Kai - Damals, morgen, jetzt

Bisher hat keiner bewertet.

von Lance-Korporal Hatscha al Nasa (GRUND)
Online seit 13. 12. 2005
PDF-Version

 Außerdem kommen vor: Daemon LlanddcairfynRobin Picardo

"Euch ist ein Kindlein heut geboren" - eine normale Schlagzeile der Times, oder?

Dafür vergebene Note: 11

Es war tiefschwarze Nacht in Ankh-Morpork. Zumindest offiziell. Inoffiziell sah man immer wieder irgendwo einen Lichtschimmer, der von irgendeiner Kerze kam. So konnte man auch im zweiten Stock eines Gebäudes im Viertel käuflicher Zuneigung ein erleuchtetes Zimmer sehen. Auch das Erdgeschoss blieb nicht dunkel. Dort war das Licht allerdings eher rötlich.
Zurück zu dem hellen Zimmer im zweiten Stock. Wir sind beim Boucherie Rouge. Und durch das Fenster des einzigen, nicht dunklen Raumes, abgesehen vom Erdgeschoss, konnte man einen Schreibtisch sehen, an dem eine Frau saß. Sie sah kurz auf und nieste. Ja, es musste sich um Hatscha al Nasa handeln, denn sie zückte sofort ein Taschentuch, das sie aus den Tiefen ihres Gewandes zauberte, und putzte sich erst einmal die Nase. Ein leises, unbeholfenes Kichern ertönte aus einem dunkleren Eck der Wackel-Wippe, in dem eine Wiege stand. Man konnte noch einen Säugling darin liegen sehen, bevor sich die Wächterin über ihr Kind beugte, in der Hoffnung, es würde endlich schlafen. Als die Laute tatsächlich verstummt waren und das Kleine so aussah, als wäre er eingedämmert, setzte sich Hatscha zurück an ihren Tisch und schrieb da weiter, wo sie zuvor aufgehört hatte.

Daher kam ich zu dem Schluss, mich bei Deiner Abteilung zu bewerben,

waren die Worte, die sie als nächstes auf das Papier setzte. Dann lehnte sie sich zurück und las sich das Bewerbungsschreiben noch einmal durch. 'Ja', dachte sie, 'so kann ich das schreiben.' Doch sie zögerte noch mit der Unterschrift. Erinnerungen zogen ihr plötzlich durch das Gedächtnis und sie sah ihnen zu, auch wenn sie schon auswendig wusste, was wann wie und warum geschah. 'Irgendwann werde ich das schon verarbeitet bekommen', dachte sie sich und sah zu der Wiege in der Ecke. Dann wanderte ihr Blick auf die Pinnwand, wo zwei Zeitungsartikel prangten. Euch ist ein Kindlein heut geboren sagte der vom einundzwanzigsten Spuni.
Zum Kindlein gehört auch eine Mutter besagte der andere, der laut Datum am zwölften Sektober gedruckt worden war.


*** Ungefähr drei Wochen vorher***


"Es ist ein Junge!" Annabel, die Hebamme von Hatscha, kam aufgeregt aus dem Schlafzimmer gelaufen, in dem die frisch gebackene Mutter lag und aus dem jetzt ein noch recht leises Schreien kam, das langsam aber sicher sich zu einer Sirene entwickelte.
Melas, der im Wohnraum auf die Nachricht von Annabel gewartet hatte, sprang auf, drückte die Hebamme kurz und stürzte dann in das Zimmer seiner Geliebten.
Dort empfing ihn ein Anblick, der für die Götter vorbestimmt sein musste. Hatscha lag, entkräftet lächelnd, in ihrem Bett, umgeben von nicht mehr allzu weißen Laken und Decken, in ihren Armen hielt sie ein Neugeborenes, das mit weißen Tüchern eingewickelt war und so mit den Laken zu verschwimmen schien. Allmählich hörte es auf zu schreien.
Melas küsste Hatscha und nahm ihr das Kind aus den Armen, um es leicht zu wiegen. Im Hintergrund stand Annabel mit einem Lächeln im Gesicht. "Und wie soll er jetzt heißen?"
"Kai - Haaatschie", entschied sich die Wächterin und musste niesen. Melas grummelte. Kai Hatschie. Toller Name.



***Wieder im Büro***


Ein letztes Mal las sich die Wächterin das Schreiben durch und setzte schließlich schweren Herzens ein krakeliges Lance-Korporal Hatscha al Nasa darunter. Dann brachte sie es zur TK-Anlage, um es per Luftpost zu verschicken. 'In den großen Wachhäusern hatten es die Leute doch viel einfacher, mit den Rohrpostdämonen', dachte sie sich.
Yevel Linkefüsse, die neue Buldogge in Ausbildung, empfing sie und schob den Brief in die Röhre einer Taube.
"Wohin solls denn gehen?" fragte die Gefreite.
"Zu Hauptmann Daemon Llainddcairfynn in die Kröselstraße", antwortete Hatscha.
"Was willst du vom Hauptmann?" Erstaunt zog Yevel die Augenbrauen hoch.
"Ich werde vorübergehend die DOG verlassen. Zumindest hoffe ich, dass ich als Ausbilder für die zukünftigen Rekruten angenommen werde." Sie zuckte mit den Schultern. "Wenn nicht, mal sehen."
"Darf ich fragen, warum?"
"Das ist eine lange Geschichte", begann Hatscha.


***Etwa eine Woche vorher***


Zwei Wochen war Kai jetzt alt. Seit genau dieser Zeit war Hatscha jetzt auch ständig zu Hause. Sie hatte sich gut erholt von der Geburt. Aber für eine Hausfrau war sie absolut nicht geschaffen, das merkte sie immer wieder. Sie langweilte sich - und doch war es ziemlich stressig. Kai schlief viel. Aber wehe, er tat es mal nicht. Doch der Kleine war nicht das Schlimmste, nur nachts.
Tagsüber brachte sie eher die eigentliche Hausarbeit auf die Palme. Putzen, kochen, einkaufen... sie wusste manchmal nicht, was sie wann erledigen sollte. Und wenn sie es mal erledigt hatte, war die Reihenfolge vollkommen falsch. Sie begann zu putzen, kochte dann, dann fiel ihr aber ein, dass sie noch einkaufen musste und die Wäsche wartete sowieso schon. So kam es dann oft, dass der Boden hinterher so schwarz war wie das Fleisch, das zu lange im Topf geschmort hatte. Die Wäsche konnte sie dann auch meistens vergessen, denn wie es der Zufall will, hatte es gerade zu dem Zeitpunkt auch noch kurz und stark geregnet.
Zu ihrem Glück erhielt sie oft Hilfe von ihrer Freundin Melaina. Sie passte auch mal auf Kai auf, wenn Hatscha gerade beschäftigt war. Oder sie ging einkaufen.
Diesmal aber wollte Hatscha selbst aus dem Haus, sie hatte beschlossen, selbst auf den Markt zu gehen. Melaina blieb dafür im Haus, um Kai zu versorgen. Sie konnte die Freundin gut verstehen. Seit zwei Wochen hatte die beurlaubte Wächterin so gut wie nie das Haus verlassen. Sie nahm den Kleinen gerne entgegen. Kai gefiel seiner Tante.
Es tat gut, wieder mal draußen zu sein, das merkte Hatscha sofort, als sie einen Schritt vor die Tür machte. Klar, sie war auch ab und zu spazieren gegangen, aber diesmal hatte sie sogar richtig Lust darauf, einzukaufen, zu feilschen, mit Schnapper zu diskutieren und so weiter. Sie brauchte wieder etwas Leben.
Der Hier-gibt's-Alles-Platz war wie immer überfüllt mit Leuten, Ständen, Tieren und was man sich nur so vorstellen konnte. Unzählige Gerüche strömten auf Hatscha ein, einen großen Teil davon nahm allerdings der typische Gestank der Stadt für sich ein.
So viele Leute... Sie standen in Gruppen und tratschten, oder standen an Ständen, feilschten mit den Besitzern, ließen sich von Schnapper nerven oder kauften gar ein Würstchen. Im Schatten eines Gebäudes schienen ein paar Diebe gerade ihrer Ausbildung nachzugehen, denn sie verschwanden in der Menge und kamen kurz darauf mit vollen Händen zurück und zeigten dem Mann, der dort auf sie wartete, was sie ergattert hatten.
Hatscha sog die Luft ein. Es war so angenehm, dies alles wieder zu erleben. Ein Nieser beendete die schöne Szenerie. Sie schnäuzte sich und ging dann zu den Ständen, um ihre Einkäufe zu erledigen.



***Wieder bei Yevel***


Ein leises Babyweinen riss Hatscha aus ihren Erzählungen. "Tut mir leid, aber ich glaube, mein Typ wird verlangt."
Yevel grinste. "Natürlich. Viel Glück, dass deine Bewerbung genommen wird!"
Hatscha eilte die Stufen rauf, zurück zu ihrem Büro. Inzwischen hatte sich Kais Weinen zu einer Ankündigung des Weltuntergangs entwickelt. Schnell nahm sie ihn aus seiner Wiege und beschäftigte ihn, bis er wieder einschlief. Dann packte sie ihn und ihr Zeug und machte sich auf den Weg nach Hause.


***In Robins Büro***


"Feldwebel Robin?" Der Angesprochene schaute von seinen Unterlagen auf und erblickte Hatscha, die vor ihm stand. "Du hast mich zu dir rufen lassen."
"Ah, ja, genau. Ähm. Ich habe gestern von Hauptmann Daemon eine Nachricht bekommen, dass du gebeten hast, dich versetzen zu lassen." Er durchwühlte das Chaos auf seinem Schreibtisch und fischte schließlich einen Zettel heraus.
"Ja, habe ich. Hast du nicht den Brief von mir erhalten?"
"Doch, sicher. Hatte ich wohl irgendwie verdrängt." Er öffnete eine Schublade und holte dabei ein paar verstaubte Blätter Papier heraus. Der aufgewirbelte Staub veranlasste Hatscha zu einem kräftigen Niesen. "Gesundheit", murmelte Robin in Gedanken.
"Danke."
Der Abteilungsleiter der DOG richtete die Blätter zu einem Stapel und ordnete damit auch seine Gedanken. "Was veranlasst dich zu diesem Versetzungsgesuch?"
"Nun, du erinnerst dich an meinen letzten Fall?"
"Ja, natürlich. Wie hätte ich ihn auch vergessen können. Aber berichte trotzdem noch einmal, den Anfang kenne ich eigentlich noch nicht so wirklich."
"In Ordnung." Sie räusperte sich und begann zu erzählen.


***Zurück auf dem Hier-gibt's-Alles-Platz, eine Woche vorher***


Vollgepackt mit diversem Obst, Gemüse, Milch und anderen Lebensmitteln, aber auch mit einem neuen Tragetuch für Kai wankte Hatscha zurück zu ihrer Wohnung. Es war ein Wunder der Physik, dass sie das alles tragen konnte. Außerdem war das Zeug schwer! Am Ziel angekommen stellte sie erst einmal ein paar Tüten auf den Boden, von denen sie gar nicht wusste, dass sie auch auf ihren Armen Platz gefunden hatten. Dann zückte sie ihren Wohnungsschlüssel und zögerte erst einmal. Irgendwie kam es ihr seltsam still vor. Sie verdrängte den Gedanken und schob alles auf den Lärm, der auf dem Markt war und hier in den einsamen Gassen nicht mehr herrschte. Davon abgesehen war sie schon lange nicht mehr draußen gewesen. Vielleicht war das ja immer so.
Sie schloss schließlich die Tür auf. Immer noch kein Laut, keine Bewegung zu hören. 'Komisch', dachte sie sich. Zumindest Melaina musste sie doch kommen gehört haben. Kai schlief ja wahrscheinlich. Aber dass sich die Freundin nicht rührte... Sie zuckte mit den Schultern und ging in die kleine Küche, um ihre Einkäufe abzustellen. Daraufhin machte sie sich auf, nach ihrem Sohn zu schauen.
Leise öffnete sie die Tür des Schlafzimmers. Sie blickte hinein und warf die Tür wieder zu. Mit aufgerissenen Augen versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen, was ihr nicht gelang. Dann startete sie einen neuen Versuch, in der Hoffnung, dass sich das Bild hinter der Tür geändert hatte. Sie öffnete. Keine Änderung. Vor ihr lag Melaina auf dem Fußboden. Es sah aus als schliefe sie. Zumindest würde es so aussehen, wenn da nicht diese Platzwunde an ihrer Schläfe wäre. Sie schrie und hörte nichts. Kein Laut kam aus ihren Lungen. Hektisch sah sie sich im Zimmer um und sah die kleine Wiege. Sie war umgestoßen und leer. Hatscha wollte das nicht gesehen haben.
Sie durchsuchte das ganze Zimmer, das ganze Haus. Nirgends konnte sie eine Spur von Kai finden. Schließlich ging sie zurück zu Melaina und untersuchte sie. Nein, sie war nicht tot, nur bewusstlos. Ein Zettel lag auf ihrer Brust. Eine Quittung der Diebesgilde, wie sie nach kurzem Untersuchen feststellte. Sie lizenzierte den Raub eines Kleinkindes. Um Hatscha drehte sich alles. War das denn die Möglichkeit? Dann sah sie gar nichts mehr, es wurde schwarz und sie brach neben ihrer Freundin zusammen.
Lange lag sie da noch nicht, als Melas heimkam und sie so auffand. Er rüttelte sie. Er sprach zu ihr. Doch sie konnte nichts verstehen. Nur Fetzen drangen an ihr Ohr. Es schien, als wäre er ganz weit weg. Wie ihr Kind. Schließlich erwachte sie aus ihrer Trance.
"... passiert?" hörte sie Melas noch sagen.
"Melaina... Diebe... Kai... weg!" stammelte sie. Fragend sah Melas sie an. Hatscha reichte ihm stumm die Quittung.
"Verflucht, dürfen die das überhaupt?" fragte der Assassine aufgebracht.
"Ich weiß es nicht." Ihre Stimme war sehr flach und kaum zu hören. "Ich werde nachfragen. Jetzt. Gleich. Ich komme an die Quellen." Und damit raffte sie sich schließlich auf.
"Aber du kannst doch nicht..." begann Melas.
"Doch. Ich kann", erwiderte sie nur und ging. Er schüttelte den Kopf. Ja, es war das einzige, was sie im Moment wirklich Kluges machen konnten. Aber in ihrem Zustand? Er würde sie begleiten, unbemerkt, versteht sich. Aber erst, nachdem er seine Schwester versorgt hat. Sie sah wirklich übel zugerichtet aus.



***In Robins Büro***


"... und ab hier kennst du die Geschichte", seufzte Hatscha. Sie sah abgekämpft aus.
"Ihr seid also... verzeih, du bist also ins Boucherie gekommen, um dich zu informieren", ergänzte Robin.
"Genau so war es."
"Nun... in Anbetracht des restlichen Falles... ich glaube, ich kann nachvollziehen, weshalb du dich zu einen Abteilungswechsel entschlossen hast."
"Es ist ja kein Wechsel. Nur eine vorübergehende Abordnung", erwiderte Hatscha. "Was ich nach GRUND mache, weiß ich noch nicht, vielleicht bleibe ich bei DOG, vielleicht auch nicht. Das entscheide ich dann."
"Ja, auch wenn ich dich als Husky sicherlich missen werde. Du hast einen guten Tschob gemacht."
Hatscha lächelte ob des Lobes. "Danke."
"Dann wünsche ich dir viel Glück bei GRUND. Ach ja, wenn du Daemon siehst, kannst du ihm das hier geben?" Er reichte ihr einen einfachen, weißen Umschlag.
"Ja, sicher. Es wird sicherlich nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich das Boucherie Rouge betreten habe." Sie grinste und verließ das Büro ihres noch-Abteilungsleiters.


***Im Boucherie Rouge***


Hatscha stapfte nach diesem Gespräch mit Robin doch ein wenig missmutig die Schritte in ihr Büro zurück. Es würde ihr nicht leicht fallen, die Dienststelle zur Observierung von Gildenangelegenheiten zu verlassen. Sie hatte nun doch drei Jahre ihres Wächterdaseins hier verbracht. Nein, sie war nicht schnell aufgestiegen, anders als zum Beispiel Robin, der eben noch Rekrut war. Aber sie war zufrieden. So wurden Beförderungen wenigstens nicht zu etwas alltäglichem.
Außerdem hatte sie vor kurzem erst ihr Patch verliehen bekommen, das sie zu einer wahren Expertin für verdeckte Ermittlung machte. Sie war doch ein wenig stolz darauf.
Wie sie so durch den Gang stapfte, musste sie sich daran erinnern, wie sie das vor einer Woche seit einiger Zeit auch wieder das erste Mal gemacht hatte, auch wenn es da weniger ein Stapfen als eher ein Laufen war...


***In der Vergangenheit, Boucherie Rouge***


Rastlos eilte sie durch die Gänge des Etablissements hinauf in den zweiten Stock und klopfte stürmisch an das Büro von Drei Hungrige Mäuler, in der Hoffnung, sie befände sich im Moment darin. Stille antwortete ihr. Sie riss die Tür auf und fand die Klatschianische Überaschunk leer vor. Die Gildenexpertin für die Diebesgilde war wohl gerade unterwegs.
"Verdammt!", fluchte Hatscha und schlug den Weg ins Archiv ein. Dann musste sie eben dort nach der Antwort auf ihre Fragen suchen.
Es verging einige Zeit, bis sie schließlich das richtige Buch gefunden hatte. Sie schlug
Die Diebesgilde und ihre Lizensen" auf und blätterte durch, bis sie auf einen Absatz stieß: Es ging um die Entwendung von Gegenständen. Dort stand:

Persohnen (auch Kinder) zählen nicht zu den Gegenständen. Daher habet die Diebesgilde nicht die Lizens zum Diebstal von Persohnen, da dies unter Entfürung fällt (siehe auch Saite 121).

Hatscha wollte jetzt nicht auch noch dort nachsehen. Sie wusste, dass es schwierig war Entführungen der richtigen Gilde zuzuordnen. Ihr reichte bereits, dass dieser Bereich nicht zur Diebesgilde gehörte. Dass ihr Sohn mit einer Quittung der Diebe geraubt wurde, war demnach also ein Verstoß gegen das Gesetz der Diebesgilde und fiel in ihren Zuständigkeitsbereich. Sie konnte also nichts falsch machen.
Sie nahm das Buch und machte sich auf den Weg in Robins Büro. Sie hoffte, er sah das genauso.



***TK-Anlage der DOG***


"Ja, hallo Molly", begrüßte Yevel die gerade angekommene Taube und versuchte vergebens sie davon abzuhalten, dass sie sich auf ihrer Schulter erleichterte. Mit einem feuchten Tuch wischte sie sich den Kot von der Schulter und machte sich an der Nachrichtenröhre der Taube zu schaffen. Dann stellte sie dem Vogel was zum Fressen hin, auf das sich Molly sofort stürzte, während Yevel die Nachricht las.
Kurze Zeit später lief sie in den zweiten Stock und klopfte an Hatschas Bürotür.
"Ja?", fragte die verdeckte Ermittlerin.
Yevel trat ein. "Ich habe eine Nachricht für dich. Scheint wichtig zu sein. Von Hauptmann Daemon."
"Ah, vielen Dank!" Hatscha stand von ihrem Schreibtisch auf und nahm das Schreiben entgegen.
"Ich hoffe für dich, es ist eine Zusage", meinte die Bulldogge und verließ die Wackelwippe.
"Danke." Und damit widmete sich die Wächterin dem Brief.


***Staubgasse, Ankh-Morpork***


"Ich wurde zum Bewerbungsgespräch eingeladen!", rief Hatscha freudestrahlend, als sie nach Hause kam.
"Das freut mich", antwortete Melas ihr und kam ihr mit dem Kind auf dem Arm entgegen. "Und ihn anscheinend auch." Kai gluckste fröhlich vor sich hin. Erleichtert nahm Hatscha den Jungen auf ihren Arm und schaukelte ihn.
"Wann ist das Gespräch?", erkundigte sich der Achatener.
"Morgen um neun Uhr soll ich in der Kröselstraße in Daemons Büro aufkreuzen." Kai spielte mit ihren langen Haaren herum und zog daran.
Sie legte den kleinen in seine Wiege zurück und setzte sich daneben. Es war Zeit, dass er schlief. Währenddessen konnte sie nachdenken und sich auf den nächsten Tag vorbereiten. Was sollte sie ihm erzählen? Hoffentlich fand sie diesmal bessere Argumente als bei Robin, als sie ihm klarmachen wollte, dass sie den Fall mit der Entführung von Kai übernehmen wollte...


***Robins Büro eine Woche vorher***


"Aber er ist mein Sohn!", versuchte Hatscha es erneut. Doch Robin blieb hart.
"Gerade deswegen ist es zu gefährlich, dass du den Fall übernimmst. Versteh doch, Kai braucht dich. Es ist für ihn sehr wichtig, dass du da bist. Da darfst du nicht bei einem Fall draufgehen, so hart es auch klingt. Außerdem hast du noch Urlaub. Du bist trotz allem noch geschwächt und sehr durcheinander."
"Ich werde der Sache trotzdem nachgehen. Davon kannst du mich nicht abhalten!" Sie schnäuzte sich. Diesmal lief ihre Nase auch ohne den Schnupfen.
"Hatscha, du weißt, was das für Folgen haben kann? Widersetzung gegen den Befehl eines Vorgesetzten. Ich bitte dich, sei nicht dumm!"
"Robin, ich kann nicht einfach die Hände in den Schoß legen. Das geht nicht. Unterstütze mich meinetwegen mit den anderen. Ich sage ja nicht, dass ich das unbedingt alleine machen will. Ich will nur nicht dasitzen und nichts tun. Das kann ich nicht."
"Du bist im Urlaub."
"Ich bin Wächter. Ein Wächter hat nie wirklich frei."
"Gut, du willst es nicht anders. Lance-Korporal, ich befehle dir, dass du das
Boucherie sofort verlässt und erst wieder betrittst, wenn dein Urlaub zu Ende ist. Außerdem verbiete ich es dir, dich in den Fall einzumischen. Das ist mein letztes Wort. Wir haben genug Leute, die so gut sind wie du, die sich um den Fall kümmern können. Drei weiß über die Gilde bescheid, Patrick ist ein sehr gut ausgebildeter Husky mittlerweile. Ich werde mich selbst darum kümmern. In Ordnung?"
"Das ist nicht fair, Robin. Es mir zu verbieten."
"Tut mir leid. Das ist mein letztes Wort. Ich tu das nur ungern."
"Gut. Ich werde das auch nur ungern tun. Aber ich muss mich deinem Befehl widersetzen. Tut mir auch leid." Damit verließ Hatscha das Büro ihres Abteilungsleiters, nicht ohne ihm die Quittung der Diebesgilde auf den Tisch zu knallen. Sie wusste, was es für Konsequenzen für sie haben konnte. Aber sie konnte doch nicht einfach
nichts tun!


***Wachhaus in der Kröselstraße, Büro von Daemon***


Hatscha eilte durch den Regen zum Eingang des Wachhauses Kröselstraße. Der Rekrut am Tresen schaute sie streng an, als sie vorbei wollte. Schnell zeigte sie ihm ihre Dienstmarke und er ließ sie passieren. Eieiei, dachte sie, war sie damals auch so genau gewesen?
Die Räumlichkeiten in der Kröselstraße waren ihr noch bekannt von ihrer eigenen Rekrutenzeit. Nur die Aufschriften auf den Türen hatten sich geändert. Damals standen dort Namen wie VidG Schmiedehammer, ihr eigener Ausbilder, Humph MeckDwarf und auch Lavaelous. Schmiedehammer und Lavaelous hatten mittlerweile die Wache verlassen. Ja, damals waren die Zeiten noch anders. Damals herrschte noch Tod über die Räumlichkeiten von GRUND. Man merkte es noch an der doch etwas dunklen Einrichtung.
Zögernd klopfte Hatscha an die Tür, auf der Daemon Llanddcairfyn, Ausbildungsleiter stand. Sie kannte Daemon noch als Abteilungsleiter bei DOG. Eigentlich mochte sie ihn. Doch das Wetter in seiner Umgebung war nicht unbedingt wünschenswert.
Es donnerte, als der Hauptmann auf ihr Klopfen antwortete. "Herein." Hatscha öffnete die Tür und erwartete eine ähnliche Einrichtung wie in seinem Büro in der DOG, dem rosarohten Himmelbeth, doch sie sah nur ein kleines Bett in einer Ecke des Raumes stehen, auf dem sich nur sehr wenig Papierkram stapelte.
Nachdem sie sich für seinen Geschmack genügend umgesehen hatte, begann Daemon, sie aus ihrem Staunen zurückzurufen. "So sieht man sich wieder."
Etwas verdutzt sah Hatscha auf und wurde rot. "Ja. Ich werde dich einfach nicht los - Haatschie!" Sie grinste verlegen.
"Und deinen Schnupfen auch nicht."
"Muss daran liegen, dass du immer schlechtes Wetter um dich hast."
Darauf sagte der Hauptmann nichts.
"Kommen wir zur Sache", beendete er schließlich das Schweigen und lenkte die Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema. "Du willst dich als Ausbilder bei GRUND bewerben. Hast du die ausreichenden Qualifikationen?"
"Nun, wenn du meinst, dass ich Lance-Korporal bin, ja. Ich habe auch selbst die GRUND-Ausbildung einst hinter mich gebracht. Kam ja leider nicht drum herum."
"Allerdings hat sich seitdem doch einiges im Ausbildungsplan geändert. Es sind Dinge hinzugekommen, andere hat man für zu unwichtig erklärt."
"Darüber werde ich sicherlich noch aufgeklärt." Sie sah erwartungsvoll zu Daemon. Doch er schwieg dazu. Er drückte ihr nur einen Stapel beschriebener Blätter in die Hände.
"Das sind die Änderungen, beziehungsweise der neue Ausbildungsplan. Das musst du durcharbeiten. Jeder der Rekruten, die dir zugeteilt werden, muss alles, was da drin steht, lernen." Er blickte sie an. "Schau nicht so entsetzt. So viel ist das gar nicht. Das meiste sind Erklärungen."
"Na, dann bin ich ja beruhigt."
"Gut. Das war aber noch nicht alles. Noch bist du nicht aufgenommen. Der Stapel da hat dich also nicht abgeschreckt?"
"Deine Bemerkung hat meinen Schrecken vermildert. Ich bin immer noch überzeugt, mich an den Tschob eines Ausbilders heranzuwagen." Der Ausbildungsleiter machte sich eine Notiz.
"So so. Was brachte dich überhaupt auf die Idee, dich hier zu bewerben?" Er zog einen Bogen aus seinen Unterlagen und legte ihn vor sich. Hatscha konnte erspähen, dass es sich um ihr Bewerbungsschreiben handelte. "Hier schreibst du, dass du auf Grund deines letzten Falles die Gefahr der Arbeit eines verdeckten Ermittlers eingesehen hast und erstmal etwas weniger Gefährliches machen willst. Du denkst also, der Tschob eines Ausbilders sei nicht gefährlich."
"Nun, ich kann mir nicht vorstellen, dass von ihm Gefahren ausgehen wie in der Assassinengilde erwischt und getötet zu werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Ausbilder sich solchen Gefahren aussetzen muss."
"Solchen vielleicht nicht. Aber anderen. Und wieso ist dir plötzlich ein gefahrloser Tschob so sehr ans Herz gewachsen? Um was ging es in deinem letzten Fall?"
"Wie dir vielleicht nicht entgangen ist, habe ich vor einigen Wochen ein Kind bekommen. Nun wurde eben dieses Kind entführt..." Daemon sah sie mit großen Augen an und sie begann, die Vorgeschichte zu erzählen.
Als sie von Robins Verbot sprach, unterbrach der Hauptmann sie. "Und was hast du dann getan?"
"Ich konnte doch nicht einfach nur nichts tun", verteidigte Hatscha sich. "Ich habe angefangen, selber die Ermittlungen aufzunehmen. Natürlich nicht alleine. Ich hatte Hilfe von Melas." Sie wurde leicht panisch.
"Das gab keinen Ärger mit Intörnal Affärs?"
"Bisher habe ich von Ras oder Rince noch nichts gehört. Aber wer weiß, was noch kommt. Ist ja noch nicht so lange her." Sie spielte nervös mit ihren Fingern herum und zerknüllte ein Taschentuch. "Vielleicht hat meine Vorgehensweise auch nicht zu einer Anzeige geführt."
Daemon stutzte. "Inwiefern?"
"Erkläre ich dir gleich. Erstmal die Ermittlungen, oder willst du nicht wissen, was ich rausgefunden habe?"
Daemon nickte nur und so fuhr Hatscha fort.


***Eine Woche vorher, Diebesgilde***


Verdeckt ermitteln konnte sie gut. Nicht umsonst hatte sie das Patch verliehen bekommen. Auch war sie schon in der Diebesgilde. Sie kannte sich mittlerweile doch schon dort aus. Sie hoffte nur, dass sie niemand erkennen würde.
Verkleidung hatte sich die Wächterin schon zuvor aus ihrem Büro geholt, bevor sie auf Melas getroffen war. Mit ihm hatte sie vor dem
Boucherie noch eine kleine Unterhaltung, in der es eine Diskussion darüber gab, ob sie nun richtig handelte. Sie war sich sicher, dass sie zwar vollkommen unvernünftig, aber für sie und ihr Gewissen dennoch richtig vorging. Sie konnte wirklich nicht nur zuschauen. Dafür hatte sie selbst schon zu viel ermittelt.
Als Dieb verkleidet war sie nun auch bei der passenden Gilde angelangt. Schnell kam sie am Pförtner mit ihrem gefälschten Gildenausweis vorbei. 'Ein Name', dachte sie sich, sie brauchte einen Namen, bevor sie jemand fragte. Jedes Mal das gleiche Problem. Sie dachte an Kai - natürlich - und so fiel ihr die Hebamme ein. Annabel würde Hatscha diesmal heißen.
'Gut, das ist geklärt.' Erleichtert sah sie sich im Innenhof der Gilde um. Irgendwie kam sie sich gerade komisch vor in ihrer Verkleidung. Warum ging sie nicht einfach zu Herrn Boggis und fragte ihn nach den ausgeführten Fällen? Ein innerer Instinkt hielt sie wohl von dieser Idee ab und so ging sie zum Auftragsbrett. Wie immer waren daran Zettel und Aufträge wild übereinander geheftet, weder nach Datum, noch nach anderen Kriterien auch nur ansatzweise geordnet.
Hatscha dachte nach. Wer konnte wohl den Diebstahl eines Kindes in Auftrag gegeben haben? Warum haben die Diebe den Auftrag angenommen? Sie haben keine Lizenz dazu! Wann wurde der Auftrag abgegeben?
Schließlich kam sie zu dem Schluss, dass es noch nicht allzu lange her sein konnte, da Kai noch nicht so alt war. Also suchte sie hauptsächlich bei den oberen Zetteln.
Vergeblich. Aber sie hatte doch eine Quittung erhalten... Wieder überlegte sie. Dann schlug sie sich mit der Hand an den Kopf. Na klar, der Auftrag war ausgeführt, er würde wohl kaum bei den noch auszuführenden hängen.
Was war nur los mit ihr? Normalerweise wäre ihr so ein Fehler nicht unterlaufen. Sie suchte sich eine Bank und setzte sich. Nein, normal war ihr derzeitiger Zustand nicht. Da schlichen sich solche Missgeschicke einfach ein. Es war ja noch nichts Schlimmes. Es hatte sie ja keiner ertappt.
Wie sollte sie jetzt vorgehen? Wo wurden die bearbeiteten Fälle in der Gilde aufbewahrt? Bestimmt an einem Ort, den die Diebe kannten, also konnte sie schlecht irgendeinen fragen.
"Geht es dir nicht gut?", fragte plötzlich jemand vor ihr. Sie sah auf. Vor ihr stand ein großer, breitschultriger Dieb und blickte besorgt auf sie herab.
"Nein - Hatschie! - Mir geht es, bis auf meinen Schnupfen, bestens, danke."
"Du siehst bleich aus." Er setzte sich neben sie.
"Mein Schnupfen macht mir recht stark zu schaffen." Sie zuckte mit den Schultern. "Kann ich dich was fragen?"
"Ja sicher."
"Vor kurzem gab es da noch einen Auftrag am Brett, der einen Diebstahl eines bestimmten Kindes betraf. Weißt du, wer ihn bekommen hat? Er wurde ja doch recht gut bezahlt." Das war ein Schuss ins Blaue. Er traf.
"Ja, wurde er durchaus. Tja, da kommst du etwas spät, den hat sich heute Morgen schon der Flinke Fabian geschnappt. War ja auch klar, dass ihn einer der besten bekommt."
Hatscha nickte. "Weißt du noch, wer ihn in Auftrag gegeben hat? Ich hab's in dem ganzen Wirbel, den ich heute schon hatte, total vergessen. Es ist ja nichts wichtiges, aber interessieren würde es mich ja schon, zu wissen, wer so viel Geld zahlt... könnte für zukünftige Aufträge ganz praktisch sein, nur nach diesem Auftraggeber Ausschau zu halten."
Der Dieb grinste. "Drum habe ich mir den Namen notiert. Einen Moment, ich schreibe ihn dir auf." Er zog einen Stift und einen Block aus seiner Tasche und kritzelte etwas auf die erste Seite des Blockes, die er dann ausriss und Hatscha in die Hand drückte.
"Oh, danke!", sagte die Wächterin erfreut und lächelte.
"Bitte, kein Problem. Aber tut mir Leid, ich muss weiter. Die Pflicht ruft." Er grinste, dann stand er auf und verschwand.
Mit zittrigen Fingern betrachtete Hatscha den Zettel, den sie erhalten hatte.

Hughnon Ridcully, Oberpriester des Blinden Io

Verwirrt las sie noch einmal den Namen. Er änderte sich nicht. Hughnon Ridcully? Wieso ausgerechnet
er? Sie musste sofort zu Melas und sich mit ihm beraten. Vielleicht konnte ja er mehr damit anfangen...


***Büro des GRUND-Ausbildungsleiters***


Verwirrt sah Daemon sie an. "Hattest du vorher schon irgendetwas mit Hughnon zu tun?"
"Nein. Ich nicht. Was ich aber nicht wusste, war, dass Melas bei meinem letzten Fall bereits an ihn geraten war. Das erfuhr ich dann auch von ihm, als ich ihm den Zettel zeigte."
"Was hat dein Freund mit dem Oberpriester zu tun?"
"Habe ich mich auch gefragt. Da hat er es mir erzählt. Irgendwie muss auch Hughnon Ridcully rausgefunden haben, dass ich schwanger war, genauso wie diese ominöse Bruderschaft. Melas hatte damals wohl doch etwas Mist gebaut." Sie grinste verunglückt. "Jedenfalls hatte Hughnon anscheinend geglaubt, dass ausgerechnet mein Sohn der nächste Auserwählte des Blinden Io sein würde. Oder zumindest so was in der Art. Das habe ich selbst nie verstanden. Jedenfalls schien es ihm Grund genug sein, sich mein Kind zu holen!" Hatscha klang sehr empört.
"Oha." Mehr fiel selbst Daemon nicht dazu ein. "Das hätte ich von ihm nicht erwartet."
"Er tat es trotzdem - Haaatschiee!"
"Und wie bist du dann weiter vorgegangen?"


***Boucherie Rouge***


Robin hatte ihr das Ermitteln verboten. Aber sie wollte sich nicht auf ihre Kollegen verlassen, also suchte sich Hatscha einen anderen Weg aus dieser Misere.
Sie klopfte an Robins Bürotür und trat ein, als er sie herein bat.
"Was gibt es denn noch? Du hast Urlaub, was machst du hier?"
"Melas war in der Diebesgilde und hat für mich etwas herausgefunden", sagte Hatscha. Sie bemerkte Robins Blick. "Ich durfte nicht ermitteln, aber gegen meine Freunde hast du nie etwas gesagt. Und sie wollen meinen Kollegen einfach behilflich sein", erklärte sie. Natürlich stimmte das nicht. Aber Robin konnte nichts sagen, er vermutete es zwar, aber beweisen konnte er es nicht.
"Na gut, und was weißt du?"
"Der Auftraggeber war Hughnon Ridcully."
Robin machte große Augen. "Bist du dir ganz sicher?"
"Ja. Es gibt sogar eine Art Grund dafür." Sie erzählte ihrem Abteilungsleiter die Geschichte mit Melas im Tempel.
"Oh. Dann werde ich wohl meine Ermittler dahin schicken."
"Robin?"
"Ja?"
"Bitte. Ich kann mich da wirklich nicht raushalten, das musst du doch verstehen." Sie schaute ihn flehend an.
"Du wirst nicht ermitteln." Der DOG-Abteilungsleiter blieb hart. Hatscha seufzte.
"In Ordnung." Dann eben anders, fügte sie in Gedanken hinzu und verließ das Büro.



***Bei Daemon***


"Du hast wirklich viel riskiert, oder?", fragte der Hauptmann.
"Nun... die Lüge musste sein. Und in den Tempel bin ich nicht als Wächter gegangen."
Daemon stutzte. "Wie denn dann?"
"Warum geht jeder normale Ankh-Morpork-Bürger in einen Tempel? Um zu beten."
Der Ausbildungsleiter grinste. Das war auch eine Lösung, das musste er eingestehen. "Sowas lernt man wohl als Verdeckter Ermittler", vermutete er.
"Nun, man weiß dann zumindest, wie man wo auftauchen kann, ja."
"Vielleicht deswegen keine Anzeige?" vermutete Daemon.
Sie zuckte mit den Schultern.
"Was ist eigentlich mit Melaina passiert? Du hast sie nicht mehr erwähnt." Der Hauptmann beobachtete sie scharf.
"Ihr geht es wieder besser. Melas hat sich um seine Schwester gekümmert. Sie wird wohl die eine oder andere Narbe behalten", erklärte sie. Dann erzählte sie weiter.

***Im Tempel des Blinden Io***


Zögernd betrat Hatscha als Bürgerin die Stufen zum Tempel des Blinden Io. Sie hoffte, dass ein schwarzer Rock und eine weite, rote billige Bluse sie unauffällig genug machten. Melas hatte jedenfalls ihrer Verkleidung zugestimmt. Außerdem trug sie noch eine Umhängetasche, in der sie diverse Taschentücher und anderes Zeug transportierte. Sie dachte nach. Was sie jetzt tat, war das verdeckte Ermittlung? Sie war ja offiziell nicht im Dienst, also konnte doch niemand etwas sagen, oder? Jeder Bürger geht mal in einen Tempel, und in ihrer Situation ist das doch nur zu verständlich, dass man einen der wirklich großen Götter um Beistand anruft, damit man sein Kind wieder zurückbekommt. Vielleicht wusste der Blinde Io ja auch nicht, dass sie herausgefunden hat, dass ausgerechnet Ios Oberpriester an der Entführung schuld war. Sie hoffte es, aber es war ihr doch irgendwo egal. Sie glaubte ja doch nicht wirklich an die Götter.
Das Innere des Tempels war bunt und kitschig ausgeschmückt. Priester in langen Roben schritten umher. Hatscha kam sich etwas verloren vor. Sie sah sich um. Es war zu lange her, dass sie einen Tempel betreten hatte.
Schließlich kam einer der Priester auf sie zu. Sie grüßte ihn.
"Kann ich dir helfen?", fragte er.
"Ich bin hergekommen, um zum Blinden Io zu beten", erklärte Hatscha.
"Oh, hat das einen bestimmten Anlass?"
"Mein Kind ist verschwunden. Ich möchte Io darum bitten, mir gut gesonnen zu sein und es mir zurückzugeben."
Der Priester sah sie kritisch an. "Hast du denn etwas dabei, was du dem Gott opfern kannst? Es ist schließlich eine große Sache, so eine Entführung. Da braucht selbst der Blinde Io eine Stärkung." Auch daran hatte Hatscha gedacht. Sie zog aus ihrer Umhängetasche ein Paket, das sie dem Priester überreichte. Er schnupperte daran und nickte. "Das wird es wohl tun." Dann ließ er sie allein.
Hatscha betrachtete den Tempel noch einmal genauer. Erst jetzt bemerkte sie, dass es schien, als würde er für eine Veranstaltung hergerichtet. Sie beschloss, einen anderen Priester zu fragen, warum, wenn sie gehen würde. Langsam schritt sie durch die riesige Halle. Dann kniete sie nieder, als würde sie in ein Gebet versinken, dachte aber stattdessen nach.
Bestimmt würden sie den Tempel für diesen Auserwählten herrichten, dachte sie sich. Ihr Sohn. Pah! Sie verfluchte die Religion. Solche Aktionen waren ein Grund mehr, ungläubig zu sein. Für was hielt sich dieser Hughnon Ridcully, einfach so ihr Kind zu stehlen!
Unauffällig ballte sie die Fäuste zusammen. Dann stand sie auf. Als sie sich ein weiteres Mal umsah, sah sie eine große, prunkvoll gekleidete Gestalt auf sich zukommen. Es war unwahrscheinlich, dass er mit ihr reden wollte. Er wollte wohl einfach nur an ihr vorbei. Trotzdem ergriff sie die Chance und sprach ihn an.
"Was willst du? Weißt du es denn nicht, mit wem du es zu tun hast?" Hatscha sah ihn verwirrt an und musste niesen. Nachdem sie sich die Nase geputzt hatte, schüttelte sie den Kopf.
"Tut mir Leid. Wer seid Ihr? Ich wollte eigentlich nur einen der Priester fragen, für was der Tempel so hergerichtet wird." Sie sah zu Boden.
"Dass es das noch gibt! Ich bin Hughnon Ridcully." Hatscha musste sich beherrschen, um ihn nicht sofort anzuspringen oder einen anderen fatalen Fehler zu machen. Ruhig bleiben, das war alles, was sie jetzt musste. Sie brauchte Ruhe.
"Der Tempel wird für den Auserwählten hergerichtet, der endlich, nach so vielen Jahren Wartezeit, angekommen ist." Die Wächterin in Zivil nickte innerlich. Trotzdem wunderte es sie, dass Hughnon sie noch gar nicht erkannt hatte. Ihre Verkleidung musste doch besser sein, als sie dachte. Oder der Oberpriester hielt es einfach für unmöglich, sie hier anzutreffen.
"Ist es möglich, den Auserwählten zu sehen?", fragte sie und versuchte, nicht zu aufgeregt zu klingen.
"Erst bei der Zeremonie. Die ist übermorgen."
"Schade. Dann werde ich mich bis dahin gedulden müssen." Der Priester nickte.
"Nun, ich habe noch etwas zu erledigen. Der Blinde Io sei mit dir", verabschiedete er sich und ging weiter seines Weges. Als er außer Sichtweite war, verließ auch Hatscha den Tempel. Ihre Gedanken waren ganz aufgewühlt. Wie sollte sie an ihr Kind rankommen? Sie dachte nach. Schließlich entschloss sie sich für einen Brief an Robin. Er würde dann schon wissen, was zu tun war. Wahrscheinlich rückte er mit der FROG-Einsatzgruppe an. Wie es geschehen würde, war ihr egal. Hauptsache, sie bekam ihren Kai wieder.



***Im Büro des GRUND-Ausbildungsleiters***


"Hm...", machte Daemon. Hatscha sah ihn fragend an. Doch bevor er auf ihren Blick reagieren konnte, klopfte es an der Tür. Kurz darauf stand ein Rekrut im Raum und sah verlegen drein. Anscheinend merkte er, dass er störte. Er legte nur kurz etwas auf den Schreibtisch des Ausbildungsleiters, nuschelte ein "'tschuldigung" und verschwand wieder aus dem Büro. Daemon schüttelte den Kopf und sah sich das an, was auf dem Tisch abgelegt worden war. Hatscha versuchte, heimlich einen Blick darauf zu werfen, was ihr auch bis auf das heimlich gelang. "Ja, schau dir das nur an, das wäre auch deine zukünftige Arbeit als Ausbilder." Daemon grinste.
Schließlich nahm die Wächterin das Papier in die Hand und las, was darauf stand. Kurz darauf fand sie heraus, was es war. Ein Rekrutentest. "Na los, korrigiere ihn", forderte der Hauptmann sie auf.
"Hm... also die Sache mit den Rängen... das stimmt so nicht", begann sie vorsichtig.
"Ja, das ist leider ein häufig gemachter Fehler", seufzte Daemon. "Die meisten kapieren einfach nicht, dass ein Gefreiter einem Rekruten im Grunde nichts zu sagen hat. Deswegen konntest auch du erst jetzt Ausbilder werden." Hatscha nickte. Sie blätterte noch ein wenig weiter in dem Test herum, bis sie ihn schließlich an Daemon zurückgab.
"Was hat eigentlich Robin unternommen? Hast du davon irgendetwas erfahren?", griff Daemon das alte Thema wieder auf.
"Nunja, ich habe mir hinterher zusammengereimt und auch erzählen lassen, was offiziell geschah."


***In der Diebesgilde***


Drei klopfte energisch an die Tür von Boggis. Nach einiger Zeit des Wartens, die sie allerdings nicht im Geringsten aus der Ruhe brachten, wurde schließlich von Innen die Tür geöffnet. "Was gibt es? Herr Boggis ist sehr beschäftigt!" Der Sekretär sah die Wächterin streng an. Diese zeigte ihre Marke und der Sekretär nickte. "Herr Boggis wartet schon."
Drei ging an ihm vorbei zum Schreibtisch des Gildenoberhaupts. Boggis rauchte eine Zigarre und sah sie missbilligend an. "Was will die Wache von mir, dass sie sogar offiziell um Audienz bittet?"
"Wil haben ein Ploblem. Und wenn du nicht dafül solgst, dass es ausleichend behoben wild, kann die Wache fül nichts galantielen." Sie reichte ihm die Quittung, die Hatscha Robin gegeben hatte.
"Das ist eine ganz normale Kwittung. Was erregt die Wache daran so sehr?"
"Dass sie fül die Entfühlung eines Säuglinges missblaucht wulde, was nicht im Aufgabenbeleich del Diebesgilde liegt."
"Hm", machte Boggis.
"Lass dil etwas einfallen, sonst kann ich fül nichts galantielen", wiederholte Drei.
"In Ordnung. Ich werde alles Nötige in die Wege leiten. Wenn du jetzt gehen könntest?" Die Wächterin verstand die versteckte Aufforderung als solche und kehrte zu ihren anderen Aufgaben zurück. Sie würde von Boggis hören, das wusste sie.



***Bei Daemon***


"Boggis scheint mit der Wache zusammengearbeitet zu haben, sonst wäre das ganze Spektakel wohl negativ ausgefallen. FROG allein hätte es jedenfalls nicht geschafft."
"Wie kommst du zu dieser Annahme?" Daemon legte den Kopf schief.
"Wart ab, was weiter geschieht. Du solltest FROG doch außerdem kennen. Retter kann man nicht wirklich immer zu ihnen sagen - Hatschie!" Hatscha nieste und er grinste. Ob ihrer Krankheit oder ihrer Meinung über FROG, wusste sie nicht.


***Die Zeremonie***


Die Luft roch nach Weihrauch und einigen anderen Duftstoffen, die Hatscha nicht recht zuordnen konnte. Ganz als Mutter verkleidet kniete sie in den Reihen der Gläubigen und fehlte sich vollkommen fehl am Platz. Bisher war noch nichts Großartiges geschehen, die Zeremonie hatte auch gerade erst begonnen. Ein Priester stand vor den Massen und predigte. In den ersten Reihen standen Reporter von der Times, die fleißig mitschrieben. Hatscha hörte ihm nicht zu, sie war viel zu sehr in ihren Gedanken versunken, wie sie es denn anstellen könnte, wie sie an ihr Kind heran kam. Es so vor allen Gläubigen dem Priester oder wem auch immer einfach zu entreißen, kam Selbstmord gleich und würde auch ihrem Sohn nur schaden. Nein, keine Heldentaten.
Aus den Augenwinkeln sah sie sich um. Hatte Robin sie vergessen? Hatte er sein Versprechen nicht gehalten? Jedenfalls erspähte sie keine Wächter, weder auf den Dachbalken des Tempels, noch in irgendeiner dunklen Ecke. Nicht einmal das Blitzen von einer Waffe konnte sie ausmachen. Entweder, es war tatsächlich keiner da, oder sie waren sehr gut getarnt, verkleidet, versteckt. Die Wächterin, die vollkommen zivil gekleidet war, hoffte das Beste.
Plötzlich wurde es vollkommen still im Raum, kein Rascheln, kein Atmen. Alle starrten nach vorne, zu dem Priester. Auch Hatscha wandte ihren Blick dorthin. Sie wagte es nicht, Luft zu holen. Jetzt war der Moment gekommen, dachte sie.
Alle Köpfe drehten sich nach links, der der Wächterin ebenfalls. Von dort kam aus einer Seitentür ein Priester mit Gefolge. Als er näher kam, konnte man erkennen, dass er etwas im Arm hielt. Hatscha ballte die Hand zur Faust. Es war Ridcully, der Oberpriester. Und sie war überzeugt, dass er Kai auf dem Arm trug -
ihren Kai. Ein Blitzen eines Ikonographen der Reporter leuchtete kurz auf und störte die Andacht, dann war es wieder still.
Die Prozession ging weiter. Schließlich erreichten sie einen Altar, auf dem dann Ridcully seine Last vorsichtig ablegte. Ein leiser Laut war zu hören, das Glucksen eines Kindes. Alle im Saal sahen ehrfürchtig zu ihm empor, leise Gebete waren zu hören.
Jetzt benötigte es all ihrer Selbstbeherrschung, dass sie nicht nach oben rannte und ihren Sohn an sich presste. Er war so nah, kaum zwanzig Schritte entfernt! Eine Hand legte sich von hinten auf ihre Schulter. Erschrocken sah sie sich um. Robin stand da, verkleidet als einfacher Gläubiger, niemand besonderes in dieser Masse. Er legte einen Finger über die Lippen und mahnte sie, ja ruhig zu bleiben. Hatscha nickte. Alles andere wäre töricht.
Der Abteilungsleiter deutete noch auf einen Gnom auf seiner Schulter. Harry! Sie lächelte. Der Gnom hatte vor nicht allzu langer Zeit zu FROG gewechselt. Also war die Einsatztruppe doch da. Respekt, sie haben sich gut versteckt, dachte sie. Erleichtert atmete sie aus.
Harry kletterte von Robins auf Hatschas Schulter rüber und hielt sich an ihren Haaren fest. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr und sie nickte. Dann verschwand Robin.



***Büro des GRUND-Ausbildungsleiters***


"Du willst wissen, was Harry gesagt hat?", deutete Hatscha den Blick ihres Gegenübers. Dieser lächelte zustimmend.
"Nuuuun... ich glaube, das werde ich erst später erwähnen." Hatscha grinste, als sie Daemons Gesichtsausdruck sah, der mit dieser Lösung nicht einverstanden war.
"Na gut, dann komm schnell mal zum Schluss, schließlich müssen wir noch das Bewerbungsgespräch an sich machen."
Mit einem "Oh" erinnerte sich die Wächterin an den Grund, weshalb sie hier im Büro saß und fuhr mit der Erzählung fort.


***Wieder bei der Zeremonie***


Die Zeit verstrich, mit ihr der Fortgang der Feier. Es war noch zu keiner Opferung gekommen, worüber Hatscha glücklich war, aber auch noch nicht zu einem Eingriff der Wache, was sie verunsicherte. Lange konnte sie sich nicht mehr gedulden, das wusste sie. Dann würde sie ihre Selbstbeherrschung verlieren. Harry würde sie nicht zurückhalten können.
Plötzlich leuchtete ein Blitzlichtgewitter auf. Die Ikonographen-Dämonen der Times hatten alle Hände voll zu tun. Die Wächterin sah auf, was denn jetzt so interessantes geschehen ist, konnte aber zunächst nichts Besonderes erkennen. Dann blitzte etwas in der Luft, das garantiert nichts mit den Reportern zu tun hatte. Sie kniff die Augen zusammen und erkannte ein Messer in der Hand des Priesters. Angst ergriff sie. Was hatte er damit vor? Wollte er ihrem Sohn wehtun oder ihn gar umbringen? Sie zuckte bei dem Gedanken zusammen. Vor Anspannung bemerkte sie auch nicht, wie Harry versuchte, auf sich aufmerksam zu machen. Sie ballte die Hände zu Fäusten, dachte nach, was sie machen könnte und fasste schließlich den Plan, der ihr als erster in den Sinn kam, nämlich einfach vorzustürmen und ihr Kind zu retten. Sie pfiff auf das R in FROG. Und auch auf das R auf ihrer Schulter. Sie rannte los.
"Hatscha, NICHT!", schrie Harry ihr von der Schulter aus ins Ohr und ergriff dann ihre offenen Haare, um nicht von der Schulter zu fallen. 'Verdammt!', dachte er und spannte seine Armbrust. Dann schoss er einen Zahnstocher in die Luft.

Valdimier saß auf einem Balken und beobachtete Hatscha schon seit Robin bei ihr war. Plötzlich setzte sie sich in Bewegung. Er strengte die Augen an und sah auch einen fliegenden Zahnstocher, der sich zwei Meter vor ihm ins Holz zu bohren versuchte, aber kläglich scheiterte. Das Zeichen. Der Vampir erhob sich und hoffte, dass auch die anderen sich bereit machten. Wie hätte es auch anders sein können, als dass Hatscha die Beherrschung verliert. Auf die Kollegen war doch kein Verlass mehr.
Von unten ertönte ein lauter Ruf. Valdimier kümmerte sich nicht drum, er wusste, was jetzt zu tun war. Er sah sich um, erblickte Araghast in einer Nische des Saales stehen und nickte ihm zu. Dann verwandelte er sich und hob von seinem Balken ab. Er hoffte nicht, dass er die Flugbahn genau berechnet hatte, dass er so viel Gewicht tragen konnte. Er hatte es einfach so beschlossen. Und er kam tatsächlich da an, wo er hinwollte, ergriff Harry und flatterte dann mit seiner Last davon. Der Gnom schrie zuerst auf, gab sich dann aber mit seinem Schicksal zufrieden, das darin bestand, dass jeder Tschob, sobald er ihn ausübte, seine Schwächen aufwies. Valdimier setzte seinen Kollegen auf dem nächsten Balken ab. Von dort aus besah er sich das Schauspiel und überlegte, ob er eingreifen sollte. Er wusste, Araghast hatte extra Rogi von GRUND besorgt, damit sie sich um etwaige Verwundete kümmern konnte. Er griff ein.
Jetzt ging alles sehr schnell. Die Reporter der Times freuten sich, dass ihr Artikel in der Times doch nicht so langweilig werden würde und überschlugen sich mit Übertreibungen.
Die FROGs versuchten, die Menge unter Kontrolle zu halten, was ihnen aber bei solchen Massen nicht gelang. Allerdings verließ kein einziger Besucher den Saal, was den Wächtern anschließend hoffentlich die Befragung leichter machen würde. Ein Haufen Diebe, der das Gebäude umstellt hatte, konnte ganz schön abschreckend wirken, dachte sich Robin und grinste. Er sah sich um und sah, wie Ridcully versuchte, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Der Abteilungsleiter verfolgte die Richtung, in die der Oberpriester sich bewegte und erkannte sein Ziel. 'Na warte, nicht mit mir!' Er lief los. Und erreichte vor Hughnon die Tür.


Schließlich fand sich Hatscha vor dem Tempel wieder. Sie saß auf einem Stein mit ihrem Sohn auf dem Arm, ihr gegenüber standen Robin und Ridcully. Sie lächelte. Die beiden Männer nicht.
"Herr Ridcully, was hast du dir eigentlich gedacht...?"
"Herr Picardo, wie konntest du nur...?"
Hatscha hörte den beiden kaum zu. Sie blickte erst wieder von ihrem Kind auf, als sie die Blicke der beiden auf sich liegen spürte. "Hm?", machte sie.
"Was machst du eigentlich hier?", fragte Robin sie.
"Habe ich kein Recht dazu, einen Tempel aufzusuchen, nur weil ich Wächterin bin?"
"Nun ja, aber du hast ihn nicht als Tempel aufgesucht, sondern als Tatort!"
"Das kannst du nicht beweisen." Sie drückte Kai an sich.
Ein Läufer näherte sich der kleinen Gruppe. "Herr Picardo, das war alles so...", begann eine Hatscha sehr bekannte Stimme. Sie blickte in Melas' Gesicht. Er konnte nicht mehr weiter sprechen, als er sein Kind wieder sah. Er ließ sich nieder. "Wie geht es ihm?"
"Es scheint ihm gut zu gehen. Sie haben ihn anscheinend wenigstens gut behandelt." Sie lächelte verunglückt.
Ridcully besah sich das Schauspiel. "Siehst du jetzt, was du angerichtet hast?", fragte Robin. "Weißt du überhaupt, was das ganze für Folgen mit sich ziehen wird?"
"Das liegt nicht in deinem Ermessensbereich."
"Werden wir ja sehen." Dem Abteilungsleiter war es eigentlich egal. Er hätte nichts dagegen. Er hat sich schon erfolgreich um die Diebe gekümmert.
"Robin?", meldete sich Hatscha zu Wort. Er drehte sich um.
"Ja?"
"Tut mir leid. Ich habe alles versaut." Sie nieste. Er zuckte mit den Schultern.
"Es ist gut ausgegangen, alles weitere... ist vielleicht ein anderes Mal wichtig." Sie lächelte.
"Ich würde gerne in ein paar Tagen wieder zum Dienst antreten. Eine kurze Pause brauche ich noch, aber dann... ich kann nicht untätig bleiben."
Robin nickte. "In Ordnung. Ich erwarte dich Anfang nächster Woche im
Boucherie."


***Bei Daemon im Büro***


"So in ungefähr ist es abgelaufen. Ich bin dann am Montag wieder an die Arbeit gegangen und habe beschlossen, dass ich jetzt genug Aufsehen erregt habe. Ich bewerbe mich erst einmal bei GRUND, in der Hoffnung, da vielleicht ein ruhigeres Leben zu haben."
Daemon lachte. "Na, ob das unbedingt so gegeben ist... Mal sehen, ob du dich überhaupt dazu eignest."
"Hm", machte Hatscha.
"Dann beginnen wir einmal mit dem Bewerbungsgespräch. Warum du zu GRUND willst, brauch ich dich ja nicht mehr zu fragen, oder hast du noch Ergänzungen?"
"Naja, ich wollte auch mal etwas anderes machen. War ja jetzt doch sehr lange bei DOG. Und etwas ganz anderes ist nun mal GRUND. Dort kommt man dann vielleicht auch noch auf den Geschmack anderer Abteilungen. Außerdem... ich wollte mal aus dem Boucherie raus." Sie grinste. Daemon legte den Kopf schief. "So ein Haus kann einfach beengend wirken nach einiger Zeit. Und ich dachte, hier treff ich öfters mal auf neue Leute."
"Wie du meinst. Was stellst du dir unter den Aufgaben eines Ausbilders vor?"
Hatscha dachte nach. "Neulingen die Regeln, also die Gesetze der Stadt und das, was ein Wächter nicht darf, beibringen. Ihnen zeigen, wie man auf Streife geht. Ihnen einfach die grundlegenden Dingen aller Abteilungen lehren."
"Du meinst also, du bist die, die alles weiß und alles kann?"
"Na ja..."
"Auch du wirst von deinen Rekruten einiges lernen können. Ich wünsche dir viel Spaß mit ihnen." Er lächelte.
"Soll das heißen...?" Sie wagte es nicht, auszusprechen.
"Ja, du darfst dich jetzt Ausbilder schimpfen. Ich zeige dir gleich dein Büro, dann kannst du es dir einrichten. Nächste Woche ist dein Dienstantritt, du kannst dich bis dahin noch um Sachen kümmern, um die du dich kümmern musst."
Sie strahlte.
"Noch eine Frage", unterbrach der Ausbildungsleiter ihre Freude.
"Ja?"
"Wie machst du das eigentlich mit Kai? Als Ausbilder musst du oft hier sein, teilweise auch an Tagen, an denen du frei hast."
"Nun, Melaina geht es zwar besser, aber ganz auf den Beinen ist sie noch nicht. Sie kann jedenfalls noch nicht wieder arbeiten. Sie hat sich einverstanden erklärt, dass sie auf den Kleinen aufpasst, wenn weder Melas noch ich Zeit haben. Und notfalls muss ich ihn mit hierher bringen. Dann bekommen die Rekruten eben noch eine Lektion in Babysitten."
Daemon grinste aufgrund dieser Idee. Er war froh, dass er nicht ihr Rekrut war. "Was hatte Harry jetzt eigentlich gesagt?"
"Ähm, er hat mir die Sache von den Dieben erzählt. Er hatte gehofft, das würde mich beruhigen."
Schmunzelnd breitete der Hauptmann die Arme aus. "Willkommen bei GRUND! Ich zeige dir dein Büro und schicke dann Rascaal die Unterlagen." Er stand auf und ging zur Tür hinaus. Hatscha folgte ihm. Vor einer anderen Tür auf demselben Gang blieb er stehen. An ihr war kein Schild angebracht. Aber irgendwie kam ihr doch genau diese bekannt vor. Sie erinnerte sich. Das hier war einst das Büro von Schmiedehammer gewesen, ihrem Ausbilder vor so langer Zeit. Sie lächelte, als sie an die Momente zurückdachte, in denen sie, klein und unwissend, vor dem noch kleineren Zwerg stand, der ihr versuchte, die grundlegenden Richtlinien beizubringen. Neuzugangsdesorientierung. Ja, dieses Wort traf zu.


***Boucherie Rouge, ein paar Tage vorher***


Nach dem langen Tag betrat Robin noch einmal sein Büro, um den nötigsten Papierkram zu beseitigen. Etliches davon stapelte sich auf seinem Schreibtisch und schrie regelrecht danach unter P wie Papierkorb abgelegt zu werden. Ganz zu oberst fand er einen pechschwarzen Brief liegen, den ein Rohrpostdämon andächtig auf den Schreibtisch gelegt haben muss. Genauso andächtig öffnete der Abteilungsleiter das Schreiben.

Der Fall um den Oberpriester Hughnon Ridcully wird von der Wache nicht weiter behandelt.
Gez. Vetinari

Zumindest vermutete Robin, dass Vetinari unterschrieben hat. Der Schnörkel konnte auch alles mögliche andere heißen. Also wollte sich der Patrizier selbst um Ridcully kümmern. War dem Dobermann nur recht. Ersparte ihm einiges an Arbeit.
Er legte den Brief zur Seite und fand darunter einen weiteren, diesmal in einem weißen Umschlag.

An die Abteilungsleitung von DOG,
ich möchte mich hiermit für mein Verhalten entschuldigen. Desweiteren habe ich eine Bewerbung an Hptm. Daemon Llanddcairfyn zur Versetzung zu GRUND abgeschickt. Ich hoffe, ich habe trotzdem gute Dienste geleistet.
Gruß,
Lance-Korporal Hatscha al Nasa, Husky
PS: Mach dir keine Sorgen um die Sache mit Ridcully. Sie ist von meiner Seite aus bereits geklärt.

Robin nickte. Mit einem ähnlichen Schreiben hatte er gerechnet. Nicht, dass er sich darüber freuen würde, Hatscha hatte schließlich durchaus gut gearbeitet. Aber er konnte ihre Reaktion nachvollziehen. Müde nahm er einen frischen Bogen Papier zur Hand und einen Stift und begann, ein Antwortschreiben zu verfassen.
Wenig später beobachteten zwei Augen aus den Schatten einen Abteilungsleiter, wie er sein Büro und das
Boucherie Rouge verließ. Die Augen versuchten, in dem Verhalten von Robin zu lesen. Schließlich nickte Melas. Es war ja doch alles gut gegangen.


Kritik erwünscht



Für die Inhalte dieses Textes ist/sind alleine der/die Autor/en verantwortlich. Webmaster und Co-Webmaster behalten sich das Recht vor, inhaltlich fragwürdige Texte ersatzlos von der Homepage zu entfernen.

Feedback:

Von Tussnelda von Grantick

23.12.2005 21:04

Also.

Mir gefiel die Mission insgesamt gut, insbesondere weil sie trotz der vielen Sprünge für mich nicht unübersichtlich wurde. Lang leben die Überschriften;-) Auch schön wie Du die einzelnen Teile durch dein Bewerbungsschreiben miteinander verwoben hast.

Negativ aufgefallen ist mir nichts... ausser vielleicht, dass der Spannungsaspekt für mich erst sehr spät eintrat (während der Zeremonie).

Von Hatscha al Nasa

28.12.2005 00:05

Danke für deine Kritik!

Schade, dass sich sonst niemand dazu äußern will... :(

Die Stadtwache von Ankh-Morpork ist eine nicht-kommerzielle Fan-Aktivität. Technische Realisierung: Stadtwache.net 1999-2024 Impressum | Nutzungsbedingugnen | Datenschutzerklärung