt, andere waren einfach nur mit Decken verhängt worden. Kein Lichtschein drang aus dem Anwesen. Auf eine bedrückende Weise wirkte die alte Villa verlassen und beinahe... traurig.
Noch einmal warf der heimliche Beobachter einen Blick auf den Zettel mit der Adresse. 'Kurvige Allee - N o 36'. Es bestand kein Zweifel daran. Dies musste das Haus sein, das Picardo gemeint hatte. Nachdenklich betrachtete er das heruntergekommene Anwesen. Was sollte er hier nur in Erfahrung bringen? Der Fähnrich hatte ihm keine genauen Anweisungen gegeben.
Seine Gedanken kehrten zu dem letzten Gespräch mit dem Abteilungsleiter der 'Dienststelle zur Observierung von Gildenangelegenheiten' zurück. Wortlos hatte ihm der Fähnrich am Tag zuvor das kleine Stück Papier über den Schreibtisch geschoben und abgewartet, bis er es gelesen hatte.
"Dies beendet deine Ausbildung, Bendolch."
Fragend hatte er seinen Abteilungsleiter nach der unerwarteten Eröffnung angesehen.
"Wie bitte, Sir?"
"Sieh dir die Adresse an", hatte Picardo den Gefreiten ermahnt und deutete dabei auf den Zettel. "Deine Ausbildung zum Moloss ist beinahe beendet. Aber erst an dem Tag, an dem du mir sagen kannst, was es mit diesem Haus auf sich hat, wirst du zu einem echten Wächter. Erst dann wirst du tatsächlich zu meiner Abteilung gehören."
Misstrauisch hatte Dippwin Bendolch den Fähnrich gemustert. War dies eine Prüfung? Nur ein weiterer Test, wie er in den vergangenen Wochen schon so viele über sich hatte ergehen lassen müssen?
Je länger er darüber nachdachte, desto kryptischer wirkten die vielen kleinen Begegnungen mit Picardo auf ihn. Häufig sagte der Fähnrich das genaue Gegenteil von dem, was er eigentlich meinte und unentwegt stellte er dabei Dippwins Vertrauenswürdigkeit auf die Probe, indem er ihm zum Schein zwielichtige Angebote unterbreitete oder zu bestechen versuchte. All dies betrachtete der Fähnrich als Teil seiner Ausbildung.
Darüber hinaus schaffte es sein neuer Abteilungsleiter immer wieder, Dippwin mit seinen ungewöhnlichen Ansichten zu verunsichern. Was meinte Picardo damit, wenn er sagte, es gäbe kein Gut oder Böse? Mehrfach hatte er wütend betont, dass diese verklärten Ideale in Ankh-Morpork genauso wenig existierten wie Schwarz oder Weiß, - alles sei nur ein einziges, schmutziges Grau. Er konnte das gefährliche Funkeln in den Augen des Fähnrichs noch immer vor sich sehen. Glaubte Picardo wirklich daran oder war dies nur ein weiterer Versuch Dippwin zu provozieren, ihn aus der Ruhe zu bringen?
"Du darfst niemandem trauen, hörst du? Niemandem!" Permanent hatte der Fähnrich auf ihn eingeredet und an den wichtigsten aller Grundsätze erinnert. "Ein Moloss darf kein Vertrauen haben. Du wirst dich in den Kreisen von Verschwörern und geheimen Bündnissen bewegen. Also verlasse dich auf niemanden! Glaube keinem ein Wort! Irgendwann wird vielleicht einmal dein Leben davon abhängen."
Ein einspänniges Pferdefuhrwerk, das langsam die Kurvige Allee entlang rumpelte, riss den Gefreiten aus seinen Erinnerungen. Es war ein kastenförmiger, fensterloser Wagen, dessen Fahrer auf dem vorderen Rand des Kutschbocks hoch über der Straße saß. Unmittelbar vor der Villa brachte er sein Gefährt zum Stehen und sprang behände auf das regennasse Pflaster herab. Mit zügigen Schritten marschierte er auf das alte Gebäude zu.
So leise wie möglich richtete sich Dippwin in seinem Versteck auf, um den Mann besser sehen zu können, verlor ihn in der Dunkelheit aber dennoch für einen Moment aus den Augen.
Erst nach einer Weile tauchte der Kutscher mit einer weiteren Person wieder auf und öffnete eine Tür auf der Rückseite des Fuhrwerks. Im Mondschein konnte Dippwin erkennen, dass es sich bei seiner Begleitung um eine Frau handelte. Gemeinsam mit dem Fahrer zerrte sie eine Gestalt aus dem Wagen, die einen schwachen, fast gebrechlichen Eindruck auf Dippwin machte. Was geschah dort drüben?
Nachdem die offensichtlich wehrlose Person von den beiden unsanft in die Mitte genommen worden war, schaffte man sie hinüber zur Villa. Die Schritte fielen der entkräfteten Gestalt sichtlich schwer und mehrfach drohte sie das Gleichgewicht zu verlieren, ja zu stürzen, wurde aber im letzten Moment jedes Mal von ihren beiden Begleitern grob weitergezerrt. Obwohl das Haus nur wenige Meter entfernt war, kamen sie nur langsam voran. Kurz vor der Tür blickte sich die Frau plötzlich um und spähte misstrauisch in alle Richtungen.
Für Sekunden hielt Dippwin den Atem an, als er das Gefühl hatte, sie sähe ihm durch die Finsternis hindurch direkt in die Augen. Aber der Moment verging und schließlich zwangen die beiden ihr Opfer durch den Eingang und verschwanden mit ihm in der Villa.
Dippwin atmete erleichtert auf. Sein Puls raste und erst jetzt merkte er, wie sich sein ganzer Körper verkrampft hatte. Mehrmals holte er tief Luft und zwang sich zur Ruhe.
Zahllose Fragen schossen ihm durch den Kopf. Wer waren diese Leute? Wen hatten sie da in ihre Gewalt gebracht? Und vor allem... was sollte er jetzt tun?
Ohne lange darüber nachzudenken, lief er geduckt über die Straße und näherte sich leise dem Pferdewagen. Als er neben dem Fuhrwerk ankam, konnte er einen undeutlichen Schriftzug auf der Seitenwand des Wagens erkennen. Die Farbe mit der die Buchstaben aufgetragen worden waren, blätterte bereits an mehreren Stellen ab. Trotzdem wusste Dippwin sofort, um was für ein Fahrzeug es sich handelte. Es gab vermutlich keinen Bürger in ganz Ankh-Morpork, der eine Kutsche des Müll-Barons nicht als solche erkannt hätte. In großen Lettern war der bekannte Wahlspruch 'Paul König - Wiederverwertung aller Schätze der Natur - seit 1961' zu lesen. Darunter hing ein kleines Blechschild mit der Nummer des Wagens: 'Nr. 049'
Was hatte ein Mülltransporter von Paul König mitten in der Nacht hier zu suchen? Es war bekannt, dass der König Vom Goldenen Fluss hart um seine Stellung in der Wirtschaft Ankh-Morporks gekämpft hatte und sicher nur vor wenigen Dingen zurückschreckte. Aber eine Entführung?
Doch noch bevor Dippwin einen klaren Gedanken fassen konnte, kam der Kutscher wieder aus dem Gebäude. Schnell warf sich der Gefreite unter den Wagen, um nicht gesehen zu werden. Bei seiner unsanften Landung auf dem Straßenpflaster prellte er sich die linke Schulter und kam leise stöhnend in einer Pfütze unter der Hinterachse zum Liegen. Mühsam stemmte er sich auf einem Ellbogen hoch, um den Mann besser beobachten zu können, der zielstrebig auf das Fuhrwerk zulief. Die Frau war nirgends sehen.
Nervös beobachtete Dippwin durch die Speichen eines Rades, wie der Kutscher erneut zur Ladefläche ging. Kurz darauf hörte er über sich das gedämpfte Schleifen von Holz, als der Mann mehrere unhandliche Kisten aus dem Wagen wuchtete. Unter Anstrengung schleppte der Unbekannte seine schwere Last zur Villa und verschwand damit im Inneren des Gebäudes.
Was war in den Kisten? Welches Gut konnte ein Mülltransporter bringen? Ein Fahrzeug, das eigentlich dazu bestimmt war, die Abfälle anderer Leute abzuholen.
Unter Schmerzen rappelte sich Dippwin auf und kroch unter dem Wagen hervor. Vielleicht hatte er Glück und es waren noch einige Kisten auf dem Fuhrwerk. Aber ein Blick in den Laderaum zeigte ihm, dass die Kutsche leer war.
Enttäuscht und unschlüssig sah Dippwin zur Villa hinüber. Der Fremde konnte jeden Augenblick wiederkommen. Aus der geöffneten Haustür fiel etwas Licht auf die regennasse Straße und Dippwin meinte, gedämpfte Geräusche aus dem Inneren zu vernehmen. Vorsichtig näherte er sich dem Eingang.
Als er nur noch wenige Meter entfernt war, hörte er plötzlich gequälte Laute, die irgendwo aus den tiefen des Anwesens drangen. Sie waren nicht besonders laut und glichen eher einem Stöhnen als echten Schreien. Aber bei ihrem schmerzerfüllten Klang gefror Dippwin das Blut in den Adern und alle Farbe wich aus seinem Gesicht. Was sollte er nur tun?
Schwere Schritte kündigten die erneute Rückkehr des Kutschers an und beendeten abrupt Dippwins Überlegungen. Einem Instinkt gehorchend, warf er sich herum und rannte über die Straße, zurück in die Sicherheit versprechende Dunkelheit.
Er wollte schon aufatmen, als er unmittelbar vor seinem rettenden Refugium stolperte und der Länge nach in die finstere Ecke stürzte. Erschrocken riss Dippwin die Arme nach vorne, um seinen Sturz abzufangen. Aber noch bevor seine Hände den Boden berührten, prallte er mit dem Kopf schwer gegen eine Holzwand.
Zum zweiten Mal in nur wenigen Minuten lag er stöhnend auf dem nassen Pflaster. Sterne tanzten vor seinen Augen und er hatte das sichere Gefühl, dass sein Schädel gleich bersten müsse. Benommen rappelte er sich wieder auf, lehnte sich kraftlos gegen die Wand hinter sich und blickte gerade noch rechtzeitig zur Villa zurück, um den Kutscher aus dem Gebäude heraustreten zu sehen.
Der Fahrer ging einmal um sein Fuhrwerk herum, schloss dabei die Tür des Laderaums und schwang sich schließlich auf den Kutschbock hinauf. Fast beiläufig ließ er die Zügel schnalzen, woraufhin sich das schwere Zugpferd mit leisem Wiehern in Bewegung setzte. Langsam verschwand der Wagen am Ende der Kurvigen Allee, aber es dauerte noch eine ganze Weile, bevor auch das letzte Klappern der eisenbeschlagenen Hufe in der Ferne verhallte. Dippwin war wieder alleine.
Er wartete noch einige Minuten, bis der pochende Schmerz in seinem Kopf etwas nachließ und er sich sicher war, dass in dem alten Haus mit der 'N o 36' wieder Ruhe eingekehrt war. Dann trat er vorsichtig aus dem Schatten seiner dunklen Ecke heraus und ging zügig die Straße hinunter, weg von dem unheimlichen Anwesen. So schnell er noch konnte, lief er zum Boucherie zurück. Für eine Nacht hatte er genug in Erfahrung gebracht.

***


Aus einem der düsteren Zimmer blickte eine stille Dame auf die Straße hinunter. Vollkommen reglos stand sie verborgen hinter den Vorhängen des einzigen Fensters und beobachtete nachdenklich den einsamen Mann, der sich zunächst langsam und schließlich immer schneller von der Villa entfernte. Er trug einen dunklen Kapuzenmantel und hielt eine kleine Laterne in der Hand, aus der allerdings kein Licht drang. Mehrfach blickte er sich nervös in Richtung des alten Anwesens um.
"Soll ich ihm folgen, Madame?" fragte eine finstere Gestalt hinter ihr mit leiser Stimme.
In Gedanken versunken neigte sie den Kopf leicht zur Seite. Wer war dieser heimliche Beobachter? Er trug keine sichtbaren Waffen, aber das allein musste in Ankh-Morpork noch nichts heißen. Mit Sicherheit war er kein Assassine, dafür fehlte ihm die notwendige Elleganz. Vielleicht ein Dieb? Nein, für Diebe gab es in diesem Teil der Stadt nichts zu holen. Sie verirrten sich nur sehr selten hierher. Aber wer sonst trieb sich hier mitten in der Nacht herum und drückte sich in den Schatten herum? Etwa ein Wächter?
"Nein", antwortete sie schließlich ebenso leise. " Das wird nicht nötig sein. Ich glaube wir werden unseren unbekannten Freund auch so sehr bald wiedersehen."
"Wie ihr wünscht, Madame." Der Mann verbeugte sich höflich vor der Dame und entfernte sich unauffällig.
Sie blickte dem Fremden noch eine Weile hinterher, bis sich seine dunkle Silhouette in der Nacht verlor. Schließlich wandte sie sich von dem Fenster ab und drehte sich zu der einfachen Pritsche um, die im hinteren Teil des Zimmers stand.
Ein alter und abgemagerter Mann lag kraftlos auf dem spartanischen Lager, zu schwach, um auch nur einen Laut von sich zu geben. Das Licht einer einzelnen, viel zu kleinen Kerze tauchte die Szenerie in gespenstisches Halbdunkel. Trotzdem konnte sie den dünnen Schweißfilm und die Angst in seinen Augen deutlich erkennen.
Mit langsamen Schritten näherte sie sich dem Alten und trat in den Lichtschein der einsamen Kerze. Unheimliche Schatten tanzten über ihr Gesicht, als die Flamme zu verlöschen drohte und nur noch ein letztes Mal hell aufflackerte.

***


"Und dann bist du wiedel gegen eine Wand gelannt?"
"Nicht gerannt, - ich bin gestolpert."
"Du bist klank, Bendolch! Es ist nicht nolmal, ständig gegen Wände zu lennen!" [1]
Dippwin schüttelte abwehrend den Kopf, bereute die unüberlegte Bewegung aber sofort wieder, als der pochende Schmerz hinter seiner Stirn erneut aufflammte. Stöhnend sank er auf die Knie und presste sich die Hände gegen die Schläfen.
"Aber darum geht es doch gar nicht", erwiderte er schließlich, nachdem die neuerliche Schmerzwelle langsam verebbt war. "Die Frage ist doch, was macht ein Wagen von Paul König zu einer solchen Zeit in der Kurvigen Alle? Und wer war der Mann, den sie in ihrer Gewalt hatten?"
Chi Petto ließ das Brecheisen sinken und blickte auf seinen am Boden knienden Kameraden hinunter. "Bist du dil denn wilklich sichel, dass del Mann entfühlt wulde?"
Verzweifelt reckte Dippwin die Hände empor und sah Chi Petto vorwurfsvoll an. Niemand schien seinen Worten Glauben schenken zu wollen, seit er aus der Kurvigen Allee zurück gekommen war. Am härtesten hatte ihn die Reaktion seines Abteilungsleiters getroffen. Der Fähnrich hatte ihn nur kalt angelächelt und seine Worte vom Vortag wiederholt: 'Finde heraus, was es damit auf sich hat!'
Tröstend legte Chi Petto eine Hand auf Dippwins Schulter. "Del Volfall ist beleits dlei Tage hel und niemand wulde bis jetzt als velmisst gemeldet. Vielleicht hast du nach deinem Stulz ja eine etwas... velwollene Elinnelung an die Situation?"
Resigniert blickte Dippwin in die weisen Augen des alten Achatenen. Musste er wirklich an seinem Verstand zweifeln?
"Und wo wil schon einmal dabei sind... bist du sichel, dass dies dein Bülo welden soll?" Chi Petto hatte sich wieder aufgerichtet und deutete fragend auf die zugenagelte Tür, die er gemeinsam mit Dippwin seit einer Viertel Stunde aufzubrechen versuchte. Inzwischen hatten sie die meisten Bretter, die den Eingang blockiert hatten, entfernt. Aber irgendjemand hatte sich sehr viel Mühe gegeben, diesen Raum zu verschließen und, - so gerne Chi Petto seinem jungen Kameraden auch half -, vielleicht war dies ja nicht ohne Grund geschehen.
Dippwin zuckte gleichgültig mit den Schultern und stand langsam wieder auf. "Es ist das letzte Zimmer im Boucherie Rouge das offensichtlich keinem der anderen Wächter gehört und Picardos einzige Anweisung an mich war: 'Such dir ein freies Zimmer und sieh zu, dass du nichts an der verdammten Einrichtung änderst, weil dir die Näherinnen sonst die Hammelbeine lang ziehen!' Also welche Wahl habe ich schon?"
Nachdenklich nickte Chi Petto. Ja, dieser Logik war ganz offensichtlich nichts mehr entgegenzusetzen.
Nach mehreren wenig routinierten Versuchen gelang es ihnen schließlich den Eingang auch von den letzten Holzbrettern zu befreien. In der Mitte der Tür kam ein aufwendig verschnörkelter Schriftzug zum Vorschein:

DAS ROSAROTE HIMMELBETT


Die beiden Wächter musterten die Tür misstrauisch und warfen sich anschließend vielsagende Blicke zu. Vorsichtig legten sie ihre Brecheisen zur Seite, als befürchteten sie gleich von dem vermeintlichen Himmelbett angesprungen zu werden.
"Emily sagt, hintel del Tül lauelt Unheil", flüsterte Chi Petto.
"Was?" Erschrocken fuhr Dippwin herum und sah, dass sein Kamerad plötzlich wieder die seltsame Marionette an ihren Fäden tanzen ließ. Bis eben hatte Emily auf der gegenüber liegenden Seite des Flurs gesessen und die beiden Männer... beobachtet.
"Sie sagt, du wälst ein ganz schlimmel Schlingel, wenn du tatsächlich in das Haus del velluchten Flauen ziehen willst."
"Ach, Unsinn!" Verärgert griff Dippwin nach der Klinke und öffnete die Tür. Das Zimmer war nicht verschlossen.
Neugierig spähten beide Männer in den Raum und wurden von einer grellen Vision in schreiendem Rosarot erschlagen. Nicht nur das gewaltige Bett, welches das Zimmer tatsächlich beherrschte und mehr als die Hälfte des Raums beanspruchte, erstrahlte in leuchtendem Rosa. Auch Wände und Fußboden waren in unterschiedlichen Nuancen des immer gleichen Farbtons gehalten. Jeder Winkel der kleinen Stube stellte mit dem allgegenwärtigen Rosarot einen Affront gegen den guten Geschmack dar.
"Grundgütiger!" entfuhr es Dippwin. "Welcher... Kunde sollte sich denn in diesem Albtraum eines Schlafgemachs wohl fühlen?"
Instinktiv hatte Chi Petto die Hand vor Emilys Augen gehalten, um ihr dieses Grauen zu ersparen. "Vielleicht wal das ja del Glund fül die zugenagelte Tül?" vermutete er.
Unsicher wagte Dippwin einige Schritte in das Zimmer und schaute sich genauer um. Den einzigen farblichen Kontrast stellte ein winziger Schreibtisch dar, der fast schüchtern in einer Ecke stand und unter dem mächtigen Eindruck des mit Plüsch und Spitze verzierten Himmelbettes völlig in den Hintergrund geriet. Womit hatte er das verdient?
Dippwin fühlte sich plötzlich sehr erschöpft, wankte zu dem kleinen Tisch und ließ sich müde auf den altersschwachen Stuhl fallen. Noch einmal ließ er seinen Blick durch die Gestalt gewordene Geschmacklosigkeit wandern, die sich von nun an sein Büro schimpfte und zweifelte ernsthaft an der Richtigkeit seiner Entscheidung, zur 'Dienststelle zur Observierung von Gildenangelegenheiten' zu wechseln.
Indessen hatte Chi Petto seinen anfänglichen Schrecken überwunden und wanderte interessiert durch Dippwins kleines Reich.
"Du hast einen sehl komischen Geschmack, Dippwin."
"Wie bitte?"
"Na ja, dass du dil ausgelechnet so eine vellückte Kammel aussuchst. Ich glaube, ich wülde mich hiel nicht wohl fühlen."
"Aber ich habe sie mir doch nicht ausgesucht", erwiderte Dippwin gereizt. "Es war das einzige freie Zimmer. Ich habe es dir doch erzählt! Genau so wenig, wie ich mir die Sache mit der Kurvigen Allee ausgesucht oder gar ausgedacht habe. Ich weiß, was ich gesehen habe, verstehst du?"
Chi Petto stand mit dem Rücken zu ihm und untersuchte eine ausladende Topfpflanze auf der anderen Seite des Bettes. Daher konnte Dippwin das spitzbübische Lächeln des Alten nicht sehen.
"Der Mann ist entführt oder verschleppt worden. Die Tatsache, dass ihn niemand vermisst, bedeutet nicht, dass kein Verbrechen stattgefunden hat", lamentierte Dippwin weiter. Aber obwohl er mit einer Erwiderung rechnete, wartete er vergebens auf eine Antwort. Offensichtlich hatte Chi Petto mit Emily eine leise Diskussion über irgendeine Kleinigkeit begonnen, wie es die beiden... wie er es oft tat und somit geriet Dippwin zumindest für den Augenblick in Vergessenheit.
Nachdenklich starrte der junge Wächter aus dem einzigen Fenster des Zimmers und hing seinen Überlegungen nach. '...qui in tormento...', - welche Qualen musste der arme Mann nur ertragen?
Und wie passte der Wagen von Paul König in die ganze Geschichte? Wusste der selbsternannte König Vom Goldenen Fluss etwas über den Vorfall in der Kurvigen Allee oder geschah dies alles hinter seinem Rücken? Wurde vielleicht nur sein Fahrzeug für irgendwelche dunklen Zwecke missbraucht?
"Es leckt."
Mit fragendem Blick drehte sich Dippwin zu Chi Petto um, der noch immer vor der riesigen Pflanze stand und mit gerümpfter Nase an die Decke starrte.
"Da", sagte der Achatene und deutete nach oben, "es leckt übelall!"
"Wer reckt sich wohin?"
"Niemand leckt sich!" antwortete Chi Petto erbost. "Es leckt bei dil, du flechel Lümmel! Del Legen läuft dulch das molsche Dach und tlopft auf die Pflanze!"
Tatsächlich war über der Pflanze ein unansehnlicher Wasserfleck zu erkennen, von dem es beständig auf das einzige Gewächs in dem kleinen Zimmer herabtropfte.
"Ein llamedosischel Baumfaln, - sehl selten! Du hast gloßes Glück, dass el hiel so plächtig gedeiht. Ein Stück flemdländischel Flola mitten in Ankh-Morpolk!"
Dippwin seufzte vernehmlich. Offenbar war Glück relativ. Er jedenfalls konnte sich nicht für die Vorstellung erwärmen, in seinem Büro irgendeine seltene Form von Vegetation zu züchten.
Während Chi Petto seinen Streifzug durch unerforschtes Terrain fortsetzte und skeptisch das gewaltige Himmelbett musterte, kehrten Dippwins Gedanken zu Paul König zurück. Wie war es möglich, mehr über diese zwielichtige Größe Ankh-Morporks in Erfahrung zu bringen? Oder noch wichtiger, - wie kam er an Informationen über den Wagen und den Fahrer jener Nacht heran?
König galt als intelligent und verschlagen, zu einem gewissen Teil sicherlich auch als gefährlich. Er gehörte auf keinen Fall zu den Menschen, die man freundschaftlich in der Mittagspause besuchte, um beiläufig die Frage zu stellen, wie denn die letzte Entführung so gelaufen sei.
Immer wieder blieb Dippwins Blick an dem Farn haften, der ihm seit Chi Pettos floristischem Gutachten nicht mehr aus dem Kopf ging. Die fächerartigen Blätter ragten beinahe sieben Fuß in die Höhe und berührten damit an einigen Stellen die Decke. Eigentlich war er recht hübsch anzusehen.
"Wo, sagtest du, kam der Farn her, Chi Petto?"
"Aus Llamedos, mein ungebildetel Fleund. Ein seltenel Baumfaln." Der alte Mann hatte inzwischen einen Stapel Akten unter der Tagesdecke des Bettes gefunden und blickte kurz von seiner Inspektion der unterschiedlichen Dossiers auf.
"Llamedos, ja?" wiederholte Dippwin geistesabwesend die Antwort des Alten. Eigentlich sah man der Pflanze gar nicht an, dass sie aus einem fernen Land stammte. Mit ihrem eigenen Mikroklima, das sich in Form der undichten Decke manifestierte, wirkte sie beinahe, als gehöre sie hierher.
"Gütigel Gott!" brüllte Chi Petto plötzlich auf. Als hätte er sich die Finger verbrannt, ließ er eine geöffnete Mappe auf das Bett zurückfallen, während Emily theatralisch in Ohnmacht fiel. "In was fül einen Sündenpfuhl willst du dich nul stülzen, Dippwin?"
Ohne die geringste Ahnung was der alte Mann jetzt schon wieder zu bemängeln hatte, stand Dippwin auf, um auch einen Blick auf die fraglichen Akten zu werfen.
"Oh nein, mein Fleund. Das könnte dil so passen." Rasch griff Chi Petto nach dem offenen Dossier und riss es an sich. "Dafül bist du noch viel zu jung!"
"Wofür bin ich zu jung?"
"Fül die detaillielte Beschleibung del Leistungen, Fähigkeiten und Maße von Fläulein Lieselotte - Eldgeschoss - Zimmel 12 - Nach 1800 Uhl bitte nul mit Telminabsplache." Während er aus der Akte zitierte, traten Chi Pettos Augen deutlich hervor. Ob aus Bestürzung oder Begeisterung vermochte Dippwin nicht abschließend zu beurteilen. Schließlich griff der Achatene nach einer einzelnen Seite und entfaltete ein größeres Klappbild, woraufhin seine Hände leicht zu zittern begannen. "Hiel dlin sind Bildel... in Falbe!"
Dippwin reckte neugierig den Hals, um auch einen Eindruck von Fräulein Lieselotte zu gwinnen, aber Chi Petto drehte sich sofort von ihm weg.
"Nein, nein mein Fleund. Zu jung!"
"Chi Petto, ich bin einunddreißig! Wie alt soll ich denn noch werden?"
Der Untote legte einen Moment den Kopf schräg und betrachtete nachdenklich seinen deutlich jüngeren Kameraden. "Vielhundelt?"
Ärgerlich wandte sich Dippwin ab und ließ sich wieder auf den Schreibtischstuhl fallen. "Dafür habe ich jetzt ohnehin keine Zeit. Ich muss eine Lösung für die Sache mit Paul König und der Kurvigen Alle finden."
Chi Petto lächelte süffisant und griff nach einer weiteren Akte. "Ah, Lady Estelle..."
"Ich denke, du müsstest inzwischen eigentlich schon deutlich zu alt für so etwas sein, oder?" fragte Dippwin mit spöttischem Unterton.
"Nul wissenschaftliches Intelesse, mein Bestel."
Der zu junge Gefreite ließ es dabei bewenden und versuchte noch einmal den Gedanken aufzugreifen, den er beim Anblick des llamedosischen Farns hatte. Für eine Weile senkte sich konzentrierte Stille über das Büro, die nur gelegentlich durch das Rascheln von Papier gestört wurde, wenn sich der wissenschaftlich interessierte Chi Petto gerade zu einer neuen Seite vorarbeitete.
Ein exotischer Farn aus Llamedos in einem Zimmer des Boucherie Rouge. Etwas vollkommen Fremdes, etwas Unbekanntes, dem man aber keine weitere Beachtung schenkte, weil man es einfach nicht als etwas Ungewöhnliches erkannte. Was wäre wohl, wenn er in Paul Königs Revier auftreten könnte, ohne dass man ihn als einen Fremden erkannte?
"Chi Petto?"
"Mmh?"
"Wie glaubst du, erhalte ich an eine Anstellung bei Paul König?"
Der alte Mann legte seine Lektüre zur Seite und sah Dippwin skeptisch an. "Wozu?"
"Um an seine Leute heranzukommen, mit ihnen sprechen zu können. Ich will wissen, wer in jener Nacht den Wagen 'Nr. 049' gefahren hat. Was hat er in der Kurvigen Allee getrieben? Was hat er zu der Villa transportiert? Und vor allem, wer war der Mann den er verschleppt hat?"
"Gefähllich, mein unelfahlenel Fleund!" antwortete Chi Petto vorsichtig. Seine Miene zeigte aufrichtige Sorge, während sich die Marionette entsetzt an das Bein ihres Meisters klammerte.
"Emily sagt, du blingst dich um, wenn du dich so leichtsinnig in die Höhle des Löwen begibst."
"Ja, aber das war nicht meine Frage, Chi Petto. Wie schaffe ich es, dass König mich einstellt? Wenn ich etwas über diese Entführung in Erfahrung bringen will, muss ich bei ihm anfangen!"
"Ich weiß nicht, Dippwin. Wenn es dil so wichtig ist, solltest du es vielleicht als einfache Hilfsklaft velsuchen. Du könntest dich flei bewegen und niemand wülde besondels auf dich achten."
Nachdenklich stand der junge Wächter auf und trat an das Fenster. Die Idee nahm langsam Gestalt an. Nur noch ein paar offene Fragen mussten geklärt werden...
"Als einfacher Arbeiter...", murmelte er vor sich hin. "Ich werde Hilfe brauchen."
Entgeistert starrte Chi Petto seinen Kameraden an. Er war gerne bereit gewesen, beim Aufbrechen von Dippwins... nun ja, seinem Büro zu helfen. Aber als Müllmann durch Ankh-Morpork zu ziehen? Es gab gewisse Grenzen, die zu überschreiten er nicht gewillt war. Konzentriert musterte er gemeinsam mit Emily die Struktur der Zimmerdecke und gab vor, den Rest seiner Umgebung nicht mehr wahrzunehmen.
Als Dippwin das Schauspiel der beiden bemerkte, musste er unwillkürlich schmunzeln. "Nicht dich, Chi Petto."
"Nein?" fragte der Achatene unschuldig.
"Nein! Und jetzt entschuldige mich bitte." Mit diesen Worten wandte sich Dippwin zur Tür und marschierte mit zügigen Schritten aus dem Raum.
"Was hast du vol?" rief ihm Chi Petto hinterher.
"Muss mit einem Husky sprechen", hörte er Dippwin noch antworten, dann stand der alte Mann mit seiner Marionette alleine in dem kleinen Zimmer.
Fragend blickten er und Emily sich an.
"So ein unhöflichel Kell, nicht wahl, Emily?"
Einen Augenblick lauschte Chi Petto in die Stille.
"Ja, da hast du Lecht, mein Kind. Mit del Jugend hat man es nicht leicht. Abel el wild sichelich noch velnünftigel."
Noch einmal schaute sich der alte Mann im 'Rosaroten Himmelbett' um. Schließlich wandte auch er dem Ausgang zu. Neben dem Bett blieb er kurz stehen und griff nach den Akten, die auf der Tagesdecke verteilt lagen, hielt aber mitten in der Bewegung inne.
"Na gut, Emily. Es stimmt ja. Ich mag fül solche Kindeleien tatsächlich schon zu alt sein."
Mit einem Lächeln verließ er das Zimmer und schloss hinter sich die Tür.

***


Nur zwei Tage später stand Lance-Korporal Patrick Nichts bis zu den Knien in der... in den Überresten menschlicher und tierischer Verdauung, mitten in der Grube XIV. Körper und Geist des verdeckten Ermittlers befanden sich in einem Ausnahmezustand.
Wie in Trance beobachtete er sich selbst, während seine Hände ein ums andere Mal einen Eimer mit den widerwärtigen Exkrementen befüllten. Mehr als eine kleine Schaufel stand ihm für diese Arbeit nicht zur Verfügung. Regelmäßig spritze der Dreck an seine Arme und ließ ihn ob des Ekels erschauern.
Sein Gehirn hatte schon vor Stunden aufgehört, auf die verzweifelten Hilferufe der Nase zu achten und auch danach hatte sich sein Zustand nicht gerade verbessert. Das olfaktorische Schlachtfeld, welches Paul Königs Senkgrube darstellte, hatte weitere Opfer gefordert. Die beißenden Dämpfe ließen seine Augen tränen, seine Haut brannte wie Feuer und der Lance-Korporal war sich ziemlich sicher, vor wenigen Minuten Zeuge gewesen zu sein, als seine Selbstachtung zu Grabe getragen wurde. Immer wieder schoss ihm die Frage durch den Kopf, wie er sich auf diese Sache hatte einlassen können.
"Haben sie schon etwas gesehen, Lance-Korporal?" fragte der Gefreite Bendolch in verschwörerischem Tonfall, als er sich nach dem vollen Eimer bückte und vollbrachte damit das Kunststück, das ungehemmte Selbstmitleid des Huskys in zielgerichteten Zorn zu verwandeln.
"Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du mich nicht mit meinem Dienstgrad ansprechen sollst, Gefreiter? Ist dir nicht klar, dass du uns beide damit in Gefahr bringst?" Nichts warf seinem Gegenüber einen finsteren Blick zu und schleuderte eine Schippe des stinkenden Matschs in dessen Richtung.
Dippwin erstarrte in der Bewegung. "Entschuldigung, Sir. Habe einen Moment nicht nachgedacht, Sir."
"Und nenn mich nicht 'Sir', du Wahnsinniger. Am Besten salutierst du noch vor mir oder hängst uns zwei Schilder um den Hals: 'Achtung - Verdeckte Ermittler im Einsatz!' Warum habe ich diesem ganzen Unternehmen nur zugestimmt?"
"Weil sie mir helfen wollten, die Entführung aufzuklären?" vermutete Dippwin vorsichtig.
"Das war eine rhetorische Frage, Bendolch. Ich helfe dir, weil du noch in der Ausbildung bist. Und weil Picardo, - aus welchem Grund ist mir ein Rätsel -, die Meinung vertritt, aus dir könne tatsächlich einmal ein brauchbarer Wächter werden. Also nimm jetzt den verdammten Eimer und mach weiter!"
Verlegen schleppte Dippwin den schweren Eimer zu dem Karren 'Nr. 017' und wuchtete den unangenehmen Inhalt über die Bordwand. Die Gerber hatten eine halbe Wagenladung 'Vermischter Dung unbestimmter Herkunft mit hoher Ammoniumkonzentration - mittlere Qualität' bestellt und seit er und der Lance-Korporal am Morgen eingestellt worden waren, bestand ihre Tätigkeit darin, das bereitstehende Fuhrwerk zu beladen.
Jedes Mal wenn er einen der widerlichen Bottiche zu ihrem Karren brachte, blickte er sich suchend im Innenhof von Königs riesiger Anlage um. In den verschiedenen Müllgruben wimmelte es von Arbeitern, die mit dem Sortieren, Umschichten und Transportieren der Abfälle beschäftigt waren. Ansonsten konnte er bis jetzt aber nichts auffälliges entdecken. Vom Wagen 'Nr. 049' fehlte jede Spur. Enttäuscht ging er zurück zu der Senkgrube, wo ihn Nichts bereits mit dem nächsten vollen Eimer erwartete.
Wütend richtete Nichts einen Zeigefinger auf ihn. "Einen Tag, Bendolch!" fauchte er ihn mit mühsam unterdrückter Wut an. "Einen Tag, - mehr gebe ich dir nicht. Länger tue ich mir das hier nicht für dich an. Hast du mich verstanden?"
Betrübt nickte Dippwin. Er hatte damit gerechnet, dass ihm der Lance-Korporal nicht besonders lange würde helfen können. Aber nur einen einzigen Tag? Ein Blick in den Himmel zeigte ihm, dass die Sonne bereits tief über den Dächern Ankh-Morporks stand. Es war später Nachmittag und er hatte noch nichts über den Fahrer, seinen Wagen oder gar Paul König in Erfahrung gebracht. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr.
Seufzend griff der Gefreite nach dem nächsten vollen Eimer.
"Oh nein", ertönte in diesem Moment die alarmierte Stimme des Lance-Korporal hinter ihm. "Nicht der schon wieder." Mit wenigen Schritten flüchtete Nichts freiwillig in den tieferen Bereich der Senkgrube, um der Gestalt zu entgehen, die gerade auf sie zugehinkt kam.
Als Dippwin sich irritiert umsah, war es bereits zu spät. Am Rand der Grube baute sich ein unansehnlicher, alter Krüppel auf und blickte mit vorwurfsvoller Miene auf den jungen Gefreiten hinab. Sein Gesicht war von Furunkeln übersäht, die jedoch, - sehr zur Erleichterung der restlichen Menschheit -, zum größten Teil unter einer verfilzten, dreckigen Haarpracht und einem struppigen Bart verborgen reiften. Sein Mantel war ein zerfetzter, alter Kittel und so ziemlich das einzige Bekleidungsstück, das er besaß. Während er sich mit der linken Hand auf eine Krücke stützte, deutete er mit der rechten anklagend auf Dippwin.
"Ihr seid ja immer noch hier", warf er dem jungen Mann enttäuscht vor. Speichel lief ihm dabei aus dem Mundwinkel und sein Atem rasselte auf beängstigende Weise.
Verlegen drehte sich Dippwin zu dem seltsamen Kerl um und kratzte sich nachdenklich am Kopf. "Äh... ja, sind wir, Herr..."
"Nepomuk ist mein Name. Und habe ich euch nicht schon vorhin gesagt, dass ihr hier verschwinden sollt?"
"Ja sicherlich, Herr Nepomuk, - sogar mehrfach -, aber sehen sie..."
"Ja?" hakte der Krüppel unfreundlich nach.
"Nun, wir arbeiten hier, Herr Nepomuk. Wir können nicht einfach gehen."
"Wollt ihr etwa so enden wie ich?" Ruckartig richtete sich Nepomuk zu seiner vollen Größe auf und schlug sich aufgebracht gegen die Brust, worauf sich das Rasseln seiner Lungen zu einem röchelnden Husten wandelte.
"Aber warum sollten wir das?" fragte Dippwin, unsicher worauf der Kerl hinaus wollte.
"Na, weil ich auch hier gearbeitet habe. Deshalb!"
Bei diesen Worten weiteten sich Dippwins Augen vor Schreck und er sah sich fahrig in dem stinkenden Loch um, in dem er seit Stunden arbeitete.
"Wie meinen sie das?" fragte er nervös.
Wie ein dunkler Prophet beugte sich Nepomuk vor. "In diesem Schlamm", flüsterte er mit heißerer Stimme, während seine ausgebreiteten Armen auf das deuteten, was Königs Leute als Grube XIV kannten, "leben Millionen von winzig kleinen, unsichtbaren Monstern!" Zufrieden stützte er sich wieder auf die Krücke und starrte auf den Gefreiten herab, als wäre damit alles Notwendige gesagt worden.
"Wie bitte?"
Das Unverständnis mit dem Dippwin reagierte, schien ihn nicht wirklich zu überraschen. Er war es offenbar gewohnt, dem unwissenden Pöbel seine umfangreichen Weisheiten nur sehr langsam näher bringen zu können. Trotzdem stöhnte er affektiert auf, um seinen Unmut über den ungebildeten Gesprächspartner zum Ausdruck zu bringen.
"Also, pass auf! In dem ganzen Dung und der ganzen... also da drin existieren kleine Viecher. Sie sind so klein, dass du sie nicht sehen kannst, klar?"
"Klar."
"Wenn du dich jetzt verletzt, - der kleinste Kratzer reicht bereits aus -, fallen sie über deine Wunde her und krabbeln von dort in deinen Körper."
Entsetzt starrte Dippwin auf seine Beine, die von den Waden an abwärts in der schlammigen Masse verschwanden.
Leises Plätschern deutete an, dass sich auch Lance-Korporal Nichts wieder vorsichtig näherte. Er hatte der Unterhaltung aus sicherer Entfernung misstrauisch gelauscht und wurde den Unsinn, den dieser Kerl von sich gab, nun langsam Leid.
"Was redest du da nur für dummes Zeug?" fuhr er den Krüppel an.
"Wie? Glaubst wohl ich wäre ein Lügner, was Bürschchen? Na, dann sieh dir mal das hier an!" erwiderte Nepomuk, zog triumphierend seinen Kittel ein Stück hoch und entblößte darunter ein schmutziges, unansehnliches Bein. Trotz dem Dreck konnte man eine leichte Rötung des Unterschenkels erkennen.
"Seht ihr? Das ist ein beginnendes Erysipel durch hämolysierende Streptokokken", erklärte er in qualifizierter Selbstdiagnose. "Daran kann man krepieren!"
"Aber man sieht doch fast gar nichts!" stellte der Lance-Korporal nüchtern fest.
"Hältst dich wohl für einen Arzt, wie?" regte sich Nepomuk auf. "Eines Tages, in nicht allzu ferner Zukunft, werde ich unter der Erde liegen und auf meinem Grabstein werdet ihr lesen können: 'Na - glaubt ihr mir jetzt?'"
Nichts und Bendolch starrten den lamentierenden Krüppel sprachlos an, während er weiter über sein Schicksal klagte.
"Aber ihr habt ja Recht. Wahrscheinlich erwischt es mich deswegen gar nicht. Nekrotisierende Fasziitis ist in der Regel deutlich schneller."
"Was?" fragte Nichts völlig perplex.
"Sind auch solche kleinen Biester. Kriechen in den Körper, vergiften dich und fressen sich an deinen Muskeln entlang durch alle Glieder, bis sie dein Herz finden und dann..."
Mit einem Satz sprang Dippwin aus der todbringenden Kloake und flüchtete sich auf das rettende Pflaster. Panisch untersuchte er seine Beine auf mögliche Kratzer oder Schürfwunden.
"Ach, du armer Unwissender! Das wird dir auch nicht mehr weiterhelfen. Die Viecher sind auch in der Luft. Ruckzuck hast du da eine nosokomiale Pneumonie weg, - ganz üble Lungenentzündung, sehr tödlich."
Für einen Moment überlegte Dippwin ernsthaft, ob er für den Rest seiner Tage vielleicht auch ohne das lästige Atmen auskommen könnte, als von der Mitte des Innenhofs ihr Vorarbeiter auf sie zukam und bereits aus mehreren Metern Entfernung seine ohrenbetäubende Stimme erhob.
"Was ihr treiben, unnütze Menschen? Ihr gefälligst arbeiten, nicht reden!" Mit großen Schritten stampfte der Troll Kreidefels, die Faust in einer Drohgebärde erhoben, auf sie zu. Als Nepomuk den wütenden Vorarbeiter sah, machte er sich zügig aus dem Staub und humpelte aus dem Innenhof.
"So richtig. Du weggehen!" brüllte ihm der Troll hinterher und wandte sich dann an seine beiden neuen Hilfsarbeiter der Klasse C. "Das jetzt letztes Mal, ja? Ihr nix mehr reden mit komischem Mann von Straße, sondern immer brav Dung verladen. Klar?"
"Ja, Herr", antwortete Nichts in unterwürfigem Tonfall, während Dippwin bestätigend nickte.
"Und keine nix Widerworte!"
Für Sekunden herrschte Stille. Verschlagen musterte Kreidefels die zwei Hilfsarbeiter und lauerte auf seine Chance.
Jetzt bloß keinen Fehler machen, dachte Lance-Korporal Nichts. Er kannte Typen wie Kreidefels. Er war einfältig, naiv und mit einem Minimum an Bauernschläue ausgestattet, die er irrtümlich für intellektuelle Überlegenheit hielt. Die Art und Weise, wie er auf einen falschen Kommentar hoffte, einen banalen Vorwand, der es ihm ermöglichen würde, seine vermutlich auswendig gelernte Standpauke vorzutragen, hatte beinahe etwas Rührendes an sich. Leute wie ihn ließ man am Besten ins Leere laufen, indem man einfach die Klappe hielt.
"Ähm...", setzte Dippwin zu einer Erklärung an, nur um die inzwischen peinliche Stille zu füllen.
Während der Lance-Korporal aufstöhnte und im Geiste die Hände über dem Kopf zusammenschlug, blitzten die Augen von Kreidefels freudig erregt auf.
"Ah, du sein vorwitziger, kleiner Mensch, wie?" brüllte er den Gefreiten an. Die physische Wucht seiner Stimme reichte aus, Dippwin ins Wanken zu bringen. Benommen ging der junge Mann zu Boden, als schlagartig die Kopfschmerzen seines nächtlichen Sturzes zurückkehrten und er nur noch winzige, tanzende Sterne vor seinen Augen sah.
"Wir dich nix bezahlen für reden, dummer Mensch! Du dich vielleicht halten für klug, aber du nur Arbeiter von Klasse C. Erst nach Jahren guter Arbeit, du kannst werden besser und besser und vielleicht Klasse B. Niemals natürlich nicht wirst werden so kluger Mann wie Troll Kreidefels. Ganz klar! Weil du nur dummer Mensch." Zufrieden strahlte der Vorarbeiter sein Opfer an, vollkommen davon überzeugt, mit seinem eloquenten Vortrag einen bleibenden Eindruck bei dem hilflosen Winzling hinterlassen zu haben. "Ich kluger Troll!" ergänzte er abschließend noch einmal, - nur um sicher zu sein, dass der Kern seiner Botschaft auch zweifelsfrei verstanden wurde.
Während sich der Schleier vor Dippwins Augen langsam lichtete, sah er ein weiteres Fuhrwerk von Paul König im Hof eintreffen. Es dauerte noch eine Weile ehe er das kleine Schild mit der Nummer deutlich erkennen konnte. Aber schließlich hatte er keinen Zweifel mehr. In diesem Moment kam vor einer der gegenüberliegenden Gruben der Wagen 'Nr. 049' zum Stehen.
Aufgeregt suchte er den Blickkontakt mit Nichts und deutete unauffällig in Richtung des gesuchten Fuhrwerks. Der Lance-Korporal, der die neue Situation ebenfalls bemerkt hatte, nickte unmerklich, schnappte sich einen mit Dung gefüllten Eimer und stapfte entschlossen auf ihren Vorarbeiter zu.
Er hatte Bendolch stundenlang erklärt, worauf es im entscheidenden Augenblick ankam. Sie hatten verschiedene Pläne besprochen und Nichts hoffte inständig, dass der unerfahrene Gefreite alle Grundsätze und Vorgehensweisen zumindest soweit verstanden hatte, dass er ihr Vorhaben jetzt nicht gefährdete.
Die Tatsache, dass Kreidefels noch immer über die internen Hierarchien der Arbeiterklasse philosophierend vor ihnen stand, machte das Unternehmen nicht gerade einfacher. Aber auch an diese Möglichkeit hatte der Lance-Korporal bei ihren Vorbereitungen gedacht und für den eingetretenen Fall befohlen, dass er selbst den gefährlicheren Teil der Aufgabe übernähme. Und gefährlich war seine Absicht mit ziemlicher Sicherheit.
Noch einmal holte Nichts tief Luft, dann kam er auf äußerst elegante Weise sehr ungeschickt ins Stolpern. Während er fiel, achtete er peinlich genau darauf, dass sich der Inhalt seines Bottichs gleichmäßig über den schreckensstarren Troll ergoss.
Erneut senkte sich Stille über die Szene. Wertvolle Sekunden verstrichen, in denen Kreidefels feststellte, dass er nicht für jede Situation eine zivilisierte und rhetorisch hochwertige Rede vorbereitet hatte. Nach einem Prozess angestrengten Nachdenkens entschied er sich alternativ dafür, die Kontrolle seines Körpers an die deutlich unzivilisierteren Instinkte aus grauer Vorzeit zu übergeben. [2]
Als das markerschütternde, dafür aber reichlich unartikulierte Gebrüll des Trolls ertönte, war Dippwin bereits über den halben Platz geeilt und hielt zielstrebig auf den Wagen 'Nr. 049' zu. Die Ablenkung des Lance-Korporal war erfolgreich gewesen. Jetzt lag es an ihm, dass Beste daraus zu machen.
Der Fahrer war gerade vom Kutschbock herunter geklettert und hatte begonnen, seine Fracht abzuladen. Es waren die gleichen Kisten, die Dippwin in der fraglichen Nacht gesehen hatte. Ohne besondere Eile machte sich der Kutscher daran, mehrere aufeinander gestapelte Kisten zur Grube XXIII zu tragen.
So unauffällig wie möglich legte der Gefreite die letzten Meter bis zu dem Wagen zurück. Nachdem der Fahrer verschwunden war, befand sich für den Augenblick kein anderer mehr in der Nähe des Fahrzeugs. Die meisten Kisten standen bereits auf dem Hof, aber auch auf der Ladefläche konnte Dippwin noch Frachtgut erkennen, das scheinbar bewusst nicht abgeladen worden war. Was mochte in den Kisten sein? Konnte er es wagen, ins Innere der Kutsche zu klettern?
Nervös blickte er sich noch einmal um, bevor er auf die erste Sprosse einer kleinen Leiter stieg, die an der Rückseite des Fuhrwerks befestigt war.
"Weißt du, was auch sehr gefährlich ist?"
Einem Herzinfarkt nahe, stolperte Dippwin einige Schritte zurück, als Nepomuk plötzlich seinen Kopf an der Seite des Wagens hervorstreckte.
"Bei allen Göttern!" entfuhr es dem geschockten Gefreiten. "Wo kommen sie denn auf einmal wieder her?"
Nepomuk ignorierte Dippwins Frage und senkte verschwörerisch die Stimme, als offenbare er ein schreckliches Geheimnis. "Magischer Feinstaub!"
"Was?" fragte der Gefreite immer noch fassungslos nach.
"Entsteht bei der unkontrollierten Verpuffung von hochenergetischer, magischer Hintergrundstrahlung. Ist praktisch überall um uns herum!" Mit weit ausholender Gestik unterstrich der Krüppel die Bedeutung des Gesagten und schüttelte dabei gleichzeitig in völliger Verzweiflung sein Haupt.
"Hören sie, Herr Nepomuk. Sie sollten überhaupt nicht hier sein", versuchte Dippwin den aufgebrachten Mann zu beruhigen. "Kreidefels hat sie inzwischen wie oft rausgeschmissen? Drei Mal?"
"Hab' bestimmt schon mehr von dem Zeug abgekriegt, als ein einzelner Mensch überleben kann", fuhr Nepomuk betrübt fort. In seiner Litanei tödlicher Erkrankungen nahm er den jungen Mann gar nicht mehr bewusst wahr.
"Bitte gehen sie, damit ich weiter... arbeiten kann", flehte Dippwin. Aus dem Augenwinkel sah er bereits den Kutscher zurückkommen. Offensichtlich hatte er seine Kisten in der Grube geleert und schlenderte nun mit einem anderen Arbeiter an seiner Seite zum Wagen zurück. Beide Männer waren in eine Unterhaltung vertieft und hatten daher bis jetzt weder den Gefreiten noch den jammernden Krüppel bemerkt.
Was sollte er tun? Gehetzt suchte Dippwin nach einem Ausweg, aber es blieb ihm kaum Zeit. Ohne lange darüber nachzudenken ließ er Nepomuk einfach stehen, schnappte sich eine der am Boden stehenden Kisten und machte sich mit gesenktem Kopf auf den Weg zur Grube XXIII.
Nur am Rande nahm er wahr, dass er fauliges Obst und Gemüse in dem hölzernen Kasten transportierte. Die Masse seiner Aufmerksamkeit wurde durch die beiden Männer beansprucht, die sich ihm unaufhaltsam näherten. Kurz bevor sie sich auf gleicher Höhe des Weges begegneten, drehte sich Dippwin mit dem Oberkörper von ihnen weg und begann leise zu husten.
Es schien zu funktionieren. Tatsächlich achteten die beiden nicht weiter auf ihn und er atmete etwas auf. Aber gleichzeitig lief ihm ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Der kurze Moment, in dem er dem Kutscher ins Gesicht hatte blicken können, reichte aus um ihn wiederzuerkennen. Es war der gleiche Mann, den er in der Kurvigen Allee gesehen hatte.
Dippwin plante unauffällig zur Senkgrube abzubiegen, um dem Lance-Korporal Bericht zu erstatten, als ihn unvermittelt eine raue Stimme aus Richtung der Grube XXIII anrief.
"Hey, du! Was hast du hier zu suchen?"
Der Schrecken fuhr dem Gefreiten erneut in die Glieder, obwohl er sich zugleich auch langsam an das Gefühl gewöhnte. Mit einer gewissen Frustration nahm er zur Kenntnis, dass es sich allmählich zu einer schlechten Angewohnheit entwickelte, ihm aufzulauern. Unsicher drehte er sich zu dem Fremden um, der misstrauisch auf ihn zukam.
"Meinen sie mich?" fragte er so unschuldig, wie es ihm unter den gegebenen Umständen möglich war.
Vor ihm ragte ein Hüne von Mann auf. Er mochte um die sieben Fuß groß sein, war gebaut wie ein Baum und starrte Dippwin unter schwulstigen Augenbrauen hervor argwöhnisch an. "Wen wohl sonst. Bist der Neue, hä?" verlangte er mit aggressivem Ton zu wissen, obwohl es weniger nach einer Frage, als nach einer Feststellung klang. Zwar handelte es sich bei ihm eindeutig um keinen Troll, aber die geistige Verwandtschaft zu Kreidefels stand dem Mann deutlich ins Gesicht geschrieben.
"Ich...äh, wollte nur... die Kiste...", stotterte Dippwin eingeschüchtert und zeigte erklärend das verfaulte Obst vor.
Skeptisch musterte der Hüne zunächst den Gefreiten, dann die Obstkiste, bevor sein prüfender Blick wieder zu Dippwin zurückkehrte. Schließlich verzog er das Gesicht zu einer verächtlichen Miene und rümpfte die Nase. "Kommst aus der Jauchegrube, was? Bist 'n Klasse C Hilfsarbeiter, oder?"
Dippwin stöhnte innerlich auf. Wie hatte er nur sein Äußeres vergessen können? Er wagte gar nicht an sich selbst herabzublicken. Aber es reichte auch völlig aus, seine Nase für einen Augenblick aus ihrer gnädigen Bewusstlosigkeit zu wecken, um zumindest einen vagen Eindruck von der bestialischen Duftwolke zu bekommen, die ihn umgab. Entschuldigend lächelte er seinen Gegenüber an und versuchte dabei gleichzeitig nach einer Fluchtmöglichkeit Ausschau zu halten.
"Du darfst gar nicht bei den Marktabfällen arbeiten. Dafür musst du dich erst jahrelang hocharbeiten, du kleiner Betrüger!" warf ihm der grobschlächtige Kerl vor.
Im Hintergrund konnte Dippwin erkennen, wie sich der Fahrer des Wagens 'Nr. 049' von seinem Kollegen verabschiedete und wieder auf den Kutschbock kletterte. Während der andere Arbeiter die restlichen Kisten zur Grube XXIII brachte, setzte sich das Fuhrwerk langsam wieder in Bewegung. Die Fracht, die Dippwin auf der Ladefläche gesehen hatte, war nicht mehr abgeladen worden.
"Es tut mir Leid, Sir. Das wusste ich alles nicht", versuchte er unterdessen die Situation mit dem Hünen zu retten.
"Willst uns wohl die gute Arbeit streitig machen, was?"
"Aber nein, Sir. Das liegt mir wirklich vollkommen fern. Bitte glauben sie mir", beschwor er den Mann, der plötzlich bedrohlich auf ihn zukam.
"Jungs, ich fürchte hier will einer Ärger!" rief der Hüne laut über seine Schulter und sofort richteten sich ein Dutzend Blicke auf den Gefreiten.
Fieberhaft überlegte Dippwin und suchte nach einem Ausweg. An eine solche Entwicklung hatte weder er noch der Lance-Korporal gedacht. Aus dem Augenwinkel sah er, wie der Wagen durch das offene Tor aus dem Hof rumpelte und hinter einer Kurve verschwand. Was sollte er nur tun? Die Situation mit dem Sieben-Fuß-Riesen war völlig außer Kontrolle geraten und kaum noch zu retten.
"Bitte, Sir", flehte er in einem letzten Versuch einen Streit zu vermeiden, als von der Seite erneut Nepomuk angehumpelt kam. Offensichtlich war er ihm die ganze Zeit über gefolgt, holte mit seiner Krücke aber nur langsam auf.
"Solltest dich nicht mit ihm schlagen, wenn dir dein Leben lieb ist", rief er Dippwin warnend zu.
"An mir liegt es ja nicht", antwortete der Gefreite verzweifelt, während der Hüne sich drohend mit einer Faust in die geöffnete Hand schlug.
"Hab mir durch 'nen Schlag auf die Brust einen gefährlichen Pneumothorax zugezogen und gehe langsam daran zu Grunde", klagte Nepomuk mit hängendem Kopf weiter. Dem Anschein nach hatte er seine Umgebung schon wieder ausgeblendet. "Jeden Tag bohrt sich die verdammte Rippe etwas weiter durch meine Lunge und irgendwann ersticke ich dann einfach." Vom Schicksal schwer gezeichnet, sah er sich um und schien zum ersten Mal den Riesen vor Dippwin zu bemerken.
"Kann jeden Moment soweit sein!" keifte er den Mann zornig an.
"Was?" Der Hüne war irritiert stehen geblieben und starrte den seltsamen Krüppel fragend an.
In diesem winzigen Moment der Ablenkung drehte sich Dippwin um und rannte los. Ohne noch einen Blick nach hinten zu werfen, stürmte er über den Hof zur Senkgrube hinüber. Trotzdem war er erst wenige Schritte weit gekommen, als er hörte, dass der Riese die Verfolgung aufgenommen hatte.
Bereits auf halbem Weg kam ihm der Lance-Korporal in voller Geschwindigkeit entgegen. Kreidefels war ihm dicht auf den Fersen und sah gar nicht glücklich aus. Scheinbar hatte ihr Vorarbeiter das kleine 'Missgeschick' nicht ganz so gut aufgenommen, wie sie es bei der Planung gehofft hatten.
"Wir müssen verschwinden!" brüllten sich die zwei Wächter fast gleichzeitig zu.
Kurz bevor sie sich auf der Mitte des Platzes trafen, schlugen beide einen Haken und rannten gemeinsam in Richtung des offen stehenden Tores.
"Was... willst du... mit dem Obstkorb?" presste Nichts beim Laufen zwischen den Zähnen hervor.
Erst jetzt bemerkte Dippwin, dass er die ganze Zeit über die verdammte Kiste festgehalten hatte. Konnte er damit vielleicht mehr über den Wagen oder seine Route erfahren?
"Ist... ein... Indiz... Sir", antwortete er außer Atem.
Nichts runzelte die Stirn. Die billige Holzkiste als Indiz?
"Blödsinn, Bendolch... Die gibt's... auf dem... Hier-gibt's-... alles-Platz... zuhauf!" Mit diesen Worten riss er dem Gefreiten im Laufen die Kiste aus den Händen und schleuderte sie ihren Verfolgern vor die Füße.
"Und jetzt... beeil dich!"
Die Füße der Wächter berührten kaum den Boden, als sie durch das offene Tor stürmten und in den Straßen Ankh-Morporks untertauchten. Und obwohl ihre Verfolger kurz hinter der Einfahrt zu Königs Grundstück stehen blieben, rannten Lance-Korporal Nichts und Gefreiter Bendolch noch fast den gesamten Weg bis zum Boucherie Rouge.

***


Das Scheitern auf dem Anwesen von Paul König nagte schwer an Dippwin. Immer wieder fragte er sich, was sie falsch gemacht hatten, kam dadurch aber keinen Schritt weiter. Ihr phänomenales Versagen bei den Ermittlungen wurde nur noch durch den unendlichen Spott übertroffen, dem sie seit ihrem Eintreffen in der Springstraße 21 ausgesetzt waren.
Innerhalb kürzester Zeit hatte sich der Vorfall in der gesamten Abteilung herumgesprochen. Da aber weder der Lance-Korporal noch er irgendwelche Details über ihre Nachforschungen berichtet hatten, beschränkten sich die Erzählungen und Gerüchte im Wesentlichen auf das... abenteuerliche Erscheinungsbild in dem die zwei Wächter im Boucherie Rouge erschienen waren. Ihre Patina aus Dung und Gülle hatte allen möglichen Spekulationen Tür und Tor geöffnet. Dippwin war nicht im Mindesten überrascht gewesen, als er am Abend eine Waschschüssel mitsamt Wurzelbürste und der dazugehörigen Familienpackung Seife auf seinem neuen Himmelbett vorgefunden hatte.
Die gesamte Nacht über fand er keine Ruhe und grübelte wie er die Untersuchungen fortsetzen sollte. Nichts war zu keiner weiteren Aktion bereit, - allein wer hätte es ihm verdenken können. So oder so hätte Dippwin aber auch mit der Hilfe des Lance-Korporals nicht gewusst, wo es anzusetzen galt.
In seiner Hilflosigkeit kehrten seine Gedanken schließlich zu den Ratschlägen und Warnungen von Picardo zurück. Es gab kein Schwarz und Weiß, nur das ewige Grau. Gut und Böse waren eine Illusion, nicht wirklich existent. Und natürlich das wichtigste Gebot von allen: Du darfst Niemandem vertrauen!
Dippwin musste unwillkürlich lächeln, obwohl er der Verzweiflung nahe war. Es waren große und wichtige Dinge gewesen, die der Fähnrich zu ihm gesagt hatte, aber in der jetzigen Situation halfen sie ihm kein Stück weiter.
Erst in den frühen Morgenstunden hatte er etwas Schlaf gefunden, der ihm aber auch keine echte Erholung bescherte. Von Träumen verfolgt und den ständigen Kopfschmerzen geplagt, wälzte er sich unruhig hin und her.
Als es schließlich kurz nach Sonnenaufgang an seiner Tür klopfte, fuhr er innerhalb von Sekunden aus dem Bett. Einen Moment lang kämpfte er um seine Orientierung, bevor er immer noch ziemlich benommen nachsehen konnte, wem es nach ihm verlangte.
Vor seinem Büro stand Lance-Korporal Drei Hungrige Mäuler, seine stellvertretende Abteilungsleiterin, die ihn zunächst skeptisch musterte und dann leicht abfällig den Kopf schüttelte. Dippwin war lediglich mit seinem fadenscheinigen, alten Nachthemd bekleidet, - und nur der Umstand, dass sie sich eigentlich in einem Etablissement der Näherinnen befanden, gestatte eine in diesem Zusammenhang notwendige und sehr tolerante Interpretation des Verbs 'bekleidet'.
"Zieh dich an, Dippwin Bendolch! Will haben einen Telmin", eröffnete ihm die junge Achatene. "Bei genauelel Betlachtung del Situation... walte ich wohl bessel unten auf dich." Mit einem leichten Schmunzeln machte sie auf dem Absatz kehrt und verschwand aus Dippwins Blickfeld, der noch immer überrumpelt und sprachlos in der Tür stand.
Etwa eine viertel Stunde später marschierten die beiden nebeneinander die Filigranstraße hinauf. Es war noch immer sehr früh am Morgen und die einzigen Menschen die ihnen begegneten, waren Händler, die mit ihren Karren zum Markt unterwegs waren.
"Ma'am, darf ich eine Frage stellen?"
"Abel sichel, Dippwin. Was willst du wissen?"
"Wohin gehen wir eigentlich?"
"Zul Gilde del Anwälte natüllich."
"Und warum so schrecklich früh, Ma'am?" hakte Dippwin nach.
"Das sind jetzt schon zwei Flagen, Gefleitel", bemerkte Drei Hungrige Mäuler spitz.
"Entschuldigung, Ma'am."
"Nein, schon gut", beschwichtigte sie ihn mit einem Lächeln. "Ich will es dil ja sagen. Del Glund ist: Nul del flühe Vogel fängt den Wulm!"
Einen Moment überlegte Dippwin, was der Lance-Korporal wohl meinte, aber der tiefere Sinn der achatenen Weisheit wollte sich ihm nicht erschließen.
"Ich glaube, ich verstehe nicht ganz, Ma'am." [3]
"Nun, wil wollen bei del Gilde etwas in Elfahlung blingen. Abel wie alle andelen Gilden auch, haben die Anwälte kein eigenes Intelesse dalan, die Wache bei ihlel Albeit zu untelstützen."
"Aber was hat das mit der Tageszeit zu tun?" fragte Dippwin weiter.
"Je flühel wil bei del Gilde eintleffen, desto wenigel Anwälte sind wach, die uns stölen könnten. Mit ein wenig Glück kliegen wil es nul mit dem Nachtpföltnel zu tun, del um diese Zeit abel schon völlig übelmüdet ist."
Als sie auf dem Platz vor dem Patrizierpalast ankamen, bogen sie in die Alchimistenstraße ab und passierten anschließend die Häuser der größten Gilden Ankh-Morporks. Sie näherten sich bereits ihrem Ziel.
"Aber was wollen sie denn dann eigentlich in der Gilde, wenn sie offenbar noch nicht einmal mit einem der Anwälte sprechen möchten, Ma'am?"
Wieder lächelte Drei Hungrige Mäuler ihm nachsichtig zu. Allmählich fühlte sich Dippwin wie der einzige Schüler in der Klasse, der die Hausaufgaben nicht gemacht hatte.
"Ich will gal nichts von den Anwälten, Dippwin. Abel du!"
"Wie bitte? Ich?"
"Ja, Gefleitel. Du hast ganz lichtig gehölt."
Obwohl ihm noch ein Dutzend weiterer Fragen durch den Kopf schossen, wagte er es nicht, auch nur eine weitere von ihnen zu stellen. Er musste dem Lance-Korporal bereits jetzt unsagbar dumm vorkommen und wollte den Eindruck nicht auch noch verstärken. Leider sprach sein Gesicht jedoch Bände.
Mitleidig sah Drei Hungrige Mäuler den Gefreiten an und beschloss gnädig, ihn nicht mehr länger im Unklaren zu lassen.
"Ich kenne deinen Auftlag, Dippwin. Als seine Stellveltletelin hat mil del Fähnlich alles dalübel elzählt. Außeldem habe ich auch von deinem gestligen Fiasko bei Paul König gehölt."
Verlegen kratzte sich der Gefreite am Kopf und vermied es seine Vorgesetzte direkt anzusehen. Über den Vorfall auf dem Müllplatz zu sprechen, war ihm sichtlich unangenehm.
"Weißt du, Dippwin", fuhr Drei Hungrige Mäuler fort, "ich glaube es ist an del Zeit, dass du auch ein paal Dinge übel die Gilden erfährst. Dinge, die du als Moloss wissen solltest und die dich bei deinen Aufgaben vielleicht weitelblingen."
"Und die wären?" fragte Dippwin mit neu gewecktem Interesse.
Inzwischen waren sie beim Gildenhaus der Anwälte angekommen und blieben vor dem schweren Portal stehen. Ohne zu zögern, griff Drei Hungrige Mäuler nach dem eisernen Türklopfer und ließ ihn mehrmals gegen die Tür fallen.
"Nun, zum Beispiel, dass die Gilde der Anwälte dazu velpflichtet ist, dass Stadtalchiv übel den gesamten Glundbesitz zu fühlen, aus dem helvolgeht, wem welches Gebäude in Ankh-Molpolk gehölt."
Entgeistert starrte Dippwin die junge Achatene mit offenem Mund an. Sollte es tatsächlich so einfach sein? "Und jeder hat das Recht, dieses... Archiv zu betreten? Jeder darf einfach so Nachforschungen anstellen?" wollte er etwas misstrauisch wissen.
Drei Hungrige Mäuler zuckte unschlüssig mit den Schultern. "Meistens machen die Lechtsveldlehel Schwieligkeiten und velangen schliftliche Antläge, Dokumente und ilgendwelche Bescheinigungen. Das alles ist sehl zeitlaubend. Abel deshalb sind will ja auch so flüh hiel."
In diesem Moment öffnete endlich jemand eine schmale Luke in der Tür und starrte zu den beiden Wächtern hinaus.
"Was wollt ihr?" verlangte eine unfreundliche Stimme zu erfahren.
"Stadtwache von Ankh-Molpolk! Wil vellangen Zutlitt zum Stadtalchiv", antwortete Drei Hungrige Mäuler mindestens ebenso abweisend und hielt dabei ihre Dienstmarke hoch.
Mit einem angestrengten Seufzer des Pförtners schloss sich die kleine Luke wieder und die Tür wurde geöffnet. Ihnen gegenüber stand ein Mann fortgeschrittenen Alters, der einen kläglichen und verbrauchten Eindruck auf sie machte. Offenbar verkraftete sein Körper weder die täglichen Nachtschichten noch den übermäßigen Alkoholkonsum, dem er während dieser Zeit ausgesetzt war. Aus verquollenen Augen musterte er die zwei Besucher, schüttelte dabei aber bereits abweisend den Kopf.
"Ist noch kein Anwalt da. Ihr müsst später wiederkommen", murmelte er und versuchte die Tür wieder zu schließen.
"Abel das macht doch nichts, gutel Hell", erwiderte Drei Hungrige Mäuler plötzlich ganz freundlich und drückte die Tür langsam wieder auf. "Wil wollen uns auch nul kulz einen Alchiveintlag ansehen und sind danach schon wiedel weg. Es liegt uns feln Unannehmlichkeiten zu beleiten."
"Geht aber nicht ohne ein Gildenmitglied. Ich habe strikte Anweisungen", wehrte sich der Mann, erweckte dabei jedoch nicht den Eindruck, mit ganzen Herzen an der Aufgabe zu hängen.
"Wil wollen wilklich keine Umstände machen und da wil genau wissen, wo wil nachschlagen müssen, ist es gal nicht nötig, einen Anwalt zu bemühen."
Der Blick von Drei Hungrige Mäuler fixierte den widerspenstigen Pförtner und vermittelte ihm eine eindeutige Botschaft, die im völligen Widerspruch zu den Worten stand, die er hörte: 'Wir bedeuten mehr Ärger als du bereit bist, auf dich zu nehmen und um mit Leuten wie uns klar zu kommen, bezahlt man dir zu wenig Geld. Lass uns gewähren und wir werden die besten Freunde. Andernfalls...'
Sichtlich beeindruckt beobachtete Dippwin den stillen Schlagabtausch zwischen den beiden Kontrahenten. Er glaubte nicht alle Details des subtilen Machtkampfs zu verstehen, machte sich aber eifrig gedankliche Notizen, um das Prinzip bei Gelegenheit mit Chi Petto zu üben... nun vielleicht würde er zunächst mit Emily anfangen.
Als Drei Hungrige Mäuler den unangenehmen Nachtportier Schritt für Schritt zurückdrängte, beeilte sich Dippwin direkt hinter ihr in die Eingangshalle der Anwaltsgilde zu schlüpfen. Kaum waren sie beide im Inneren des Gebäudes, schlug der Lance-Korporal mit einer schnellen Bewegung die Tür zu.
"Dauelt auch nicht lange, mein Bestel", richtete sie sich noch einmal charmant an den Pförtner und schenkte ihm dabei ein strahlendes Lächeln. "Sie leisten hiel helvollagende Albeit. Haben sie vielen Dank dafül."
Ohne hinzusehen, griff sie nach Dippwins Hand und zog ihn rasch in einen der Gänge, der aus der Halle hinausführte. Zügig liefen sie den Flur entlang und ließen den verstörten Pförtner alleine hinter sich zurück.
"Wil müssen uns beeilen. Velmutlich haben wil nicht mehl als fünf odel zehn Minuten."
"Wieso? Was passiert dann?" fragte Dippwin und stolperte seiner Vorgesetzten hinterher. Im Halbdunkel des Gangs kamen sie an mehreren geschlossenen Räumen vorbei, denen Drei Hungrige Mäuler jedoch keinerlie Beachtung schenkte. Zielsicher zog sie ihn weiter.
"Dann taucht el mit Velstälkung wiedel auf", antwortete sie schließlich, als sie in dem Durchgang zu einem kleinen Saal stehen blieben.
"Da wälen wil. Das ist das Stadtalchiv fül alle Flagen des Glundbesitzes."
Dippwin betrachtete staunend den edlen Raum, der von mehreren hohen Regalen beherrscht wurde, in denen Hunderte von Büchern und Pergamentrollen aufbewahrt wurden. Die einzigen anderen Einrichtungsgegenstände waren eine Leiter und ein alter Katheder in der Mitte des Saals, der offensichtlich dem Studium der einzelnen Folianten diente. Kleine Schilder an den Wänden gaben Hinweise auf die Abteilungen der einzelnen Stadtteile und Bezirke. Offenbar achteten die Rechtsanwälte peinlich genau darauf, ihre Dokumente in einer ordentlichen Systematik zu archivieren.
"Ähm... Dippwin?"
"Ja, Ma'am?"
"Du kannst meine Hand jetzt wiedel loslassen."
"Oh..." Errötend trat der Gefreite einen Schritt zur Seite und verschränkte nervös die Arme vor der Brust. Konzentriert richtete er seinen Blick auf eine erstaunlich langweilige Stelle des gekachelten Fußbodens.
"Also los, wie heißt die Stlaße in del dieses Anwesen steht, Dippwin?" fragte Drei Hungrige Mäuler nach einem Augenblick ungeduldig.
"Kurvige Allee, Ma'am. Nummer 36", antwortete der junge Mann, sichtlich erleichtert, den peinlichen Moment so schnell wie möglich hinter sich zu lassen.
"Das gehölt zum Vieltel del Tollen Schwesteln, lichtig?"
Dippwin nickte ihr zu und gemeinsam gingen sie zu der Abteilung mit der entsprechenden Beschriftung. In aller Eile zogen sie die einzelnen Bände aus dem Regal und suchten nach den Unterlagen mit der richtigen Straßenbezeichnung.
Erst nach einigen Minuten hielt Drei Hungrige Mäuler endlich das gesuchte Dokument in Händen. Es war ein altes, abgegriffenes Buch, auf dessen Deckel ein fleckiger Zettel mit der Aufschrift 'Hoher Schlag, Kurvige Allee, Mormiusstraße und Weilandgasse' klebte. Einzelne Blätter schienen nachträglich an verschiedenen Stellen eingeklebt worden zu sein und ragten an der Seite und oben weit über den Rand des Buchdeckels hinaus.
"Das ist es", sagte Drei Hungrige Mäuler und zeigte Dippwin den fraglichen Band. "Nimm es und such deine Adlesse helaus. Mach abel vol allem schnell!"
Nachdem sie Dippwin das Buch in die Hand gedrückt hatte, lief sie zum Eingang des Saals hinüber und spähte unruhig in den dunklen Korridor. Die Suche nach dem Buch hatte bereits einige ihrer kostbaren Minuten in Anspruch genommen. Lange würden sie nicht mehr ungestört bleiben.
Dippwin hatte den alten Band inzwischen auf dem Katheder abgelegt und schlug scheinbar willkürlich verschiedene Stellen des Buches auf. Jede einzelne Seite wies in tabellarischer Übersicht Adressen, Grundstücksgrenzen und Eigentümer auf. Dort wo ein Besitzer im Laufe der Zeit gewechselt hatte, war der alte Name ordentlich aber nach wie vor lesbar durchgestrichen und der neue in der nächsten Zeile vermerkt worden. Eine eigene Spalte war für Bemerkungen vorgesehen und wies häufig Notizen wie ein Verkaufsdatum oder Grundstückspreise auf.
Als er sich einigermaßen sicher war, das Prinzip der Auflistung verstanden zu haben, machte er sich auf die systematische Suche nach der 'Kurvige Allee - N o 36'. Er brauchte nicht besonders lange dafür. Auf einer der nachträglich eingeklebten Seiten fand er den gesuchten Eintrag und überflog die einzelnen Spalten. Offenbar hatte die alte Villa bereits sechs Mal den Eigentümer gewechselt. Zitternd fuhr er mit dem Finger über das billige Papier und suchte nach dem letzten Vermerk über den aktuellen Besitzer. Dort stand es!
"Ich habe ihn", rief er aufgeregt. "Es ist ein gewisser Sir Reginald. Haben sie von dem schon einmal gehört, Ma'am?"
Drei Hungrige Mäuler, die immer noch beim Durchgang zum Korridor stand, drehte sich einen Moment zu dem Gefreiten um. "Nie von ihm gehölt. Wel soll das sein?"
"Unter Bemerkungen steht er ist im Jahr des verschlagenen Rotkehlchens..." Plötzlich brach Dippwin ab und wurde bleich.
"Was ist los mit dil?" fragte Drei Hungrige Mäuler und trat neben Dippwin an den Katheder.
"Hier steht, dass er, - also der derzeitige Besitzer -, verstorben ist... vor über zwölf Jahren!"
Gemeinsam starrten die beiden Wächter ungläubig in das offene Buch. Aber so oft sie die Eintragungen auch überprüften, konnten sie sich doch keinen Reim darauf machen. Ratlos sahen sie sich an.
"Was geht hier vor?" fragte plötzlich eine schrille Stimme. Die Befürchtung des Lance-Korporals hatte sich bewahrheitet. Der Pförtner hatte sich Verstärkung geholt und stand jetzt mit einem jungen Mann, der die schwarze Robe der Anwaltsgilde trug, am Eingang des Archivs. Seiner Miene nach zu urteilen, war er nicht besonders erfreut über den morgendlichen Besuch der Wächter.
"Guten Molgen, Hell Anwalt. Ihl Pföltnel wal so nett uns einen Blick in das Alchiv welfen zu lassen", bemühte sich Drei Hungrige Mäuler die Situation zu erklären.
"Von wegen!" fuhr ihr der schmierige Portier aber sofort dazwischen. "Überwältigt haben sie mich und sich anschließend widerrechtlich Zutritt verschafft, jawohl!"
"Abel nein, weltel Hell. So dalf man das nicht sehen."
"Einen Moment, bitte", unterbrach der junge Anwalt den entstehenden Streit. "Wer sind sie beiden eigentlich?" Er machte einen etwas unsicheren Eindruck und sprach in einer besonderen Tonlage, die Dippwin hellhörig werden ließ.
"Wil gehölen zul Stadtwache von Ankh-Molpolk", erklärte Drei Hungrige Mäuler und holte zum zweiten Mal an diesem Tag ihre Dienstmarke hervor.
"Ah ja. Sehr schön", quittierte der Anwalt den Anblick ohne das kleine Blechabzeichen wirklich angesehen zu haben. "Aber so sehr ich ihnen auch helfen möchte, muss ich sie nun bitten, zu gehen."
"Vielleicht dülfen wil ihnen noch ein odel zwei Flagen stellen? Wäle das untel Umständen möglich?"
"Nein, ich fürchte leider nicht. Bitte, ich muss sie nachdrücklich auffordern, das Gildengelände zu verlassen!" Kleine Schweißperlen standen auf der Stirn des jungen Mannes und obwohl Dippwin zugeben musste, dass er sich gut unter Kontrolle hatte, waren die kleinen, subtilen Anzeichen doch eindeutig.
"Schon gut. Wil velschwinden ja schon", sagte Drei Hungrige Mäuler beschwichtigend. Enttäuscht drehte sie sich zu ihrem Kollegen um, warf ihm einen bedauernden Blick zu und bedeutete ihm mit einem Wink ihr zu folgen.
"Einen Moment noch, Ma'am", bat Dippwin seine Vorgesetzte und atmete tief durch.
Wenn er sich täuschte, würde er in wenigen Augenblicken in tiefen Schwierigkeiten stecken. Aber er war sich seiner Sache so sicher und brauchte außerdem die Information über den wirklichen Besitzer der alten Villa so dringend, dass er das Risiko einfach eingehen musste.
"Was treibst du hier für ein Spiel, Bursche?" herrschte er den jungen Mann autoritär an.
Sowohl der Anwalt als auch der Lance-Korporal zuckten bei seinen Worten zusammen.
"Du bist dir ja wohl im Klaren darüber", fuhr Dippwin unbeirrt fort, "dass du deine Kompetenzen bei Weitem überschreitest, oder?"
Drei Hungrige Mäuler wirbelte zu ihm herum und starrte ihn ungläubig an. "Was soll das, Dippwin? Du bist es, del uns in Schwieligkeiten blingt!" zischte sie ihm leise zu.
"Ma'am, bitte! Nur einen Moment noch. Ich habe fast zwanzig Jahre in einer Gilde gearbeitet und wurde stets auf diese Weise von Meistern niedergemacht. Ich kenne Typen wie ihn. Er wird nachgeben, ich verspreche es!" raunte er zurück ohne seinen Blick von dem Anwalt abzuwenden.
"Also?" forderte Dippwin noch einmal von dem jungen Mann, der sich inzwischen unter dem Blick des Wächters verzweifelt wand und nach einem Ausweg suchte.
"Ich... aber sie waren doch... über Gildengelände gegangen, Sir... ich musste doch...", stotterte er schließlich und schien mit jedem Satzteil etwas kleiner zu werden.
Drei Hungrige Mäuler beobachtete staunend die Veränderung des plötzlich kleinlauten Gildenrepräsentanten und konnte sich sein Verhalten einfach nicht erklären.
"Wir waren also auf dem Gelände der Gilde, sagst du. Aber das heißt ja...", überlegte Dippwin laut und sah sich nachdenklich in dem kleinen Saal um. "Das heißt, dass das Stadtarchiv gar kein Gildengelände ist, nicht wahr, Bursche?"
Bei der neuerlichen Bezeichnung 'Bursche' zuckte der Anwalt nochmals wie unter einem Peitschenhieb zusammen, brachte aber schließlich ein eingeschüchtertes Nicken zustande.
"Du kannst uns aus dem Archiv gar nicht rausschmeißen, oder? Ihr verwaltet diesen Saal nur, habt aber nicht das Hausrecht darüber", triumphierend blickte Dippwin auf den gebrochenen Anwalt herab, während Drei Hungrige Mäuler und der Pförtner sprachlos zusahen.
"Ich... entschuldigen sie, Sir... ich konnte ja nicht ahnen...", bemühte sich der junge Mann zu erklären, ohne wirklich einen vollständigen Satz über die Lippen zu bringen. Dann wandte er sich plötzlich ab, um aus dem Saal zu laufen. "Ich werde einem der Meister Bescheid geben. Wenn sie so lange warten wollen, Sir."
Das wollte Dippwin überhaupt nicht und beeilte sich daher den Anwalt aufzuhalten.
"Halt, Bursche!" rief er ihm hinterher. "Ich fürchte deine Hilfe ist für die Wache der Stadt Ankh-Morpork derzeit... ähm... unabkömmlich."
Wieder warf ihm Drei Hungrige Mäuler einen mahnenden Blick zu, aber Dippwin hatte diesen Weg nun einmal eingeschlagen und konnte jetzt nicht mehr plötzlich die Richtung ändern.
Er versuchte seine eigene Nervosität zu überspielen und zog hastig die 'Durchführungsbestimmungen zur Besonderen Wachvorschrift der Stadtwache von Ankh-Morpork' hervor und hielt sie dem verunsicherten Anwalt vor die Nase.
"Ich schätze wir werden dich auf Grundlage der 'Gesetze der Stadt Ankh-Morpork in der Fassung von 1457' und der daraus resultierenden Vorschriften für eine befristete Zeit zum... Hilfswächter ernennen müssen."
"Aber ich bin doch Mitglied der Gilde", versuchte der junge Mann schüchtern Einhalt zu gebieten. "Ich will doch gar kein Wächter werden."
"Nun", erwiderte Dippwin, "du kannst selbstverständlich Einspruch erheben, - das ist dein gutes Recht -, aber du weißt natürlich auch, dass dieser keine aufschiebende Wirkung hat."
"Nein?" Die Panik in der Stimme des Anwalts war jetzt nicht mehr zu überhören.
"Nein! Gemäß Paragraph 143, Absatz 2 ist binnen 14 Tagen über die Rechtmäßigkeit deiner Beschwerde zu entscheiden, Bis dahin allerdings..."
"... bin ich ein Wächter?"
"Bist du ein Wächter. Sehr richtig! Ich denke allerdings, auf eine Vereidigung kann einstweilen verzichtet werden. Wie sehen sie die Situation, Lance-Korporal? Können wir so verfahren?"
Wie hypnotisiert nickte Drei Hungrige Mäuler und starrte den wahnsinnigen Gefreiten an, der gerade im Begriff war, sie beide zum Gegenstand eines Disziplinarverfahrens zu machen.
"Also gut, Hilfsrekrut... wie ist dein Name, Bursche?"
"Rufus", antwortete der Gefragte zaghaft.
"Hilfsrekrut Rufus, dort auf dem Tisch findest du die Besitzurkunde über ein Grundstück in der Kurvigen Allee. Wir benötigen deine Expertise darüber, wer der derzeitige Besitzer ist, beziehungsweise warum in dem Dokument kein aktueller Eintrag darüber existiert. Fragen?"
Hilfsrekrut Rufus schüttelte unterwürfig den Kopf.
"Dann also, - wie befohlen wegtreten. Marsch, marsch!"
Eifrig machte sich der soeben in Dienst genommene Wächter über das alte Buch her, während der Pförtner mit offenem Mund und noch immer keines Wortes fähig im Eingang des Saals stand. Zum ersten Mal seit der unerwünschten Störung konnten die beiden Wächter leise miteinander sprechen.
"Was ist in dich gefahlen, Gefleiter Bendolch? Womit habe ich das nul veldient?" verlangte Drei Hungrige Mäuler aufgebracht zu wissen.
"Ma'am, ich bitte um Verzeihung. Aber ich war mir ganz sicher..."
"Blödsinn!" unterbrach sie Dippwin. "Wohel wolltest du wissen, wie el leagielt?"
"Er ist nur ein Lehrling, Ma'am. Vermutlich im zweiten oder dritten Lehrjahr. Er kennt die Gilde bereits gut genug, um hier den Frühdienst zu machen, hat aber noch keine Ahnung von den komplizierten Vorgängen die das System am Leben erhalten. Er konnte gar nicht anders reagieren."
"Tatsächlich? Und wel hat dil das vellaten?"
"Sein ganzes Verhalten, Ma'am. Ich bin unter den gleichen Bedingungen aufgewachsen. Jeder Lehrling, - egal welcher Gilde -, ist darauf konditioniert, lauten und autoritären Stimmen ungefragt zu gehorchen."
Drei Hungrige Mäuler beruhigte sich etwas, war aber noch immer nicht besonders glücklich über die unkonventionelle Vorgehensweise des Gefreiten.
"Und ihn dann noch zum Wächtel elnennen. Du hast eindeutig deine Befugnisse übeltleten, Bendolch!"
"Aber Ma'am, - zum Hilfsrekruten haben sie ihn doch ernannt", erwiderte Dippwin und lächelte seine Vorgesetzte unschuldig an.
"Wie bitte?" In den Augen des des Lance-Korporals zeigte sich ein gefährliches Funkeln.
"Nun ich fragte: 'Können wir so verfahren, Ma'am?' und sie haben zur Antwort genickt und..." Dippwin wurde immer leiser und verstummte unter dem strengen Blick seiner Vorgesetzten schließlich ganz.
"Dalübel leden wil noch, Gefleiter Bendolch!"
In diesem Moment kam Rufus der Hilfsrekrrut mit dem Buch in seinen Händen zu ihnen herüber.
"Ich glaube ich habe die Antwort, Sir."
"Und wem gehört das Gebäude?" fragte Dippwin ungeduldig.
"Niemandem, Sir. Ich meine... nun ja, eigentlich der Stadt, Sir."
"Was?"
"Nun, wenn der Besitzer eines Grundstücks keine Erben hinterlässt, dann fällt der Besitz zurück an den König... ähm... die Stadt. Oder vielleicht an das Volk?"
"Du bist tatsächlich nur ein Lehrling, nicht wahr?" mutmaßte Dippwin ohne Hoffnung eines Besseren belehrt zu werden.
"Drittes Lehrjahr, Sir", antwortete Rufus stolz und ergänzte dann etwas weniger euphorisch: "... zum zweiten Mal, Sir."
Drei Hungrige Mäuler und Dippwin unterdrückten einen Seufzer und blickten fassungslos auf den unglücklichen Hilfsrekruten herab.
"Was geht hier vor?" ertönte in diesem Augenblick eine besonnene Stimme aus Richtung des Korridors.
Einem Deja-vu gleich blickten sie zum Eingang, wo plötzlich ein älterer Herr erschienen war und die Anwesenden kritisch musterte.
Innerhalb von Sekunden verlor Dippwins Gesicht jegliche Farbe. Er kannte die magere Statur des Neuankömmlings, genauso wie seine unauffällig blasse Erscheinung und wusste, dass sich das Kräftegleichgewicht im Raum gerade deutlich zugunsten der Juristen verschoben hatte.
Unsicher trat der Gefreite einen Schritt nach vorn und bemühte sich, die Anwesenden miteinander bekannt zu machen.
"Ma'am, wenn ich ihnen Herrn Schnittgut von der Anwaltsgilde vorstellen darf? Herr Schnittgut, dies ist Lance-Korporal Drei Hungrige Mäuler von der Stadtwache."
"Sehr erfreut, meine Dame, - ja wirklich", reagierte der Anwalt automatisch und ohne jede Emotion.
Unauffällig beugte sich Drei Hungrige Mäuler zu Dippwin, während Schnittgut langsam auf sie zukam.
"Bin ich auch elfleut, Bendolch?" fragte sie leise.
"Ich fürchte nicht, Ma'am."
"Oh."
Mit zusammengekniffenen Augen blieb Schnittgut vor dem Gefreiten stehen und schien einen Moment zu überlegen. "Wir sind uns schon einmal begegnet, nicht wahr junger Mann?"
Etwas verlegen nickte Dippwin.
"Ja, ich erinnere mich... der Fall Klerington, - ja natürlich", überlegte der Anwalt laut. "Aber was bringt sie nun an diesem... nun ja, frühen Morgen zu uns, wenn ich fragen darf?"
Plötzlich drängte sich Rufus in den Vordergrund, das alte Buch schützend vor seine Brust gepresst. "Herr, wir ermitteln in der Besitzfrage eines Grundstücks im Viertel..."
"Tatsächlich?" unterbrach ihn Schnittgut. "Und warum tun 'wir' das, Junge?"
"Herr, es ist so... also... ich wurde durch die Wache für eine befristete Zeit... verpflichtet? Glaube ich..." stammelte der Hilfsrekrut, der mit jedem Wort mehr an seiner eigenen Person zu zweifeln schien.
"Rufus?"
"Ja, Herr?"
"Sei so gut und räum das Buch auf, ja?" In Schnittguts Bitte verbarg sich nicht der leiseste Unterton eine Drohung, aber dennoch...
Manchmal ist die Ruhe vor dem Sturm beängstigender als der Sturm selbst.
Rufus zitterte am ganzen Körper und beeilte sich zum Regal zu laufen.
"Nun zu ihnen Herr...", wandte sich der Anwalt wieder an Dippwin.
"Bendolch, Sir."
"Ah ja, natürlich. Herr Bendolch, wie kommt es, dass sie sich ohne einen vorherigen Antrag in unserem Archiv aufhalten?"
"Das Archiv der Stadt, Sir?"
Schnittgut verdrehte kurz die Augen, ließ sich aber nicht weiter aus der Ruhe bringen. "Das Archiv der Stadt, - ja wirklich. Die Gilde hat jedoch den Auftrag zur Pflege und Administration. Sie verstehen sicherlich, dass wir daher nicht jedermann ohne eine gewisse... Kontrolle ein und aus gehen lassen können, nicht wahr? Sie kennen bestimmt das Gesetz über..."
Aber Dippwin hörte schon nicht mehr richtig zu. Der juristische Monolog des Anwalts verstärkte seine Kopfschmerzen wieder und abgesehen davon, wusste er ohnehin was kommen würde. Egal wie Drei Hungrige Mäuler und er sich drehten und wendeten, - Schnittgut würde immer noch einen weiteren Paragraphen, einen noch älteren Präzedenzfall zitieren, der ihnen weitere Ermittlungen untersagte. [4]
In der Zwischenzeit hatte sich Lance-Korporal Drei Hungrige Mäuler, unbemerkt von den zwei diskutierenden Männern, nach einem kleinen Zettel gebückt, der aus dem zerschlissenen Grundbesitzbuch gefallen war, als sich Rufus voller Panik von seinem Herrn abgewandt hatte.
Zunächst wollte sie ihn dem bedauernswerten Lehrling wiedergeben, aber nachdem sie einen kurzen Blick darauf geworfen hatte, sah sie sich kurz um und ließ ihn unauffällig in einer ihrer Taschen verschwinden. Es war Zeit, zu verschwinden.
"... besagt auch die ergänzende Verwaltungsbestimmung von 1638, dass ein unautorisierter Besuch als Straftatbestand des Hausfriedensbruchs zu werten ist", beendete Schnittgut gerade seinen Exkurs über die jüngere Rechtsgeschichte, als sich Drei Hungrige Mäuler zwischen die beiden Männer schob.
"Ja, Sil. Das haben wil soweit velstanden", erklärte sie demütig. "Es tut uns sehr Leid, ihnen Unannehmlichkeiten beleitet zu haben. Wenn sie uns dann entschuldigen wollen."
"Aber, Ma'am", begehrte Dippwin noch einmal verzweifelt auf.
"Wil gehen, Bendolch!"
Noch bevor die anwesenden Anwälte oder der Pförtner reagieren konnten, zog Drei Hungrige Mäuler einmal mehr ihren Gefreiten an der Hand hinter sich her. Diesmal jedoch in entgegen gesetzter Richtung.
Als sie das dunkle Haus der Gilde verließen, atmeten beide erleichtert auf. Zumindest waren sie mit heiler Haut davongekommen.
"Das wal knapp", sagte Drei Hungrige Mäuler.
"Oh ja", bestätigte Dippwin.
"Ja", antwortete auch Rufus.
Überrascht starrten die zwei Wächter den Anwaltslehrling an, der ihnen gefolgt war.
"Was machst du denn hiel?"
"Aber ich bin doch jetzt Wächter, oder nicht?" fragte Rufus irritiert.
"Es heißt: ...oder nicht, Ma'am!" verbesserte Dippwin automatisch.
"Entschuldigung."
Dippwin räusperte sich lautstark.
"Ich meine: Entschuldigung, Ma'am. Aber ich habe doch meine Beschwerde noch nicht geschrieben und weil sie doch sagten, dass sie ohnehin keine aufschiebende Wirkung hätte..."
"Lufus", unterbrach ihn Drei Hungrige Mäuler, "ich glaube in deinem Fall können wil eine Ausnahme machen. Velmutlich wüldest du sonst... wichtige Untellichte deinel Gilde velpassen, odel?"
"Wirklich...äh, Ma'am?"
"Ja, velschwinde schon!"
"Danke, Ma'am." Rufus verneigte sich brav vor dem Lance-Korporal und verschwand, so schnell es ihm möglich war, wieder in dem Gildengebäude.
Einen Moment lang sahen sich die zwei Wächter schweigend an, dann drehte sich Drei Hungrige Mäuler um und ging langsam zurück in Richtung Boucherie. Dippwin beeilte sich ihr zu folgen.
Nach ein paar Minuten reichte Drei Hungrige Mäuler dem Gefreiten den Zettel, den sie im Stadtarchiv gefunden hatte.
"Hiel."
"Was ist das, Ma'am?"
"Sieh es dil an."
Auf dem Papier war in sauberer Handschrift notiert, dass das Grundstück in der Kurvigen Allee N o 36 durch die Anwaltsgilde unentgeltlich einer gewissen Lady Cicely zur gewerblichen Nutzung überlassen wurde. Das Datum auf der Urkunde war mehr als zwei Jahre alt und die Unterschrift des Gildenvertreters unleserlich. Was hatte das zu bedeuten? Die Gilde der Anwälte tat doch nichts ohne Bezahlung, oder? Abgesehen davon hatte das Grundstück doch auch nie der Gilde gehört. Wie konnten sie es also irgendeiner dritten Person überlassen? Und wer war Lady Cicely?
"Wo kommt das her, Ma'am?" fragte Dippwin.
"Es muss in dem Buch zwischen den Seiten gelegen haben. Als Lufus es vom Pult gelissen hat, ist es wohl helaus gefallen."
"Aber... was hat es zu bedeuten?"
"Das helauszufinden, mein liebel Gefleitel, ist deine Aufgabe!" Verständnisvoll lächelte sie ihn an.
Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her, während Dippwin bereits tief in neuen Überlegungen versunken war. Schließlich wandte er sich erneut an seine Vorgesetzte.
"Wie soll ich jetzt weitermachen? Ich meine... der Name alleine bringt mir doch gar nichts, oder?"
Drei Hungrige Mäuler zuckte leicht mit den Schultern. "Das wild sich zeigen, Dippwin. Übe dich in Geduld, obselviele das Haus und walte auf deine Chance. Nutz alle Quellen die sich dil bieten, um etwas übel diesen Namen, - Lady Cicely -, in Elfahlung zu blingen. Bleibe an del Sache mit dem seltsamen Müllwagen dlan, auch wenn du einen Fehlschlag ellitten hast. Abel vol allem Dingen..."
An einer Ecke der Filigranstraße blieb sie stehen und zwang Dippwin, ihr in die Augen zu sehen. "... übe dich in Geduld!"

***


"Besteht Grund zur Beunruhigung?"
Nachdenkliche Blicke wurden gewechselt.
Schließlich räusperte sich einer der Jüngeren dezent und wandte sich an den Kreis der Versammelten. "Es sind... Dinge vorgefallen, die meinen Herrn tatsächlich verunsichern."
"Dazu besteht kein Grund!" erwiderte ein anderer. "Die Quelle der Unruhen wurde bereits ausgemacht. Es handelt sich nur um einen einzelnen und reichlich unerfahrenen Störenfried."
"Aber er hat... Details erfahren, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren."
"Man wird sich darum kümmern!" versicherte eine leise Stimme.
Stille senkte sich über den Raum.
Unausgesprochene Fragen hingen in der Luft. Jeder der Anwesenden war darum bemüht, nicht allzu deutlich werden zu müssen. Die eigenen Interessen mussten geschützt werden.
"Ich meine ja nur, dass durch die Vorfälle in der..."
"Man wird sich darum kümmern", unterbrach die leise Stimme den unbedachten Vorredner mit Nachdruck.
Die einzige Dame im Raum erhob sich langsam und betrachtete nacheinander jeden Einzelnen in der kleinen Runde. "Meine Herren, sie kennen meine Grundsätze. Ich glaube nicht, dass mehr zu sagen notwendig wäre. Ich danke ihnen für ihre Zeit."
Bevor sie den Raum verließ, bedachte sie den stillen Redner mit einem besonderen Blick. Einige Sekunden vergingen, bevor ihr Gegenüber mit einem leichten Nicken andeutete, dass er verstanden hatte.

***


Beinahe zärtlich strichen seine Finger über das polierte Holz der Armbrust. Die schwere Waffe lag dabei sicher in seiner Armbeuge und gab ihm ein beruhigendes Gefühl.
Einem Ritual gleich überprüfte er zum wiederholten Mal die einwandfreie Funktionsfähigkeit des Präzisionsinstruments. Die Sehne war gespannt und in dem stählernen Bogen genug Energie gespeichert, um selbst einen zehn Zoll starken Baum zu durchschlagen. Ein Bolzen aus härtester Esche war eingelegt. Die eiserne Spitze des Geschosses glänzte tödlich im Licht der aufgehenden Sonne. Mit geübten Handgriffen korrigierte er noch einmal die Visiereinstellung, so dass sie für ein Ziel in höchstens zehn Schritt Entfernung justiert war. Die atemberaubende Perfektion der Waffe entlockte ihm ein stilles Lächeln.
Schließlich hörte er die leisen Schritte, die sich hinter der Tür näherten. In einer fließenden Bewegung brachte er die Armbrust in Anschlag und legte den Sicherungshebel um. Seine Wange schmiegte sich an den Schaft der Waffe und zielte über Kimme und Korn direkt auf den kleinen Spalt der leicht geöffneten Tür. Wie in Zeitlupe suchte die Kuppe seines Zeigefingers den Abzug, legte sich um den kleinen Hebel und erhöhte langsam den Druck, bis er ein leises Klicken hörte. Gleich...
Die Tür schwang auf und gab den Blick auf den Gefreiten Bendolch frei, der müde auf der Schwelle stehen geblieben war und sich am Türrahmen festhielt. Sein blasses Gesicht wirkte unter der dunklen Kapuze seines Umhangs unnatürlich fahl und zeigte deutliche Anzeichen von Übermüdung. Suchend blickte er sich um, bis sein Blick schließlich dem Mann mit der Armbrust begegnete.
"Morgen, Herr Leutnant", begrüßte er ihn emotionslos und trat hinaus auf die Dachterrasse des Boucherie Rouge.
Enttäuscht ließ Leutnant Mückensturm die Waffe sinken und sah den Gefreiten vorwurfsvoll an. "Eine etwas dynamischere Reaktion hätte ich mir schon gewünscht, Bendolch! Gestern hast du noch deutlich mehr Elan gezeigt. So wird jedenfalls kein Wächter aus dir."
Unter leisem Murren und dem Klappern verschiedener Werkzeuge kletterte eine Gestalt aus dem komplexen Mechanismus der 'Tauben-Kommunikations-Anlage' hinter ihnen. Nach einigen Augenblicken richtete sich ein strahlender Bruder Laudes mit schmutzigem Gesicht und einem Putzlumpen in der Hand auf.
"Hallo, Dippwin. Seramis sei mit dir!" rief er fröhlich zu seinem Kameraden hinüber. "Ist dies nicht ein herrlicher Morgen?" Laudes hatte bereits eine Ode an den Sonnengott auf den Lippen, als er plötzlich Dippwins Gesichtsausdruck bemerkte.
"Oh..." Mitleidig betrachtete er den jungen Mann. "Wieder die Kopfschmerzen?" fragte er voller Anteilnahme.
Dippwin versuchte gleichzeitig zu nicken und seinen Kopf nicht zu bewegen. Das Ergebnis war eine schmerzverzerrte Grimasse, die Laudes als Antwort vollkommen ausreichte.
"Irgendwelche Wehwehchen werden ihn auch nicht retten, wenn jemand in den Schatten eine Waffe auf ihn richtet!" ereiferte sich Mückensturm eingeschnappt. "Da wird er sich schon etwas Besseres einfallen lassen müssen."
"Natürlich, Sir", erwiderte Laudes. "Aber zumindest ist er ja in den vergangenen drei Tagen jedes Mal panisch zur Seite gehechtet, wenn sie ihm aufgelauert haben. Und obwohl er hinter dem Taubenschlag Deckung gesucht hat, wussten sie stets nur triumphierend zu verkünden, dass sie ihn trotzdem erwischt hätten, wenn ihnen danach gewesen wäre. Was sollte er also tun?"
Der Leutnant warf dem Priester einen strafenden Blick zu. "Ist die TK-Anlage etwa schon gereinigt, dass du hier herumstehen und über anderer Leute Sorgen philosophieren kannst, Spitzschuh?"
Kleinlaut schüttelte Laudes den Kopf und begann geschäftig, die seltsam anmutende Maschine zu wienern. Trotzdem war es ihm noch immer ein Rätsel, warum man ausgerechnet ihm diese unattraktive Aufgabe zugewiesen hatte. Als klerikaler Angestellter sollte er sich eigentlich um ganz andere Dinge kümmern.
Dippwin war inzwischen an die Brüstung der kleinen Terrasse getreten und blickte über die Dächer der Stadt zu den verschiedenen Semaphorentürmen, die von hier aus zu erkennen waren.
"Haben sie irgendwelche Nachrichten für mich, Herr Leutnant?" fragte er müde und ohne echte Hoffnung in der Stimme.
"Nein, Bendolch. Immer noch nichts. Und so ungern ich es auch zu einem Rekruten sage, - aber du gehörst ins Bett."
"Wir sind aber schon Gefreite, Sir. Gerade befördert", warf Laudes stolz ein und verdrehte die Augen um den kleinen Winkel auf seiner Schulter zu sehen.
"Ich kann mich daran erinnern, dir einen Auftrag gegeben zu haben, Spitzschuh!"
"Tut mir Leid, Sir. Kommt nicht wieder vor, Sir."
Laudes widmete sich wieder seinen Wartungsaufgaben und nachdem sich Mückensturm einigermaßen sicher war, dass er die Arbeiten auch gewissenhaft verrichtete, wandte er sich erneut an Bendolch.
"Wie viele Nächte observierst du jetzt schon diese Villa?"
"Vier, Sir", antwortete der Gefreite ohne sich von dem Anblick der Stadt abzuwenden.
"Und wie lange willst du damit noch weitermachen?"
"Solange es sein muss?" überlegte Dippwin laut und zuckte anschließend mit den Schultern. "Ich weiß es nicht, Sir."
Für ein paar Minuten kehrte Ruhe auf dem Dach ein, in denen der Leutnant den müden Wächter musterte, der reglos am Rand der Terrasse ausharrte.
"Du musst hier nicht herumstehen. Das weißt du, oder?" hakte Mückensturm schließlich nach. "Picardo hat deinem Antrag auf häufigere Patrouillen in der Kurvigen Allee zugestimmt und ihn an SEALS weitergeleitet. Sobald wir etwas von einer der Streifen hören, - sei es durch eine Taube oder über die Semaphorentürme -, wird dir Laudes sofort Bescheid geben. Stimmt's, Spitzschuh?"
"Jawohl, Sir. Sofort Bescheid geben, - so wahr mir Seramis helfe!" erwiderte der Prister schlagartig ohne dabei seine Arbeit zu unterbrechen. An einigen Stellen begann das sonst stumpfe Holz der TK-Anlage bereits zu glänzen.
"Warum legst du dich nicht ein paar Stunden hin, Bendolch? Dein Büro mitsamt... Himmelbett ist nur zwei Türen entfernt."
Dippwin drehte sich zu dem Leutnant um und zog langsam die Kapuze von seinem Kopf. "Vielleicht haben sie Recht, Sir", antwortete er nach einer Weile. "Nur noch ein paar Minuten, falls gerade eine Nachricht von der nächsten Streife auf dem Weg ist."
"Ja sicher, Bendolch. Irgendwie sagst du das jeden Tag, weißt du? ", erwiderte Mückensturm zynisch, nahm nebenbei den Bolzen von seiner Armbrust und betätigte anschließend den Abzug der schweren Waffe. Mit einem peitschenden Geräusch entspannte sich die Sehne.
Gleichgültig wandte sich Dippwin ab und blickte wieder zu einer der kleineren Semaphorenstationen, von der er vermutete, dass sie die aus der Kurvigen Allee kommenden Nachrichten weiterleiten müsste. Aber so lange er den kleinen Turm auch beobachtete, konnte er keine Regung der winzigen Signalgeber erkennen.
"Auf welche Weise funktioniert diese ganze Übermittlung und Verschlüsselung unserer Nachrichten überhaupt?" fragte er schließlich niemanden im Besonderen und sprach damit jenen Gedanken aus, den er seit dem ersten Anblick der zahllosen, aus dem Meer der Dächer herausragenden Semaphoren hatte.
Mit einem resignierten Seufzen lehnte Mückensturm die Armbrust gegen das Geländer der Dachterrasse und ließ sich auf einem Hocker nieder, der neben der 'Tauben-Kommunikations-Anlage' stand. "Also gut, Bendolch. Wenn du schon deine Tage hier oben auf dem Dach mit uns verbringen willst, können wir dir auch etwas beibringen. Spitzschuh, sei doch so gut und erkläre unserem unwissenden Freund hier die hohe Kunst der strukturierten Meldung unter Zuhilfenahme einer Zweifachverschlüsselung gemäß dem Handbuch "Codierung von strukturierten und / oder frei formulierten Texten mittels Simplex- / Duplexverfahren und variablen Schlüssellisten für die dienstliche Berichterstattung der Geheimhaltungsstufen Offen oder Vertraulich" und beginne dabei mit dem Aufbau der Sender- und Adressatzeile im unverschlüsselten Meldekopf."
Der Leutnant konnte sich ein boshaftes Lächeln nicht verkneifen, als ihn Dippwin sprachlos und mit offenem Mund anstarrte. Der Anblick entschädigte ihn für vieles, konnte jedoch nicht die Enttäuschung wettmachen, welche seit der mangelnden Reaktion des Gefreiten auf die Bedrohung durch seine todbringende Armbrust an ihm nagte. Aber es war immerhin ein Anfang.
Seine aufkeimende Freude wurde jedoch schnell wieder gedämpft, als er bemerkte, dass Bruder Laudes nicht minder verwirrt schien und ihn ebenfalls nur mit ratloser Miene musterte.
Ein weiteres Seufzen entrang sich seiner Kehle und er gab sich geschlagen. "Na gut, Spitzschuh. Fang einfach mit den Signalen an, die wir für das Alphabet nutzen. Wollen mal sehen, was bei dir bis jetzt hängen geblieben ist."
Laudes atmete erleichtert auf und begann sein in den letzten Tagen erlerntes Wissen in epischer Breite vorzutragen. Er trug zum Thema der einzelnen Buchstaben vor und ging dann zu den Sonder- und Satzzeichen über. Er erklärte Dippwin die Nutzung handlicher Übersichtstafeln, das Protokollieren von Meldungen und vergaß auch nicht, bei unterschiedlichen Gelegenheiten auf die Vorzüge günstiger Witterungsverhältnisse für eine gleichbleibend hohe Übertragungsqualität hinzuweisen. Natürlich würde sich ein gelegentliches Gebet an den Gott der kurzzeitig bewölkten aber größtenteils sonnigen Sommertage nicht nachteilig auf letztere auswirken, - ein Hoch auf Seramis.
Nachdem der Priester Dippwin alle Grundlagen einer unverschlüsselten Textmeldung ausführlich vorgebetet hatte, suchte er nach einem Semaphorenturm in der Nähe der Boucherie, um seinen Kameraden ein wenig in der Praxis üben zu lassen.
"Dort", sagte Laudes und deutete auf eine Station in nur hundert Schritt Entfernung, die gerade mit dem Senden einer Nachricht begann. "Versuch die Signalfolge für den Empfänger mitzuschreiben und möge Seramis unsere Sicht für einen Moment gütigst nicht mit einer Wolke beeinträchtigen."
Dippwin beeilte sich, die in schneller Folge aufblitzenden Zeichen zu notieren, kam aber schon nach den ersten zwei oder drei Buchstabengruppen nicht mehr nach.
Fast gleichzeitig stand jedoch Mückensturm von seinem Hocker auf und trat an die Brüstung. Er benötigte keine Mitschrift der Meldung mehr. Für ihn waren die verschiedenen Signale nach Jahren der Arbeit in der Wache genauso leicht zu verstehen wie gesprochene Worte und was dort übermittelt wurde, war ganz eindeutig eine Nachricht an die 'Dienststelle zur Observierung von Gildenangelegenheiten'. Einen Moment verengten sich die Augen des Leutnants, als nach dem Adressaten der eigentliche Inhalt der Meldung übermittelt wurde. Der Sender nutzte eine einfache Standardverschlüsselung und Mückensturm brauchte ein paar Sekunden, um sich auf die entsprechende Codierung einzustellen.
Als die Übermittlung endete, richtete sich der Leutnant ernst an Dippwin. "Wer hätte das gedacht. Du kriegst also tatsächlich noch deine Nachricht aus der Kurvigen Allee!"

***


Picardo, der Abteilungsleiter der DOG, saß hinter seinem ausladenden Schreibtisch und griff gelangweilt nach einer weiteren dünnen Mappe. Ein Blick auf die Beschriftung zeigte ihm, dass sie vom Kommandeur war. Vor ihm türmten sich noch immer mehrere Aktenstapel unterschiedlicher Höhe und machten sich einen Spaß daraus, ihm das Leben zu erschweren. Der Fähnrich war sich sicher, dass sie ihn verhöhnten und warf den Bergen daher hin und wieder einen misstrauischen Blick zu.
Lustlos öffnete er das Schreiben von Ohnedurst und tätschelte gedankenverloren Crunkers, der seinen Kopf auf Picardos Schoss gelegt hatte und um Aufmerksamkeit winselte. In der Mappe fand der Fähnrich einen Brief von Paul König, der direkt an den Kommandeur adressiert war. Neugierig und voller Argwohn runzelte er die Stirn und überflog den Inhalt der wenigen Zeilen. Es war eine Beschwerde, verbunden mit der Aufforderung, die Kosten für eine beschädigte Holztrage über 45 Cent zu übernehmen.
Picardos Laune verbesserte sich sichtlich. Die Mitteilung des Müllbarons besaß einen Unterhaltungswert ganz eigener Art für ihn. König stellte die Vermutung auf, sein Unternehmen werde durch verdeckte Ermittler überwacht, was aus seiner Sicht nicht nur eine Unverschämtheit, sondern auch augenblicklich zu unterlassen sei. Des weiteren behauptete er, dass bei der Vertreibung der 'Spürhunde' - Picardo fühlte sich bei diesem Begriff sehr geschmeichelt - eine Obstkiste zerstört worden war und wenngleich er auch gewillt sein mochte, auf die Erstattung des verunfallten Fruchtguts zu verzichten, so läge ihm die Holztrage doch sehr am Herzen. Vorausgesetzt die Wache erhöbe keinen Einspruch, beabsichtige er, den entstandenen Verlust gemeinsam mit der nächsten Leerung der wacheigenen Aborte in Rechnung zu stellen.
Der Kommandeur hatte den Brief lediglich mit einem roten Fragezeichen versehen und an die DOG weitergeleitet. Ein deutliches Zeichen dafür, dass er derzeit kein echtes Interesse an den unbedeutenden Querelen von Picardos Abteilung hatte. Der Fähnrich lächelte ob dieser Erkenntnis, bedeutete es doch, dass er mit seinem kleinen Spiel ungestört fortfahren konnte.
Gleichzeitig fragte er sich, wer Paul König beim Verfassen der Beschwerde geholfen haben mochte. Soweit er wusste, konnte der Müllbaron weder Schreiben noch Lesen. Er stammte aus einfachsten Verhältnissen und war darüber hinaus sicherlich nicht einer solch geschwollenen Ausdrucksweise mächtig, wie sie in dem Schreiben verwandt wurde. König war vielleicht ein ausgefuchster Geschäftsmann, aber er kam auch aus der Gosse und war zu einem guten Teil stolz darauf. Er hätte nie einen Brief diesen Stils verfasst. Picardo hatte jedoch bereits eine Idee...
Es klopfte an der Tür und nach einem kurzen Moment betrat Lance-Korporal Drei Hungrige Mäuler unaufgefordert das 'Drunter und Drüber' und salutierte zackig vor ihrem Chef.
"Sil, ich habe eine Nachlicht von del Anwaltsgilde fül dich", erklärte sie steif und legte dem Fähnrich einen dicht beschriebenen Pergamentbogen vor.
"Warum so förmlich, Drei?" fragte Picardo irritiert und griff dabei nach dem einzelnen Blatt.
"Sieh selbst, Sil", erwiderte der Lance-Korporal unbehaglich und deutete auf die Nachricht.
Zum zweiten Mal an diesem Tag hielt der Abteilungsleiter eine schriftliche Rüge in Händen und musste unwillkürlich schmunzeln. In der verklausulierten Sprache der Juristen warf man der Wache das rechtswidrige Eindringen in den Hoheitsbereich der beschwerdeführenden Gilde, Missbrauch der Amtsgewalt, unautorisiertes Entwenden öffentlichen Eigentums und eine Reihe weiterer Straftaten vor. Besondere Beachtung verdiente der Vorwurf des unprovozierten Übervorteilens eines Schutzbefohlenen der besagten Gilde, unter Bezugnahme auf die 'Bannakte der abscheulichen Verbrechen - Kapitel 12: Sklaverei, Menschenhandel und Kriegspflicht' aus dem Jahr des Verblassenden Glühwürmchens. Amüsiert erinnerte sich Picardo an das unbeholfene Beschwerdeschreiben eines gewissen Hilfsrekruten Rufus Rustikal, das bereits vor zwei Tagen beim Hausmeister abgegeben worden war.
Als er jedoch weiterlas, wurde seine Miene wieder ernster. In einem abschließenden Absatz betonte der Verfasser, dass der Wache die Nutzung des auf dem Gelände der Anwaltsgilde angeeigneten Wissens zu untersagen sei, da dieses ja widerrechtlich erworben worden war. Unter Voraussetzung, die letztgenannte Bedingung werde erfüllt, könne man seitens der Gilde von einer offiziellen Klage absehen, - ganz im Sinne des gegenseitigen Respekts und der Achtung die man vor den Leistungen der Stadtwache hatte.
Nachdenklich kratzte sich der Fähnrich am Kinn. Ein solcher Einfall konnte auch nur einem dieser Rechtsverdreher in den Sinn kommen. Wie sollte man etwas, von dem man bereits Kenntnis erlangt hatte, nicht auch nutzen?
"Was sagst du dazu, Sil?" fragte Drei Hungrige Mäuler ungeduldig.
"Hmm...", überlegte Picardo laut. "Ich meine, man versucht uns einzuschüchtern. Dieses Schreiben hier ist weniger eine Beschwerde als eine Drohung!"
Verächtlich warf er den Brief auf den Schreibtisch, wo er direkt neben der Nachricht von Paul König liegen blieb.
"Und wenn man uns drohen will...", fuhr er nach einem Moment fort.
"...sind wil auf dem lichtigen Weg", beendete Drei Hungrige Mäuler den Satz.
"Fast, Drei, nur fast. Eigentlich sind wir eher auf der richtigen Fährte", verbesserte Picardo seine Vertreterin und lächelte sie an. "Obwohl ich es nicht vermutet hätte, hast du Bendolch tatsächlich auf die richtige Spur gebracht."
Jetzt lächelte auch Drei Hungrige Mäuler und die Anspannung, die sie bis eben empfunden hatte, fiel zum größten Teil von ihr ab.
In diesem Moment steckte Bruder Laudes vorsichtig den Kopf zur Tür herein und strahlte die Anwesenden freundlich an.
"Seramis zum Gruße, Sir!" Pflichtbewusst salutierte er vor seinem Chef und trat dann in das Zimmer. "Dringende Nachricht von Leutnant Mückensturm, Sir!"
"Wirklich?" fragte Picardo mit spöttischer Miene und sah den Gefreiten abwartend an.
"Äh... ja, Sir. Ich habe den Auftrag ihnen zu melden, dass nun doch noch so eine verdammte Meldung aus diesem Drecksloch von einer Allee reingekommen ist, da soll mich doch einer..."
"Wie bitte?" fuhr ihn der Fähnrich aufgebracht an. "Wie redest du denn mit mir?"
"Bitte um Nachsicht, Sir! Aber das war der exakte Wortlaut meiner Nachricht, Sir. Leutnant Mückensturm besaß nach Eintreffen einer Semaphorenmeldung sowohl die Ruhe als auch die Geistesgegenwart verächtlich auf den Boden zu spucken und mich zu beauftragen, dem Fähnrich gefälligst Bescheid zu geben, es sei nun doch noch so eine verdammte..."
"Ja, ja. Schon gut, Laudes", unterbrach Picardo den Redeschwall des Pristers. "Und dieses 'Drecksloch'... handelt es sich dabei um die Kurvige Allee?"
"Jawohl, Sir. Konnte mir bislang kein eigenes Bild von der Reinlichkeit besagter Straße machen, aber ich vermute, dass der Leutnant eben diese Allee meinte."
"Und was war nun der Inhalt dieser Semaphorenmeldung?"
"Eine Streife der SEALS teilte mit, man habe eine Frau beim Verlassen des Hauses mit der Nummer 36 beobachtet, Sir."
"Und weiter?" fragte Picardo ungeduldig. "Bei allen Heiligen, lass dir doch nicht alles einzeln aus der Nase ziehen!"
Laudes blickte etwas beschämt zu Boden, bevor er fortfuhr. "Nun, die Streife hat die Frau wohl in Richtung Hier-gibt's-alles-Platz verfolgt, wo sie vor wenigen Minuten in einem kleinen Laden für alchimistischen Bedarf verschwunden ist."
"Hast du Bendolch schon informiert?"
"Er war bei uns als die Nachricht eintraf, Sir."
Ein verschwörerisches Funkeln zeigte sich in den Augen des Fähnrichs. "Ist er schon los?"
"Äh... ja und nein, Sir."
"Was?"
"Nicht 'er' sondern 'sie' sind los, Sir. Leutnant Mückensturm wusste zu bemerken, dass er eigentlich lange genug auf dem Dach herumgesessen hätte und Bendolch durchaus eine ordentliche Praxisstunde in der Kunst der Observierung gebrauchen könne."
"Er hat Bendolch begleitet?" fragte Picardo beunruhigt.
"Seine Formulierung war glaube ich eher: 'Häng dich an meinen Rockzipfel, Rekrut! Bei mir kannst du noch was lernen', Sir."
Inzwischen wirkte der Fähnrich etwas blasser und echte Besorgnis zeigte sich in seinem Gesicht. "Hat er seine Armbrust mitgenommen?"
"Jawohl, Sir. Eine von den großen, Sir."
Picardo ächzte leise. "Wir müssen etwas unternehmen. Wenn dieser schießwütige Kerl unkontrolliert..." Er brach mitten im Satz ab. Eigentlich wollte er sich gar nicht vorstellen, was durch den entfesselten Mückensturm alles passieren konnte.
"Laudes, informiere den Gefreiten Timotheus Trobar und mach dich mit ihm auf den Weg zum Hier-gibt's-alles-Platz. Der Leutnant soll auf keinen Fall eingreifen, hörst du?"
"Auf keinen Fall eingreifen, Sir. Jawohl, Sir!"
"Und das beinhaltet ein striktes Verbot, jegliche Form von Schusswaffen zu nutzen. Dieser Punkt ist besonders wichtig."
"Keine Schusswaffen, Sir. Werde es wörtlich übermitteln, Sir."
"Dann raus mit dir und beeil dich!"
Der Priester grüßte knapp und war bereits auf halbem Weg zur Tür hinaus, als sich Drei Hungrige Mäuler an ihren Chef wandte.
"Walum gibst du diesen Auftlag nicht mil, Sil?" fragte sie. "So jagen wil dem Leutnant zwei unelfahlene Gefleite hintelhel. Ist das nicht ein wenig... gefähllich?"
Der Fähnrich schüttelte entschieden den Kopf. "Ich brauche dich hier, Drei. Du wirst mich in der Boucherie vertreten!"
"Und was ist mit dil?"
"Ich muss... ich habe anderweitige Verpflichtungen, Lance-Korporal." Picardo war inzwischen aufgestanden und um den Schreibtisch herum gekommen. Er machte einen aufgewühlten, beinahe schon verstörten Eindruck.
"Velpflichtungen?"
"Ja... Und jetzt entschuldige mich bitte." Vergleichsweise sanft aber mit ausreichend Nachdruck schob er Drei Hungrige Mäuler aus dem Zimmer und schloss zügig die Tür hinter ihr.
Ziemlich verwirrt blickte die Wächterin auf die verschlossene Tür des 'Drunter und Drüber' und fragte sich, was ihr gerade wiederfahren war. Derart aufgebracht hatte sie Robin schon lange nicht mehr erlebt. Irgendetwas schien ihn zu beunruhigen, aber sie wollte 'veldammt' sein, wenn sie nur darauf hätte deuten können 'walum'.

***


"Waffen?"
"Was?"
"Na, welche Waffen hast du dabei?"
"Keine, Sir."
Ungläubig starrte Mückensturm den naiven Grünschnabel neben sich an. Gemeinsam mit Bendolch stand er hinter dem Stand eines Obsthändlers und beobachtete seit einer Weile 'Krawendels Emporium - Alchimistisches Allerlei für den täglichen Bedarf'. Auf dem Hier-gibt's-alles-Platz herrschte rege Betriebsamkeit, in der die beiden Wächter kaum auffielen. Aber trotz der zahlreichen Menschen hatte in den letzten Minuten kaum jemand von dem unscheinbaren Laden am Rande des Platzes Notiz genommen. Niemand hatte das Geschäft des Alchimisten betreten oder verlassen.
"Keine Waffen?" fragte der Leutnant skeptisch nach.
"Nein, Sir."
Misstrauisch musterte er den Gefreiten von der Seite. "Aber ein Messer?"
"Nein."
"Wenigstens ein kleines?"
"Nein, Sir. Weder Schuss- noch Klingenwaffen, Sir. Ob sie noch in dem Laden ist?"
Mückensturm zuckte gleichgültig mit den Schultern. "Wer weiß? Die Streife hat nichts anderes berichtet. Wenn es keine Hintertür gibt, müsste sie also eigentlich noch da sein."
Plötzlich erhellte sich die Miene des Leutnants. "Ah, jetzt verstehe ich. Du hast nur den Schlagstock dabei, stimmt`s?"
Dippwin sah einen Moment betreten zu Boden. "Sir, ich habe wirklich keine Waffen bei mir."
"Mmh...", erwiderte Mückensturm nachdenklich. "Sehr nachlässig von dir, Rekrut."
"Ja, Sir", antwortete der Gefreite kleinlaut. "Ob wir einmal nachsehen sollten? Ich meine, vielleicht ist sie uns ja irgendwie entwischt?"
"Zu früh, - wir warten noch ab. Wenn sie schon weg ist, können wir ohnehin nichts mehr daran ändern. Wenn sie aber noch im Laden ist und einer von uns jetzt da hinein stolpert, wird sie nur unnötig misstrauisch."
Ein paar Minuten beobachteten sie schweigend 'Krawendels Emporium' ohne das etwas geschah. Schließlich brummte der Leutnant unzufrieden vor sich hin, griff in den Schaft seines linken Stiefels und zog eine kleine Armbrust daraus hervor.
"Hier nimm die!" forderte er Dippwin mürrisch auf und reichte ihm die Waffe. "Sie verfügt nur über eine geringe Reichweite, hat aber eine zufriedenstellende Durchschlagskraft bis fünfzehn Schritt Entfernung."
"Danke, Sir. Aber ich fürchte, das kann ich nicht annehmen."
Mückensturm lächelte verständnisvoll. "Ich weiß schon, man verleiht seine Waffen nicht. Sehe ich genauso und wir kennen uns ja auch kaum. Aber in diesem Fall..."
"Nein, Sir. Daran liegt es nicht", unterbrach ihn Dippwin.
"Nein?" Der Leutnant machte einen enttäuschten und ratlosen Eindruck. Was war bloß mit diesem Gefreiten los? Wieso wollte er keine Waffe?
"Ich glaube, wir sollten jetzt wirklich langsam nachsehen, was in dem Geschäft los ist, Sir", sagte Dippwin ungeduldig.
Mückensturm nickte gleichgültig. "Mach ruhig. Ich halte hier die Stellung", antwortete er teilnahmslos und ohne dass er Bendolch oder wenigstens sich selbst zugehört hätte.
Die abwegige Vorstellung von einem Wächter ohne Waffen wollte ihm nicht mehr aus dem Sinn gehen. Also gab er sich einen Ruck und betrachtete sie intensiv von allen Seiten. Aber egal wie er sie drehte und wendete, aus welchem Blickwinkel er die ganze Sache auch sah, sie wollte ihm nicht so recht gefallen. Irritiert schüttelte er den Kopf, um den absurden Gedanken zu vertreiben und versuchte sich wieder auf 'Krawendels Emporium' zu konzentrieren.
Er blickte gerade noch rechtzeitig hoch, um Bendolch in dem Laden verschwinden zu sehen. Als sich die Tür hinter dem Gefreiten schloss, meldeten sich die letzten Fragmente der Unterhaltung vorsichtig zu Wort und wagten einen schüchternen Vorstoß in Mückensturms Bewusstsein. War es möglich, dass er Bendolch gerade allein in dieses Emporium geschickt hatte?
"Oh oh", äußerte der Leutnant zu niemandem im Besonderen und kratzte sich verlegen an der Stirn. Nach einer Weile suchte er die beruhigende Berührung seiner 'Burlich & Starkimarm - Modell: Segensreicher Götterbote' und öffnete langsam die Schnalle des Trageriemens.

***


Ein helles Glöckchen klingelte, als Dippwin die Tür schloss.
Einige Stufen führten in den kleinen Verkaufsraum herab, in dem dämmriges Licht herrschte. Beißender Dampf verschiedener Chemikalien mischte sich mit dem herben aber wohlriechenden Duft getrockneter Kräuter und erinnerte den Wächter an seine Zeit in der Alchimistengilde.
Hinter einem breiten Holztresen war ein Mann in weißem Kittel damit beschäftigt, eine größere Menge von einer Substanz abzuwiegen, die wie das Pulver zerstoßener Pflanzenteile aussah. Vor ihm stand eine attraktive Dame und beobachtete ihn aufmerksam. Offenbar wartete sie auf ihre Bestellung.
Trotz des Klingelns nahm keiner der beiden Notiz von Dippwin. Langsam stieg er die wenigen Stufen zu dem Tresen hinunter. Neben der Kundin blieb er stehen und versuchte sie aus dem Augenwinkel zu mustern. War es die Frau die er in der Nacht vor der Villa gesehen hatte? Er war sich nicht sicher. In seiner Erinnerung schienen die Ereignisse in der Kurvigen Allee schon so weit zurückzuliegen.
Der Alchimist legte einige Bleigewichte zur Seite und lächelte seiner Kundin freundlich zu. "Das wären drei Pfund Bilsenkraut, nicht wahr, Lady Cicely?"
Dippwin stockte für einen Moment der Atem. Sie war es! Nach all den Nächten, in denen er die Villa schon beobachtete, hatte er fast nicht mehr zu hoffen gewagt, ihr noch einmal zu begegnen.
"Darf's noch etwas sein, gnä' Frau, oder haben wir für heute alles?"
"Nein, ich glaube es reicht."
"Wie sie wünschen, gnä' Frau." Linkisch verneigte sich der Händler vor der Dame und begann ihre Einkäufe in Tontöpfe umzufüllen. Dippwin konnte noch mindestens eine weitere Substanz erkennen, die auf dem Tresen für sie bereit stand.
Unauffällig versuchte er die Frau genauer unter die Lupe zu nehmen. Sie war vielleicht fünfzig Jahre alt und trug ein einfaches Kleid, machte aber selbst darin einen vornehmen und selbstsicheren Eindruck. Die braunen Haare waren zu einem Knoten hochgesteckt, was ihr ein strenges, unnahbares Aussehen verlieh. Am meisten fielen Dippwin jedoch ihre Augen auf. Irgendetwas verbargen sie, etwas Abgründiges, etwas... Dunkles.
Als sie sich plötzlich zu ihm umdrehte und sie sich gegenseitig ansahen, erkannte er sie wieder. Es war tatsächlich die Frau, die er auch in der Nacht beobachtet hatte.
Aber auch in ihrem Blick zeigte sich eine argwöhnische Reaktion. Ihre Augen weiteten sich und sie schien einen Moment zu überlegen. Konnte es sein, dass sie ihn in der Dunkelheit damals doch gesehen hatte?
"Bendolch? Bist du das?" ertönte auf einmal die Stimme des Händlers neben ihnen.
Die Frage traf den Wächter völlig unvorbereitet und ihm wurde abwechselnd heiß und kalt, als sich die Augen der Frau weiter verengten.
Zum ersten Mal sah er den Alchimisten genauer an und versuchte fieberhaft zu ergründen, woher dieser ihn kannte.
"Krawumm?" fragte er unsicher.
"Mein Name ist Krawendel", antwortete der Alchimist eingeschnappt. "Du weißt genau, dass ich diesen Spitznamen nie leiden konnte."
"Ja, aber... die Detonation damals...", stotterte Dippwin, als die Erinnerung zögerlich zurückkehrte.
"Das war im ersten Lehrjahr und mich traf nie die Schuld!"
Lady Cicely hielt dezent eine Hand vor den Mund und räusperte sich vernehmlich.
"Oh, bitte um Nachsicht, gnä' Frau", beeilte sich Krawendel zu erklären. "Ein alter Bekannter aus der Gilde. Wenn ich kurz vorstellen darf, - Dippwin Bendolch."
"Sehr angenehm", wandte sich die Dame an den Wächter. "Kennen wir uns? Sie kommen mir irgenwie bekannt vor, junger Mann."
"Nicht das ich wüsste, Madame", erwiderte Dippwin und versuchte sich seine Nervosität nicht anmerken zu lassen. Innerlich wünschte er Krawumm noch mindestens eine weitere Explosion an den Hals. Wegen ihm kannte Cicely nun seinen Namen. Zwar richtete dies im Moment keinen direkten Schaden an, aber er bezweifelte, dass Picardo einen derartigen Fauxpas als besonders professionelle Vorgehensweise betrachten würde.
"Sag mal", fragte Krawendel mit süffisantem Unterton, "stimmt es, dass Silberfisch dich aus der Gilde geschmissen hat?"
"Ich... nun, ich habe die Gilde verlassen", antwortete Dippwin vorsichtig. Er fühlte sich zunehmend in die Ecke gedrängt.
"Was treibst du denn jetzt so?" wollte der Alchimist wissen, während er die fertig verpackten Einkäufe von Lady Cicely auf dem Tresen abstellte.
"Ach, so dies und das", äußerte Dippwin unverbindlich und begann langsam zu schwitzen.
"Man hört ja so einiges auf der Straße, nicht wahr?" fuhr Krawendel fort. "Einige sagen, du wärst der Wache beigetreten, ja?"
Noch bevor der Wächter etwas sagen konnte, griff Lady Cicely nach den zwei Tonkrügen und verabschiedete sich in plötzlicher Eile. "Wenn mich die Herren wohl entschuldigen möchten. Es liegt mir fern ihre Wiedersehensfreude zu stören."
"Gnä' Frau, entschuldigen sie bitte mein unaufmerksames Betragen." Krawendel machte umständehalber einen Kratzfuß und geleitete die Dame höflichst zur Treppe. "Haben gnä' Frau auch wirklich nichts vergessen? Bilsenkraut und die Weidenrinde?"
Nach einem argwöhnischen Blick in Dippwins Richtung flüsterte Lady Cicely dem Alchimisten noch etwas zu, woraufhin Krawendel ebenfalls kurz den Wächter musterte. Schließlich machte er aber eine beruhigende Geste und die Frau verließ eilig den Laden.
Irgendetwas kam Dippwin an der ganzen Situation seltsam vor. Was hatte Krawumm mit der Frau zu schaffen? Warum flüsterten sie miteinander?
"So, alter Freund. Jetzt habe ich für dich Zeit", sagte der Alchimist und kam wieder zum Tresen zurück. "Was führt dich eigentlich in meinen bescheidenen Laden?"

***


Gegenüber von 'Krawendels Emporium - Alchimistisches Allerlei für den täglichen Bedarf', wartete Leutnant Mückensturm noch immer hinter dem Obststand. Unzufrieden grummelte er vor sich hin und ließ dabei spielerisch einen Bolzen über seine Finger tanzen. In einem komplizierten Muster sprang das rotierende Geschoss von einer Fingerkuppe zur nächsten. Aber das anmutige Spiel mit der Balance wollte ihm heute keine rechte Freude bereiten.
Inzwischen war er fest davon überzeugt, dass es eine unsinnige Idee gewesen war, in Bendolchs Ermittlungen einzugreifen. Aber die Aussicht einen weiteren Tag mit dem verrückten Priester auf dem Dach des Boucherie zubringen zu müssen, hielt er für genauso wenig erstrebenswert. Wenn er einen Moment unaufmerksam war und Bruder Laudes nicht permanent mit Aufträgen beschäftigte, begann dieser sofort mit einem Vortrag zu irgendeinem religiösen Thema. Alles drehte sich um beglückende Sonnenstrahlen, die Kraft des Glaubens und ermutigende Oden an einen Gott, von dem Mückensturm bis vor wenigen Wochen noch nicht einmal etwas gehört hatte.
Er ballte eine Faust um den bedauernswerten Bolzen, bis seine Knöchel weiß hervortraten. Er war sich ziemlich sicher, beim nächsten 'Seramis - Du musst nur einfach an ihn glauben' nicht mehr für seine Selbstbeherrschung garantieren zu können.
"Hallo, Sir", flüsterte eine leise Stimme hinter ihm und ließ ihn herumfahren.
"Seramis zum Gruße, Leutnant", fuhr Laudes fort. "Fähnrich Picardo schickt uns."
Mückensturm ächzte leise und ließ achtlos den Bolzen zu Boden fallen. Vor ihm standen die Gefreiten Spitzschuh und Trobar und bemühten sich möglichst unauffällig zu wirken.
"Was treibt ihr hier?" fragte Mückensturm in mürrischem Tonfall.
"Sir, wir haben eine wichtige Nachricht für sie."
"Habt ihr auch Waffen?"
Die Gefreiten zögerten irritiert, während sie vom Leutnant grimmig angestarrt wurden.
"Äh... ja, Sir?" vermutete Trobar vorsichtig und deutete auf das Schwert an seiner Seite.
"Na also! Es geht doch!" fauchte ihn Mückensturm an.
Eingeschüchtert traten die beiden jungen Wächter einen Schritt zurück.
"Wollen sie es einmal sehen, Sir?" fragte Timotheus nervös und zog die Klinge ein Stück weit aus ihrer Scheide. "1876er Kobaltstahl aus Überwald, kalt geschmiedet und vierfach gefaltet, 23 Zoll, schlecht ausbalanciert, aber dafür schwer genug, um einem Troll den Zeigefinger abzuschlagen, Sir."
Mückensturms Laune besserte sich schlagartig und er nickte anerkennend. Endlich ein Gefreiter nach seinem Geschmack. "Sehr ordentlich, Gefreiter. Nur ein Wächter, der seine Waffe kennt, kann dem Feind mit ihr furchtlos gegenüber treten."
"Danke, Sir." Timotheus strahlte ob des Lobes.
"Nur den Zeigefinger?" fragte Laudes skeptisch. "Ist das nicht ein bisschen wenig?"
Mückensturm und Trobar warfen sich einen vielsagenden Blick zu. Offensichtlich kannten sie beide das Problem, dass kaum jemand ihren Sachverstand über Waffen teilte. Und dabei war es doch jedem Wächter gestattet, sich mit einem individuellen Sortiment aus dem umfangreichen Angebot der Rüstkammer auszustatten. Es war eine Schande!
"Natürlich, Spitzschuh", erwiderte der Leutnant schließlich nachsichtig. "Aber es ist der Zeigefinger eines Trolls."
"Ja und?"
"Ein Troll, Spitzschuh! Sie sind aus Stein."
"Oh", sagte Laudes angemessen beeindruckt, als er endlich verstand.
Die beiden Waffenexperten nickten zufrieden.
"Aber eigentlich spielt es ja gar keine Rolle, oder?" fragte der Priester grüblerisch.
"Was?" Jäh kehrte der alte Groll in Mückensturms Stimme zurück.
"Sir, ich habe den Auftrag ihnen von Fähnrich Picardo mitzuteilen, dass sie bei diesem Einsatz auf gar keinen Fall Waffen benutzen sollen."
Tödliche Stille breitete sich aus, in deren Zentrum Leutnant Mückensturm stand und mit aller Kraft um seine Contenance rang. Nach einigen Sekunden blickte er Laudes fest in die Augen.
"Wie bitte?" fragte er, von trügerischer Ruhe erfüllt.
Der Priester sah, wie sich die Sonne in den Augen des Offiziers spiegelte und überlegte intuitiv, ob Seramis seinem Auserwählten ein göttliches Omen sandte oder vielmehr die letzte, verzweifelte Warnung, endlich Reißaus zu nehmen. In beinahe prophetischer Vorahnung machte er sich auf das zu erwartende Donnerwetter gefasst.
"Sir, ich kann es nicht erklären. Aber das waren die genauen Worte des Fähnrichs. Sie sollen nicht in die Ermittlungen eingreifen und auf keinen Fall Schusswaffen benutzen."
"Keine Schusswaffen?" brauste Mückensturm auf. "Wie soll man denn da noch arbeiten?"
Laudes machte eine unschuldige Miene und blickte hilfesuchend zu Timotheus, der aber nur verständnislos mit den Schultern zuckte.
Der Leutnant wollte gerade zu einer Tirade über die verkommenen Verhältnisse in der Stadtwache und das anmaßende Gebaren überheblicher Offizieranwärter ansetzen, als plötzlich der Kopf eines Pferdes neben seiner Schulter erschien und hingebungsvoll schnaubte.
"Wollt ihr hier noch länger Maulaffen feilhalten oder wie? Ich muss an meinen Halteplatz."
Die drei Wächter drehten sich überrascht um. Ihr Blick glitt über das dampfende Pferd nach hinten zu einem Fuhrwerk, das von dem Tier gezogen wurde. Der Kutscher hatte sich von seinem Platz erhoben und musterte die Männer herausfordernd.
Der Leutnant machte ein grimmiges Gesicht und holte seine Dienstmarke hervor.
"Wächter im Dienst", fuhr er den Fahrer an. "Also sieh zu, dass du verschwindest."
"Na herzlichen Dank, Herr Wächter!" keifte der Kutscher zurück. "Aber neben euch gibt es auch noch ehrlich arbeitende Bürger und als solcher darf ich meinen Wagen nur hier abstellen!"
"Ehrlich? Was soll das denn nun wieder heißen?"
"Nur, dass ich mein Geld nicht mit Rumstehen verdiene, wie manch anderer."
"Das reicht!"
Mückensturm hatte sich schon am Rande eines Wutausbruchs befunden, bevor dieser Wicht aufgetaucht war. Das dreiste Auftreten des Kutschers setzte dem Ganzen jetzt nur noch die Krone auf. In einer einzigen Bewegung schwang er die schwere Armbrust nach vorne und griff nach dem komplizierten Spannmechanismus.
"Sir, nicht!" flehte Bruder Laudes und sprang auf den Leutnant zu.
Gemeinsam mit Trobar versuchte er die Waffe des Offiziers herunterzudrücken.
"Ich bring ihn um! Lasst mich gefälligst los! Auf die Entfernung erwische ich den Kerl auf jeden Fall."
Während die drei Wächter um die Kontrolle über die Armbrust rangen, verlor der Fahrer des Wagens sichtlich an Selbstvertrauen. "Äh... es gäbe da vielleicht noch einen Platz hinter der Universität", äußerte er deutlich zurückhaltender. "Vielleicht... ich könnte den Wagen doch auch dort abstellen, oder?"
"Schon gut", keuchte Laudes, während er von Mückensturm im Schwitzkasten gehalten wurde. "Nur eine kleine wacheinterne... Diskussion. Kein Problem."
"Es macht mir ja gar keine Umstände", ergänzte der Kutscher nervös und machte Anstalten seinen Wagen in Bewegung zu setzen.
"Nur einen... Moment, Herr", ächzte der Priester nach Luft ringend. "Wir haben das gleich!"
Deutlich leiser fuhr er an den Leutnant gewandt fort: "Der Wagen, Sir... es ist einer von König."
"Was?" fragte der noch immer tobende Mückensturm, aber sein Griff lockerte sich etwas.
"Einer von den Müllwägen, Sir. Sucht Dippwin nicht nach genau so einem?"
Skeptisch blickte der Leutnant zu dem Wagen hinüber und brummte etwas unverständliches.
"Sir, bitte!" röchelte Laudes und deutete auf seinen arg gebeutelten Hals.
"Oh." Scheinbar etwas widerwillig entließ Mückensturm sein Opfer aus der Umklammerung und wandte sich deutlich ruhiger an den nervösen Kutscher. "Mmh... War wohl ein kleiner Irrtum. Du kannst dich natürlich mit deinem Karren hier hinstellen." Verlegen kratzte sich der Leutnant am Kopf, fügte aber bissig hinzu: "Wir gehen dann mal... woanders 'Rumstehen', wenn's recht ist."
Mit einem letzten Blick auf die Wagennummer des Fuhrwerks drehte sich Mückensturm um und ging in Richtung der belebteren Bereiche des Hier-gibt's-alles-Platzes.
"Mitkommen! Wir suchen uns ein ruhigeres Plätzchen", herrschte er die beiden Gefreiten an, die sich beeilten dem Offizier zu folgen.
"Und Trobar?"
"Ja, Sir?"
"Bei aller Expertise, die du über Waffen besitzen magst, - wenn du noch einmal Hand an meine Waffe legst, wirst du keine Zeit mehr haben, es zu bereuen."
"Aber, Sir... die ganze Situation... und Laudes hat doch auch...", winselte Timotheus.
"Der Gefreite Spitzschuh?" fragte der Leutnant irritiert. Jovial legte er einen Arm um die Schulter des Priesters. "Nun, mein Auszubildender hier wird in den nächsten Tagen noch genug Zeit haben, so manches zu bereuen. Angefangen mit der Entscheidung in die Wache eingetreten zu sein, nicht wahr, Spitzschuh?"
Laudes erschauerte, während er Mückensturm unschuldig anlächelte.
Erleichtert und mit zitternden Knien ließ sich der Fahrer auf seinen Kutschbock sinken und blickte den Wächtern hinterher, die langsam in der Menge verschwanden. War es Zufall, dass die drei gerade hier herumgestanden hatten? Misstrauisch blickte er sich um und suchte nach anderen Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmte. Nach einigen Minuten beruhigte er sich etwas, schob seine Bedenken beiseite und machte sich daran, den Laderaum zu öffnen.

***


Dippwin hatte in aller Eile zerstoßene Kohle, Salpeter und etwas Schwefel erstanden und über drei Dollar dafür bezahlt. Es waren die erstbesten Chemikalien die im eingefallen waren und ihr Kauf sollte es ihm ermöglichen, Krawumms Laden ohne lange Erklärungen wieder verlassen zu können. Trotzdem verlor er wertvolle Minuten, in denen er mit dem Alchimisten - um der guten, alten Zeiten Willen - freundliche Worte wechseln musste, bevor er sich endlich verabschieden konnte.
Als er zu guter Letzt auf den Hier-gibt's-alles-Platz trat, war von Cicely weit und breit nichts mehr zu sehen. Sie zwischen den Ständen der Kaufleute und den zahllosen Menschen wiederzufinden, wäre reine Glückssache gewesen. Es war die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen.
Dippwin versuchte den Ärger hinunterzuschlucken und lief hinüber zu dem Obsthändler, hinter dessen Stand der Leutnant ausharrte. Vielleicht hatte er die Frau gesehen und wusste wohin sie gegangen war. Noch immer hatte er das seltsame Gefühl, dass in 'Krawendels Emporium' irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugegangen war, konnte aber nicht sagen warum. Wofür benötigte Cicely Bilsenkraut und Weidenrinde? Und was hatte Krawumm mit der Angelegenheit zu tun? Steckte er mit Cicely unter einer Decke?
Einige Meter vor dem Obststand blieb Dippwin plötzlich wie angewurzelt stehen. Hinter der Zeltplane die der Händler aufgespannt hatte, dort wo eigentlich Mückensturm hätte warten sollen, stand einer der Müllwagen von Paul König. Mit gemischten Gefühlen näherte sich Dippwin dem Fahrzeug und schaute sich in der näheren Umgebung nach den Leutnant um, konnte ihn aber nirgends ausfindig machen.
Als der Kutscher um das Fuhrwerk herum kam, drehte sich Dippwin hastig zur Seite und zog seine Kapuze tiefer ins Gesicht. Mit wenigen Schritten lief er zu der nächstbesten Kaufmannsbude und suchte hinter einer der Seitenwände Deckung. Konnte das wirklich sein oder spielte ihm seine Phantasie einen Streich?
Ohne auf die Blicke des verwirrten Händlers zu achten, spähte er unauffällig um die Ecke des Standes. Er war es tatsächlich. Derselbe Mann den er bereits bei der alten Villa und später auf dem Hof von Paul König gesehen hatte.
Ohne besondere Eile öffnete der Kutscher seine Ladefläche, nahm einige leere Kisten aus dem Wagen und verließ anschließend das offenstehende Fahrzeug. Dippwin konnte auf dem belebten Platz jedoch nicht erkennen, mit welchem Ziel der Mann unterwegs war. Dem Wächter blieb kaum Zeit zu überlegen, was er als nächstes tun sollte, da drohte der Kutscher bereits in der Menge zu verschwinden.
Vom Leutnant fehlte jede Spur und Cicely ohne seine Hilfe zu suchen, schien ihm ein hoffnungsloses Unterfangen zu sein. Vor ihm stand dagegen der unbeobachtete Wagen von König. Aber würden sich dort tatsächlich Hinweise finden lassen, die ihm bei den Ermittlungen weiterhelfen konnten?
Ohne die notwendige Ruhe versuchte er seine Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen, kam jedoch zu keinem befriedigenden Ergebnis. Schließlich unterdrückte er ein leises Seufzen und lief zügig dem Kutscher hinterher.
Den kleinen Vorsprung des Mannes aufzuholen bereitete Dippwin in dem Getümmel zwischen den Ständen keine Schwierigkeiten. Vermutlich hätte er sich am Rockzipfel des Kutschers festhalten können, ohne dass dieser Notiz von ihm genommen hätte. Trotzdem wahrte der Wächter einen großzügigen Abstand und achtete darauf, sein Ziel lediglich nicht aus dem Auge zu verlieren.
Bereits am Ende der ersten schmalen Gasse durch die er dem Mann gefolgt war, blieb der Kutscher vor einem älteren Händler stehen und stellte seine Kisten auf dem Boden ab. Dippwin glaubte zu erkennen, wie sich ein Gespräch zwischen dem Kaufmann und Königs Angestelltem entwickelte.
Vorsichtig wagte sich der Wächter noch etwas näher an die beiden heran, ehe er vor dem Angebot eines benachbarten Standes verharrte. Wahllos griff er nach einem Gegenstand aus dem reichhaltigen Sortiment und gab sich scheinbar interessiert. Seine tatsächliche Aufmerksamkeit galt jedoch der Unterhaltung des Kutschers, von der er etwas aufzuschnappen hoffte. Zu seinem Bedauern war das allgegenwärtige Stimmengewirr auf dem Markt jedoch so laut, dass er kaum ein Wort verstand.
"Der kostet 95 Cent, werter Herr."
"Was?" Zum ersten Mal nahm Dippwin den Jungen zur Kenntnis, der offenbar die Waren feilbot, vor denen er stehen geblieben war.
"Na der Kerbschnitzbeitel."
"Kerbschnitzbeitel?" Irritiert blickte der Wächter auf seine Hände hinab, in denen er unzweifelhaft ein Holzwerkzeug hielt. Ob es sich dabei allerdings um einen Kerbschnitzbeitel handelte und wie dieser - wenn es denn einer war - in seine Finger gelangt sein sollte, vermochte er dagegen kaum zu beantworten. Vage erinnerte er sich daran, tatsächlich irgendetwas von dem Tisch genommen zu haben.
Innerlich verfluchte Dippwin seine Unachtsamkeit. Er musste unbedingt besser darauf achten, was sein Körper anstellte, sobald sein Geist ihn vernachlässigte, um sich mit wichtigeren Dingen zu beschäftigen.
"Äh, ja... schöner Kerbschnitzbeitel! Muss man schon sagen", äußerte er, um die Situation zu retten und entlockte dem Jungen damit ein zufriedenes Lächeln.
Aus dem Augenwinkel sah er, wie zwei weitere Personen an den Nachbarstand traten.
"Mein Vater fertigt diese besondere Art der Kerbschnitzbeitel nur mit einem Birnenheft aus echtem Zedernholz", lobte der Junge sein Produkt.
"Natürlich... man spürt gleich die... außerordentliche Qualität", erwiderte Dippwin und begann gedankenlos den Teil des Werkzeugs zu streicheln, den seine Hände für ein Birnenheft hielten.
Unauffällig drehte er sich für einen Moment zur Seite, um den Kutscher zu beobachten, sah aber stattdessen plötzlich Lady Cicely, die sich gemeinsam mit einem dunkel gekleideten Herrn nur wenige Meter von ihm entfernt aufhielt und ihm den Rücken zudrehte. Sie hatte sich offensichtlich mit dem Kutscher getroffen und übergab diesem gerade die zwei Tonkrüge, die sie bei Krawumm erstanden hatte.
Obwohl ihn seine Instinkte warnten, konnte Dippwin den Blick nicht abwenden und starrte gebannt auf die Szene. Wer war der finstere Mann, der neben Cicely stand? Er wirkte ähnlich elegant wie die Lady, strahlte aber auch eine gewisse Überheblichkeit aus. Er trug einen samtenen, schwarzen Mantel und benutzte einen Stock, obwohl er nicht den Eindruck machte, diesen zu benötigen. Unwillkürlich musste Dippwin an einen Aristokraten denken.
"Interessieren sie sich nun für den Kerbschnitzbeitel, oder nicht?" fragte der Junge angespannt.
"Ja, beste Schnitzbeitelzeder dieses Kerbenholz, - keine Frage", antworte der Wächter ohne einen Gedanken an seine Worte zu verschwenden. Erst als sich der Kutscher mit den Tonkrügen aus der kleinen Gruppe löste und in Richtung seines Wagens ging, wandte sich Dippwin hastig ab und achtete wieder für einen Moment auf den Jungen.
"Wollen sie mich auf den Arm nehmen?" verlangte dieser mit grimmigem Blick zu wissen.
Befremdet riss der Wächter die Augen auf. "Ich? Aber wie kommst du denn darauf?"
Ohne zu antworten deutete der jugendliche Händler auf den Kerbschnitzbeitel, der inzwischen unbeachtet zwischen Dippwins Fingern hing und sanft über dem Boden baumelte.
"Oh... ich, äh... bei meiner Arbeit ist ein... ein gut ausbalanciertes Werkzeug sehr wichtig", formulierte er eine zögerliche Erklärung, um etwas Zeit zu gewinnen.
Doch der Knabe schien nicht wirklich überzeugt zu sein. Skeptisch zog er eine Augenbraue in die Höhe und musterte seinen Kunden vorwurfsvoll. "Sie wollen feilschen wie? Na gut, wie sie meinen. Ich könnte ihnen das Werkzeug für 80 Cent überlassen. Aber günstiger geht es wirklich nicht, mein Herr."
Dem Anschein nach befanden sich Lady Cicely und ihr düsterer Begleiter ebenfalls in Verhandlungen. Dippwin konnte sehen, wie der Kaufmann, bei dem sie standen, umständlich mehrere Kisten mit Broten neben ihnen abstellte und sich anschließend mehrfach vor dem vermeintlichen Aristokraten verneigte. Kaum war er damit fertig, beeilte er sich, beinahe fluchtartig wieder hinter seiner Auslage zu verschwinden.
"Starr den nicht so an, Bursche!"
Plötzlich hatte sich eine Hand auf Dippwins Schulter gelegt, woraufhin der ertappte Wächter heftig zusammenzuckte. Ruckartig fuhr er herum und blickte in das ungepflegte Antlitz von Nepomuk, dem wirren Krüppel von der Müllhalde.
"Sie?" rief der Wächter verblüfft.
"Pscht", zischte Nepomuk aufgeregt zurück, wobei diverse Speicheltropfen seinen Gegenüber trafen.
Angewidert stolperte Dippwin einen Schritt zurück und wischte sich fahrig mit dem Ärmel über das Gesicht.
"Bei dem kannst du dich bereits beim ersten Blickkontakt mit unerwartetem Tod anstecken", sagte Nepomuk.
"Aber er sieht doch ganz gesund aus."
"Ja, er schon. Er ist ja auch die Ursache für das plötzliche Ableben. Ein Assassine!"
"Wirklich?" fragte Dippwin mit neu gewecktem Interesse und war schon dabei, sich umzudrehen.
"Nicht hinsehen, Bursche!" warnte der Krüppel erneut, packte ihn an den Schultern und zog ihn dicht an sich heran. "Ist einer der Prokuristen aus der Schlitzergilde. Ein ganz hohes Tier!"
Mit einem Anflug von Entsetzen starrte der Wächter auf die schmutzigen Finger, die ihn festhielten.
"Aber sie sehen ihn doch auch an, Herr Nepomuk."
"Ach, Bursche, bei mir kommt es nicht mehr darauf an. Ich habe eine ganz üble Angina Pectoris. Kann mich jetzt praktisch jeden Tag erwischen."
"Will ich wissen, was es ist?" fragte Dippwin argwöhnisch.
Nepomuk schüttelte trostlos den Kopf.
"Aber sie machen doch eigentlich einen... gesunden Eindruck. Vielleicht einmal ein Bad, aber..."
"Gesund? Was weißt du schon?" ereiferte sich der Krüppel plötzlich. "Was ist schon Gesundheit? Nichts als ein weit verbreitetes Ammenmärchen, mit dem man die Bedenken des naiven Volkes zerstreuen will!"
Nervös sah sich Dippwin um, nachdem Nepomuk in seinem Gezeter zunehmend lauter geworden war. Cicely und der Mann hatten ihn anscheinend noch nicht bemerkt. Erleichtert atmete er etwas auf. Aber vereinzelt warf man ihnen aus dem Getümmel bereits verstohlene Blicke zu und nicht zuletzt der junge Händler, der den Verkauf seines Kerbschnitzbeitels in Gefahr sah, bekundete ganz unverhohlen Interesse an dem seltsamen Pärchen.
Mit beschwichtigenden Gesten versuchte der Wächter Nepomuk zu beruhigen, der inzwischen von Dippwin abgelassen hatte und in der Aufregung ängstlich nach seinem Herzen griff. Vermutlich befand er sich kurz vor einem Herzinfarkt.
"Sagen wir 75 Cent, ja? Aber dann müssen sie sich jetzt auch langsam entscheiden", meldete sich der geschäftstüchtige Knabe auf einmal wieder zu Wort.
"Aber doch nicht jetzt!" erwiderte Dippwin aufgebracht und deutete auf den kränkelnden Nepomuk vor sich.
"Oh, mein armes Herz. Jetzt ist es so weit", lamentierte dieser dem Tode nah.
"Es gibt noch andere Interessenten", äußerte der Junge spitz, obwohl weit und breit niemand zu sehen war, der sich für seine Waren interessierte.
Der Krüppel wankte benommen einige Schritte und griff haltsuchend nach der Hand, die Dippwin ihm hilfsbereit entgegenstreckte.
"Herr Nepomuk?"
"Oh... und so geht es zu Ende..."
Verzweifelt hielt Dippwin den alten Krüppel im Arm und versuchte gleichzeitig einen Blick über die Schulter zu werfen. Was taten Lady Cicely und der Mann? War er wirklich ein Assassine? Er wollte nicht riskieren, die Frau erneut in dem Getümmel zu verlieren, aber was sollte er mit Nepomuk machen? Wenn er wenigstens eine Krücke oder etwas ähnliches gehabt hätte, aber so war er gezwungen den kranken Mann selbst zu stützen. Nachdenklich musterte Dippwin den Krüppel und versuchte sich an ihre erste Begegnung zu erinnern.
"Wo ist eigentlich ihre Krücke?"
"Bitte?" erwiderte Nepomuk unschuldig. Das Gejammer des Alten war schlagartig verstummt und einem linkischen Blick gewichen.
"Die Krücke von der Müllhalde! Wo ist sie?"
"Hab nie nicht keine Krücke nicht gehabt, habe ich", beteuerte der Krüppel und wich vorsichtig etwas zurück.
Misstrauisch beäugte Dippwin den vermeintlichen Krüppel. Niemandem trauen, schoss es ihm durch den Kopf. Immer wieder hatte Picardo es ihm eingetrichtert. Vertraue keiner Seele.
"70 Cent, aber das ist mein letztes Wort. Sie sind ein harter Brocken, werter Herr", ertönte es vom Verkaufsstand. Aber noch bevor der Wächter reagieren konnte, wurde er unsanft von hinten angerempelt.
Als er sich umdrehte sah er in die Augen des Kutschers.

***


"Was macht er jetzt?"
"Kann ich nicht sagen, Sir. Dieser... Mann versperrt mir die Sicht... glaube ich."
"Wieso glaubst du das nur, Spitzschuh?"
"Sir, ich bin nicht sicher, ob es ein Mann ist."
"Also eine Frau?"
"Nein, Sir, definitiv keine Frau."
Leutnant Mückensturm runzelte die Stirn. Gereizt starrte er zu Bruder Laudes hinauf, der sich zitternd auf dem Dach des wackligen Verschlags festhielt, auf welches Trobar ihn vor einigen Minuten gehievt hatte.
Der Krämer dem der Stand gehörte, hatte zunächst Einwände erhoben und sich gegen die Kletterexperimente der Wache verwehrt. Im Angesicht von gleich drei überzeugenden Argumenten zeigte er jedoch schnell Verständnis für die Ermittlungen. Es war im Nachhinein nur schwer zu beurteilen, ob der schweigsame Blick des Leutnants, seine Dienstmarke oder am Ende gar die geladene Armbrust zu der plötzlichen Meinungsänderung beigetragen hatten. Letztlich spielte es für die Arbeit der drei Wächter aber auch keine wesentliche Rolle.
"Also was ist jetzt?" verlangte Mückensturm ungeduldig zu wissen.
Laudes spähte angestrengt über den Hier-gibt's-alles-Platz und versuchte zu erkennen, was sich in der kleinen Gasse zutrug, in der vor wenigen Minuten erst der Kutscher und kurz darauf auch der Gefreite Bendolch verschwunden waren.
"Es ist dieser seltsame Kerl, der schon die ganze Zeit bei Bendolch steht, Sir."
"Und was ist mit dem Fahrer?"
"Ist weitergegangen, Sir. Er redet jetzt mit der Frau am Nachbarstand, die Dippwin schon länger beobachtet hat. Bei ihnen ist noch ein weiterer Herr. Sieht wie ein Edelmann aus, Sir, ganz in schwarz. Ziemlich finsterer Typ."
"Bestimmt der Boss eines Syndikats", überlegte Timotheus laut.
"Wir wissen nicht einmal, ob ein Verbrechen vorliegt, Gefreiter Trobar! Warum sollte er also gleich ein Krimineller sein?"
"Aber, Sir. Er trägt schwarze Kleidung", erwiderte der junge Wächter mit verächtlicher Stimme, als ob dieser Umstand bereits ein Beweis für die Verderbtheit des Unbekannten sei.
"Ja, da hat er Recht, Herr. Die unredliche Brut trägt stets dunkle Klamotten", mischte sich der Krämer hilfsbereit in das Gespräch ein.
"Unredliche Brut?" fragte Mückensturm ungehalten.
"Na ja, Herr. Diebe und Meuchelmörder und so... selbst Totengräber tragen schwarz."
"Totengräber? Was ist an denen denn unredlich?"
"Äh... sie graben und scharren sehr viel... habe ich gehört. Sehr dubios, Herr."
"Sir, schwarz ist grundsätzlich ein unzweifelhaftes Indiz für ein Verbrechen", erklärte Timotheus volltönend.
"Ach ja? Was ist dann mit dem Patrizier?" hakte Mückensturm nach.
Mit grüblerischer Miene verstummte Trobar, als er sich langsam der Konsequenzen seiner Farbtheorie bewusst wurde.
"Anfänger!" schimpfte der Leutnant verdrießlich, bevor er sich wieder Bruder Laudes zuwandte.
Der Priester klammerte sich noch immer auf dem Dach des Verschlags fest und beobachtete die Vorgänge auf dem Marktplatz.
"Sir, ich glaube sie haben Dippwin bemerkt", rief er zu seinem Vorgesetzten hinunter.
"Wer genau?"
"Na die Frau und der dunkle Mann. Der Fahrer hat gerade mit ihnen gesprochen und in Dippwins Richtung gedeutet."
"Was passiert jetzt?"
"Ich kann es nicht erkennen, Sir. Einen Moment...", sagte Laudes.
Auf einmal waren tapsige Schritte des Priesters auf dem Dach zu hören und einzelne Dachschindeln fielen scheppernd zu Boden.
"Der soll mir ja nicht die Bude kaputt machen, der Kerl!" empörte sich der Krämer und ohne dass Mückensturm ihn angesehen hätte, zuckte die Armbrust wieder ein kleines Stück nach oben.
"Aber mir fällt gerade ein, dass ich ohnehin noch ein paar Schindeln zu Hause habe. Alles nicht so schlimm..."
"Sir, ich... ja bei Seramis' geheiligten Worten!" ertönte es über ihren Köpfen. "Ein heilloses Durcheinander, Sir. Alle rennen plötzlich hin und her."
"Trobar!"
"Ja, Sir!"
"Hol ihn da raus, wenn es brenzlig wird."
Timotheus nickte nur kurz und verschwand in der Menge.

***


In Dippwins Umfeld überschlugen sich die Ereignisse. Der Kutscher hatte ihn anscheinend wiedererkannt, als er zufällig mit dem Wächter im Getümmel zusammengestoßen war. Nur wenige Augenblicke später hatte er bereits Lady Cicely und dem mysteriösen Assassinen Bericht erstattet und für einige Unruhe bei ihnen gesorgt.
Gleichzeitig klagte ihm Nepomuk sein Leid. Er habe seit Jahren an einem schmerzenden Bein gelitten, welches nun aber seit einigen Tagen vollkommen gefühllos sei und somit auch keinen Schmerz mehr ausstrahle. Er verspüre zwar eine gewisse Erleichterung dadurch und benötige derweil keine Krücke. Aber dieser Umstand könne ja nur kurzfristig sein, bevor die tote Extremität nun ganz abfaule.
Währenddessen feilschte auf der anderen Seite der junge Händler mit sich selbst um den Preis eines einzigartigen Kerbschnitzbeitels mit Birnenheft aus Zedernholz und entlockte sich dabei immer unglaublichere Rabatte. Der aktuelle Preis lag bei 57 Cent, sei aber nun auch definitiv und unwiderruflich, praktisch also auf keinen Fall mehr zu senken.
Für einen winzigen Moment hatte Dippwin Blickkontakt mit Cicely. Die Überraschung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Mit aufgerissenen Augen und geröteten Wangen starrte sie ihn an, bevor sie in der Menge verschwand.
Ähnlich verhielt es sich mit dem Assassinen. Er wechselte noch einige Worte mit dem Kutscher und schnappte sich dabei einen Teil der Brotkörbe. Die übrigen zwei Kisten klemmte sich der Fahrer unter einen Arm. Anschließend eilten beide in unterschiedliche Richtungen davon und waren innerhalb von Sekunden in der Menschenmenge nicht mehr auszumachen.
Dippwin überlegte kurz wem er folgen sollte und entschied sich dann für Cicely. Sie zu finden hatte ihn die ganzen letzten Tage beschäftigt, er wollte sie nicht nach so kurzer Zeit wieder verlieren. Was würde sie wohl als nächstes tun?
Gerade als er loseilen wollte, rief ihn der Junge von dem Stand hinterher. "He, was ist jetzt mit meinem Kerbschnitzbeitel? Sie müssen ihn schon noch bezahlen!"
Wie vom Schlag getroffen blieb Dippwin stehen, drehte sich um und fixierte den kleinen Händler.
"Was hast du gesagt?"
In diesem Moment traf ihn die Faust des Kutschers in die Seite. Der Mann hatte sich offenbar ganz in der Nähe versteckt und nur darauf gewartet, dass ihm der Wächter unachtsam den Rücken zukehrte. Als Dippwin nach Luft ringend zu Boden ging, war für den Kutscher der Weg zu seinem Wagen frei und er konnte endlich in die kleine Gasse stürmen, durch die er ursprünglich gekommen war.
"Alles in Ordnung, Bursche?" fragte Nepomuk und kam besorgt näher.
Etwas benommen nickte Dippwin und versuchte sich wieder aufzurappeln. Er spürte einen stechenden Schmerz in der Seite, der ihm das Atmen erschwerte. Gleichzeitig kehrten die Kopfschmerzen, die er seit Tagen hatte, in einem neuerlichen Schub zurück und zwangen ihn, sich erneut auf den Boden sinken zu lassen. Kleine Sterne tanzten vor seinen Augen.
Von der Seite kam auf einmal der Gefreite Trobar auf ihn zugelaufen.
"Bendolch, wo sind sie hin?"
"Laß ihn", mischte sich Nepomuk ein. "Er stirbt gerade!"
"Was?" fragte Timotheus entsetzt.
"Eine Ruptur der Leber. Ganz klare Sache, der Treffer von dem Hünen hat sie zerfetzt. Armer Bursche! Jetzt wird er innerlich verbluten, dauert höchstens eine viertel Stunde."
Dippwin kniff mehrmals die Augen fest zusammen, bis er wieder klar sehen konnte und die Schmerzen etwas nachließen.
"Willst du uns noch etwas sagen? Sollen wir deiner Frau und den Kindern etwas ausrichten?" fragte Nepomuk ernsthaft besorgt.
Leise grummelnd richtete sich Dippwin auf und musterte den Krüppel misstrauisch. "Ich weiß nicht wer sie sind, Nepomuk, und ich traue ihnen auch nicht! Wo ist ihre Krücke und warum sind sie so plötzlich hier auf dem Markt aufgetaucht?"
"Ich wollte doch nur helfen", wehrte sich Nepomuk und hob unschuldig die Hände.
Trobar blickte unschlüssig zwischen den beiden hin und her. "Sollen wir ihn mitnehmen, Bendolch?"
"Nein, lass ihn ruhig gehen", erwiderte dieser erschöpft. "Ich glaube, er ist harmlos."
Der Krüppel nutzte seine Chance. Unbeholfen deutete er einen Diener vor den beiden Wächtern an und suchte anschließend schnell das Weite. Auch er wurde innerhalb weniger Sekunden von der Menge verschluckt.
"Und nun zu dir, Junge", sagte Dippwin und wandte sich damit an den kleinen Händler, der das Geschehen verfolgt hatte und mit offenem Mund vor den beiden Wächtern stand.
"Was hast du zu mir gesagt, bevor ich... niedergeschlagen wurde?"
"Dass sie mich bestehlen wollten! Sie haben sich einfach mit meinem Kerbspitzbeitel aus dem Staub gemacht!" antwortete der Junge empört.
Tatsächlich hielt Dippwin selbst jetzt noch das seltsame Werkzeug in Händen. Aber irgendetwas hatte ihn bei der Formulierung des Kleinen vorhin stutzig gemacht.
"Nein, das war es nicht ganz. Du hast vorhin etwas anderes gesagt, oder?"
"Dass sie gefälligst bezahlen sollten, habe ich gesagt!"
Ein Lächeln breitete sich im Gesicht des Wächters aus. "Genau! Das waren deine Worte."
Noch etwas unsicher auf den Beinen wankte Dippwin auf den Jungen zu und zählte ihm insgesamt Kleingeld im Wert von über einem Dollar in die geöffnete Hand.
"Hier, für deine Mühen, Kleiner. Du hast mir sehr geholfen!"
"Vielen Dank, Herr. Beehren sie uns bald wieder", sagte der Junge glücklich. "Mein Vater stellt das beste Werkzeug in Ankh-Morpork her. Sie haben eine sehr gute Wahl getroffen, werter Herr." Überschwänglich verneigte er sich zum Abschied, als Dippwin sich bereits abwandte und sich mit Trobar auf den Rückweg machte.
"Warum hast du ihm so viel Geld gegeben?" fragte Timotheus.
"Nun, weil sie es nicht gemacht hat."
"Was?"
"Bezahlt! Lady Cicely hat nichts bezahlt. Weder bei Krawumm, noch hier auf dem Markt."
Trobar blickte etwas irritiert.
"Ohne den Jungen wäre es mir nicht aufgefallen. Ich hatte zwar so ein Gefühl, aber..." Nachdenklich hielt Dippwin in seinen Überlegungen inne.
Vorsichtshalber nickte sein Kollege. Zwar hatte er nicht die Spur einer Ahnung, worum es Bendolch eigentlich ging, aber weitere Erklärungen hätten vermutlich alles nur noch komplizierter gemacht.
Schließlich musterte Dippwin Timotheus und fragte: "Wo kommst du eigentlich auf einmal her?"
"Oh, dass erklärt dir besser Laudes. Er ist gleich da vorne. Und so wie ich Leutnant Mückensturm verstanden habe, möchte er dich auch noch in der einen oder anderen Angelegenheit sprechen."

***


Es war wieder Nacht. Der Mond stand hoch über der Stadt und tauchte die alte Villa in silbernes Licht. Dippwin hockte in seinem alten Versteck und wartete. Für einen Moment wurde er unruhig, als er in der Nähe die Geräusche einer sich nähernden Kutsche hörte. Aber das Klappern der Pferdehufe wurde schnell wieder leiser und erneut kehrte Ruhe in der Kurvigen Allee ein.
Die vergangenen zwei Tage hatte Dippwin fast ausschließlich in seinem neuen Büro zugebracht und sich auf diese Nacht vorbereitet. Während dieser Zeit hatte er sehr viel nachgedacht. Er versuchte einen Sinn in dem zu entdecken, was er in Erfahrung gebracht hatte, bemühte sich die einzelnen Puzzleteile miteinander in Verbindung zu bringen. Was war aus dem Mann geworden den Lady Cicely hatte verschleppen lassen und warum schien ihn niemand zu vermissen? Selbst jetzt - mehr als eine Woche nach der Entführung - war noch niemand bei der Wache erschienen, um nach ihm zu fragen oder ihn suchen zu lassen.
Auf der anderen Seite gab es eine Vielzahl von Personen, zu denen Cicely in der einen oder anderen Art in Verbindung stand. Dippwin hatte in seinem Büro kleine Zettel mit ihren Namen angefertigt und an einer Wand aufgehängt. Bunte Fäden symbolisierten das komplizierte Beziehungsgeflecht in dem sie untereinander standen.
Da war zum einen Paul König, - zumindest aber einer seiner Fahrer. Cicely erhielt von dieser Seite unterschiedlichste Transportleistungen, seien es nun ihre Einkäufe oder eine entführte Person. Der Inhalt der zahlreichen Kisten war für Dippwin nach wie vor ein Rätsel. Konnte es sich bei ihrem Inhalt wirklich nur um Brot oder Obst handeln, wie es der Vorfall auf dem Hier-gibt's-alles-Platz vermuten ließ?
Cicely hatte aber auch Kontakte zu Personen wie Krawumm oder dem Prokuristen der Assassinengilde. Beide schienen die Adelige auf die eine oder andere Weise zu unterstützen. Dippwin vermutete, dass sie ihr Waren unentgeltlich überließen. Ob es sich dabei aber um echte Gefälligkeiten handelte, konnte er nicht sagen.
Daher hatte ihn einer der wenigen Streifzüge in den letzten zwei Tagen auch noch einmal zu dem alten Bekannten aus der Alchimistengilde geführt. Seine Hoffnung mehr über Cicelys Einkauf oder sie selbst in Erfahrung zu bringen, wurde jedoch herb enttäuscht. Sobald Krawumm erkannt hatte, aus welchem Grund Dippwin erneut bei ihm aufgetaucht war, verwies er ihn auf ausgesprochen unfreundliche Weise seines 'Emporiums'. Versuchte er Cicely etwa zu decken? Auf welche Weise war er in die Angelegenheit verwickelt?
Die Spur des Prokuristen brachte Dippwin auch nicht weiter. Zwar konnte er sich in einem Gespräch mit der Gefreiten Breda Krulock Sicherheit darüber verschaffen, dass Nepomuks Aussage stimmte, - die Beschreibung des dunklen Mannes passte tatsächlich auf einen der Prokuristen in der Assassinengilde. Aber wie passte diese Information in das Gesamtbild?
Eine der vielleicht wichtigsten Verbindungen bestand zwischen Lady Cicely und wenigstens einem Mitglied der Anwaltsgilde. Irgendjemand hatte ihr zu dem Anwesen in der Kurvigen Allee verholfen. Die Frage war nur warum? Welches Interesse konnte ein Anwalt daran haben, ein Grundstück mietfrei und für unbefristete Zeit Cicely zu überlassen? Auch diese Frage blieb für Dippwin ein Rätsel.
Dafür glaubte er jedoch ein völlig anderes Muster entdeckt zu haben. Es bezog sich auf die Herkunft der zahlreichen Helfer, über die Lady Cicely zu verfügen schien. Jeder von ihnen entstammte einer namhaften und bedeutenden Gilde Ankh-Morporks. Selbst Paul König konnte zu dieser Gruppe gezählt werden. Sein wirtschaftlicher Einfluss in der Zwillingsstadt machte ihn zu einer Gilde ganz eigener Art und auch wenn die feinen Herren sich davor scheuten, war König doch ein Mann, mit dem man stets rechnen musste.
War dieses Muster nur ein Zufall oder steckte System dahinter?
Eine letzte Spur der Dippwin nachgegangen war, bestand aus den Kräutern, die Lady Cicely bei Krawumm in großen Mengen erhalten hatte. Welchem Zweck dienten Bilsenkraut und Weidenrinde? Er investierte eine ganze Nacht, in der er Bücher aus seiner Vergangenheit studierte. Er hatte Jahre in der Gilde der Alchimisten zugebracht, verfügte aber nur über rudimentäres Wissen im Bereich der Kräuter. Als Spezialist im Bereich Unbelebter Materie stellten Pflanzen für ihn gewissermaßen das andere Ende der intellektuellen Welt dar. Trotzdem wurde er fündig und als er am Morgen die Bücher schloss, tat er dies mit gemischten Gefühlen.
Plötzlich erschien ihm der ganze Fall in einem sonderbaren Licht. Zum ersten Mal entstand in ihm ein konkreter Verdacht darüber, was in der alten Villa vorgefallen sein könnte, - was dort vermutlich Tag für Tag geschah. Selbst jetzt erschauerte er, wenn er daran dachte, was er vielleicht in dieser Nacht sehen würde.
Am Nachmittag hatte er Fähnrich Picardo über seine bisherigen Ergebnisse informiert. Über seine verschiedenen Vermutungen ließ er seinen Vorgesetzten dabei allerdings im Unklaren. Es war zu früh und zu viel Spekulation im Spiel, als dass er mit seinem dürftigen Wissen hätte Alarm schlagen können. Also beschränkte er sich auf die Fakten und kündigte an, die Villa in dieser Nacht erneut zu observieren.
Picardo hatte ihm einen seltsamen Blick zugeworfen. Vermutlich hatte er Dippwin nicht geglaubt, dass er das Haus nur beobachten wolle. Sein Leitsatz niemandem zu trauen machte auch für Dippwin keine Ausnahme. Trotzdem hatte ihn sein Abteilungsleiter nicht aufgehalten. Vielmehr hatte er dem Gefreiten auf beinahe kryptische Weise Glück gewünscht.
Das ferne Echo verschiedener Glocken kündigte den Beginn einer neuen Stunde an, war jedoch in der Kurvigen Allee kaum noch zu hören. Es war Mitternacht. Aus irgendeinem Grund erschien es dem jungen Wächter richtig, auf diese Stunde gewartet zu haben.
Lautlos erhob er sich und trat aus dem Schatten. Die Villa war nur wenige Meter entfernt. Dippwin eilte geduckt über die Straße zu dem alten Anwesen hinüber.
Unbemerkt lief er zur Rückseite des Gebäudes und blieb dort unter einem bestimmten Fenster im ersten Stock stehen. Er hatte lange überlegt, wie er in das Haus gelangen sollte und sich letztlich für diese Möglichkeit entschieden. Das Fenster lag etwas abseits der anderen, war nur mit einer Decke verhangen und über den wild wuchernden Efeu vergleichsweise einfach zu erreichen. Ohne lange zu zögern, griff Dippwin nach einer der Ranken und kletterte an der Wand hinauf. Als er das erste Stockwerk erreichte, stellte er erleichtert fest, dass man das Fenster mit Ausnahme der Decke tatsächlich nicht gegen Eindringlinge gesichert hatte. Zügig schob Dippwin den schweren Stoff zur Seite und ließ sich in den dunklen Raum gleiten.
Atemlos verharrte er auf dem Boden und lauschte. Er schien nicht bemerkt worden zu sein, um ihn herum herrschte Stille. Aber gerade in dieser Stille konnte er die subtilen Geräusche vernehmen, die in einem belebten Haus nie ganz verstummen. Das Knarren einer Diele, ein unterdrücktes Husten, der leise Atem einer schlafenden Person. Es war mehr ein Gefühl als eine Gewissheit, aber Dippwin war sich sicher, in diesen Mauern nicht alleine zu sein.
Das Zimmer war leer und kalt. Laubreste auf dem Boden zeigten deutlich, dass es seit langer Zeit nicht mehr genutzt wurde. Unter der Ritze einer Tür drang jedoch etwas Licht in den Raum und wies Dippwin den Weg.
Vorsichtig schlich er zur Tür und griff nach der verstaubten Klinke. Sein Puls beschleunigte, als die Nervosität zurückkehrte. In wenigen Sekunden würde er wissen, ob seine Vermutungen zutrafen.
Die Tür quietschte beim Öffnen und eine Welle stickiger Wärme schlug dem Wächter entgegen. Abermals erstarrte er in der Bewegung und wartete auf ein Zeichen dafür, dass jemand auf ihn aufmerksam geworden war. Außer dem gleichmäßigen Ticken einer Uhr blieb jedoch alles um ihn herum ruhig.
Hinter der Tür lag eine Art Galerie, die sich über einem Saal im Erdgeschoss erhob. Flackerndes Kerzenlicht erhellte den Bereich und der herbe Duft verschiedener Kräuter lag schwer in der Luft. Aber da war auch noch etwas anderes. Dippwin konzentrierte sich und nahm schließlich einen feineren, einen süßlichen Geruch wahr, der von den Kräutern beinahe vollkommen überlagert wurde. Er erschauerte. Es war der Geruch von Krankheit und Tod. Leise trat Dippwin an die Brüstung der Galerie und sah in den Saal hinunter.
In der Mitte des Raumes befand sich ein einfaches Kohlebecken, in dem ein kleines Feuer knisterte. Entlang der Wände und um die Wärmequelle herum standen etwa ein Dutzend Betten, die nur durch mehrere Vorhänge aus Leinen voneinander getrennt wurden. Nur wenige Liegen waren nicht belegt. In den meisten konnte Dippwin alte Menschen erkennen, die entweder schliefen oder sich ruhelos hin und her wälzten. Eine bedrückende Atmosphäre lag über allem.
Über eine Wendeltreppe am Rande der Galerie stieg der Wächter in den Saal hinab und blieb dort vor dem Bett eines schlafenden Greises stehen. Der hohlwangige, alte Mann wirkte blass, seine Haut so dünn wie Papier. Die Augen lagen tief in ihren Höhlen und jeder seiner Atemzüge rasselte in den kranken, schwachen Lungen.
Dippwin schluckte schwer und wandte sich der nächsten Bettstatt zu. Ein Großmütterchen, dürr und gebrechlich, wiegte sich unruhig in den Schlaf. Von Zeit zu Zeit verkrampfte sich ihr Körper im Schmerz und ein leises Ächzen kam über ihre Lippen. Doch obwohl sie mehrmals für einen Moment die Augen öffnete, schien sie ihren Beobachter nicht zu bemerken.
Die übrigen Betten zeigten Dippwin ähnliche Bilder. Überall um ihn lagen die alten und kraftlosen Menschen. Einige waren wach und warfen ihm ängstliche und hoffnungslose Blicke zu, doch keiner sagte auch nur ein Wort. Ihre Furcht war fast greifbar.
Mit erschreckender Deutlichkeit erkannte der junge Mann, dass diese Menschen im Sterben lagen. Ein jeder von ihnen war von Krankheit und Tod gezeichnet.
Auf einem der letzten Lager schlief ein Mann von dem ein besonders beißender Geruch ausging. Neben seinem Bett stand eine Krücke. Dippwin brauchte eine Weile, bis er in ihm Nepomuk wieder erkannte. Betreten blieb der Wächter vor ihm stehen und überlegte, ob er ihm auf dem Hier-gibt's-alles-Platz unrecht getan hatte.
"Es geht ihm gut", sagte eine leise Stimme in der Nähe. "Seine Leiden sind... anderer Natur." Durch die offene Tür zu einem Nachbarraum sah er Lady Cicely. Sie saß vor einem weiteren Bett und musterte Dippwin abwartend.
Langsam ging der Wächter auf sie zu und erwiderte ihren Blick. Nur wenige Meter vor ihr blieb er stehen.
"Ich habe dich bereits erwartet, Herr Bendolch", erklärte Cicely in ruhigem Ton. "Wie geht es deinem Kopf? Immer noch Schmerzen?"
Dippwin bemühte sich, seine Überraschung nicht zu zeigen. "Danke der Nachfrage, Madame. Ein leichtes Heilmittel hat mir kürzlich Linderung verschafft. Ich glaube sogar, inzwischen völlig genesen zu sein."
"Tatsächlich?"
"Ja, Madame. Ein Sud aus Weidenrinde bewirkt manchmal Wunder", erklärte Dippwin.
Für einen kurzen Moment umspielte ein Lächeln ihren Mund, bevor sie sich wieder dem einzigen Bett in dem kleinen Raum zuwandte.
"Madame, dürfte ich...", begann Dippwin, doch er wurde abrupt von Cicely unterbrochen. Schweigend hob sie einen Zeigefinger vor ihre geschlossenen Lippen und bedeutete ihm leise zu sein.
Zärtlich griff sie nach der Hand eines alten Mannes, der halb aufgerichtet in dem Bett vor ihr lag. Dippwin beobachtete, wie sich das Antlitz des Alten fast augenblicklich entspannte, als er Cicelys Berührung spürte. Die Dame an seiner Seite schien eine schwere Last von ihm zu nehmen.
Der Raum war außer dem Bett und mehreren Kerzenleuchtern beinahe leer. Lediglich in einer dunklen Ecke gegenüber der Tür stand ein einsamer Stuhl, der seltsam fehl am Platz wirkte. Er erinnerte beinahe an einen Thron und Dippwin fragte sich, für wen er wohl bestimmt war.
FÜR MICH. DIE DAME DES HAUSES IST IN DIESEN DINGEN IMMER SEHR ZUVORKOMMEND.
Mühsam richtete sich der Mann im Bett noch etwas weiter auf. Er wirkte verunsichert. Lady Cicely beugte sich zu ihm vornüber, legte vorsichtig einen Arm um seine Schultern und sprach leise einige Worte mit ihm, die Dippwin nicht hören konnte. Erleichtert sank er in seine Kissen zurück. Er machte einen gefassten Eindruck. Langsam schlossen sich seine Augen und nach einer Weile glaubte der junge Wächter, der Mann sei bereits entschlafen...
NEIN, NOCH NICHT.
... doch am Ende blickte er noch einmal kurz auf und lächelte ein letztes Mal für Cicely. Dippwin meinte die Dankbarkeit des Sterbenden für die mysteriöse Dame, die bis zuletzt an seiner Seite geblieben war, spüren zu können. Als das Leben schließlich seinen Körper verließ, zeigten sich in seinem Gesicht nur noch friedliche Züge. Keine Spur von Angst oder Ungewissheit.
ES IST VORÜBER.
"Es ist vorüber", flüsterte Cicely.
Im Gedenken an den Verstorbenen verweilte sie noch einige Minuten neben dem Totenbett. Dippwin empfand eine merkwürdige Beklommenheit und das Atmen fiel ihm schwer. Obwohl er den alten Mann nicht gekannt hatte, ja nicht einmal zu sagen vermochte, wie er hieß, fühlte er sich seltsam ergriffen. Unbehaglich trat er von einem Fuß auf den anderen und schluckte mühsam, um die Enge in seinem Hals zu vertreiben.
Schließlich erhob sich Cicely und wandte sich wieder dem Wächter zu. Zu Dippwins Verwirrung war ihr jedoch keine Trauer oder Betroffenheit anzusehen. Stattdessen wirkte sie nur ein wenig müde, wie nach einem Tag langer und anstrengender Arbeit. Gleichzeitig strahlte sie aber auch auf eine bescheidene Weise etwas Zufriedenheit aus. Vielleicht einen Hauch von... Wehmut?
Sie deutete Dippwins fragenden Blick richtig und schenkte ihm ein ehrlich gemeintes Lächeln.
"Du musst es noch nicht verstehen, junger Mann."
Gemeinsam verließen sie das kleine Zimmer und durchquerten den großen Saal dahinter. Cicely führte ihn zu einer abgelegenen, kleinen Stube, wo sie ihm einen Stuhl anbot und eine Kanne dampfenden Tees von einem kleinen Feuer nahm. Während sich Dippwin setzte, schenkte sie zwei Becher ein und nahm anschließend neben dem Wächter Platz.
"Also, was möchtest du wissen, Herr Bendolch?"
Mit einem dankbaren Nicken nahm Dippwin den ihm dargereichten Tee und überlegte angestrengt, wie er beginnen sollte.
"Was bedeutet... warum ist...", stammelte er mit brüchiger Stimme, bevor er wieder verstummte.
"Hast du mit dem gerechnet, was du gesehen hast?" fragte Cicely einfühlsam.
Entschieden schüttelte Dippwin den Kopf. "Nein... ich meine, vielleicht. Ich glaubte, eine Art Obdach für Kranke oder Hilfsbedürftige vorzufinden. Die Kräuter die sie gekauft haben, Madame. Ich nahm an, sie würden als Heilerin arbeiten."
"Beinahe richtig! Ich versuche, den Menschen zu helfen und tatsächlich gebe ich den Kranken und Alten für kurze Zeit eine Art Heim. Nur heilen kann ich sie nicht."
Cicely sah den Wächter aus ernsten Augen an. Aus der Nähe konnte er die tiefe Müdigkeit erkennen, die von ihr Besitz ergriffen hatte. "Zu mir kommen nur die Sterbenden, Dippwin Bendolch. Ich lerne sie erst kennen, wenn für sie bereits keine Hoffnung mehr besteht. Nur die letzten Tage ihres Lebens verbringen sie in meiner Obhut."
Nach einem Schluck aus ihrer Tasse fuhr sie mit einem in die Ferne gerichteten Blick fort. "Ich versuche, ihrem Abschied von dieser Welt den Schrecken zu nehmen, ihnen einen würdiges Ende zu gewähren. Aber es ist nicht immer einfach, weißt du? Einige von ihnen haben keine Angehörigen mehr und fürchten die Einsamkeit. Viele leiden unter fürchterlichen Schmerzen. Kaum einer mag sich mit seinem Schicksal abfinden und beinahe allen ist die lähmende Angst vor dem Tod gemeinsam."
Dippwin betrachtete die Dame mit wachsender Beklemmung. Die Vorstellung, von ausschließlich sterbenden Menschen umgeben zu sein, ließ ihn frösteln. Was mochte diese Frau dazu bewegen, einer solchen Aufgabe nachzugehen?
Cicely musterte den Wächter, der nervös den Becher in seinen Händen hin und her drehte. Offensichtlich vermied er es, ihrem Blick zu begegnen.
"Oh, es muss dir nicht unangenehm sein, Herr Bendolch. Ich habe mich aus freien Stücken für dieses Leben entschieden. Es ist meine Berufung."
Dippwins Unbehagen war ihr aus zahlreichen ähnlichen Begegnungen vertraut. Das betretene Schweigen, die Unsicherheit wie man mit ihr umgehen sollte, die Unfähigkeit ihr in die Augen zu sehen. Nachsichtig legte sie in eine Hand auf seinen Arm und seufzte leise.
"Es gibt niemanden außer mir, der sich ihrer annehmen würde. Ich fühle mich diesen Menschen verpflichtet, verstehst du? Der Mann, der vor wenigen Minuten verstorben ist, - sein Name war Wolfram -, wurde vor wenigen Wochen zu mir gebracht. Er hatte niemanden mehr im Leben, war schwer krank und schier wahnsinnig vor Furcht. Trotzdem konnte er zuletzt mit einem Lächeln von uns gehen. Er hatte seinen Frieden mit der Welt gemacht. Jeder einzelne, dem ich auf diese Weise bei seinem letzten und schwersten Gang zu helfen vermag, rechtfertigt die Existenz dieses Hauses."
Erschöpft lehnte sich Cicely zurück und nahm einen Schluck von ihrem Tee.
Dippwin sah sie mit zunehmender Bewunderung an, obwohl er noch verarbeiten musste, was sie ihm alles gesagt hatte. Nach wie vor gab es so viele Ungereimtheiten...
"Warum passiert das alles im Verborgenen, Madame?" fragte er und konnte ein gewisses Misstrauen nicht verbergen.
"Nun, viele Menschen wollen nicht verstehen, was ich tue. Sie glauben, dass die tägliche Konfrontation mit dem Tod etwas Unnatürliches, etwas Böses in sich selbst darstellt."
"Aber das kann doch nicht der einzige Grund sein?" hakte Dippwin skeptisch nach. "Es gibt selbst eine Vereinigung für Beschwörer in dieser Stadt. Diebe und Mörder gehen unbehelligt durch die Straßen und führen dabei nachweislich nichts Gutes im Schilde. Warum verstecken sie sich trotzdem vor der Öffentlichkeit?"
Lady Cicely war ihr Unbehagen anzumerken. "Ich kann... Es ist nicht leicht, dieses Heim zu führen. Viele meiner... Besucher besitzen kaum Geld und ich würde niemals eine Bezahlung für meine Hilfe einfordern. Dennoch benötige ich bestimmte Mittel, um Medikamente und Nahrungsvorräte zu bezahlen. Daher bin ich auf die Hilfe von... Freunden angewiesen."
"Die nächtlichen Lieferungen mit dem Wagen von Paul König", folgerte Dippwin.
"Richtig. Ein Fahrer von König ist nahezu ständig für mich da. Er transportiert alle möglichen Dinge, die ich benötige. Unter anderem auch alle Lebensmittel. Ich bin ihm sehr dankbar."
"Aber der Mann den er vor einigen Wochen verschleppt hat...", überlegte der Wächter laut.
"Das war Wolfram. Er war bereits zu schwach, um selbst zu mir zu kommen. Ein... Freund hörte von seinem Schicksal, benachrichtigte mich und schließlich brachte man ihn in jener Nacht zu mir."
"Diese Freunde... es ist Unterstützung von den Gilden, oder?"
"Die Gilden? Warum sollten sie mir helfen? Nur weil ich gelegentlich einem alten Gildenbruder während seiner letzten Tage beistehe? Wohl kaum." Cicelys Mimik verhärtete sich, als hadere sie mit der Selbstgefälligkeit der Gilden in Ankh-Morpork. Aber Dippwin war nicht vollends von ihrer Aufrichtigkeit überzeugt. War sie tatsächlich ganz ehrlich zu ihm?
"Wer könnte ihnen wohl sonst in einem solchen Umfang helfen, Madame? Ein gewöhnlicher Freund von der Straße kommt dafür nicht in Frage."
Einen Moment zögerte Cicely. Ihr Blick glitt an die Decke, als suche sie dort die Wahrheit. "Meine Freunde sitzen in einflussreichen Positionen. Sie haben... gewisse Möglichkeiten."
Dippwin nickte. "Auf diese Weise sind sie auch in den Besitz dieses Anwesens geraten, nicht wahr? Ihre Bekannten helfen ihnen, indem sie sich selbst hart am Rande der Legalität bewegen. Ich meine, man spricht in diesem Zusammenhang auch von Veruntreuung."
Nun war es an Cicely, den Wächter besorgt anzusehen. "Und was wirst du jetzt tun, Herr Bendolch?"
Dippwin machte eine hilflose Geste. "Veruntreuung, Unterschlagung, in manchen Fällen vielleicht einfacher Diebstahl... die Liste ließe sich vermutlich beliebig fortsetzen. Mir sind die Hände gebunden, Lady Cicely. Die 'Durchführungsbestimmungen zur Besonderen Wachvorschrift der Stadtwache von Ankh-Morpork' sind eindeutig. Vor dem Gesetz sind alle gleich. Ein Unterscheidung zwischen guten und bösen Absichten existiert nicht."
Die Dame nickte wenig überrascht.
"Allerdings", fuhr Dippwin nachdenklich fort, "sind sie selbst ja nicht für diese Verbrechen verantwortlich. Sie profitieren nur von der Großzügigkeit einiger... zwielichter Gestalten."
Für einen Moment sahen sich die beiden schweigend an, bevor Dippwin in scheinbar kritischem Ton Cicelys Verhältnis zu ihren Helfershelfern hinterfragte.
"Vermutlich kennen sie diese... Verbrecher gar nicht persönlich, oder? Ihre Namen oder Herkunft?"
"Nein?" erwiderte Cicely unsicher.
"Sie können mir also augenscheinlich nicht bei meinen Ermittlungen helfen?"
Zögerlich schüttelte die Dame den Kopf.
"Tja, das dachte ich mir. Unter diesen Umständen werde ich wohl andernorts nach weiteren Hinweisen suchen müssen. Wahrscheinlich stehen mir langwierige Nachforschungen bevor."
Die Erleichterung war Cicely anzumerken. Großzügig schenkte sie Tee nach und reichte Dippwin mit einem Lächeln eine kleine Dose mit Zucker. Nachdem die wichtigsten Fragen zwischen ihnen geklärt schienen, unterhielten sie sich noch eine ganze Weile über Cicelys Arbeit.
Schließlich verabschiedete sich Dippwin. Die Dame des Hauses begleitete ihn durch den großen Saal zur Tür. Vor dem Bett von Nepomuk blieb der Wächter für einen Moment stehen und betrachtete den schlafenden Krüppel. "Was meinten sie vorhin damit, seine Leiden wären anderer Natur, Madame?"
Lady Cicely zögerte einen Augenblick ehe sie antwortete. "Nun... Nepomuk ist nicht körperlich krank, wie meine übrigen Gäste. Er ist vielmehr... einsam. Er taucht alle paar Wochen auf und bleibt meist nur für eine Nacht. Er sucht etwas Gesellschaft und ist froh, wenn ihm jemand ein paar Minuten bei seinen Geschichten zuhört." Mit einem kleinen Schmunzeln fuhr sie fort. "Ich halte ihn für einen medizinisch bewanderten Wehleidigen, der nur nach etwas Aufmerksamkeit heischt und die gewähre ich ihm gern."
Abschätzend neigte Dippwin seinen Kopf etwas zur Seite. "Ob sie wohl ein Stück Seife für ihn erübrigen könnten, Madame?"
"Er bekommt jedes Mal eines, wenn er den Weg zu mir findet."
"Aber er benutzt es nicht, oder?"
"Nein. Er sagt, die alkalische Substanz zerfresse den Säuremantel seiner Haut und... nun die Folgen die er beschreibt, möchte ich lieber nicht wiedergeben."
"Er würde sicher daran sterben."
"Auf ziemlich schmerzhafte Weise, ja", antwortete Cicely verschmitzt.
Schweigend gingen sie zur Tür. Als Dippwin in die Nacht hinaustrat und sich noch einmal zu Lady Cicely umdrehte, fiel sein Blick wieder auf die seltsame Inschrift über dem Eingang. Er wusste jetzt, dass er sie von Beginn an falsch übersetzt hatte.
Nach einem Moment holte er einen Kohlestift hervor und ergänzte den fehlenden Halbsatz, der nicht mehr zu lesen war:

HEU DOLOR QUAM MISER EST,
QUI IN TORMENTO VOCEM NON HABET.

Ach wie groß ist der Schmerz,
der selbst unter Qualen noch stumm bleibt.


Schließlich verneigte er sich leicht vor der Dame. "Es hat mich gefreut, sie kennenzulernen, Madame."
"Vielleicht sehen wir uns einmal wieder, Dippwin Bendolch. Bis dahin, leb wohl."

***


"Wir haben Nachricht erhalten, dass sich die Situation... entspannt hat."
"Mein Herr hat Gegenteiliges vernommen. Es heißt, der Wächter wisse um die Vorgänge in der Kurvigen Allee."
Ein leises Murren erhob sich. Offensichtlich hatte der Jüngste in ihrem Kreis noch immer nicht gelernt, sich zu mäßigen.
"Es besteht kein Problem", äußerte der leise Redner. "Lady Cicely konnte sich mit dem Mann arrangieren. Weitere Störungen wird es daher nicht geben."
"Aber wie viel weiß der Kerl?" verlangte der Jüngling zu wissen. "Wenn mein Herr die Anonymität seiner Gilde gefährdet sieht, wird er sich aus dem Bund zurückziehen."
Einige der Anwesenden verdrehten echauffiert die Augen. Auf diese Weise würde der junge Redner nicht lange in ihren Reihen überleben. Niemand durfte leichtfertig die Gedanken und Pläne seines Meisters preisgeben.
Ein älterer Mann wandte sich in stoischer Gelassenheit an den unerfahrenen Laien und schenkte ihm einen tadelnden, beinahe schulmeisterlichen Blick. "Junger Freund, du bist dir selbstverständlich der Tatsache bewusst, dass es keinen Bund gibt, richtig?"
Der Angesprochene blickte irritiert in die Runde.
"Gleichermaßen", fuhr die Stimme der Vernunft fort, "wissen wir von keinen Vorfällen in der... wie nanntest du die Straße doch gleich?"
"Kurvi...", wollte der Junge antworten, hielt jedoch sofort inne, als er den Blick seines Gegenübers sah. "Oh..."
"Genau! Auf einer rein hypothetischen Ebene sind wir alle mit dem Umstand vertraut, dass Investitionen unserer Herren in ein Unternehmen, welches keinen Profit abwirft, im höchsten Maße unwirtschaftlich wären. Derlei Verhalten würde ihrem Ruf schaden, das Ansehen ihrer Gilde gefährden und nicht zuletzt auf das Unverständnis der eigenen Gefolgsleute stoßen, die für jeden Pfennig schwer arbeiten müssen."
Der Jüngling machte inzwischen einen ziemlich verlegenen Eindruck.
"Hinzu kommt", ergänzte der Stille in gefährlichem Ton, "dass unsere Herren nicht auf Grund karitativer Interessen in ihre jetzigen Positionen gelangten. Gerüchte über derlei Verhalten gilt es zu unterbinden. Man würde sie als Schwäche interpretieren. Unsere Meister wären auf einmal angreifbar. Aber natürlich sind dies rein fiktive Überlegungen."
"Natürlich", bestätigte ein anderer.
"Rein fiktiv."
"Nur ein Gedankenspiel."
Ein schüchternes Nicken des jungen Mannes deutete an, dass auch er diesen Ansichten beizupflichten, bereit war. Die Zeit würde zeigen, ob er wirklich verstanden hatte.

***


"Das ist alles?" fragte Fähnrich Picardo aufgebracht und blätterte erneut durch den dünnen Bericht, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag.
"Ja, Sir."
"Eine gewisse Lady Cicely", las der Fähnrich laut vor. "Freundliche aber introvertierte Dame, die zu einem exzentrischen Lebenswandel neigt. Was soll das heißen, Bendolch?"
"Sir, die zu observierende Person lebt zurückgezogen in einem baufälligen Gebäude. Die meisten Menschen würden sie als... seltsame, alte Vettel bezeichnen."
"Vettel?"
Verlegen räusperte sich Dippwin, während Picardo unzufrieden die nächste Seite des Berichts zu Rate zog.
"Ursprung und Umfang ihres Vermögens sind nicht näher bekannt. Es ist aber davon auszugehen, dass sie über ausreichende Werte verfügt, um ihr einfaches Leben zu finanzieren", zitierte der Fähnrich mürrisch und warf den Bericht anschließend auf den Schreibtisch. "Was soll ich damit anfangen, Bendolch?"
"Sir?" fragte der Gefreite verständnislos.
"Soll ich dich dafür etwa zum Moloss ernennen?"
Dippwin zog es vor, nicht zu antworten.
"Was ist mit diesen Kräutern die sie auf dem Hier-gibt's-alles-Platz gekauft hat? Du hast sie in deinem letzten Rapport erwähnt. Bilsenrinde oder irgend so ein Gewächs."
"Weidenrinde und Bilsenkraut, Sir. Beide Pflanzen werden von Ärzten zur Schmerzlinderung eingesetzt. Die Extrakte des Bilsenkrautes haben darüber hinaus auch eine krampflösende und leicht halluzinogene Wirkung."
"Aha!" triumphierte Picardo. "Also haben wir es mit einer Drogenmischerin zu tun."
Überrascht hob der Gefreite eine Augenbraue. Für einen Moment schien er die Mutmaßung seines Abteilungsleiters zu bedenken. "Sir, bitte vergessen sie dabei nicht, dass Lady Cicely eine ältere Dame ist. Es gibt keinerlei Indizien, die Anlass gäben, ein Verbrechen zu vermuten."
"Das überzeugt mich nicht, Bendolch", sagte der Fähnrich mit gerümpfter Nase.
Skeptisch musterte er den Gefreiten, ließ es dann aber dabei bewenden. Aus einer Schublade seines Tisches zog ein weiteres Schreiben hervor. "Es gibt da noch etwas anderes, Bendolch. Eine Dienstaufsichtsbeschwerde von Leutnant Mückensturm. Er teilt mir mit, du habest vorsätzlich und wieder besseren Wissens auf das Tragen einer Dienstwaffe verzichtet und dadurch eine Gefährdung der Allgemeinheit billigend in Kauf genommen. Kannst du mir das erklären?"
"Wie bitte?" fragte Dippwin entsetzt.
"Nun, hast du bei deinen Ermittlungen eine Waffe bei dir gehabt oder nicht?"
"Nein, Sir... aber ich... warum hätte ich denn..."
Picardo war überrascht. Offensichtlich hatte er einen wunden Punkt bei Bendolch getroffen. Der Gefreite wirkte verlegen und schien beinahe verzweifelt um eine Erklärung zu ringen.
"Was ist es, Bendolch? Warum willst du keine Waffe tragen?"
Einen Moment wand sich Dippwin noch. Aber schließlich konnte er dem durchdringenden Blick von Picardo nichts mehr entgegensetzen.
"Weil... weil ich vielleicht gezwungen wäre, sie zu benutzen, Sir."
"Aber dafür sind Waffen nun einmal da."
"Ja, ich weiß, Sir."
Verwirrt betrachtete der Fähnrich seinen angehenden Moloss. Wie sollte er damit umgehen? Ein Wächter, der keine Waffen tragen wollte. Für den Augenblick wusste er keine Lösung, aber er würde diese Situation im Auge behalten müssen.
"Nun gut", wandte er sich schließlich an Bendolch. "Ich glaube, deine Ausführungen zu diesem Fall genügen fürs Erste. Du kannst dich abmelden."
"Jawohl, Sir." Dippwin machte einen gebrochenen Eindruck. Die Sache mit der Waffe machte ihm schwer zu schaffen. Mit gesenktem Kopf trat er an den Schreibtisch des Abteilungsleiters und kramte einige Dinge aus seinen Taschen hervor, die er vor dem Fähnrich ablegte.
"Was hat das zu bedeuten?" fragte Picardo unsicher.
"Die Gegenstände die ich während der Ermittlungen zu kaufen gezwungen war. Ich habe die Erstattung der entstandenen Kosten in meinem Bericht beantragt und übergebe sie daher ordnungsgemäß an sie, Sir."
Ohne noch auf seinen Vorgesetzten zu achten, drehte sich Dippwin um und ging zur Tür. Neugierig untersuchte Picardo die Utensilien vor sich. In einigen kleinen Beuteln fand er verschiedene Chemikalien. Kohle, Schwefel und irgendein anderes Pulver. Daneben lag ein unförmiges Werkzeug.
"Was ist das denn?" rief er dem Gefreiten hinterher und hielt dabei das seltsame Objekt in die Höhe.
Dippwin blieb vor der offenen Tür noch einmal stehen. "Ein Kerbschnitzbeitel, Sir", sagte er emotionslos.
"Was?"
"Ein Kerbschnitzbeitel mit Birnenheft, Sir. Aus echtem Zedernholz."
"Ja, aber wozu braucht man so etwas?"
"Ich weiß es nicht, Sir", antwortete der Gefreite, verließ das Büro und zog leise die Tür hinter sich zu.
Mit einem leisen Seufzer legte Picardo den Beitel zur Seite und fuhr sich ein wenig ratlos durch die Haare. Er wusste, dass Bendolch ihm wichtige Erkenntnisse vorenthielt, dass er Cicely schützte. Tatsächlich hatte der Fähnrich ein sehr genaues Bild davon, was der Gefreite in den vergangenen Tagen alles in Erfahrung gebracht hatte. Zugegeben, Bendolch hatte etwas länger für seine Ermittlungen benötigt, als erhofft und dabei auch für einige Unruhe gesorgt. Aber insgesamt konnte man doch ganz zufrieden mit seinem Vorgehen sein.
In Gedanken versunken ging Picardo hinüber zu seinem Bett und schlug die Decke zurück. Darunter kam eine Krücke zum Vorschein, eine zottelige Perücke mit einem ebensolchen Bart und schließlich Nepomuks löchriger Mantel, von dem ein ausgesprochen unangenehmer Geruch ausging.
Nachdem Bendolch seine Ermittlungen abgeschlossen hatte, würde er die Verkleidung wohl für längere Zeit nicht mehr benötigen. Den echten Nepomuk hatte er vor vielen Jahren kennen gelernt, als er selbst noch als Baderchirurg durch die Lande gezogen war. An fast jedem Tag war der seltsame Kauz mit neuen Beschwerden bei ihm aufgetaucht und hatte seinen baldigen Tod prognostiziert. Als Picardo ihn zum letzten Mal sah, war er 87 Jahre alt und erfreute sich noch immer bester Gesundheit. Im Laufe der Zeit hatte der Fähnrich den eigenartigen Sonderling beinahe lieb gewonnen.
Wann ihm die Idee in den Sinn gekommen war, sich als Nepomuk auszugeben, das unbeschreibliche Auftreten des Krüppels als Tarnung zu nutzen, konnte Picardo inzwischen nicht mehr sagen. Aber hin und wieder kramte er die abstoßende Verkleidung hervor und mischte sich damit unter die Leute. Niemand wurde in Gegenwart Nepomuks misstrauisch, wenngleich ihm regelmäßig eine gewisse Antipathie entgegen schlug.
Auf diese Weise hatte er auch zum ersten Mal von Lady Cicelys Haus erfahren. Zunächst war er einigen Gerüchten nachgegangen, hatte sich inkognito bei der Gilde der Bettler umgehört und war schließlich einer Reihe von Spuren bis zu ihrem Anwesen gefolgt. Die Arbeit der Dame beeindruckte Picardo damals wie heute und faszinierte ihn auf Grund seines medizinischen Interesses nur um so mehr.
Er wollte vermeiden, dass Bendolch irgendwann durch Zufall hinter Cicelys Geheimnis käme und ihr Werk damit in Gefahr brächte. Daher bot es sich an, ihn ganz bewusst auf die ehrenwerte Dame anzusetzen, wobei ein Eingreifen von Picardo jederzeit möglich gewesen wäre.
Aber dann hatte sich die Lage ganz anders entwickelt. Bendolch hatte das Rätsel in der Kurvigen Allee tatsächlich gelüftet, wenn auch nicht ganz nach der Vorstellung des Fähnrichs. Er hatte dabei den Verstand eines Wächters unter Beweis gestellt und das wusste Picardo durchaus zu würdigen. Darüber hinaus war Bendolch sogar bereit, über all seine Erkenntnisse Stillschweigen zu bewahren, um eine Sache, von der er überzeugt war, zu schützen. Dies erforderte nicht nur Verstand sondern vor allem Herz. Eine Eigenschaft die Picardo noch viel mehr an seinem angehenden Moloss schätzte.
Aber gleichzeitig verheimlichte der Gefreite seinem eigenen Abteilungsleiter auch wichtige Ermittlungsergebnisse. Offenkundig hatte Bendolch kein Vertrauen zu ihm. Die Ironie an der Sache stieß Picardo unangenehm auf. Immer wieder hatte er davor gewarnt, jemandem leichtfertig zu trauen und ausgerechnet er selbst war die erste Person, bei der Bendolch diese Regel vollends beherzigte. Es war zum Haare raufen.
Ordentlich verstaute er die einzelnen Teile seiner Verkleidung in einer kleinen Truhe, die er anschließend unter sein Bett schob. Für den Moment hatte Nepomuk gute Dienste geleistet. Sollte Ankh-Morpork ruhig einige Zeit auf ihn verzichten, bis Bendolch vielleicht wieder einmal die Hilfe des alten Krüppels benötigte.

***


Als Dippwin das Boucherie verließ, warteten Chi Petto und Emily bereits auf ihn.
"Und? Wie ist es dil elgangen?" fragte der Achatene, während Emily aufgeregt vor ihm umher hüpfte.
"Mmh", antwortete der junge Mann knapp und machte ein unglückliches Gesicht.
"Welches Ploblem hast du, mein jungel Fleund? Ist Picaldo nicht zuflieden mit dil?"
"Ich weiß es nicht, Chi Petto. Es ist einiges schief gegangen."
"Oh..."
Gemeinsam gingen die zwei Männer ohne bestimmtes Ziel die Straße hinunter. Emily tippelte mit kleinen, schnellen Schritten neben ihnen her.
"Mein Bericht hat ihm nicht gefallen", sagte Dippwin schließlich.
Chi Petto nickte verständnisvoll.
"Und dann die Sache, dass ich keine Waffe trage. Ich glaube, er versteht es nicht."
Wieder nickte der Alte nur. Aber Emily sprang mit einem Satz auf den Arm des Puppenspielers und reichte Dippwin hilfsbereit ein ziemlich langes Messer.
"Nein, ich glaube das hilft mir nicht weiter, Chi Petto. Aber trotzdem Danke."
Enttäuscht ließ die Marionette die scharfe Klinge wieder verschwinden.
Eine zeitlang liefen die Männer schweigend nebeneinander her. Dippwin hing seinen Gedanken nach und achtete kaum auf seine Umgebung. Schließlich wandte er sich nachdenklich an seinen Freund.
"Sag mal, glaubst du ein Prokurist könne seinem Gildenoberhaupt langfristig verheimlichen, wofür er die Gelder der Gilde im Einzelnen verwendet?"
"Was ist ein Plokulist?"
"Eine Art Bevollmächtigter. Er verwaltet meistens die Ein- und Ausgaben einer Gilde."
Chi Petto zuckte mit den Schultern.
"Oder kannst du dir vorstellen, dass es der König Vom Goldenen Fluss längere Zeit nicht bemerkt, wenn eines seiner Fahrzeuge regelmäßig nachts unterwegs ist?"
"Del König? Ich dachte, es gäbe nul einen Patliziel in del Stadt."
"Ich kann es nämlich nicht", fuhr Dippwin fort, ohne auf Chi Pettos Einwand zu achten.
"Also wilklich, das ist eine vellückte Stadt!"
"Ich darf niemandem vertrauen. Das hat er immer wieder gesagt!"
Urplötzlich blieb Dippwin stehen und schlug sich gegen die Stirn. "Sie hat mich angelogen!"
"Wel?"
"Cicely! Natürlich hat sie mit den Gilden zu tun, nur soll aus irgendeinem Grund niemand davon erfahren."
"Geht es dil gut, Dippwin?"
"Aber ja!" antwortete der junge Mann deutlich besser gelaunt, als noch vor wenigen Sekunden. Beschwingten Schrittes ging er weiter und Chi Petto musste sich beeilen, um den Anschluss nicht zu verlieren.
Es gäbe kein Gut und Böse, hatte Picardo behauptet. Die Stadt ließe sich nicht aufteilen in Schwarz und Weiß, alles sei ein eintöniges, dunkles Grau. Aus einer bestimmten Perspektive mochte er sogar recht haben. Auf den ersten Blick wirkte tatsächlich alles an Ankh-Morpork dreckig und verderbt. Aber wenn man sich die Zeit nahm und die einzelnen Menschen aus der Nähe betrachtete, zeigten sich plötzlich weiße Flecken auf ihren Seelen, die das triste Grau durchbrachen. In vielen von ihnen steckte etwas Gutes. Selbst unter den Gilden und ihren Oberhäuptern, so hatte es zumindest den Anschein, gab es ein vereinzeltes Aufblitzen von Menschlichkeit.
"Kannst du mil vielleicht einmal vellaten, was mit dil los ist?"
"Es sind die vielen kleinen weißen Flecken, verstehst du?"
"Nein!" antwortete Chi Petto mit einem bestürzten Blick.
"Und so lange es diese Flecken gibt, lohnt es sich auch weiter für sie zu kämpfen."
Schnell zückte Emily wieder ihr Messer.
"In metaphorischer Hinsicht, natürlich", ergänzte Dippwin zufrieden, tätschelte der Marionette den Kopf und ging weiter.
Erschüttert blieb Chi Petto stehen. "Jetzt ist es so weit, Emily. El hat vollkommen den Velstand vellolen!"
Betrübt nickte die kleine Puppe.
"Na gut, Emily. Lass uns sehen, ob wil vielleicht noch etwas fül den almen Illen tun können."


- ENDE -




***


ERLÄUTERNDE SENTENZEN
FÜR DEN VIELSEITIG INTERESSIERTEN LESER


Ein Kerbschnitzbeitel ist ein Werkzeug zur Holzbearbeitung. Es besitzt gewöhnlich einen Griff aus Holz und eine Klinge aus gehärtetem Stahl. Die quer zum Griff geschliffene Schneidfläche kann in der Form zwischen flach, rund und v-fömig variieren.
Im Gegensatz zu Stechbeiteln werden Schnitzbeitel häufig nicht mit einem Hammer in das Holz getrieben, sondern nur durch die Kraft des Handwerkers. Das Birnenheft ermöglicht präzises und einfaches Arbeiten, da die Kraft aus dem Handballen heraus übertragen wird und daher besonders feine Schnitzarbeiten ermöglicht.

Die Rinde der Weide enthält neben Gerbstoffen einen Bestandteil namens Salicin. Dieses wird im Körper zu Salicylsäure umgewandelt und wirkt fiebersenkend, schmerzlindernd und antirheumatisch. Tee aus getrockneter Weidenrinde enthält den Grundstoff des Medikaments Aspirin.
Das Schwarze Bilsenkraut wird auch "Hexenkraut" genannt. In der Volksheilkunde wurde die narkotische und halluzinogen wirkende Giftpflanze als krampflösendes Medikament und als Räuchermittel bei Asthma eingesetzt. Darüber hinaus wird Bilsenkraut in einigen Quellen auch als ein Zusatzstoff des bekannten Laudanums genannt, welches im Wesentlichen aus Alkohol und Opium bestand.

Am 14. Juli 2005 verschied in London eine Dame namens Cicely Saunders im Alter von 87 Jahren. In ihrem Leben war sie als Ärztin, Sozialarbeiterin und Krankenschwester tätig. 1967 wurde von ihr im Südosten Londons eines der ersten Hospize weltweit eröffnet. Sie gilt als Begründerin der modernen Hospizbewegung und trug ihre Überzeugung, dass es möglich ist, die letzten Tage eines Menschen angenehm zu gestalten, in die Welt. Sterben war für sie die Chance, Freunden und Familie noch einmal Danke zu sagen.
Die Entwicklung der Hospize unserer Zeit ist ganz wesentlich ihr zu verdanken. Weltweit existieren heute über 8.000 Einrichtungen, die nach ihrem Vorbild geführt werden.

***





[1] Bereits in seiner Grundausbildung hatte Dippwin die Erfahrung gemacht, dass man beim ungebremsten Zusammenprall mit einer Wand, - selbst beim Tragen eines Helms -, regelmäßig den Kürzeren zog. Siehe 'Eine Vorführung vorzuführen' von Dippwin Damo Felabro Bendolch.

[2] Instinkte sind wie Reflexe, - nur viel langsamer. Aus diesem Grund hören intelligentere Lebensformen in Momenten besonderer Gefahr oder Anspannung auch auf letztere, um ein verzugsloses Reagieren des Organismus zu ermöglichen. Allein dieser Umstand sagt bereits sehr viel über die besonderen, geistigen Fähigkeiten des Trolls aus.

[3] Dippwin war ein echtes Kind der Stadt und sich daher über eine Sache vollkommen im Klaren. Ein törichter Vogel, der in Ankh-Morpork deutlich früher als seine Kollegen aufstand, wurde nicht etwa mit den fettesten Würmern belohnt, sondern seinerseits, - ohne den Schutz des Schwarms -, von Wasserspeiern gefressen, denn die gingen regelmäßig gar nicht erst zu Bett.

[4] Anwälte im Allgemeinen gehören zu den wenigen Menschen, die selbst einen Dämon aus dem flammenden Schlund der Niederhölle ohne Vorbereitungszeit schwindlig reden können. Unbestätigten Quellen zufolge mochte Schnittgut im Speziellen sogar die Gabe besitzen, einem ebensolchen Dämon zu beweisen, dass die Temperatur in seiner Heimstadt, - gelinde gesagt -, nur als fröstelnd bezeichnet werden könne, - ja wirklich. Siehe auch 'Jenseits von Recht und Gesetz' von Dippwin Damo Felabro Bendolch.




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Feedback:

Von Tussnelda von Grantick

23.02.2006 11:02

Also erstmal: Glückwunsch zu dem Ribbon! Himmel, Du sammelst die ja geradezu;-)

Dann: Ausnahmsweise habe ich Deine Single ausgedruckt, sie hat mir während vieler Zigaretten viel Freude bereitet:-) Insbesondere liebe ich Deinen Wortreichtum, die treffende Darstellung der Figuren anderer, bzw. der Nebenfiguren, die lebendigen Dialoge und Deine hübschen, bunten Bilder.
Eine einzige Szene hat mir nicht gepasst: Nämlich die in der Anwaltsgilde. Erstens kann ich mir nicht vorstellen, dass der Gerade-Mal-So-Gefreite der stellv. Abteilerin in Beziehung Gilden und Umgang mit eben diesen was vormachen kann. Auch nicht, wenn er mal bei der Alchemistengilde war. Insofern fand ich die "Demaskierung des Azubi" nicht so wunderbar. Dann hat mich der flatternde Zettel gestört, der ja rein logisch (wenn überhaupt) schon an der richtigen Stelle im Buch liegen sollte. Sprich: Er hätte schon Dippwin auffallen müssen.

Sehr gut fand ich den überraschend Ausgang der Szene, in der Du Mückensturm einführtest. Du hattest mich für einen Moment auf die falsche Fährte gelockt;-) Ingesamt ist Dir das mit der Geschichte sowieso gelungen, eine Weile lang dachte ich die hohen Offiziere verfolgen einen perfiden Racheplan an Dir*gg*. Erst als Dippwin tatsächlich das Haus betrat, wurde mir klar - Nein, nein, Tussi das muss ein Altersheim sein.

Alle figuren sind sehr schön miteinadner abkomponiert, jeder hat sienen Platz, seine Stelle, seine Enleitung, seine Berechtigung.

Wahrlich, Kanten hat Dippwin wieder nicht. Er bleibt einfach ein netter Kerl, der seinen Job tut, ohne zu rasten und zu ruhen.

Von Ruppert von Himmelfleck

23.02.2006 12:03

Also erst mal das Positive:
Die Geschichte ist sehr gut geschrieben (Stil, Rechtschreibung, Handlungsablauf ist stimmig) da kann ich mir ein Scheibchen abschneiden (wenn mir jemand erklärt wie das geht). Die Szene mit dem rosa Himmelbett könnte ein Kabinettstückchen der Stadtwache werden.

Aber, ich kann es nicht anders sagen, irgendwie fand ich die Geschichte, nein nicht langweilig, aber ... es hat sich gezogen mit noch einer Nebenhandlung und noch einer ... Der Plot wäre ohne das ständige verstohlene Grinsen von Picardo vielleicht spannender geworden. Das hat mir zuviel von der Harmlosigkeit des Falles vorweg verraten.

Wenn Tussnelda schreibt, dass Dippwin keine Kanten hat, dann ist es das vielleicht was mich an ihm stört. Er ist mir irgendwie zu ... unreal.

[i:1e9fb27376]*grübelt, ob das jetzt wieder einer versteht?*[/i:1e9fb27376]

Von Alice

23.02.2006 12:39

mich hat die single einfach vom fleck weg begeistert.

Stimme den oben genannten Punkten: Anwaltsgilde und Robins grinsen zu, beim lesen hats mich allerdings nciht wirklich gestört.

mit dem "sauberen" charaktter hab ich überhaupt keine probleme, ich find den stimmig .. muss aber dazu sagen es war die erste single die ich von dir gelesen habe.
ach ja: und herlzivhen glückwunsch ;)

Von Robin Picardo

23.02.2006 12:51

Meine Kritik hat Dippwin per Mail bekommen.
Nur eines sei gesagt:
Jeder lege diese Single neben seine eigene....oder betrachte, was einem manchmal "zugemutet" wird zu lesen...
und dann gehe jeder tief in sich und überlegt ob er dies auch so gut hinbekommt.
Und dann schau er/sie die Endbewertung an...

Nur kurz, damit es ned heißt...er sagt nichts zur SIngle und wir wollen ned dumm sterben:
Die Single gehört für mich zu einen der Glanz- und Schmuckstückchen der Wache.
Es gibt mE nichts was besser gemacht werden könnte...es war für ne AusbSingle ned zu viel und ned zu wenig Fall...er hat ned die Welt gerettet, aber auch nicht "nichts" gemacht...
Er hat auch die Leute der coolen (wenn auch manchmal charmäßig) blassen Fraktion sauber, bildlich, real und menschlich dargestellt...und mit dem Epilog haben sogar noch einige was gelernt und schneiden vl. bei PISA dann besser ab ;)

Von Tussnelda von Grantick

23.02.2006 14:48

ja, das der ribbon "nur" bronzen ist, hab ich auch nicht verstanden. Nach einer Single von Dippwin hat man nur zwei Möglichkeiten: Sich heulend im Schrank verstecken, weil man es niemals so schaffen wird;-) Oder: Sich weiter ins Zeug legen, und hoffen, endlich auch mal ein ribbon zu kriegen... auch wenn der nur aus Blech sein würde *snief*.

Von Dippwin Damo Felabro Bendolch

25.02.2006 14:40

Vielen Dank für Euer Feedback und vor allem dafür, dass sich wieder einige wackere Wächter gefunden haben, die sich mit den fünfzig Seiten angelegt haben und offenbar sogar bis zum Ende durhalten konnten...

Ich habe ja schon einmal an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass ich so meine Schwierigkeiten damit habe, mich kurz zu fassen :( ... aber ich gelobe Besserung und versuche beim nächsten Fall etwas "kompakter" zu arbeiten.

Mich beruhigt, dass die Kritik, die ich bisher gehört habe, mehr mit Dippwin selbst zu tun hat, als mit den Wächtern die ihn "begleiten". Solange ich Eure Charaktere richtig beschreibe, ist zumindest dieses hehre Ziel von mir scheinbar erreicht. (Bitte belehrt mich eines Besseren, wenn dem nicht so ist :) )

An dieser Stelle möchte ich mich aber auch noch einmal offiziell bei den vielen Helfern bedanken, die mir beim Schreiben mit ihren Tipps und Anregungen geholfen haben, stets jede Frage von mir beantworteten und sich als ausgesprochen geduldige Mitwächter erwiesen haben. :om:

Bis zum nächsten Mal... Dippwin hat zu tun... Es soll da einen Kult geben, der in den Schatten sein Unwesen treibt...

Von Ophelia Ziegenberger

25.02.2006 17:06

Da ich keinerlei Kritikpunkte an der Geschichte finden konnte, machst Du mir einen Kommentar sehr leicht. Die Single ließ sich sehr, sehr gut lesen und hat mir viel Freude bereitet. Eben besonders durch die interaktiven Beschreibungen der Mitwächtercharaktere! Wenn ich deine Geschichten lese, denke ich manchmal, es müsse doch ganz einfach sein, ebenfalls so zu schreiben, ebenfalls die anderen Wächter so gut zu integrieren- immerhin klingt es bei Dir, als wenn es ganz leicht von der Hand gegangen wäre. Dann jedoch denke ich an meine eigenen Versuche und mir wird mit tiefem Seufzer bewusst, wie lange ich nun schon ein Wiedermal-Ransetzen hinauszögere - eben auch aus dem einfachen Grund, dass ich den anderen Figuren in den ersten Entwürfen nie gerecht werden kann. Also keine Sorge: ich sehe die beteiligten Wächter geradezu lebendig werden in den von Dir beschriebenen Szenen und kann Dir versichern, dass ich mich ganz sicher nicht über diese Wirkung bezüglich Ophelia beschweren würde oder werde! Was mir auch noch positiv auffiel, das war der zeitliche Rahmen, den Du der Geschichte gegeben hast. Der Hinweis zu Beginn, Geduld sei unerlässlich für Ermittlungen dieser Art, war nicht nur nachvollziehbar, sondern wurde auch folgerichtig umgesetzt. Mich verwirren Singles immer wieder, in denen ein angeblich schwerer Fall innerhalb von Stunden, oft sogar mit Hilfe von unglaublichen Zufällen, gelöst wird. Im Grunde denke ich, gefällt mir an deinen Beschreibungen die Mischung von Absurdem oder zumindest Aussergewöhnlichem (was meist aus den fantastischen Gesetzmäßigkeiten dieser Welt herrührt) und alltäglichen kleinen Realitäten - wie zum Beispiel den immer wiederkehrenden Kopfschmerzen, die eben nicht plötzlich nach ein paar Stunden nicht mehr erwähnt werden. Und ich gestehe: ich bin ein Fan der von Dir beschriebenen Dialoge! Ich musste oft mehr als nur schmunzeln, besonders bei der Marktplatzszene.

P. S.: Wenn es denn sein muss, schreibe "kompakter". Aber auf keinen Fall weniger! :D :wink:

Von Tussnelda von Grantick

26.02.2006 14:55

nönö, ich finde auch nicht, dass Du unbedingt kürzer schreiben musst. Es lohnt sich schliesslich.

Von Araghast Breguyar

26.02.2006 16:19

[quote:ca8a76b58c="Tussnelda von Grantick"]nönö, ich finde auch nicht, dass Du unbedingt kürzer schreiben musst. Es lohnt sich schliesslich.[/quote:ca8a76b58c]

Dito. Lass die Länge so wie sie ist, sonst wäre die Geschichte zu... kurz ;)

Ich frage mich auch, was manche Leser an Dippwin langweilig finden können. Eigentlich mag ich ihn gerade deshalb weil er mal [i:ca8a76b58c]kein[/i:ca8a76b58c] Mr. Superguard mit irgendwelchen besonderen übernatürlichen Fähigkeiten oder hochintelligenten Haustieren ist die einfach mal so wenn sie gerade gebraucht werden aus dem Nichts angeflogen kommen. Dippwin ist eigentlich der klassische Wächter - ein völlig normaler Bürger Ankh-Morporks der sich irgendwie das Geld für seine Brötchen zusammenkratzen muss.

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