In einer kalten Winternacht kommt es zu einem der schrecklichsten denkbaren Verbrechen.
Dafür vergebene Note: 14
Die, welche auf Gerechtigkeit hoffen, werden ein Leben lang nach ihr suchen.
Die, welche Gerechtigkeit üben, werden ein Leben lang um Vergebung bitten.Tod wartete. Der Moloch unter den Städten der Scheibenwelt, - das unbeschreibliche Ankh-Morpork -, verlangte einmal mehr nach seinen Diensten. Es war die dunkelste Stunde einer kalten Winternacht und während eisiger Wind über die schneebedeckten Dächer jagte, griff Tod zum wiederholten Mal in den samtenen Beutel, der sicher an seiner Seite hing. Vorsichtig legten sich knöcherne Finger um eines der zerbrechlichen Stundengläser und zogen es behutsam aus dem schützenden Säckchen hervor. Es war ein besonders kleines Glas. Nur wenig Sand hatte die Möglichkeit gefunden, durch die winzige Verengung zu rieseln und sich im unteren Glaskörper zu sammeln. Und doch verblieb nur noch ein kleiner Rest der Sandkörner in der oberen Hälfte. Einige Minuten unwiederbringlich dahinfließender Zeit. So kostbar für viele der Menschen, die nie genug davon zu haben schienen.
Er stand am Rande des Hide Park, dem einzigen Fleck Natur, den sich die Bürger der Stadt noch zu leisten bereit waren. Als sein suchender Blick über die Bäume und Hecken schweifte, fiel ihm auf, dass er unbeabsichtigt einige Zentimeter über der Schneedecke schwebte. Zwar konnte ihn niemand sehen, aber er ließ sich trotzdem dezent und etwas verlegen auf eine angebrachtere Höhe herabsinken.
Schließlich sah er den Mann, der aus der Stadt kommend mit den beiden Mädchen zwischen den Bäumen abseits der Wege und Straßen verschwand. Tod empfand... Bedauern. Wäre er einem Menschen ähnlicher gewesen, hätte er vermutlich geseufzt, um diesem Bedauern Ausdruck zu verleihen. So aber blieb ihm nur, das empfindliche Stundenglas zu verstauen und den dunklen Schatten zu folgen.
Nach einigen Schritten löste sich die Sense, die Tod bis dahin bei sich trug, in Vergessenheit auf, als wäre sie nie Teil von ihm gewesen. Stattdessen erschien das Schwert an seiner Seite. Bei den anstehenden Ereignissen war es von Bedeutung, eine freie Hand zu haben.
In angemessenem Abstand verharrte er und beobachtete das Geschehen. Oft hatte er versucht, das Wesen der Menschen zu verstehen, deuten zu können, was sie in ihrem kurzen Dasein antrieb. Letztendlich erschlossen hatte es sich für ihn jedoch bis heute nicht und es waren Nächte wie diese, in denen Tod dankbar dafür war, keiner von ihnen zu sein.
Scheinbar endlos dehnte sich die Zeit und es schien ewig zu dauern, ehe sich die Seele des wehrlosen Mädchens von ihrem Körper lösen konnte. Für die meisten Menschen kam dieser Moment unerwartet und ging deshalb häufig einher mit Verwirrung und der Weigerung das Unvermeidliche zu akzeptieren. Schnell entstand daraus Erschütterung, welcher schließlich Einsicht und Erkenntnis folgten. Gefühle konnten im Jenseits nicht lange bestehen. Deshalb verblassten starke Emotionen rasch und wichen der Gnade des Vergessens. Aber manchmal galten diese Regeln nicht.
Die Seele des Kindes erhob sich zitternd, das Gesicht angstverzerrt und verzweifelt Hilfe suchend. Als sie Tod erblickte, machte sie zunächst nur einige zögerliche Schritte auf ihn zu. Schließlich lief sie schneller und warf sich in seine Arme. Sie umklammerte ihn und presste sich fest an ihn. Erst als Tod seine schützenden Arme auch um sie schloss, hatte sie die Kraft, die Tränen zu vergießen, die sie im Leben nicht hatte weinen können. Manchmal fanden die Menschen Trost nur noch im Tod.
Lange standen sie so im Schnee, den sie bereits nicht mehr spüren konnte. Aber noch konnte Tod sie nicht mit sich nehmen. Noch waren ihre Qualen nicht vorbei und ihr Peiniger wütete hinter ihrem Rücken immer weiter. Kein einziges Mal blickte sie sich um. Sie sprachen nicht miteinander, denn für manche Dinge gab es keine Worte.
Aus dem Nichts erschien wieder das kleine Stundenglas und schwebte vor Tods leeren Augen. In den letzten Sekunden die verrannen, verfolgte er den Fall jedes einzelnen Sandkorns. Behutsam hielt er das Mädchen weiter in seinem Arm, während er mit einer Hand das Schwert zog. Sie konnte nicht sehen was er tat. Trotzdem spürte Tod ihre Anspannung, als sie das Ende erwartete.
Mit dem Verstreichen des letzten Augenblicks, zertrennte Tod fast zärtlich den dünnen Faden, der die Seele noch mit dem Leben verband und beendete damit das Leiden. Fast sofort verlor die Welt um sie herum an Substanz, wurde zunächst zu einem grauen Schleier und löste sich dann ganz in dunkle Unendlichkeit auf.
E
S IST VORBEI, sagte Tod leise.
Sie nickte gleichmütig.
W
ENN DU MÖCHTEST,
KÖNNEN WIR JETZT GEHEN.
"Was wird aus meiner Schwester?" fragte sie besorgt.
I
HRE Z
EIT IST NOCH NICHT GEKOMMEN.
"Ja, aber wird er..." Selbst jetzt wagte sie nicht auszusprechen, was nie gesagt werden durfte.
D
AS KANN ICH NICHT SAGEN,
IHR S
CHICKSAL ENTZIEHT SICH MEINER K
ENNTNIS, antwortete er und Mitgefühl lag in seiner Stimme.
Wieder nickte sie nur. Es entstand eine längere Pause, voll des Kummers und der Trauer.
W
OLLEN WIR? fragte Tod schließlich noch einmal vorsichtig.
Gefasst löste sie sich aus seiner Umarmung und legte entschlossen ihr zierliche Hand in die seine. Gemeinsam gingen sie in eine Richtung von der sie beide wussten, dass sie die richtige war. Mit jedem Schritt fiel ein kleiner Teil der Last von ihr ab, fiel das Vergessen leichter.
Ein Stück des Weges konnte Tod sie begleiten. Manchmal war dies notwendig. Er geleitete sie in eine Welt die weniger grausam war, als die letzte.
***Gleichmäßig bewegte sich der Schneeschieber über das unebene Pflaster des kleinen Innenhofs und befreite ihn von der dünnen Schneedecke, die sich in der letzten Stunde wieder gebildet hatte. Eine einfache und unkomplizierte Arbeit, der sich Dippwin gerne hingab. Bereits zum vierten Mal machte er in dieser Nacht seine Runde um das Wachhaus in der Kröselstrasse, räumte zunächst die enge Tordurchfahrt, dann den Innenhof und zuletzt die schmalen Fußwege vor dem Gebäude. Es war eine Aufgabe, die sich deutlich von seinem sonstigen Alltag als Rekrut in der Grundausbildung unterschied. Allein dieser Umstand machte sie zu etwas Besonderem, fast schon zu etwas Wertvollem. Denn auch nach mehreren Wochen fühlte er sich in der Wache noch immer fehl am Platz und fand keinen rechten Anschluss. Dabei lag es gar nicht so sehr an den Ausbildern oder den anderen Wächtern. Mit einigen hatte er inzwischen ein fast freundschaftliches Verhältnis, wie mit Bruder Laudes oder Lilli Baum. Nein, die Ursache war eine ganz andere...
Bahn für Bahn schaufelte er den Schnee in Richtung Wache und schob ihn entlang der Mauer zu einer langen Hügelkette zusammen. An einigen Stellen hatte diese inzwischen die Höhe der Fenster erreicht. In der Monotonie der Tätigkeit vertieft, schweiften Dippwins Gedanken immer wieder ab, beschäftigten ihn mit der Frage, warum ihm die Ausbildung als Wächter nur solche Schwierigkeiten bereitete. Die Sache mit Charlie Holms Hintern
[1] war dabei nur zu symptomatisch für all seine fehlgeschlagenen Anstrengungen. Je mehr er sich bemühte, die Dinge richtig zu machen, um so häufiger schien er zu scheitern. Er konnte es einfach nicht begreifen.
Mit großem Ehrgeiz und Eifer hatte er die Vorschriften der Wache gelesen, die
'Gesetze der Stadt Ankh-Morpork in der Fassung von 1457' auswendig gelernt und zahlreiche Berichte aus dem Archiv durchgearbeitet, um zu verstehen was von ihm erwartet wurde, wie er sich verhalten sollte. Aber trotzdem wollte ihm einfach nichts so richtig gelingen. Mehr und mehr gewann er den Eindruck, dass sich in den Büchern und Akten, die ihm zur Verfügung standen, nicht das wahre Leben wiederspiegelte, sondern höchstens ein verzerrtes, kaum noch erkennbares Abbild davon. Er fühlte sich wie ein Reisender in einem fremden Land. Weder verstand er die Sprache der Einheimischen, noch besaß er ein Wörterbuch oder Landkarten.
Ein letztes Mal kratzte der Schneeschieber über die Kopfsteine und legte den Rest des Hofs frei, auf dem die Rekruten tagsüber den größten Teil ihrer Ausbildung absolvierten. Dippwin schulterte sein Arbeitsgerät und machte sich auf den Weg zur Vorderseite des Wachhauses.
Es war seine siebte Nacht in Folge, da er seit dem Unfall bei der Lehrvorführung irgendwie ständig Nachtschicht hatte. Anfangs war er noch sehr nervös gewesen, aber selbst Dippwin erkannte rasch, dass der Tresendienst in der Kröselstrasse regelmäßig nur ein Kampf gegen die Müdigkeit war. Die echte Arbeit wurde am Pseudopolisplatz erledigt. Kaum ein vernunftbegabter Bürger der Stadt kam je auf die Idee, hier, - am Rande der Schatten -, bei der Wache um Hilfe zu ersuchen.
Trotzdem schaute wenigstens zweimal pro Schicht einer der Offiziere vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Dippwin glaubte zunächst dies sei das normale Prozedere, bis ihm einer der älteren Rekruten versicherte, dass bis vor kurzem eigentlich nie Dienstaufsicht in den Nachtstunden erfolgt sei. Die Offiziere schienen sich auch nur selten für die Vorkommnisse während seines Dienstes zu interessieren. Stattdessen fragten sie ihn nach seinem werten Befinden, unterhielten sich einige Minuten mit ihm und verließen dann meist recht schnell wieder den Tresenraum. Dippwin fühlte sich zunehmend überwacht.
Durch den Torbogen verließ er den Innenhof und erreichte die Front des alten Wachgebäudes. Er wollte gerade wieder den Schneeschieber ansetzen, als sein Blick auf einen klapprigen Leiterwagen mit eingespanntem Esel fiel, der unmittelbar vor dem Haupteingang stand.
Dippwin blieb überrascht stehen und seufzte vernehmlich. Es war verboten, Fahrzeuge jedweder Art vor Gebäuden der Stadtwache abzustellen. Die
'Durchführungsbestimmungen zur Besonderen Wachvorschrift der Stadtwache von Ankh-Morpork' waren in diesem Fall eindeutig und ließen auch für Fahrzeuge der einzelnen Abteilungen keine Ausnahmen zu. Er kannte den Wagen und hatte den Esel vor wenigen Tagen das erste Mal gesehen, als er einen Botengang zum Pseudopolisplatz machen musste. Nach einer Weile ging er einmal um den Wagen herum und näherte sich schließlich vorsichtig dem Zugtier. Behutsam griff er nach dem Zaumzeug und strich Schusi dann über das raue Fell seiner Flanke. Es war der störrische Esel von FROG, der angeblich über ein Temperament ganz eigener Art verfügen sollte.
In trauter Zweisamkeit mit dem Esel wartete er einige Minuten, während der Wind langsam wieder zunahm und es erneut zu schneien begann.
Nachdem Dippwin sich sicher war, länger als fünf Minuten gewartet zu haben, musste er erneut laut seufzen. Er hatte es befürchtet. Der Wagen wurde hier nicht etwa nur für kurze Zeit widerrechtlich abgestellt. Nach den verstrichenen Minuten stand auch eindeutig fast, dass es sich zusätzlich um einen Parkverstoß handelte. Auch in diesem Punkt ließen die
'Durchführungsbestimmungen zur Besonderen Wachvorschrift der Stadtwache von Ankh-Morpork' keinen Zweifel zu.
Schweren Herzens lehnte er den Schneeschieber gegen den Wagen und machte sich auf den Weg in den Tresenraum. Er wusste, dass ihm eine anstrengende Diskussion mit wenigstens einem anderen Wächter bevorstand. Aber man musste doch einsehen, dass die Regeln und Vorschriften eingehalten werden mussten. Auf dem Weg zum Haupteingang fiel ihm ein, dass er dort wo der Wagen stand auch keinen Schnee räumen konnte. Er fügte seiner mentalen Liste von Verstößen auch noch
'Behinderung eines Wächters bei Ausführung seines Dienstes' hinzu.
***Ein Schemen löste sich aus der Finsternis und eilte durch den nächtlichen Park, nicht mehr als ein grauer Fleck, der über den hellen Schnee zu schweben schien. Im Schutz einiger Bäume hielt er kurz inne und verschmolz wieder mit der Nacht, nur um Augenblicke später einige Meter entfernt aufs Neue zu erscheinen und seinen Weg fortzusetzen.
Obwohl Oberfeldwebel Araghast Breguyar, der Abteilungsleiter von FROG, in der Dunkelheit beinahe so gut wie am helllichten Tag sehen konnte und wusste, worauf er zu achten hatte, verlor er die Gestalt, die sich ihm näherte, doch immer wieder kurz aus dem Auge. Der Schatten näherte sich jetzt der Parkmauer, die auf der mittwärtigen Seite des Hide Park nicht höher als drei Fuß war.
"Sie kommt!" raunte ihm eine leise Stimme über die Schulter zu.
Breguyar nickte ohne sich umzudrehen. Sein Blick haftete an der Gestalt, die für einen kurzen Moment deutlich vor dem hellen Schnee zu erkennen war, als sie mit einem geduckten Sprung die Mauer überwand. Tief gebeugt lief sie die letzten Meter über die Unvergleichliche Straße und erreichte schließlich das Versteck in dem der Oberfeldwebel mit seinem kleinen Trupp kauerte.
Am Ziel angekommen, ließ sich Feldwebel Kanndra neben ihrem Abteilungsleiter zu Boden sinken. Ihr Atem ging schnell und flach, Schweißtropfen glänzten auf ihrer Stirn. Die Späherin war die gesamte Strecke so schnell gelaufen, wie sie nur konnte. Mit Sorge beobachtete Breguyar seine Stellvertreterin, als sie völlig entkräftet vor ihm kniete. Sie musste sich wirklich sehr beeilt haben, sonst wäre sie nicht so erschöpft gewesen.
"Und?" fragte Valdimier van Varwald, der hinter seinem Chef hockte, ungeduldig.
"Wir... müssen schnell handeln", presste Kanndra zwischen zwei Atemzügen hervor. "Ich glaube... er ist allein... Hat sich in das Dickicht des Parks geschlagen."
"Waf ift mit den Mädchen", wollte Rogi wissen. Als einzige Igorina der FROG war sie regelmäßig die erste, die sich um die Sicherheit der Opfer sorgte.
"Sie... sind bei ihm, aber ich weiß nicht, wie es ihnen geht." Kanndra kam langsam wieder zu Kräften, trotzdem verbreitete sie eine Atmosphäre nervöser Sorge. "Ich befürchte das Schlimmste, Araghast. Wir müssen sofort eingreifen!" Ihre Stimme war angespannt und zeigte dem Oberfeldwebel eindringlich, für wie gefährlich sie die Situation hielt.
Kaum eine halbe Stunde war vergangen, seit Breguyar und seine Kameraden alarmiert worden waren. Fräulein Krümel, eine Erzieherin aus einem der privaten Waisenhäuser, war am Pseudopolisplatz eingetroffen und meldete zwei ihrer Mädchen im Alter von zehn und zwölf Jahren als vermisst. Das alleine hätte die Wache noch nicht weiter beunruhigt. In Ankh-Morpork kam es häufig vor, dass Kinder aus den Heimen für einige Tage Reißaus nahmen. Nach ein paar Nächten tauchten sie dann regelmäßig wieder auf, geläutert und um so manche Erfahrung reicher.
In den letzten Monaten waren jedoch zu häufig Waisen verschwunden. Die Wache erfuhr regelmäßig zu spät von den Ereignissen und konnte bisher weder Spuren, noch glaubwürdige Zeugen finden, die weitergeholfen hätten. Die Kinder blieben unauffindbar. Bestenfalls konnte man in diesem Zusammenhang von Vermissten sprechen. An die wahren Befürchtungen wollte dagegen kaum jemand auch nur denken... und immer waren es kleine Mädchen die verschwanden.
Aber diesmal sah es anders aus. Man hatte die Wache bereits unmittelbar nach dem Verschwinden der beiden Kinder benachrichtigt. Die Mädchen waren nach dem Spielen im Hof nicht zum Abendessen erschienen. Zwar organisierten die Erziehrinnen sofort eine Suche in der näheren Umgebung, aber sie konnten die Kinder dabei nicht finden. Schon nach ein paar Stunden schickte man nach der Wache. Gerade noch rechtzeitig, wie Breguyar fand.
Für Kanndra und Valdimier war es keine große Herausforderung gewesen, die Fährte der Mädchen im frisch gefallenen Schnee aufzuspüren. Zu so später Stunde waren nur noch wenige Menschen auf den Strassen unterwegs und nur eine Handvoll unterschiedlicher Fußabdrücke war um das Waisenhaus herum zu finden. Bereits wenige hundert Meter vom Heim entfernt, dort wo die Spuren von der Suche der Kindermädchen aufhörten, konnten die Wächter Abdrücke von zwei zierlichen kleinen Mädchen ausfindig machen, die sich vom Heim fort bewegten. Sie führten zielstrebig in Richtung des Hide Park... und sie waren nicht allein.
In aller Eile war Breguyar den Spuren mit seiner kleinen Gruppe gefolgt. Bei ihm waren nur noch Chief-Korporal Valdimier van Varwald der Vampir und Korporal Rogi Feinstich. Seine Stellvertreterin Kanndra hatte der Oberfeldwebel von Beginn an voraus geschickt, um die Lage aufzuklären.
Als sie den Park erreichten, spürten alle, dass sie dem Entführer dicht auf den Fersen waren. Ein letztes Mal hatte Breguyar seine Späherin eingesetzt. Aber dieses Mal sollte sie sich nicht mehr auf das stille Beobachten beschränken. Er wollte von ihr genau wissen, wann und wo die FROG am Besten zuschlagen konnten. Oberste Priorität hatte dabei die Sicherheit der Mädchen, ihnen durfte auf keinen Fall etwas zustoßen.
"Wie machen wir es?" fragte der Vampir seinen Chef.
Breguyar blickte seiner Späherin fest in die Augen. "Kanndra?"
"Das Dickicht, in dem er verschwunden ist, liegt fünfhundert Schritt randwärts von hier und grenzt unmittelbar an einen See. Die Eisschicht ist noch nicht dick genug, also kann er dort nicht flüchten. Die übrigen Seiten sind nur schwer einsehbar, die Annäherung sollte uns daher nicht weiter schwer fallen. Wie es im Dickicht aussieht kann ich nicht sagen, aber das Gebiet durchmisst höchstens dreißig Schritt und ist leicht hügelig. Ich vermute, er versteckt sich in einer der Senken."
Kanndras Bericht war militärisch knapp und beinhaltete alles, was Breguyar zum jetzigen Zeitpunkt wissen musste. Er wandte sich an den Chief-Korporal. "Valdimier?"
Der Vampir rechnete mit der unausgesprochenen Frage seines Abteilungsleiters. Prüfend blickte er in den dunklen Himmel, in dem zahllose weiße Flocken durch die Luft jagten. Wind und Schneefall hatten in den letzten Minuten stark zugenommen. "Nicht bei dem Wetter, Chef", antwortete er. Ein Angriff durch die Luft war im Moment undenkbar. Hätte Valdimier jetzt Fledermausgestalt angenommen, wäre er in dem wirbelnden Weiß vollkommen orientierungslos gewesen.
"Gut." Breguyar nickte nachdenkich. "Valdimier, du wirst das Zentrum übernehmen. Kanndra kommt von der linken, ich von der rechten Flanke. Rogi, du folgst mir und kümmerst dich um die Kinder sobald wir sie finden. Wir trennen uns erst kurz vor dem Dickicht und greifen dann gleichzeitig an. Ich werde kein Signal für den Angriff geben... ihr würdet es bei dem Wind ohnehin kaum hören. Gibt es Fragen?"
Sie hatten keine. Ihre Anspannung war jedoch greifbar und sie warteten nur noch auf den Befehl loszuschlagen. Noch einmal blickte Breguyar prüfend in die Gesichter seiner Kameraden.
"Dann los!"
Lautlos bewegten sich vier Schatten über die Straße und drangen in den Park vor. Nur Sekunden vergingen, bevor sie zwischen Büschen und Bäumen verschwunden waren. Die Jagd hatte begonnen.
***Sie war zerstört. Nur noch eine Hülle, leer, kalt, entrückt in eine andere Welt. Viel zu schnell war sie zerbrochen, hatte ihren Körper verlassen und war nicht mehr für ihn erreichbar. Sein Zorn war unermesslich, jetzt, da sie sich seiner Herrschaft entzogen hatte. Wie konnte sie es wagen, sich seinem Willen zu widersetzen, sich seiner Begierde zu verweigern?
Geknechtet hatte er sie, erniedrigt und gequält bis sie endlich gefügig wurde. Doch in dem Augenblick, da sie willfährig vor ihm kniete, ließ die Befriedigung bereits wieder nach. Er wollte ihren Widerstand, brauchte ihre Zurückweisung. Nur der Moment in dem sie erneut zu brechen wäre, konnte ihm höchste Lust bereiten. Devot hatte das junge Ding keinen Nutzen für ihn. Zappeln sollte sie, winseln und leiden. Er musste seine Macht in ihren Augen sehen.
Aber dann hatten diese Augen plötzlich ihren Glanz verloren, wirkten fortan starr und leer. Sie war an den einzigen Ort geflüchtet, den er nicht erreichen konnte. Hass erfüllte jeden Winkel seines Wesens und raubte ihm die Sinne. In blinder Raserei vernichtete er den Körper. Kein Knochen, den er nicht brach. Keine Sehne, die er nicht zerfetzte.
Eine Ewigkeit verging, ehe er von ihr abließ und auch danach kehrten seine Gedanken nur langsam und bruchstückhaft zurück. Schwer atmend und vor Anstrengung zitternd, richtete er sich vor ihr auf.
Es war vorbei. Nichts mehr übrig, was sie ihm noch hätte geben können. Er hatte ihr Alles genommen. Alles und noch viel mehr. Jetzt war sie verbraucht und für ihn ohne Bedeutung. Im Aufstehen begriffen, begann er sie bereits zu vergessen. Nur noch eine flüchtige Erinnerung an einen kurzen Augenblick der Erlösung. Sekunden in denen er sich seiner Allmacht bewusst war, in denen er spürte wie sehr er Gott war. Die einzige Instanz die über Leben und Tod zu gebieten hatte.
Der Rausch verblasste zu schnell, verebbte und ließ die dunkle Leere zurück, die ihn Tag und Nacht begleitete, die nach mehr schrie. Ihr Ruf verfolgte ihn, trieb ihn zu immer neuen Gräueltaten und gönnte ihm keine Ruhe.
Aber es war ja noch nicht vorüber. Nicht in dieser Nacht. Sein Blick glitt über den blutgetränkten Schnee hinüber zu der Mulde in der die Zweite kauerte. Mit gierigen Augen saugte er jedes Detail auf, weidete sich an ihrer Hilflosigkeit. Sie bebte am ganzen Körper, die Arme schützend um die angezogenen Beine geschlungen. Tränen liefen über ihr Gesicht, der Mund zu einem lautlosen Schrei aufgerissen, der niemals zu hören sein würde. Ihr stoßweiser Atem kondensierte in der eisigen Luft zu silbernem Nebel. Es war nicht notwendig gewesen, sie zu fesseln. Namenloser Schrecken schlug sie in einen Bann, vor dem sie sich nicht wehren konnte, der sie starr vor Angst zurückließ.
Ein Lächeln umspielte sein Antlitz, kalt wie die Nacht. Mit langsamen Schritten näherte er sich, betrachtete die blonden Strähnen, die ihr nass im Gesicht klebten. Sah die kleinen Finger, die sich krallengleich in ihr eigenes Fleisch bohrten, einen Halt suchend, den ihr diese Welt nicht mehr geben konnte.
"Lass uns spielen, mein Engel..."
***Warme Luft schlug Dippwin entgegen, als er die Tür zum Wachhaus öffnete. Nachdem er sich noch einmal den Schnee vom Mantel geklopft hatte, betrat er den Tresenraum und sah sich im spärlich beleuchteten Raum nach dem vermeintlichen Fahrer des Leiterwagens um.
Zunächst fiel sein Blick auf eine attraktive junge Dame, die an einem der Tische im Wartebereich unweit des Ofens saß. Sie schien erst vor wenigen Minuten eingetroffen zu sein, denn ihre Wangen waren durch die Kälte noch gerötet. Sie hatte ihren Mantel ausgezogen, die eiserne Feuerluke des Ofens geöffnet und wärmte ihre Finger an den kleinen, züngelnden Flammen die aus der Öffnung hervorschlugen. Auf ihren Schultern konnte Dippwin die Rangzeichen einer Hauptgefreiten ausmachen. Offensichtlich hatte er die Fahrerin des Wagens schon gefunden.
Er wollte gerade auf sie zugehen, als er vom Tresen her eine leise Unterhaltung vernahm.
"Das ist er also, richtig?" fragte gerade eine helle, fast kindliche Stimme.
"Ja, Sir!" antwortete Bruder Laudes, der zweite Rekrut, mit dem Dippwin in dieser Nacht den Tresendienst zu verrichten hatte.
Als Dippwin in Richtung Tresen blickte konnte er niemanden ausmachen, mit dem sich sein Kamerad gerade unterhielt. Irritiert ging er einige Schritte auf Bruder Laudes zu, der hinter dem Schalter stand, und suchte angestrengt nach der Person mit der dieser sprach. Als er fast unmittelbar vor dem Tresen angekommen war und konzentriert hinter denselben zu blicken versuchte, ertönte ein unüberhörbares Seufzen.
"Hier unten, Großer!"
Erschrocken fuhr Dippwin zusammen. Unmittelbar auf der Kante des Tresens saß ein kleines Männchen und ließ die Beine baumeln. Es war sicher nicht viel größer als einen Fuß, eher kleiner und der junge Rekrut hatte es zunächst gar nicht wahrgenommen. Interessiert musterte er den Winzling und überlegte, mit wem oder was er es hier zu tun hatte.
"Ja, wirst du wohl gleich Haltung annehmen oder wie?" fuhr ihn der aufgebrachte Gnom an.
Dippwin konnte das ungebührliche Betragen dieses Wichtes nicht so richtig einordnen und wandte sich zunächst an Laudes. "Was will er?"
Die Augenbrauen des Gnoms schossen in die Höhe und brachten sowohl Überraschung, als auch Missfallen zum Ausdruck. Hinter ihm begann Bruder Laudes heftig zu gestikulieren und deutete abwechselnd auf seine Schulter und das kleine Männchen.
Erneut besah sich Dippwin das kleine Wesen und entdeckte auf dessen ohnehin winzigen Schultern noch viel kleinere Dienstgradabzeichen. Konnte es etwa sein? Dippwin beugte sich dicht über den kleinen Gnom und versuchte mühsam die filigranen Streifen zu zählen. Als er zu einem vorläufigen Endergebnis kam, beschloss er dieses durch erneutes Nachzählen zu überprüfen. Das war doch nicht möglich, oder?
"Sag mal, hältst du mich denn für ein Kunstwerk, dass du mich so anstarrst? Stillgestanden, Rekrut! Aber ein bisschen plötzlich!" keifte das inzwischen doch deutlich erregte Kerlchen den erschütterten Dippwin mit heller Stimme an.
"Sir, jawohl Sir Stabsspieß, Sir!" Dippwin war empor geschnellt und stand kerzengerade in mustergültiger Grundstellung. Jegliche Farbe war ihm aus dem Gesicht gewichen. Ein Stabsspieß? Keine zehn Zoll groß, aber ein Stabsspieß?
"Wohl noch nie einen ordentlichen Gnom gesehen, wie?" Harrys Stimme kam einem kindlichen Kreischen gleich, während er an dem senkrecht vor ihm aufragenden Rekruten hochsah.
"Nein, Sir! Keinen vor dem ich strammstehen musste, Sir Stabsspieß", beeilte sich Dippwin zu antworten.
"Na irgendwann ist immer das erste Mal. Dein Name, Rekrut!"
"Bendolch, Sir. Rekrut Dippwin Damo Felabro Bendolch, Sir", parierte der junge Mann.
"Willst wohl angeben mit den vielen Namen, wie?"
"Nein, Sir! Mutter sagt immer, Namen seien im Gegensatz zum Rest der Welt umsonst. Deshalb solle ein Kind ruhig reichlich mit ihnen beschenkt werden, eine ähnliche Gelegenheit bietet sich schließlich..."
"Ja ja, schon gut", unterbrach ihn der Gnom rüde. "Ich bin Stabsspieß Harry von den FROG. Ich habe heute Nacht die eher fragwürdige Ehre dich zu kontro... ich meine, hier nach dem Rechten zu sehen." Nervös fuhr sich Harry mit einer Hand über die Stirn. Beinahe hätte er sich versprochen, dabei hatte Oberleutnant Lanfear doch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass dieser Bendolch vorsichtig und vor allem unauffällig zu überwachen sei.
"Sie, Sir? Sonst kommt doch immer einer der Offiziere?"
"Soll das heißen, ich wäre nicht gut genug für dich... wollte sagen, um hier nach dem Rechten zu sehen?" Harry biss sich auf die Zunge. Es war ihm schon wieder passiert.
"Nein, Sir. Natürlich nicht, Sir!" Noch immer stand Dippwin in Grundstellung vor dem Gnom und rührte keine Miene.
Skeptisch beobachte Harry den jungen Mann, ob sich nicht doch irgendwo ein verstohlenes Lächeln in dessen Mundwinkeln zeigen würde. Aber offensichtlich hatte Bendolch tatsächlich Respekt vor ihm. "Gut so, Rekrut! Du darfst jetzt bequem stehen... oder dich setzen. Je nachdem was du willst." Harry wedelte majestätisch mit seiner Hand und bedeutete Dippwin sich etwas von Harrys Thron, - der Tresenkante -, zurückzuziehen.
Dippwin tat wie ihm geheißen und trat gehorsam zwei Schritte vom Tresen zurück.
"Also Bendolch... was ist so los in der Kröselstrasse?" verlangte Harry zu wissen.
"Sir, leider muss ich ein schwerwiegendes Dienstvergehen in Tateinheit mit zwei weiteren, wenn auch kleineren Dienstvergehen melden."
"Ach du meine Güte!" entfuhr es dem Gnom. "Und was wären das wohl für Dienstvergehen, Bendolch?"
"Sir, vor dem Wachgebäude steht ein Leiterwagen, der aufgrund des eingespannten Zugtieres eindeutig der Wache zugehörig ist", begann Dippwin mit seinen Ausführungen.
"Na aber selbstverständlich. Habe ihn ja extra von der Hauptgefreiten Giandorrrh dort abstellen lassen." Harry kratzte sich zerstreut am Kopf und deutete mit der anderen Hand auf die Frau, die Dippwin schon beim Betreten des Tresenraums aufgefallen war.
"Sir, ich muss leider darauf aufmerksam machen, dass sowohl das Abstellen eines Fahrzeugs vor Gebäuden der Wache, als auch das Parken vor denselben, von Rechts wegen untersagt ist."
"Ist es?" Harry wirkte überrascht.
"Ja, Sir."
"Aber warum? Höre das heute zum ersten Mal", der Stabsspieß war ernsthaft verwirrt.
"Sir, wenn ich mich kurz einmischen darf?" meldete sich die Hauptgefreite Giandorrrh zu Wort. "Das Parkverbot gilt schon immer, damit unsere Einsatzfahrzeuge direkt vor der Wache stehen können", erläuterte sie und bedachte Dippwin mit einem herablassenden Blick.
"Klingt logisch." Harry nickte nachdenklich. "Dann ist ja alles in Ordnung. Schusi ist unser Einsatzesel und somit liegt kein Vergehen vor."
"Unglücklicher Weise ist es nicht so einfach, Sir. Die Parkmöglichkeit eigener Dienstesel wäre zwar logisch und wünschenswert, ist aber in den
'Durchführungsbestimmungen zur Besonderen Wachvorschrift der Stadtwache von Ankh-Morpork' basierend auf den
'Gesetzen der Stadt Ankh-Morpork in der Fassung von 1457' nicht vermerkt."
"Was hat er gesagt?" fragte Harry in den Raum ohne dabei Dippwin anzusehen.
"Sir, ich glaube er will damit sagen...", bemühte sich Bruder Laudes hilfreich einzugreifen, aber Harry fuhr ihm schlecht gelaunt dazwischen.
"Ja schon gut. Ich hab's ja verstanden." Langsam ging Harry ein Licht auf, warum dieser Rekrut allabendliche Kontrollen vom Kommandeur verordnet bekommen hatte. "Glaubst du etwa, ich würde bei diesem Wetter meilenweit durch den Schnee stapfen, - der mir übrigens bis zu den Ohren reicht -, nur weil du meinst ich dürfe nicht vor der Wache parken?" forderte er den Rekruten heraus.
"Aber genau darum geht es mir doch, Sir", antwortete der sichtlich geknickte Dippwin.
"Häh?" Harry verlor langsam die Geduld.
"Solange der Wagen da vorne steht, kann ich keinen Schnee räumen, Sir. Wenn ich den Schnee aber räumen könnte, müssten sie dann auch nicht durch den Schnee stapfen und es wäre möglich, den Wagen ordnungsgemäß auf dem Innenhof abzustellen."
"Aha", machte Harry.
"Dann würden sie sich auch nicht der
'Behinderung eines Wächters bei Ausführung seines Dienstes' schuldig machen, Sir." Dippwin duckte sich innerlich vor dem Sturm der jetzt zwangsläufig losbrechen würde. Aber er konnte doch nicht anders. Dies waren die Vorschriften, auch wenn er gerne zugestehen wollte, dass einige von ihnen etwas seltsam anmuteten. Umso überraschter war er, als Harry ganz ruhig blieb.
"Ist ja ein Ding!" erwiderte der Stabsspieß völlig überrumpelt. "Hauptgefreite Giandorrrh!"
"Ja, Sir", antwortete die junge Frau ohne sich dabei die Mühe zu machen, aufzustehen.
"Hiermit übertrage ich ihnen das Kommando über den ganzen Laden hier", sagte Harry und untermalte das Gesagte mit weit ausladenden Gesten. "Ich werde in der Zwischenzeit in einer der Zellen verschwinden und auf meine Gerichtsverhandlung warten." Theatralisch erhob sich der Gnom von seiner Tresenkante und marschierte gesenkten Hauptes quer über die Theke in Richtung der Zellen.
"Sir, ich weiß nicht, ob das wirklich notwendig...", rief Dippwin dem Stabsspieß zweifelnd hinterher.
"Nein, ist es nicht!" schrie der ihn an, nachdem er stehen geblieben war und sich zu dem Rekruten umgedreht hatte. "Es ist nicht notwendig! Genauso wenig wie deine albernen Parkvorschriften und jetzt will ich keinen Ton mehr davon hören, klar?"
"Ja, Sir." In Dippwins Stimme war deutlich seine Resignation zu hören. Dabei war er doch nur bemüht, alles richtig zu machen.
Einige Minuten verstrichen und ein bedrückendes und peinliches Schweigen machte sich breit. Es übernahm dort das Kommando, wo es von Mindorah Giandorrrh ohnehin nicht wahrgenommen wurde.
"Es tut mir Leid, Sir", wagte Dippwin schließlich einen vorsichtigen Vorstoß.
"Schon gut, Bendolch." Harry wirkte immer noch unversöhnlich.
In diesem Moment öffnete sich erneut die Eingangstür des Wachraums. Eine Frau, die wohl schon um die fünfzig Sommer gesehen hatte, betrat, auffällig geschminkt und mit toupiertem, blonden Haar, das kleine Zimmer. Sie eine Dame zu nennen, wäre wohl eine Beleidigung für die besser gestellten Schichten der Stadt gewesen. Dennoch trug sie feine Spitze und Seide, die aber, - gerade in Hinblick auf die Witterung -, augenscheinlich knapper ausfiel, als es schicklich gewesen wäre. Ihr Dekolleté offenbarte mehr, als den meisten anständigen Männern lieb sein konnte und betonte ihren fülligen Busen auf geradezu aggressiv laszive Weise. Der schwarze Rock endete bereits auf halbem Wege den Oberschenkel hinab und gab den Blick frei auf ein Paar feiner Netzstrümpfe. Gemeinsam mit ihren Strumpfbändern regten sie die Fantasie auf eine Weise an, die jeder Betrachter unmittelbar darauf wieder bereute. Nicht zuletzt aufgrund der allgegenwärtigen Parfumwolke die sie wie eine Aura umgab, hinterließ sie einen atemberaubenden Eindruck.
"...", sagten Harry und Laudes gleichzeitig.
Mindorah Giandorrrh musterte die fremde Person kritisch, ließ sich aber zu keiner weiteren Reaktion hinreißen. Unwillkürlich entwickelte sich das klassische Konkurrenzdenken, das immer entstand, wenn zwei weibliche Wesen aufeinander trafen.
"Hallo, alle zusammen!" flötete die Fremde und tänzelte auf hochhackigen Schuhen in den Tresenraum.
"...", erwiderten Harry und Laudes mit offenem Mund.
"Darf ich vorstellen?" mischte sich Dippwin peinlich berührt in die nonverbale Unterhaltung ein. "Meine Mutter."
***Breguyar war unmittelbar vor dem Dickicht in Deckung gegangen und lauschte. Außer dem Pfeifen des Windes konnte er jedoch nichts hören. Er sah sich nach Rogi um, die nur wenige Schritte hinter ihm kniete. Ihr von Narben verzerrtes Gesicht drückte die Entschlossenheit aus, ihrem Chef wohin auch immer zu folgen.
Es war schon seltsam, dachte er bei sich. Seine Einheit bestand aus Untoten und Monstren. Selbst Kanndra und er waren zur Hälfte Dämon und Vampir. Gemeinsam brachte man ihnen mehr Misstrauen entgegen, als je ein Mensch ertragen konnte und kein einzelner von ihnen wagte auch nur zu hoffen, irgendwann einmal vorbehaltlos von der sogenannten
'Gesellschaft' akzeptiert zu werden. Trotzdem setzten sie in stürmischer Nacht ihr Leben aufs Spiel, um zwei Unschuldige vor den Angehörigen eben dieser
'Gesellschaft' zu schützen. Breguyars Miene verzog sich zu einem zynischen Lächeln ob der Ironie der Situation.
Noch einmal holte er tief Luft, verdrängte alle Gedanken die ihn ablenken konnten und zog langsam sein Schwert aus der Scheide. Schließlich nickte er Rogi zu, sprang auf und lief in das Dickicht hinein. Er spürte, dass die Igorina dicht hinter ihm blieb und seinem Tempo folgen konnte. Vereiste Zweige schlugen ihm ins Gesicht, die er jedoch kaum wahr nahm. Er machte sich nicht die Mühe, ihnen auszuweichen.
Irgendwo hier mussten die Mädchen sein. In einer Senke hatte Kanndra gesagt. Verzweifelt hielt Breguyar Ausschau nach einer Versteckmöglichkeit, einem Loch oder einer kleinen Erdhöhle. Wo waren sie? Er konnte weder die Kinder, noch ein Zeichen von ihrem Entführer ausmachen. Geschickt setzte er über einen umgestürzten, morschen Baum hinweg und rannte tiefer in das Unterholz hinein.
Er erreichte die Lichtung im Dickicht als Zweiter. Wie er es erwartet hatte, war Valdimier schneller als sein Chef gewesen und stand reglos am Rande der freien Fläche. Als Breguyar dem Blick des Vampirs folgte, hielt auch er in der Bewegung inne. Die Waffe fiel aus seiner plötzlich kraftlosen Hand und eisiges Grauen krallte sich in seine Seele.
Unmittelbar nach ihm kamen auch Kanndra und Rogi an der Schneise an. Es erging ihnen nicht anders, auch sie waren nicht darauf vorbereitet. Sie hatten die Mädchen gefunden.
Wie gelähmt starrten sie auf das Bild, das sich ihnen bot, und Sekunden wurden zur Ewigkeit.
Beide Kinder lagen leblos auf der Lichtung. Aber während das eine Mädchen äußerlich keine Verletzungen zu haben schien, war das zweite grausam entstellt. Überall klebte Blut, die Haut war aufgeschürft und...
Breguyar wandte sich ab. Kein Mensch konnte solche Verletzungen überleben.
"Aber fie lebt ja", rief Rogi, die sich als Erste wieder gefasst hatte, und lief an dem Oberfeldwebel vorbei auf die Lichtung.
Aber das konnte doch nicht sein, oder? Voller Entsetzen blickte Breguyar noch einmal in Richtung des schrecklich zugerichteten Körpers, aber Rogi eilte zu der anderen Schwester, die etwas weiter abseits lag. Tatsächlich bewegte sich das zierliche Mädchen schwach und erwachte aus einer tiefen Bewusstlosigkeit. Die Igorina kniete sich neben dem verletzten Kind in den Schnee und untersuchte es mit geübten Handgriffen.
"Fie hat nur ein paar Prellungen... nichtf lebenfgefährlichef", sagte Rogi mehr zu sich selbst als zu den anderen. Vorsichtig hüllte sie das unterkühlte Mädchen in ihren eigenen Mantel.
Breguyar kämpfte mühsam darum, seine Gedanken zu sortieren. Er musste überlegen, wie es jetzt weiterging, durfte nicht die Fassung verlieren. Von dem Mörder, der hinter all dem steckte, war weit und breit nichts zu sehen. Aber es musste hier Spuren geben. Außerdem brauchte er jemanden, der sich des Kindes annahm. Er selbst hatte keine Zeit dafür und konnte keinen seiner Leute entbehren.
"Wie geht es weiter, Araghast?" fragte Valdimier in diesem Moment. Auch er hatte den ersten Schock überwunden und wandte sich an seinen Chef.
"Ich brauche Unterstützung... mehr Leute", überlegte der Oberfeldwebel laut. "Rogi!"
"Ja, Fir?"
"Wir müssen so schnell wie möglich eine Nachricht an die Wache übermitteln. Kriegst du das bei dem Wetter hin?"
Rogi musste als Kommunikationsexpertin nicht lange überlegen. Eine Brieftaube konnte in dem Wetter keine Minute überleben, deshalb hatte sie auch darauf verzichtet, in dieser Nacht ihre kostbaren Tiere mitzunehmen. Auch eine Klacks-Nachricht kam nicht in Frage. Bei dem Schneetreiben waren die Lichtsignale der Türme nicht weiter als eine halbe Meile zu sehen. Trotzdem blitzten ihre Augen verschwörerisch auf. "Felbftverftändlich, Fir!" antwortete sie dem Chef. "Eine Nachricht an Mindorah ift in etwa fehn Minuten bei ihr."
Breguyar nickte nur kurz. "In Ordnung. Sie soll sofort den Kommandeur über die letzten Ereignisse hier informieren. Vorher soll sie aber alle verfügbaren FROG alarmieren und zu uns schicken. Außerdem will ich ein SUSI-Team und sie soll jemanden auftreiben, der sich um das Mädchen kümmern kann. Hast du das?"
Noch während der Oberfeldwebel sprach, hatte Rogi einen kleinen Notizblock hervorgezogen und schrieb die Nachricht in Stichworten nieder. Als sie fertig war, holte sie aus ihrem Rucksack einen hölzernen Käfig hervor, in dem ein kleiner rothäutiger Dämon kauerte. Nachdem sie ihn befreit und mit einigen knappen Sätzen instruiert hatte, gab sie ihm den zusammengefalteten Zettel mit der Botschaft und setzte ihn auf den Boden. In dem Moment, da die Füße der magischen Kreatur den Schnee berührten, fingen die Beine an zu rotieren und der Dämon jagte mit atemberaubender Geschwindigkeit davon. Es war kaum möglich, der rasenden Bewegung mit dem Auge zu folgen.
Die Nachricht war auf dem Weg.
***"Eine Näherin?" Ungläubig starrte Bruder Laudes Dippwin an, mit dem er noch immer beim Wachetresen stand, doch der nickte nur unmerklich.
"Deine Mutter...", Laudes deutete auf die seltsame Dame, die inzwischen mit Harry und Mindorah an dem Tisch beim Ofen saß, "... ist eine Näherin?"
Wieder nickte Dippwin.
"Und sie macht jetzt gerade Feierabend? Mitten in der Nacht?"
Dippwin stöhnte innerlich auf. Seit ein paar Minuten führte er diese Unterhaltung bereits mit dem Priester und bekam mehr und mehr den Eindruck, dass sie aneinander vorbei redeten.
"Wie kann sie denn bei dieser Dunkelheit noch die Nadel sehen, geschweige denn einen Faden durch das Öhr einfädeln?" Konzentrierte Falten bildeten sich auf Bruder Laudes Stirn.
"Nadel?" fragte Dippwin überrascht. Langsam ging ihm ein Licht auf.
"Ist denn ihr kurzer Rock nicht schrecklich unpraktisch, wenn sie im Schneidersitz auf dem Tisch hockt?"
Ein Moment schwiegen die beiden Rekruten, als ein Bild vor ihrem inneren Auge entstand, das sich hartnäckig weigerte, wieder zu verschwinden. Peinlich berührt färbten sich Bruder Laudes Wangen tiefrot. "Äh... 'tschuldigung", murmelte er verlegen.
"Mmh", antwortete Dippwin. Er war es gewohnt, dass man sehr unterschiedlich über den Beruf seiner Mutter dachte, aber Laudes Naivität war doch etwas ungewöhnlich für Ankh-Morpork. Dippwin selbst hatte sich schon lange mit der Situation abgefunden. Eigentlich blieb ihm auch keine andere Möglichkeit. Schließlich war er mit Mutter in Frau Palms
'Exklusivem Badetempel für den müden Reisenden' groß geworden. Für ihn war es völlig normal. Eben ein Beruf wie jeder andere auch... mit erstaunlich wenig Näharbeiten.
Was deutlich mehr an ihm nagte, war Mutters einnehmendes Wesen.
"Aber Herr Harry! Sie sind mir ja einer", trällerte ihre Stimme gerade durch den Raum. Spielerisch empört hielt sie sich die Hand vor den Mund und zeigte einen Augenaufschlag, für den jüngere Damen von ihren Vätern erzieherisch gemaßregelt worden wären.
Der Stabsspieß saß indessen auf dem Tisch und wusste eigentlich nicht so genau, was für einer er denn nun war. "Wie meinen, gnä' Frau?" fragte er irritiert.
Aber gnä' Frau winkte nur großzügig ab und holte aus dem Korb, den sie mitgebracht hatte, eine Kanne dampfenden Glühweins hervor. "Damit sie bei dem Wetter nicht so frieren, Herr Harry", sagte sie und goss den heißen Wein in mehrere Tassen, die sie ebenfalls aus dem Korb zauberte. "Wissen sie, Herr Harry? Mein Junge erzählt zuhause doch immer, was hier in der Wache so los ist und da dachte ich mir, wenn die Nachtschicht ohnehin nur so eine Farce ist, dann könnten wir..."
"Eine Farce, ja?" unterbrach sie der Gnom und schleuderte Dippwin zornige Blicke entgegen.
"Na ja, weil doch ohnehin nie was los ist, Herr Harry. Ja und da dachte ich, könnten wir doch heute Abend einen gegen die Kälte trinken, oder?" Zufrieden strahlte sie den Stabsspieß an und schob ihm eine Tasse zu, in der er fast hätte baden können.
"Nun Frau Bendolch, das ist natürlich sehr nett von dir, aber leider ist es uns nicht gestattet, im Dienst zu trinken." In einer abwehrenden Geste hob Harry die Hände. Aber bedauerlich fand er es schon, den guten Glühwein verkommen zu lassen... und es war ja auch wirklich kalt da draußen.
"Na aber für dich darf es doch einer sein, oder Schätzchen?" Aufmunternd schob Mutter Bendolch einen Becher in Mindorahs Richtung, die entsetzt die Augen aufriss. War sie gerade Schätzchen genannt worden?
"Du kannst schon ein bisschen Farbe im Gesicht vertragen, Süsse. Bist ja ganz blass. Nun zier dich nicht so und nimm einen ordentlichen Schluck! Das belebt!" Hartnäckig drängte die fidele Näherin der überrumpelten Mindorah den Becher auf.
"Aber Frau Bendolch, sie haben doch den Stabsspieß gehört, wir dürfen nicht während...", bemühte sich die Hauptgefreite, Einhalt zu gebieten, als ihr die Tasse in die Hand gedrückt wurde.
Doch sofort wiegelte Mutter Bendolch wieder ab. "Papperlapapp, Schnickschnack, wie ich immer sage. Heute Abend wird der Herr Harry sicher eine Ausnahme machen. Nicht wahr, Herr Harry?"
Wie hypnotisiert nickte Herr Harry zunächst, besann sich dann aber sofort eines Besseren und erhob entschieden Einspruch. "Gnä' Frau, sie müssen doch verstehen..."
"Auf das Wohl der Wache und den charmanten Herrn Harry!" wurde er durch den ausgebrachten Toast der Näherin unterbrochen.
"Zu freundlich, gnä' Frau." Der Stabsspieß fühlte sich sichtlich geschmeichelt... und der Wein duftete ja auch so gut.
"Kommt doch rüber zu uns, Kindlein", rief Mutter Bendolch ihrem Sohn und Bruder Laudes zu. "Es ist genug für alle da und wir wollen uns doch ein bisschen amüsieren."
Gequält ergab sich Dippwin seinem Schicksal und ließ sich auf einen der freien Stühle am Tisch fallen. Laudes näherte sich dem Tisch hingegen mit ganz anderen Gefühlen. Eine Frau wie diese hatte er noch nie kennen gelernt. Die Faszination des Unbekannten übte eine seltsame Anziehungskraft auf den unschuldigen Priester des Seramis aus. "Sie gestatten, Madam?" fragte er höflich als er bei der kleinen Gesellschaft angekommen war.
"Oh, ein Kavalier der alten Schule, wie höflich. Bitte setz dich doch, Jungchen", antwortete Mutter Bendolch. "Du hast mir ja gar nicht erzählt, was für süße Kerle bei euch arbeiten, Dippwin."
"Mutter, bitte!" entrüstete sich ihr Sohn, während Laudes einmal mehr die gesunde Gesichtsfarbe entwickelte, die der Hauptgefreiten so sehr fehlte.
"Ach nun sei doch nicht so, Schatzi."
"Schatzi?" fragten Harry und Mindorah gleichzeitig nach. Endlich nahm das Gespräch eine für sie interessante Wendung. Aufmerksam erwarteten sie die nächste Offenbarung von Frau Bendolch.
"Na ja, wenn er sich doch ständig so ziert", fuhr diese fort und wendete sich wieder an die Runde im Allgemeinen. "Ich habe es ihm schon so oft gesagt. Dippwin, sage ich immer, wenn du weiter so verkrampft und schüchtern bleibst, wirst du nie ein ordentliches Mädchen abkriegen."
Harry bemühte sich, nicht laut los zu prusten.
"Na jetzt sage ich jedenfalls erstmal Prost!" Entschlossen setzte Mutter Bendolch die Tasse an und trank endlich einen großen Schluck Glühwein. Inzwischen hatte sich Harrys Stimmung in Gegenwart der unterhaltsamen Dame so weit verbessert, dass er gedankenverloren seinen Kopf in die Tasse senken wollte, um sich auch einen Schluck zu gönnen, hätte ihn nicht die Stimme von Mindorah an seine Pflichten erinnert.
"Sir, denken sie an die Vorschrift", raunte sie ihrem Chef zu.
"Ach Vorschriften... du klingst ja schon fast wie mein Junge, Schätzchen", warf ihr die Näherin enttäuscht vor. "Du könntest, nebenbei bemerkt, auch ein bisschen mehr aus dir machen, Püppchen!"
Schockiert klappte Minadorahs Mund auf, brachte aber keine vernünftige Erwiderung zustande. Was bildete sich diese Person nur ein, wie konnte sie es wagen? Ungläubig starrte sie ihre Widersacherin an. "Was... fällt dir ein, du... du schreckliche Frau?" empörte sie sich schließlich.
"Ein wenig Rouge auf die Wangen, ein bisschen Lidschatten und deine wilde Haarpracht mal ordentlich durchgekämmt und schon könntest du allen Männern den Kopf verdrehen."
"Ich habe überhaupt keine Probleme mit den Männern. Im Gegenteil...", murmelte Mindorah.
"Aah! Ich sehe schon, du ahnst ja nichts von deinen Möglichkeiten, Schätzchen." Bedeutungsvoll tippte sich Mutter Bendolch mit dem Zeigefinger an die Schläfe. "Also pass auf..."
Fasziniert verfolgten Harry und Bruder Laudes die Diskussion zwischen den beiden Frauen. Vor ihren Augen wurden plötzlich die geheimsten Geheimnisse der weiblichen Welt von einer Generation an die nächste weitergegeben. Welcher lebende Mann hatte je die Gelegenheit gehabt, ein solches Ritual zu beobachten?
Dippwin versuchte unauffällig, auf seinem Stuhl immer kleiner zu werden. Hätte er die Möglichkeit gehabt, er hätte sich sofort in Luft aufgelöst. Er liebte seine Mutter, so wie es sich für einen anständigen Sohn gehörte. Umso weniger verstand er, warum sie ihm immer wieder so etwas antat. Warum brachte sie ihn stets in Verlegenheit? Er hatte jetzt noch fünf Minuten, vielleicht zehn, dann würde sie wie jedes Mal die schrecklichen Ikonographien seiner Kindheit herausholen. Auf einem der Bilder war er nackt auf einem Bärenfell zu sehen... damals war er
dreizehn gewesen! Womit hatte er das nur verdient?
Gerade als Dippwin die Möglichkeit erwog, die halb volle Glühweinkanne umzustoßen, um irgendwie den Redefluss seiner Mutter zu unterbrechen, splitterte lautstark eine Glasscheibe und kalte Luft strömte in den Wachraum. Erschrocken fuhren alle Köpfe herum und sahen ein ellengroßes Loch in einem der Fenster. Geistesgegenwärtig sprang Bruder Laudes auf und beeilte sich die Fensterläden zu schließen. Zumindest notdürftig dichtete er damit das Loch ab und hielt den eisigen Wind aus der Wachstube fern.
Da beinahe alle Anwesenden den Priester beobachteten, entging ihnen für einen Moment die seltsame Begegnung, die sich auf dem Tisch zwischen Tassen und Glühwein ereignete.
"Gngh", presste Harry vorsichtig zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Unmittelbar vor ihm war in der Sekunde, da das Glas splitterte, ein roter Dämon erschienen. Ein wahrer Teufel mit Hörnern, Schwanz, Hufen, einem knappen Lendenschurz und allem was dazu gehörte. Das Biest hatte die gleiche Größe wie der Gnom, stand prustend und schnaufend vor ihm und hielt sich mit einer Hand am Rand eines Glühweinbechers fest. In seinem Gesicht und an den Hörnern hatten sich kleine Eiszapfen gebildet, so schnell war der Dämon durch die Nacht gejagt.
"Gnnngh!" bemerkte Harry noch einmal mit Nachdruck, um endlich die Aufmerksamkeit seiner Kameraden zu gewinnen.
"Misti!" rief Mindorah überrascht, als sie die magische Kreatur erblickte.
"Du kennst das Biest?" fragte Harry nervös, während ihn das Monster interessiert von oben bis unter musterte.
"Ja, Chef. Rogi und ich haben ihn vor ein paar Wochen von Chief-Korporal Rib bekommen und experimentieren noch mit seinen Fähigkeiten."
"...Misti, ja?" Harry versuchte etwas Abstand zwischen sich und den Dämon zu bringen, als dieser begann, den Gnom intensiv zu beschnuppern.
"Ach du weißt doch wie das ist, Chef. Die Zauberer geben ihnen immer fremdländische und wichtig klingende Namen. Der hier heißt eigentlich 'Mistavaritaroja Periculoso Muy Exorbitar'. Aber wir nennen ihn einfach Misti. Er spürt die Präsenz seiner Besitzer und kann uns überall finden, egal wo wir uns aufhalten."
"Braver Misti... mach Platz! Sitz!" versuchte Harry das Vieh zu kontrollieren.
"Er ist zugegebener Maßen nicht der Hellste, kann nicht sprechen und benimmt sich hier und da ein klein bisschen seltsam. Aber seine Geschwindigkeit stellt alles in den Schatten."
Eine erstaunlich lange und feuchte Zunge fuhr dem Gnom plötzlich über das Gesicht und Misti strahlte den Gnom freundlich an.
"Aus sag ich! Mach endlich Sitz, du Vieh!" brüllte der verzweifelte Stabsspieß.
"Och, wie süß", rief Mutter Bendolch. "Sehen sie doch, wie er mit ihnen spielen möchte, Herr Harry!" Von dem putzigen Dämon ganz verzückt, schlug sie sich auf die eigenen Schenkel.
Bruder Laudes der ihrer Bewegung mit seinem Blick folgte, bemerkte wie er der feinen Dame auf die spärlich bedeckten Beine starrte und nutzte die günstige Gelegenheit, um noch einmal rot anzulaufen.
Mindorah beugte sich über den Tisch und schnappte sich den kleinen Teufel. Im Bündchen seines Lendenschurzes steckte ein aufgerollter Zettel, den die Hauptgefreite vorsichtig hervorzog. Dezent reichte Dippwin dem von sabbernden Angriffen befreiten Stabsspieß ein Taschentuch, das dieser dankbar annahm, um sich den Schleim aus dem Gesicht zu wischen.
"Es ist eine Nachricht von Rogi, Sir." Mindorah klang plötzlich sehr ernst.
"Worum geht es?" fragte Harry, während er sich noch abtrocknete.
Schnell flogen die Augen der Kommunikationsexpertin über die wenigen Zeilen. Als sie fertig war, reichte sie dem Stabsspieß schweigend das Schreiben. Nach ein paar Minuten hatte auch er die Nachricht, die für ihn die Größe einer Zeitung hatte, gelesen. Einen Moment sahen sich die beiden Spezialisten von FROG schweigend an.
"Was ist denn?" fragte Laudes, der die nervöse Spannung zwischen den beiden erfahrenen Wächtern spürte.
Ohne auf den Rekruten zu achten, besprach sich Mindorah mit dem Stabsspieß. "Ich besorge mir eines der Pferde von hier und reite so schnell es geht zum Pseudoplisplatz."
"Gut", antwortete Harry. "Kümmere dich um den Kommandeur und alarmiere die anderen. Ich werde in der Zwischenzeit schon in den Park fahren und Araghast Bescheid sagen, dass es eine Verzögerung geben wird."
"Warum?"
"Ich glaube nicht, dass er wusste, dass ich dich mit in die Kröselstrasse genommen habe. Vermutlich geht er davon aus, dass du dich im neuen Wachhaus befindest und in diesem Moment die Abteilung alarmierst. Wir verlieren etwa dreißig Minuten, wenn du dich beeilst." Harrys Stimme klang kühl und entschlossen. Der Gnom war wie ausgetauscht, seit er die mysteriöse Botschaft gelesen hatte.
Hauptgefreite Giandorrrh zögerte keine Sekunde. Nachdem zwischen ihr und Harry alles Nötige gesagt worden war, warf sie sich zügig den Mantel über, stopfte den verdutzten Misti in eine ihrer Taschen und eilte aus dem Wachraum, ohne sich noch einmal umzusehen.
"Rekrut, Bendolch!" herrschte der Stabsspieß Dippwin an.
"Ja, Sir!"
"Es war dir doch ein Herzenswunsch, dass ich meinen Wagen vor der Wache verschwinden lasse, richtig?"
"Nun ja... also ein Herzenswunsch...", antwortete Dippwin zögerlich.
"Du wirst mir natürlich dabei helfen, Bendolch."
"Tatsächlich?"
"Ich habe so meine Probleme mit dem Steuern. Kann nie sehen, wo der fette Esel gerade hinrennt."
"Natürlich, Sir."
"Vielleicht fahren wir auch noch ein bisschen weiter, also zieh dich warm an, Bursche!" Mit diesen Worten sprang Harry geschickt vom Tisch und marschierte in Richtung Ausgang.
Dippwin beeilte sich, seinen Mantel zu schnappen und hastete dem Stabsspieß hinterher.
"Aber, Schatzi!" rief Mutter Bendolch ihrem Sohn nach und kam eilig hinterher gelaufen. Schnell bekam Sohnemann noch ein Abschiedsküsschen auf die Wange. Dann winkte sie den beiden Wächtern zum Abschied zu. "Auf Wiedersehen, Herr Harry und viel Erfolg!"
"Oh, Mutter", stöhnte Dippwin leise vor sich hin, als er dem Stabsspieß in die dunkle Nacht hinaus folgte.
***Er hastete durch die Strassen. Wut brannte in ihm, verzerrte ihn und tobte einem wilden Tier gleich durch seinen Körper. Sie hatten ihn gestört, waren ihm auf die Schliche gekommen!
Er konnte sein Werk nicht vollenden, war gezwungen worden, sie zurückzulassen. Wie einem räudigen Hund war ihm keine andere Wahl geblieben, als im Schutz der Dunkelheit zu fliehen. Um ein Haar hätte man ihn am See sogar noch erwischt, hätte er ihre Gegenwart nicht rechtzeitig gespürt. Im nahe gelegenen Unterholz hatte er ausgeharrt, bis sie in das Dickicht eingedrungen waren, - danach konnte er in der Nacht verschwinden.
Jetzt stolperte er durch die Straßen, halb blind vor Jähzorn. Jede Faser in ihm schrie nach Rache, verlangte, das Blut der verfemten Eindringlinge zu vergießen. Niemand hatte das Recht, ihn ungestraft an seinem Werk zu hindern und seine Pläne zu durchkreuzen. Er würde sie alle vernichten. Sein Hass war unendlich.
Doch mit jedem Schritt, den er sich von dem Ort des Grauens entfernte, wurde der Ruf nach Vergeltung etwas leiser. Mit jedem Schatten in den er sich flüchtete, schwand die Wut und tobte das Feuer weniger stark in ihm.
Immer vorsichtiger eilte er durch die schmalen Gassen, mied die größeren Wege. Er versteckte sich in Hauseingängen und duckte sich, wenn er eine der wenigen, beleuchteten Strassen überqueren musste. Der Hass verrauchte und ließ ihn ausgebrannt und leer zurück. An seine Stelle trat Nervosität. Immer häufiger sah er sich wie ein gehetztes Tier nach seinen vermeintlichen Verfolgern um. Er spürte, wie ihm langsam die Angst in die Glieder kroch. Sie drohte, von ihm Besitz zu ergreifen, aber das durfte nicht geschehen. Nicht jetzt!
Mühsam brachte er die notwendige Selbstbeherrschung auf und unterdrückte alle Gefühle, die ihn zu übermannen drohten. Die Furcht und die Selbstzweifel zuerst. Tief in seiner dunklen Seele vergrub er sie, bis er sich selbst nicht mehr ihrer Präsenz bewusst war. Wut und Zorn verbarg er nur unmerklich unter einem beherrschten Äußeren. Sie lauerten auch weiterhin in ihm, jederzeit bereit loszuschlagen, würde sich die Gelegenheit bieten.
Das was blieb, war seine Maske. Ein Leben, das nicht das seine war. Ein Schauspiel, welches von der Gesellschaft anerkannt und geachtet wurde, für ihn aber nur ein notwendiges Übel darstellte. Im Schatten einer Mauer atmete er noch einmal tief durch. Er rückte seine Kleidung zurecht und fuhr sich, - in Ermangelung eines Kamms -, mit den Händen durch das Haar. Nüchtern betrachtete er die zahlreichen Blutspuren auf seinem Mantel. Auch der Rest seiner Garderobe war in dunkles Rot getränkt. Sobald er in Sicherheit war, würde er sich dieses Problems annehmen, aber jetzt galt es zunächst den Schein zu wahren. Ein letztes Mal zupfte er an den Ärmeln seines Hemdes herum. Dann richtete er sich auf und ging erhobenen Hauptes auf das große Anwesen zu. Sicheren Schrittes trat er in den Lichtkegel, der das hell erleuchtete Gebäude umgab und näherte sich dem Haupteingang. Die Dunkelheit tief in seiner Seele begleitete ihn.
***Der Wagen rollte leise über die Schneedecke. Zu hören waren nur die gleichmäßigen Hufschläge des Dienstesels und das gelegentliche Knarren von Holz, wenn Schusi den Wagen um eine Kurve zog. Alle anderen Geräusche wurden vom Schnee und der Nacht verschluckt. Die Stadt wirkte in ihrem weißen Kleid seltsam unwirklich und verlassen. Es waren keine Menschen auf den Straßen zu sehen und Dippwin hatte den Eindruck, mit dem Stabsspieß ganz allein in Ankh-Morpork unterwegs zu sein.
Harry wirkte angespannt und hatte mit dem Rekruten seit sie das Wachhaus verlassen hatten kaum ein Wort gesprochen. Seine Kommentare beschränkten sich auf wenige Richtungsangaben, wenn Bendolch den Karren in eine andere Gasse steuern sollte.
"Wohin fahren wir, Sir?" wagte Dippwin einen vorsichtigen Vorstoß.
Harry musterte den Rekruten kurz von der Seite. "Hide Park", antwortete er nur knapp.
"Und warum, Sir?"
Wieder schwieg der Stabsspieß einen Moment, bevor er antwortete. "Die FROG sind dort im Einsatz."
Dippwins Augen weiteten sich ein wenig. Die FROG? Die Spezialisten der Wache, die für besonders brenzlige Situationen ausgebildet waren?
"Geht das nicht ein bisschen schneller, Bendolch?" fragte Harry ungeduldig. Er saß mit dem jungen Wächter vorne auf dem Kutschbock und hatte seinen Kragen gegen die eisige Kälte und das Schneetreiben hochgeschlagen. Dippwin steuerte den Wagen jedoch so quälend langsam durch die Straßen, dass vermutlich der Frühling Einzug im Land halten würde, ehe sie den Park erreichten.
Eher unmotiviert schnalzte Dippwin einmal mit den Zügeln, um Schusi ein wenig anzutreiben. Eigentlich war er ganz froh, dass der Esel den Wagen in der kalten Nacht nur langsam und lustlos zog. Der Schnee machte die Straßen glatt und trotz ihrer geringen Geschwindigkeit waren sie bereits mehrmals ins Rutschen gekommen.
Dippwin überlegte.
"Sir?"
"Ja, Bendolch?"
"Wenn die FROG im Einsatz sind... warum sind sie dann eigentlich in der Kröselstrasse gewesen und nicht auch im Park?"
"Bin noch in Ausbildung", erwiderte Harry missmutig.
Überrascht starrte Dippwin den Gnom mit dem hohen Dienstgrad an. In der Ausbildung? Ein Stabsspieß und noch in der Ausbildung? Was mussten die Wächter bei FROG denn für Ränge haben, um als vollwertige Mitglieder zu gelten? Dippwin vergaß für einen Moment zu lenken, so überrascht war er von der Eröffnung seines Vorgesetzten.
"Bendolch, pass auf!" rief Harry, als Schusi den Wagen gemächlich aber gefährlich nahe an einer Hausecke vorbeizog. "Jetzt reicht's mir", murmelte er und sprang behände auf die Deichsel des Karrens. Von dort krabbelte und kletterte der Gnom in Windeseile nach vorne zur linken Flanke von Schusi und zog sich über das Zaumzeug zum Geschirr des Esels hinauf. Als er den Hals erreichte ließ er sich breitbeinig auf diesem nieder und packte Schusi an beiden Ohren.
Dippwin konnte im Wind nicht hören, was der Gnom ihrem Zugtier zuflüsterte. Aber nur Sekunden später beschleunigte der Wagen auf atemberaubende Weise und der Rekrut krallte sich verzweifelt an der Pritsche fest, um nicht in der nächsten Kurve vom Karren geschleudert zu werden.
***Araghast stapfte unruhig durch den höher werdenden Schnee am Rand des Dickichts und warf einen Blick auf Rogi, die sich in der Nähe noch immer um das junge Mädchen sorgte. Zwar gab sich die Igorina jede Mühe vorsichtig und einfühlsam mit dem Kind umzugehen, aber ihrem erschreckenden und mit Narben übersäten Äußeren waren gewisse Grenzen gesetzt. Ängstlich hüllte sich das Mädchen in den Mantel, den sie von Rogi hatte, und sprach kein Wort. Mit einem Schulterzucken zeigte Korporal Feinstich ihrem Chef, dass sie im Moment nicht mehr für das hilflose Mädchen tun konnte. Araghast verstand nur zu gut. Er hätte kein Püschologe sein müssen, um die Qualen in den Augen des Kindes zu sehen. Zwar hatte sie keine sichtbaren Verletzungen davongetragen, - außer einer starken Schwellung am Kopf -, und nach dem was Rogi in der Kürze der Zeit feststellen konnte, war sie auch sonst nicht angerührt worden, aber das was sie hatte mit ansehen müssen, würde sie ihr Leben lang nicht vergessen können.
Endlich hörte er Valdimier und Kanndra näherkommen. Er hatte sie vor einer Viertelstunde losgeschickt, die Spur des Mörders zu verfolgen, nachdem sie im nahen Unterholz sein kurzzeitiges Versteck und seinen Fluchtweg entdeckt hatten. Er war mit Rogi hier geblieben, um auf Mindorah und die Verstärkung zu warten.
Als er sich umdrehte, sah er in den Gesichtern seiner Wächter sofort, dass sie keinen Erfolg gehabt hatten.
"Der Schnee, Chef." Resigniert schüttelte Kanndra den Kopf. "Wir konnten seiner Spur in Richtung Ankh bis zur Kaimeisterstrasse folgen. Aber der Schneefall war so stark, dass die Spuren immer schlechter zu erkennen waren. Im Verlauf der Windigen Gasse verloren wir sie dann schließlich ganz. Er wechselte immer wieder seine Richtung, so dass wir noch nicht einmal sagen können, in welches Viertel er nun eigentlich wollte."
"Verdammt!" entfuhr es dem Abteilungsleiter von FROG laut und er fuhr erschrocken herum, als er an das kleine Mädchen dachte. Aber in ihrer Miene fehlten selbst Zeichen dafür, dass sie ihn überhaupt gehört hatte.
"Chef!" Valdimier tippte seinem Vorgesetzten auf den Arm und deutete anschließend in eine bestimmte Richtung. Dort in einiger Entfernung konnte Araghast im Schneetreiben schemenhaft einen Leiterwagen ausmachen, der mit hoher Geschwindigkeit den Parkweg entlang gerumpelt kam. Auf Höhe des Dickichts kam das Gefährt langsam zum Stehen und der Oberfeldwebel erkannte Schusi, den Dienstesel seiner Abteilung. Mit schnellen Schritten lief er zu dem Karren hinüber.
Auf dem Kutschbock sah er eine blasse Gestalt, die er aber nicht kannte. Ansonsten schien auf dem Wagen niemand mehr mitgekommen zu sein.
"Wer bist du?" verlangte er von dem einsamen Fahrer zu wissen.
"Rekrut Bendolch, Sir", antwortete Dippwin. Aber im selben Moment ertönte vom Kopf des Esels auch eine Stimme, die Breguyar wohl vertraut war.
"Ich bin hier drüben, Araghast!"
"Harry?" In der Dunkelheit konnte er nur vage die Gestalt des Gnoms zwischen den Ohren des Esels erkennen.
"Ich bin so schnell gekommen, wie ich nur konnte. Wir, also Mindorah und ich, waren in der Kröselstrasse, als uns deine Nachricht erreichte", erklärte der Stabsspieß. "Sie ist jetzt auf dem Weg zum Pseudopolisplatz, um die anderen zu alarmieren."
Noch eine schlechte Nachricht. Breguyar fuhr sich verzweifelt durch die Haare. "Dann braucht sie mindestens noch eine halbe Stunde, ehe sie hier sein kann."
Harry konnte nur ernst nicken.
"Soviel Zeit haben wir nicht!" Nachdenklich starrte er in die dunkle Nacht. Wie sollte er weitermachen? Die Spur wurde bereits kalt und der Mörder hatte einen beachtlichen Vorsprung. Wie sollte er ihn nur aufspüren ohne eine größere Mannschaft? Selbst mit Harry waren sie nur zu fünft, viel zu wenige für eine systematische Suche. Und mit jeder verstreichenden Minute wurde die Chance, diese Bestie aufzutreiben, kleiner.
"Wie geht es dem Mädchen?" fragte Harry und schreckte Araghast damit aus seinen Überlegungen.
"Sie ist bei Bewusstsein, spricht aber nicht. Vermutlich steht sie unter Schock", antwortete der Oberfeldwebel. "Rogi kümmert sich um sie."
"Wenn es eine Hilfe ist, kann ich Bendolch zu ihr schicken."
Breguyar warf einen flüchtigen Blick auf den Rekruten, den er schon fast wieder vergessen hatte. Richtig... sie waren ja zu sechst. Er nickte. "Ja, tu das. Sie ist dort drüben, am Rand des Dickichts." Vage deutete der Oberfeldwebel in die Richtung, in der Rogi mit dem Mädchen ausharrte.
***Während Harry und Breguyar gemeinsam über ihr weiteres Vorgehen berieten, machte sich Dippwin auf den Weg. Mühsam bahnte er sich einen Pfad durch den Schnee, noch immer ohne Ahnung, was er hier, - mitten in der Nacht -, eigentlich zu suchen hatte. Der Stabsspieß hatte ihm während der Fahrt in den Park keine weiteren Informationen anvertraut und auch das Gespräch beim Wagen brachte für ihn kein Licht ins Dunkel. Er wusste nur, dass irgendwo hier im Schneetreiben ein kleines Mädchen sein musste, um das er sich kümmern sollte und so stapfte er weiter durch die Schneewehen.
Er verfehlte Rogi und das Mädchen nur um wenige Meter. Aber da er zu sehr auf seine Schritte im tiefen Schnee achtete und die Igorina sich um das Kind sorgte, bemerkten sie einander in der stürmischen Nacht nicht. Dippwin bewegte sich vorsichtig in das Dickicht hinein, duckte sich unter Zweigen hinweg und kämpfte sich langsam bis zu einer Lichtung voran.
Dort angekommen, meinte er eine Gestalt am Boden zu erkennen, die aber schon teilweise von Schnee bedeckt war. Man hatte das Kind doch nicht etwa alleine im Schnee liegen gelassen? Zögerlich näherte er sich dem Körper und beugte sich darüber. Es war tatsächlich ein junges Mädchen. Schnell zog er seinen Mantel aus, um sie damit zu wärmen.
Als er sich auf dem Boden niedergelassen hatte und das Kind aus dem Schnee ziehen wollte, bemerkte er das Blut. Erst danach sah er die Verletzungen. Die Augen des Mädchens waren leer und schlossen sich nicht mehr, als kleine Schneeflocken auf sie fielen. Und schließlich, nach einer kleinen Ewigkeit, wurde ihm allmählich klar, was an diesem düsteren Ort geschehen war. Er begriff, dass das Kind in seinen Armen tot war. Als er das Mädchen auf seinen Mantel betten wollte, kam ein metallener Gegenstand zum Vorschein, der halb unter ihr verborgen gelegen hatte. Es war ein Stahlhammer, rot vom Blut und wenigstens drei Fuß lang.
In diesem Moment zerbrach etwas in Dippwin, von dem er nicht wusste, dass es existiert hatte. Er sah das Grauen, das über diesen wehrlosen Körper gekommen war. Bilder jagten durch seinen Kopf, die er nicht sehen wollte und doch nicht verhindern konnte. Er begann heftig zu zittern und wurde gleichzeitig starr vor Angst. Sein Blick wurde trüb und ein stummer Schrei entrang sich seiner Kehle.
Minutenlang saß er im Schnee, das leblose Mädchen in den Armen, und stellte der Nacht lautlos Fragen auf die er keine Antwort erhielt, suchte nach einem Sinn, der nicht existierte. Er fühlte sich hilflos und spürte wie seine Welt aus den Angeln gehoben worden war.
Als er später aus dem Dickicht heraustrat, war er nicht mehr ganz derselbe. Ein Teil von ihm war dort auf der Lichtung zurückgeblieben. Er wusste es zu dieser Zeit nur noch nicht.
Nachdem er Rogi fand, setzte er sich schweigend zu ihr und tat wie ihm geheißen. Soweit es seine Fähigkeiten zuließen, kümmerte er sich um das Mädchen, das überlebt hatte und versuchte, die schrecklichen Bilder zu verdrängen. Er wagte es noch nicht, jemandem zu erzählen, was er gerade gesehen hatte. Es ging nicht darum, dass er etwas verheimlichen wollte. Aber wie sollte er ihnen erklären, was er selber noch nicht begreifen konnte.
Rogis Mantel, in den das Mädchen wie in eine Decke eingehüllt war, rutschte etwas herunter. Behutsam zog er ihn wieder hoch und zupfte der Kleinen ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht. Nach einiger Zeit trafen sich ihre Blicke und ein Schauer erfasste ihn. Er sah die Trauer in ihren Augen und verstand. Schließlich lehnte sie vorsichtig ihren Kopf an seine Seite. Etwas später legte er zaghaft einen Arm um sie.
"Ich bin Dippwin", sagte er leise.
"Sara", flüsterte sie ihm nach einer längeren Pause zu.
***Breguyar stand mit Kanndra und Valdimier bei Harry am Wagen. Sie hatten verschiedene Möglichkeiten durchdacht, kamen aber nicht wirklich vorwärts. Es lief immer wieder darauf hinaus, dass sie auf die Verstärkung vom Pseudopolisplatz warten mussten. In der Zwischenzeit hatte der Oberfeldwebel auch Harry über alle Einzelheiten des unerwarteten Einsatzes unterrichtet. Aber seitdem konnten sie nur noch stumm und bedrückt auf Mindorah warteten.
Aus der Dunkelheit kam Korporal Feinstich auf die Gruppe zugelaufen. "Fir!" rief sie bereits aus einigen Metern Entfernung.
"Ja, Rogi. Was ist?" fragte Araghast.
"Fir, fie fpricht! Ef geht ihr gut und fie fpricht wieder", beeilte sie sich zu sagen, als sie neben dem Oberfeldwebel zum Stehen kam.
Ihre Nachricht war wie ein Startkommando für Araghast. Noch ehe die Igorina ganz ausgesprochen hatte, war er schon auf dem Weg zu dem Mädchen. Mit großen Schritten eilte er durch den Schnee. Die übrigen Wächter folgten ihm dicht auf den Fersen.
Erst als alle schon unterwegs waren, ließ sich Harry mit einem kleinen Seufzen von seinem Karren in den tiefen Schnee fallen. Er versuchte von Fußstapfen zu Fußstapfen zu springen, um den anderen zu folgen, versank dabei aber bis zu den Schultern in dem weißen Pulver. Leise fluchte der Stabsspieß vor sich hin. Dies war eindeutig nicht sein Wetter!
Als Harry endlich am Rand des Dickichts ankam, sah er Breguyar vor dem Mädchen knien und feinfühlig auf sie einreden. Das Kind, das neben Bendolch saß und sich an seine Seite klammerte, hörte dem Oberfeldwebel mit großen Augen aufmerksam zu und nickte schließlich kaum merklich. Als sich ihre Lippen bewegten, beugten sich Araghast und auch Dippwin nach vorne, um ihre leisen Worte besser hören zu können.
Harry konnte keine Silbe von dem Gespräch verstehen, das zwischen dem Oberfeldwebel und dem Mädchen stattfand. Fragend sahen er und die anderen Wächter sich an. Auch sie konnten im Wind nicht mehr hören als der Stabsspieß. Abwartend standen sie im Halbkreis um die ungleiche Gruppe herum, die vor ihnen im Schnee saß.
Mehrmals sagte Araghast einige beruhigende Worte zu ihr, bevor sie schüchtern etwas erwiderte oder bestätigend nickte. Sie war verunsichert und ängstlich, beantwortete aber alle Fragen des Oberfeldwebels und drängte sich dicht an Bendolch, der noch immer schützend seinem Arm um sie gelegt hatte. Er konnte nicht sagen, wie es dazu gekommen war, aber Sara schien ein Stück weit Vertrauen zu ihm gefasst zu haben. Jetzt wagte er es nicht mehr, sich zu bewegen, aus Furcht, das dünne Band zwischen der kleinen Sara und ihm könnte wieder zerreißen.
Nach ein paar Minuten richtete sich Araghast wieder auf und drehte sich zu den Wächtern um. Ein gefährliches Funkeln war in seinem Auge zu sehen.
"Sie weiß, wo er wohnt!" waren seine einzigen Worte.
***Von da an ging alles sehr schnell. Dippwin konnte sich später nicht mehr genau daran erinnern, wie sie zu dem Haus gekommen waren, wusste aber, dass er mit Sara im Arm hinten auf der Ladefläche des Karrens mitgefahren war. Araghast hatte nicht länger auf eine Verstärkung gewartet und lenkte den Wagen in halsbrecherischem Tempo durch die Straßen Ankh-Morporks. Er trieb Schusi zu ungeahnten Geschwindigkeiten an. In unregelmäßigen Abständen fragte er bei Sara nach dem richtigen Weg. Ihre Beschreibung des Anwesens hatte ihm bereits eine sehr genaue Vorstellung davon gegeben, von welchem Haus sie gesprochen hatte. Er brauchte nur noch ab und zu eine Bestätigung von ihr.
Schließlich hatten sie nach einer rasenden Fahrt ein großes Herrenhaus erreicht, das Dippwin sofort bekannt vorkam. Breguyar hielt den Wagen in einer kleinen Seitengasse an und die Wächter sprangen in aller Eile von der Ladefläche.
Vorsichtig kletterte Dippwin hinterher. Als er sich gerade umdrehen wollte, um Sara zu helfen, trat Araghast neben ihn und wandte sich an das Mädchen.
"Ist es dieses Haus, Sara?" fragte er eindringlich.
Saras Augen verrieten ihre Antwort noch bevor sie zaghaft nicken konnte.
"Dort wohnt er?" vergewisserte sich der Oberfeldwebel noch einmal.
Wieder nickte Sara.
"Und er ist der feine Herr? Keiner von den Dienern?"
"Ja." Tränen standen in ihren Augen, als sie die leise Antwort murmelte.
Harry stockte der Atem und er sah in den Gesichtern der anderen Wächter, dass es ihnen nicht anders erging. Das hatten sie noch nicht gewusst. Breguyar musste es ihnen bewusst vorenthalten haben. Sie standen vor dem Anwesen von Sir Klerington, einem bekannten und geachteten Bürger der Stadt.
"Gut, mein Kind", fuhr Araghast an Sara gewandt fort. "Rogi wird dich jetzt an einen sicheren Ort bringen. Du musst keine Angst vor ihr haben, ja?"
Das Mädchen wirkte gefasst und fuhr sich mit dem Ärmel über die Augen, um die Tränen fortzuwischen.
"Rogi?"
"Ja, Fir", antwortete die Igorina sofort.
"Bring Sara mit Schusi zur Wache und informiere dort alle über die neue Situation, vor allem den Kommandeur. Wenn du noch rechtzeitig ankommst, schick die Verstärkung gleich zu uns, ansonsten musst du sie irgendwo unterwegs abfangen."
"Bin unterwegf, Fir", sagte Rogi während sie sich schon auf den Kutschbock schwang. "Ach und viel Erfolg, Fir!" rief sie ihrem Chef noch zu, bevor sie die Zügel schnalzen ließ und Schusi zur erneuten Eile antrieb.
Araghast blickte dem Wagen noch kurz hinterher, dann wandte er sich an seine Wächter.
"Kanndra?" Er wartete bis er die volle Aufmerksamkeit seiner Späherin hatte und blickte ihr fest in die Augen. "Nur von außen, klar? Sag mir, ob in den letzten Minuten jemand das Haus betreten hat und wie viele Eingänge es gibt. Am wichtigsten ist mir im Moment, dass wir schnell sind. Uns darf die Zeit nicht wieder davonlaufen."
Nur Sekunden nachdem Breguyar ihr Anweisungen gegeben hatte, verschwand seine Stellvertreterin in der Nacht. Dippwin verlor sie aus den Augen, noch bevor sie das Ende der Gasse erreicht hatte, in der er mit Araghast und den anderen kauerte.
In den letzten Minuten überschlugen sich die Ereignisse für ihn. Er hatte nicht kommen sehen, dass der Oberfeldwebel Sara so schnell fortschicken würde. Hätte er es geahnt, wäre er sicher bei ihr auf dem Wagen geblieben. Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken, dass sie allein und frierend auf dem klapprigen Wagen unterwegs war.
Bei Breguyar und seinen Leuten fühlte er sich überflüssig und fehl am Platz. Seit sie hier angekommen waren und er vom Karren heruntergeklettert war, nahm ohnehin niemand mehr Notiz von ihm. Hier konnte er nicht helfen... höchstens stören.
Während sich Harry, Breguyar und Valdimier berieten, ging Dippwin ein paar Schritte in Richtung der größeren Strasse zurück und warf einen Blick auf das imposante Anwesen. Warum kam es ihm nur so bekannt vor? Nachdenklich betrachtete er das zweistöckige Haus. Es war hell beleuchtet und hatte große Fenster, die mit Vorhängen zugezogen waren. Das steile Dach war mit mehreren Erkern und Türmchen versehen, auf denen jetzt eine dicke Schneedecke lag. An das Hauptgebäude grenzten zwei kleinere Flügel an, die aber auf ähnliche Weise gebaut waren. Als sein Blick auf eine größere Halle fiel, welche direkt an das Anwesen grenzte, fiel es ihm wieder ein. Er hatte hier vor einigen Monaten, als er noch bei der Alchimistengilde arbeitete, für einige Wochen einen Auftrag gehabt. Der Besitzer des Hauses war als Unternehmer tätig und belieferte die Druckereien der Stadt mit den neuerdings so wichtigen Bleiplatten für den Abdruck von Ikonographien. Dippwin hatte mit seiner
'Abteilung für Experimentelle Grundlagenforschung - Bereich Unbelebte Materie' einige komplizierte Gerätschaften entwickelt und in der Halle installiert, mit denen man gebrauchte Bleiplatten wieder aufbereiten konnte. Der vornehme Sir hatte sich erhofft, auf diese Weise viel Geld einsparen zu können.
Seine Gedanken kreisten noch um seine damalige Arbeit, als er den Schatten von Kanndra über die Strasse auf sich zuhuschen sah. Mit einem dumpfen Stoß gegen die Brust trieb sie den Rekrut zurück in die Dunkelheit der schmalen Gasse und drückte ihn dort grob gegen eine Wand.
"Idiot!" fuhr sie ihn zischend an. "Willst du, dass dich jemand im Licht sieht?"
"Ich...", versuchte Dippwin zu antworten, aber die Späherin hatte ihn bereits stehen lassen und lief zu den anderen Wächtern weiter. Mutlos und verärgert über seine eigene Leichtsinnigkeit, auf die helle Strasse hinauszutreten, folgte er ihr. Als er bei der kleinen Gruppe ankam, blieb er in respektvollem Abstand außerhalb des Kreises der FROG-Spezialisten stehen und versuchte ein paar Brocken des Berichtes aufzuschnappen, den Kanndra gerade ihren Kameraden gab.
"Es gibt zwei Eingänge in das Haupthaus", teilte sie in diesem Moment mit, "und vielleicht einen dritten über eine angrenzende Halle. Den Spuren nach zu urteilen, hat eine Person vor höchstens fünfzehn Minuten das Haus durch den Haupteingang betreten. Außer ihm ist in den letzten ein bis zwei Stunden kein anderer hinein oder heraus gekommen, - es sei denn er konnte fliegen." Bei ihren letzten Worten warf sie Valdimier einen kurzen Blick zu, der ihr aber nur ein schwer zu deutendes Lächeln schenkte.
Leicht irritiert fuhr Kanndra fort. "Die Vordertür macht im Gegensatz zum hinteren Eingang einen stabilen Eindruck. Wenn vorne abgeschlossen sein sollte, bekommen wir daher Schwierigkeiten. Eine Möglichkeit über eines der Fenster einzudringen konnte ich nicht erkennen. Alle Läden scheinen verriegelt zu sein. Was mit der Halle ist, kann ich nicht sagen."
"Also haben wir zunächst zwei Türen, auf die wir uns konzentrieren müssen", überlegte Breguyar laut. Konzentriert blickte er in die Runde seiner winzigen Truppe. Auf Valdimier und Kanndra konnte er sich verlassen, sie hatten ihre Fähigkeiten in zahlreichen Einsätzen bewiesen. Harry war dagegen noch immer in seiner Ausbildung zum FROG und von dem Rekruten wusste er außer dem Namen gar nichts.
Ein Angriff auf ein Anwesen dieser Größe war mit so wenigen Wächtern im besten Falle riskant. Es gab eine immense Wahrscheinlichkeit, dass etwas schief gehen würde. Trotzdem wollte der Oberfeldwebel nicht mehr länger warten. Mit jeder verstreichenden Minute konnte dieses Monster mehr Beweise und Spuren verschwinden lassen und das wollte Breguyar auf keinen Fall zulassen. Er würde das Risiko einfach in Kauf nehmen müssen.
"Valdimier", wandte er sich an den Vampir, der seine stärkste Waffe im bevorstehenden Einsatz war. "Du nimmst dir den Haupteingang vor. Kanndra und ich gehen durch die Hintertür rein. Denkt daran, wir suchen nur den Hausherrn, keine Bediensteten. Wenn wir ihn im Erdgeschoss nicht finden, treffen wir uns in der Haupthalle, - wenn es so eine gibt-, und gehen gemeinsam in den ersten Stock hoch."
Als er in die Gesichter seiner zwei Veteranen blickte, sah er die Entschlossenheit in ihren Augen. Beide hatten bereits ihre kleinen Armbrüste gezogen und waren bereit. Eine genauere Planung ihres Vorgehens war im Moment weder notwendig, noch möglich. Blieben noch der Stabsspieß und der Rekrut.
"Harry, du wirst mit Bendolch die dritte Tür bei der Halle überwachen. Ich will nicht, dass ihr in das Haus eindringt, verstanden? Eure Aufgabe ist es nur, den Kerl aufzuhalten, wenn er durch die Halle flüchten will." Breguyar sah Harry die Enttäuschung an. Aber er würde seine Entscheidung nicht revidieren. Zum einen lag es ihm fern, den Rekruten in unnötige Gefahr zu bringen und zum anderen wollte er auf keinen Fall zwei Wächter im Haus haben, deren Verhalten er aufgrund einer fehlenden Ausbildung nicht einschätzen konnte.
***Fünf Minuten später waren sie bereits alle in Stellung gegangen. Harry kauerte mit Bendolch zwanzig Meter von dem Eingang entfernt, den sie überwachen sollten hinter einer Schneewehe. Er war dazu gezwungen, ein Hallentor zu beobachten, das sich derzeit höchstens durch auffällige Regungslosigkeit verdächtig machte. Der Stabsspieß gab im Stillen dem Rekruten die Schuld dafür, dass er als FROG nicht an dem Einsatz teilnehmen durfte und war dementsprechend gelaunt.
"Was passiert jetzt, Sir?" fragte Dippwin nervös.
Harry würdigte ihn keines Blickes. "Wir frieren", antwortete er mürrisch.
Schuldbewusst verstummte Bendolch und beschränkte sich darauf, weiter zu beobachten.
Für einen Moment hörten sie das leise Splittern von Glas. Doch schon unmittelbar darauf trug der Wind keine weiteren Geräusche mehr zu ihnen herüber.
"Ob das von der Haupttür gekommen ist, Sir?" konnte sich Dippwin nicht zurückhalten.
"Bin ich Hellseher, Bendolch?"
"Ich dachte ja nur...", wollte er sich rechtfertigen, aber der Stabsspieß unterbrach ihn ungnädig.
"Du sollst nicht denken, sondern beobachten, klar? Es ist schlimm genug, hier in der Kälte zu sitzen und nichts tun zu können. Also hör auf, mir auf die Nerven zu gehen!" platzte es aus Harry heraus. "Wegen dir darf ich eine verschlossene Tür überwachen. Was für eine Herausforderung!"
"Verriegelt."
"Was?" fragte der Stabsspieß, von der letzten Bemerkung irritiert.
"Sie ist nur verriegelt und nicht verschlossen. Um verschlossen zu sein, bräuchte sie ein Schloss. Sie hat aber nur einen Riegel."
"Wie jetzt?"
"Von innen", antwortete Dippwin zögerlich. Harrys plötzliches Interesse verschreckte ihn genauso wie sein vorheriger Unmut. "Die Tür hat nur einen Riegel auf der Innenseite, der am Abend von der Dienerschaft vorgeschoben wird, nachdem der letzte Arbeiter gegangen ist."
"Und woher willst du das Wissen, Herr Naseweis?"
"Ich habe mehrere Wochen in der Halle gearbeitet... als Alchimist", sagte er eingeschüchtert.
"Und damit kommst du erst jetzt?" entfuhr es Harry. Entsetzt über soviel Torheit starrte er den Rekruten an. "Raus mit der Sprache, was weißt du noch über das Haus?"
"Ich... kenne nur die Halle, Sir."
"Ein Riegel sagst du?" Harry wirkte plötzlich sehr aufgeregt.
Dippwin nickte verunsichert.
"Na wollen doch mal sehen...", murmelte der Stabsspieß, sprang mit einem Satz über die kleine Schneewehe und lief auf die Halle zu.
***Chief-Korporal Valdimier untersuchte den Vordereingang des Anwesens und stellte unzufrieden fest, dass er es mit einer schweren Eichentür zu tun hatte. Durch ein kleines Glas in der Tür konnte er eine spärlich beleuchtete Halle sehen. Selbst für ihn stellte dieser Eingang ein ernstzunehmendes Hindernis dar. Zweimal stemmte er sich versuchsweise mit der Schulter gegen das stabile Holz, fand aber keinen Ansatzpunkt, der die Tür geschwächt oder gar ein Aufbrechen ermöglicht hätte.
Ein grimmiges Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als er kurz in das Schneetreiben im nächtlichen Himmel blickte. Nein, fliegen konnte er hier draußen nach wie vor nicht. Aber er wäre kein van Varwald gewesen, hätte er sich von ein wenig gefrorenem Niederschlag und einer Tür aufhalten lassen. Mit einer fließenden Bewegung zog er sich seinen Umhang über den linken Arm, stellte sich seitlich vor den Eingang und zerschlug mit dem Ellbogen das dicke Glas in der Türmitte. Das Klirren der zu Boden fallenden Scherben klang unangenehm laut in seinen Ohren. Nervös spähte er durch das kleine Loch in die Eingangshalle und lauschte, ob er irgendjemanden aufgeschreckt hatte. Nach ein paar ereignislosen Minuten kehrte seine Ruhe zurück. Nein, in dem Haus war immer noch alles still.
Leise entfernte er sich rückwärts einige Meter von der Tür und konzentrierte sich. Für die nächsten Sekunden würde er all seine Aufmerksamkeit benötigen. Mit drei schnellen Schritten rannte er auf den Eingang zu und sprang. Beinahe anmutig erhob er sich in die Luft und flog auf die schwere Tür zu. In Bruchteilen einer Sekunde würde sein Körper gegen das unnachgiebige Holz schmettern und diverse Verletzungen davontragen. Trotzdem funkelte Entschlossenheit in seinen Augen.
Nur eine Handbreit vor der Tür nahm er die Gestalt einer Fledermaus an. Die Verwandlung war in der Zeit eines Lidschlags vollzogen und sofort schlang der kleine pelzige Körper der Fledermaus die Flügel eng um sich. Einem fliegenden Ball gleich, schoss Valdimier auf das kleine Loch in der Tür zu, flog hindurch und stürzte in die Eingangshalle dahinter. Erst knapp über dem Boden begann er wild mit den Flügeln zu schlagen.
Nein, da draußen konnte eine Fledermaus nicht fliegen. Aber hier, - in der warmen und sicheren Halle -, sah die Sache ganz anders aus.
***Harry hing in einem Meter Höhe an dem Hallentor und spähte mit einem Auge durch den kleinen Spalt zwischen zwei einzelnen Brettern. Während er sich mit einer Hand an einem aus dem Holz ragenden Nagel festhielt, stocherte er mit einem seiner kleinen Pfeile, den er in der anderen hielt, zwischen den Ritzen und biss sich dabei vor Anstrengung auf die Zungenspitze.
"Gleich hab' ich's", murmelte er vor sich hin.
"Äh... Sir? Ich möchte nicht ungebührlich erscheinen, aber sagte der Oberfeldwebel nicht, dass wir auf keinen Fall in das Haus eindringen sollten?" fragte Dippwin, der direkt hinter dem Stabsspieß stand, mit leicht vorwurfsvollem Ton.
"Haus... ja! In das Haus sollen wir nicht rein, aber von der Halle hat er nichts gesagt, oder?"
Noch immer versuchte er den Pfeil unter den Riegel zu bekommen, der das Tor verschlossen hielt. "Jetzt! Ich hab' den Riegel. Heb mich vorsichtig höher, Bendolch!"
Die beiden Wächter boten einen seltsamen Anblick. Harry stand auf Dippwins Hand, der den Stabsfeldwebel langsam an dem Tor nach oben schob. Der Rekrut konnte gar nicht anders, als sich verschämt umzusehen, ob sie nicht von irgendwo beobachtet wurden. Im Stillen überlegte er, welche Bestrafung er dafür zu erwarten hatte, seinen Vorgesetzen auf den Arm zu nehmen... oder auch auf die Hand.
"Ein Stück noch, Bendolch! Es ist gar kein Riegel, der vorgeschoben wird. Er ist nur von oben eingehängt, so dass wir ihn einfach herausheben können. Wenigstens einmal haben wir heute Nacht Glück."
Dippwin war sich nicht ganz sicher, ob es sich dabei tatsächlich um Glück handelte, aber trotzdem hob er den Gnom gehorsam noch einige Zoll höher.
Mit einem lauten Schmettern fiel auf der anderen Seite der schwere Holzbalken zu Boden und das Tor schwang eine Handbreit auf.
"Aah! Mir nach", rief Harry mit gedämpfter Stimme. Dann sprang er von Dippwins Hand und lief in die dunkle Halle.
***Mit kreisenden Bewegungen suchte der gebogene Draht nach dem richtigen Widerstand im Schlosskasten. Mehrmals rutschte der improvisierte Dietrich vom Riegelschaft ab und Kanndra musste neu ansetzen.
"Beeil dich", flüsterte Breguyar ihr zu. "Achte auf die Sperrbolzen und bleib ruhig!"
Entnervt drehte sich die Späherin zu ihrem Vorgesetzten um. "Danke für den Ratschlag, daran habe ich noch gar nicht gedacht", fuhr sie ihn an.
"Schon gut... tut mir Leid."
Erneut wandte sich Kanndra dem widerspenstigen Schloss zu. Seit ein paar Minuten kniete sie an der rückwärtigen Tür des Anwesens und versuchte die einfache, aber dennoch solide Tür zu öffnen. Schließlich fand sie den richtigen Druckpunkt und drehte ihren Dietrich vorsichtig um die eigene Achse. Mit leisem Klacken schob sich der Schließriegel langsam in den Schlosskasten zurück und gab die Tür frei.
Schnell verstaute Kanndra das Werkzeug in einer ihrer Taschen, hob die Armbrust vom Boden auf und betätigte leise die Klinke. Lautlos schwang die Tür auf und gab den Blick frei in eine verlassene Küche. In dem großen Ofen schwelte noch die Glut vom Vorabend. Sie warf unheimliche Schatten an die Wände und ließ die Ausmaße des großen Raumes mehr erahnen, als dass sie offenbart wurden.
Ohne ein Wort zu sagen schlüpften die beiden Wächter in das Haus und schlossen die Tür hinter sich wieder. Mit fließenden Bewegungen schlichen sie durch die Küche, überprüften den Raum auf vorhandene Ausgänge und verständigten sich dabei mit nur wenigen Handzeichen. Weitere Absprachen waren nicht notwendig.
Nach einem Moment deutete Breguyar auf einen dunklen Flur, der aus dem Raum führte. Kanndra brauchte nur kurz zu nicken, dann bewegten sie sich zwei Geistern gleich in die Tiefen des Anwesens hinein.
***Nach einigem Suchen hatten Harry und Dippwin eine Petroleumlampe gefunden. Nachdem sie eine kleine, züngelnde Flamme am Docht entfacht hatten, standen sie nun in der mäßig beleuchteten Halle. Mit staunenden Augen sah sich Harry um und versuchte die zahlreichen Eindrücke in sich aufzunehmen.
Die beiden Wächter waren von unzähligen Wannen umgeben, von denen jede einzelne an die sechs Fuß durchmaß. Die seltsamen Behältnisse reichten Dippwin bis auf Hüfthöhe und waren mit seltsamen Flüssigkeiten gefüllt. In der Luft lag ein beißend scharfer Geruch, der Harry unangenehm in der Nase brannte. Die verschiedenen Becken waren mit diversen Glasröhren und gewundenen Drähten verbunden. Hin und wieder sah der Gnom kleine blaue Blitze über die Kabel wandern, die scheinbar aus dem Nichts entstanden und schließlich knisternd in die verschiedenen Bassins eintauchten. Von der Decke hingen überall schwere Eisenketten, die zu unterschiedlichen Flaschenzügen und Laufkatzen gehörten. Das komplizierte Schienensystem, das an der Decke angebracht war, konnte Harry in der Dunkelheit nur schemenhaft ausmachen. An einigen der Ketten hingen in riesigen Haken massive Metallplatten, die ebenfalls mehrere Fuß Durchmesser aufwiesen. Ab und zu hörten sie ein unheimliches Klirren, wenn Ketten im !
Luftzug gegen eine der Platten schlugen.
"Ja, da soll mich doch... was für eine Folterkammer ist das denn?" entfuhr es dem Stabsspieß ungläubig.
"Ääh..."
"Was für ein Monster kann sich denn so etwas ausdenken?"
"Also, ich könnte..."
"Wenn ich den in die Finger kriege!" drohte der aufgebrachte Gnom mit geballter Faust.
"Sir, bitte... Es ist nur eine Werkstatt, keine Folterkammer", bemühte sich Dippwin den Stabsspieß aufzuklären.
"Werkstatt? Was soll hier denn gebaut werden?"
"Nicht direkt gebaut, Sir. Bleiplatten die von den Druckereien benötigt werden, können in den verschiedenen Lösungen der Bassins aufbereitet werden", erklärte Dippwin.
"Aufbereitet? Wie kann denn eine Bleiplatte nicht bereit sein, hä?" fragte Harry argwöhnisch.
"Nun, um Ikonographien zu drucken, ätzen die Drucker die Bilder in ihre Druckplatten. Anschließend können sie die Platten aber nicht noch einmal verwenden. Um die Platten erneut zu nutzen, müssen sie mit einer neuen Schicht Blei überzogen und anschließend glatt geschliffen werden. Die Alternative wäre einschmelzen und neu gießen. Aber auf diese Weise", Dippwin deutete auf die komplexe Anlage, "ist es deutlich günstiger."
"Mit Blei überziehen?"
"Ja."
"Sonst nichts?"
"Na ja, wir nutzen verschiedene Salze und erzeugen so auch dünne Schichten aus Zinn, Antimon und Bismut..."
"Was redest du nur für einen Unsinn?"
"Wegen der notwendigen Härte der Platten..."
"Mit Metall überziehen", Harry schüttelte ungläubig den Kopf. "Das ist doch kein Schokoguss! Wo sind denn hier die Schmelzöfen?" Erneut sah sich der Gnom in der unheimlichen Halle um.
"Wir haben ein neues Verfahren entwickelt, mit dem man Metallschichten aus flüssigen Salzlösungen gewinnen kann. Das ganze ist recht kompliziert, und..."
"Ich glaub' dir kein Wort!"
"... wir mussten sogar auf die Hilfe der Zauberer zurückgreifen."
"Zauberer?" Harry fuhr erschrocken zu Dippwin herum. "Ist hier etwa Magie im Spiel?"
"Nicht direkt. Ponder Stibbons, ein Spezialist für hochenergetische Magie hat gemeinsam mit Meister Galvani von der Alchimistengilde,
'Abteilung für Experimentelle Grundlagenforschung - Bereich Unbelebte Materie', diese Methode entwickelt.
"Experi... was?"
"Ein Nebeneffekt der ganzen Sache ist die sogenannte Elektirizität."
"Ah ja", entgegnete der Stabsspieß, restlos vom Wahnsinn des vor ihm stehenden Rekruten überzeugt.
"Die kleinen Funken, Sir", Dippwin deutete erklärend auf einen der tanzenden Blitze, der sich gerade zischend in einem Becken entlud. "Ist recht gefährlich. Hat den armen Fredi Fieselstrom ganz schön übel erwischt." Betrübt blickte Dippwin zu Boden und hing einen Moment seinen Erinnerungen nach, bis ihm der nervös fragende Blick von Harry auffiel.
"Man kriegt seltsame Krämpfe, wenn man versucht, die Elektirizität zu berühren."
"Tatsächlich?" fragte der Stabsspieß und sah sich panisch in der Halle um.
"Ja und nach einiger Zeit blutet man aus den Ohren und dem Mund."
"Na dann..." Harrys suchender Blick fiel auf Hunderte der kleinen Blitze, die plötzlich alle viel größer und bedrohlicher wirkten.
"Aber wenn man die Finger von den Drähten lässt, kann eigentlich nichts passieren."
"Gut zu wissen!" Entschlossen steckte Harry seine Hände in die Hosentaschen. "Besser wir verschwinden von hier, oder?" Er versuchte im Halbdunkel eine Tür zu erkennen, die ihn aus diesem alchimistischen Wirrwarr herausführen würde. "Gibt es denn hier keinen Ausgang?"
"Dort drüben führt eine Tür in das eigentliche Anwesen, Sir. Aber wir sollten doch..."
"Nichts da! Keine zehn Pferde können mich bei deiner komischen Elektirizi... Dingsda halten. Komm mit!"
Vorsichtig, um auch ja mit keiner der seltsamen Apparaturen in Berührung zu kommen, schlich Harry durch die Halle auf die Ecke zu, in die Bendolch gedeutet hatte. Hinter einem alten Schreibpult entdeckte er den Durchgang zum Haus. Als er gerade auf die Tür zugehen wollte, fiel sein Blick auf eine ungewöhnliche Diele im Holzboden. Nachdenklich musterte er das Brett aus zusammengekniffen Augen, bis er sich schließlich sicher war, mit was er es zu tun hatte.
"Bendolch, halt!"
Erschrocken blieb der Rekrut dicht neben dem Gnom stehen. Harry beugte sich tief über die vermeintliche Leiste im Boden und grinste triumphierend.
"Mit mir nicht, mein Lieber!" verkündete er dem Raum im Allgemeinen. "Möchte wetten, dass irgendwo ein kleines Glöckchen läutet, wenn ich auf deine Trittleiste treten würde."
Den Blick fest auf den Boden gerichtet, zog er einen weiteren seiner Pfeile hervor und bohrte ihn tief in eine der Fugen. Anschließend brach er den Pfeil dicht über den verkeilten Dielenbrettern ab. Damit hatte Harry den Alarm außer Kraft gesetzt. Aus dieser Richtung drohte keine Gefahr mehr.
"So, wir können weiter, Bendolch." Er zog den Rekrut kurz am Hosenbein, aber der starrte nur wie hypnotisiert auf einen Punkt neben der Tür. Als Harry seinem Blick folgte, sah er an der Wand eine Halterung, in der mehrere Hämmer hingen. Sie waren allesamt etwa drei Fuß lang und bestanden vollständig aus Metall. Ihre ungewöhnliche Kopfform deutete darauf hin, dass sie vermutlich für eine besondere Aufgabe in dieser Werkstatt hergestellt worden waren.
Eine der Halterungen war jedoch leer, - ein Hammer hing nicht an seinem Platz.
Dippwin fühlte, wie ihm erneut ein kalter Schauer über den Rücken kroch. Er wusste, wo der fehlende Hammer lag.
***Die Fledermaus flatterte lautlos und schnell durch die einzelnen Zimmer des Erdgeschosses. Mehrmals hatte sie schlagende Herzen gespürt, war aber immer nur auf schlafende Bedienstete gestoßen. Jetzt näherte sie sich einer großen Halle, wie man sie zwangsläufig in einem solchen Haus erwarten musste. Von der Decke hing zentral ein gewaltiger Lüster. Links und rechts davon führten ausladende Treppen halbkreisförmig hinauf in den ersten Stock. Es fehlte nicht an obligatorischen Gemälden oder dem roten Läufer auf den Stufen. Auch an ausreichend Kerzenleuchter war gedacht worden. Das einzige Licht in der Halle rührte aber von der Flamme einer einzelnen Kerze her, die sich auf halbem Wege die Treppe hinunter befand. Valdimier hatte sein Ziel gefunden.
Fast im gleichen Augenblick stürmten Breguyar und Kanndra von der anderen Seite in den Raum. In Sekundenschnelle erfassten sie die Lage und erkannten den Mann, der gerade mitsamt seinem kleinen Leuchter auf der Treppe zum Stehen gekommen war. Im Licht der Kerze konnte Araghast den schlanken Degen ausmachen, den die Gestalt in der anderen Hand hielt. Er trug nur einen Abendrock, der völlig durchnässt zu sein schien, und sein Blick wirkte gehetzt, fast panisch.
"Wer sind sie... und was wollen sie in meinem Haus?" schrie er die beiden Wächter mit schriller Stimme an.
Ungerührt schritt Breguyar weiter auf die Treppe zu. "Sind sie Sir Klerington, der Besitzer dieses Anwesens?"
"Was geht dich das an, du ungehobelter Kretin?"
"Ich bin Oberfeldwebel Breguyar von der Stadtwache. Im Namen des Gesetzes nehme ich dich fest, wegen..."
"Ich habe gar nichts getan! Ich habe bis eben ein Bad genommen und wollte gerade zu Bett gehen, also verschwindet gefälligst!" kreischte der aufgebrachte Adelige.
Breguyar hielt kurz inne und starrte den Mann mit funkelndem Auge an. "Wer hat denn gesagt, dass du erst gerade eben etwas verbrochen haben sollst?"
Für einen Moment zeigte sich Unsicherheit im Gesicht des Mannes. "Ich...", setzte er zu einer Erwiderung an, verstummte aber sogleich wieder. Hektisch blickte er von Breguyar zu Kanndra und wieder zurück. Als der Oberfeldwebel wieder entschlossen auf ihn zuschritt, schleuderte er ihm voller Grimm seine Waffe entgegen, drehte sich um und lief die Treppe hinauf.
Breguyar schmetterte den Degen mit seinem eigenen Schwert zur Seite und stürmte dem Mann hinterher. Kanndra legte mit ihrer Armbrust an und verfolgte jede Bewegung des Flüchtlings. Sie brauchte nur für eine Sekunde ein ruhiges Ziel.
Am Kopf der Treppe angekommen, gab Sir Klerington einer gigantischen Vase, die auf dem Treppengeländer stand, einen Stoß, so dass sie die Stufen hinunterstürzte. Als sich Breguyar an die Wand presste, um nicht von den Splittern getroffen zu werden, ertönte ein hysterisches Lachen von dem Adeligen.
Sofort danach wandte sich Klerington erneut von den Wächtern ab, um sein Heil in der Flucht zu suchen, aber plötzlich formte sich ein dunkler Schatten aus dem Nichts heraus. Valdimier hatte direkt vor dem Mann wieder seine menschliche Gestalt angenommen und legte seine Hände in einem stählernen Griff um den Hals des Mörders.
"Hab dich!" herrschte er den völlig überraschten Mann an. "Bitte tue mir den Gefallen und wehre dich", flüsterte er ihm leise zu. Aber in den Klauen des Vampirs gab Klerington jeden Gedanken an Flucht oder Gegenwehr auf. Zorn war in seinen Zügen zu lesen und eine unermessliche Überheblichkeit. "Ihr könnt nichts beweisen, ihr jämmerlichen Wichte!" zischte er Valdimier zwischen zusammengebissenen Zähnen zu.
Die weitere Festnahme war reine Routine. Der Adelige wurde den Vorschriften entsprechend gefesselt, über seine Rechte belehrt und anschließend die Treppe hinunter geführt. Klerington sagte während der gesamten Zeit kein Wort mehr.
Als sie im Erdgeschoss ankamen, liefen sie beinahe Harry und Dippwin in die Arme, die aus einem der dunklen Gänge gelaufen kamen. Überrascht blieben beide Gruppen voreinander stehen.
"Du?" entfuhr es Breguyar, als er den Gnom erblickte.
"Äh... ja", erwiderte Harry, fieberhaft nach einer Erklärung suchend. "Grundsätzliche Lageänderung, Oberfeldwebel. Waren leider gezwungen, unsere Stellung auf der Straße aufzugeben", behauptete er im Brustton der Überzeugung.
Währenddessen wurde Dippwins Aufmerksamkeit von dem Adeligen gefesselt. Obwohl Klerington wehrlos vor ihnen stand und seine Arme auf den Rücken gebunden waren, strahlte seine Mimik noch immer Verachtung aus. Eine unfassbare Arroganz, die der ganzen Welt entgegen schrie, dass er, - Sir Klerington -, es gar nicht nötig hatte, sich vor dem niederen Pöbel zu rechtfertigen. In dem Moment, da sich ihre Blicke eher zufällig begegneten, durchzuckte Dippwin ein eisiger Schock. Er sah das abgrundtiefe Böse in den kalten Augen. Dieser Mann kannte keine Schuld, kein Mitleid und fühlte kein Bedauern. Vor ihm stand kein Mensch. Vielmehr ein Monster, dem alles Menschenähnliche abhanden gekommen war.
***Am Vormittag des folgenden Tages saß Rekrut Dippwin Bendolch gedankenverloren im Mannschaftsraum der Wache am Pseudopolisplatz. Immer wieder kreisten seine Gedanken um die Geschehnisse der letzten Nacht, blitzten die schrecklichen Bilder in seiner Erinnerung auf. Fröstelnd rutschte er etwas näher an den Ofen heran und warf einen Blick auf seine Mutter und Sara, die ihm gegenüber saßen.
Wie es dazu gekommen war, dass die beiden in der zurückliegenden Nacht zusammengefunden hatten, war ihm noch nicht ganz klar. Aber offensichtlich war Rogi, nachdem sie bei der Hauptwache die Verstärkung knapp verfehlt hatte, sofort zur Kröselstrasse weitergefahren, traf aber auch dort weder Mindorah noch die übrigen FROG's an. Sie wollte die kleine Sara auf keinen Fall wieder mit in den Park nehmen, wo sie ihr nächster Weg hingeführt hatte. Also ließ sie das Mädchen bei Bruder Laudes und Mutter Bendolch zurück.
Laudes, der sich auf einmal mit der Präsenz von zwei Frauen konfrontiert sah, war deutlich über seine Belastungsgrenze hinaus gefordert und dankte Seramis aus tiefster Seele, als sich Mutter Bendolch ungefragt, aber rührend um Sara kümmerte. Insgeheim war dem Priester ein wenig unwohl bei dem Gedanken, das junge Mädchen einer Person wie Dippwins Mama zu überlassen. Aber offensichtlich vermochte es Mutter Bendolch, mit nur wenigen Worten das Vertrauen des Kindes zu gewinnen und schließlich wurden Sara in den Armen der Näherin die Augen schwer. Sie fiel in einen unruhigen, von fiebrigen Träumen geplagten Schlaf.
Mutter Bendolch blieb in all den dunklen und alpgeplagten Stunden bei Sara und behütete das Mädchen bis in die frühen Morgenstunden. Erst als es langsam dämmerte, wurde ihr Schlaf tiefer und die Träume verflüchtigten sich... zumindest für den Moment.
Später hatte man beide zum Pseudopolisplatz gebracht, wo die Vernehmung von Sir Klerington stattfinden sollte. Der Kommandeur hatte befohlen, dass Sara so schonend wie nur irgend möglich befragt werden sollte. Trotzdem würde dem armen Kind eine Gegenüberstellung wahrscheinlich nicht erspart bleiben.
Dippwin fiel das Atmen schwer, wenn er daran dachte, was dies für Sara bedeuten musste. Aber noch saß sie friedlich bei Mutter Bendolch, geborgen im Arm der Näherin schlummernd und in eine Decke gehüllt. Ihre Augen waren geschlossen, bewegten sich aber unruhig unter den Lidern. Wann würde sie je vergessen können?
Er selbst war bereits seit der Festnahme von Klerington in der Hauptwache. Nachdem man den Adeligen in eine der Zellen geschlossen hatte, herrschte fast noch mehr Hektik als zuvor. Die anderen Abteilungen mussten über die Vorfälle der Nacht informiert werden und Ermittlungsaufträge wurden erteilt. Nach einigen Stunden kehrten die Spezialisten von SUSI aus dem Park zurück und brachten die spärlichen Beweise mit, die sie hatten sichern können. Übelkeit überkam ihn, als Charlie Holm den blutverkrusteten Hammer an ihm vorbeitrug. Am eisernen Stiel hing ein kleiner Zettel mit der Aufschrift
'Nr.01'. Viel mehr Spuren hatten die Ermittler nicht sichern können. Der Schnee machte ihnen einen Strich durch die Rechnung und verwischte alle Spuren.
Dippwin sprach in der Nacht nur noch kurz mit Oberfeldwebel Breguyar, der Bendolchs Aussage für den Bericht brauchte. Anschließend wurde das Schreiben mit allen anderen Protokollen an RUM übergeben, die Abteilung, welche die weiteren Ermittlungen durchzuführen hatte. Ansonsten wurde Bendolch nicht weiter benötigt, sollte sich aber für die Vernehmung am späten Vormittag bereithalten. Also hatte er sich in den Mannschaftsraum zurückgezogen, um so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen. Er wollte niemandem im Weg sein.
Schließlich trafen seine Mutter und Sara in der Wache ein. Es ging dem Mädchen den Umständen entsprechend gut. Als sie ihn wiedererkannte und auf ihn zugelaufen kam, empfand er zum ersten Mal an diesem Tag eine gewisse Erleichterung.
***Unweit von Dippwin stand ein seltsames Paar in einer dunkleren Ecke des Mannschaftsraums. Sie beobachteten den Rekruten, seine Mutter und vor allem Sara. Es lag ihnen fern, mehr Aufmerksamkeit zu erregen als unbedingt notwendig und so wurden sie von den anderen Wächtern kaum zur Kenntnis genommen.
"Sie scheint sehr liebevoll mit dem Mädchen umzugehen."
"Ja, nicht wahr?"
Nachdenkliche Stille senkte sich einen Moment über das leise Gespräch.
"Weißt du, ich hätte kaum angenommen, dass gerade sie..."
"Ja?"
"Ich meine eine Näherin..."
"Gerade eine Näherin, Kommandeur."
Wieder entstand eine kleine Pause, in der beide verschiedenen Gedanken nachhingen.
"Du hast gehört, aus welchem Waisenhaus die kleine Sara stammt, oder?"
Die Frau neben dem Kommandeur nickte ohne den Blick von Mutter Bendolch und dem Mädchen abzuwenden.
"Ich habe es gerade eben von Stabsspieß Atera erfahren", fuhr Rascaal Ohnedurst fort. "Es fiel uns erst auf, als Frau Krümel, die Erzieherin die uns alarmiert hat, ihren Chef über die vergangene Nacht informieren wollte."
Zum ersten Mal sah sie dem Vampir in die Augen, als er weitersprach.
"Er hat sie sich praktisch gezüchtet!" Mühsam unterdrückte Wut lag in der Stimme des Untoten. "Hat sie aus seinem eigenen Waisenhaus entführt, wo sie ihm vertrauten! Für Außenstehende spielte er den edlen Wohltäter. Den Spender, der armen Waisen ein Obdach bot..."
Das kalte Brennen in seinen Augen ließ die Dame ein Stück zur Seite weichen. "Es passiert häufiger als du denkst, Kommandeur", erwiderte sie unglücklich.
Nach einer Weile hatte sich Rascaal wieder etwas beruhigt. "Als man mir meldete, dass du mich sprechen wolltest, hieß es, dass du mir einen Vorschlag in Bezug auf Sara zu machen hättest", wandte er sich erneut an sie.
Wieder nickte die Dame dem Kommandeur kurz zu.
"Wie kommt es eigentlich, dass du so schnell davon erfahren hast, Frau Palm?"
"Einer deiner Rekruten kam zu mir. Er stellte sich als Bruder Laudes vor und berichtete mir, dass ihn
'Mutter Bendolch' schicken würde..."
"Bruder Laudes?"
"Ja... war ein wenig nervös, der Junge. Aber das sind die meisten, die mich oder meine Mädchen zum ersten Mal besuchen, obwohl seine Verwirrung noch ein wenig über das durchschnittliche Maß hinausging." Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. "Er murmelte etwas von seltsamen Schneidereien in Ankh-Morpork."
Jetzt musste auch der Kommandeur ein wenig schmunzeln.
"Anscheinend hat ihn Mutter Bendolch nach seinem Tresendienst um diesen kleinen Gefallen gebeten", fuhr die ungekrönte Königin aller Näherinnen fort.
"Und warum?" wollte Rascaal wissen.
"Nun, es ist so...", ihr Blick wurde wieder ernst und richtete sich auf das kleine Mädchen. "Schicksale wie Saras sind uns nicht fremd. Du kannst dir vielleicht denken, dass meine... Angestellten weitaus häufiger Opfer von... Vorfällen werden, als allgemein bekannt ist."
Diesmal war es am Kommandeur zustimmend zu nicken.
"Aber unser Leid ist nicht gesellschaftlich anerkannt. Auf uns deutet man regelmäßig mit dem Finger ob unserer Lebensweise und mit unseren Problemen lässt man uns alleine", erklärte sie bitter. "Also müssen wir uns selbst helfen, Kommandeur. Genau wie du es tust, achte auch ich auf meine Schäfchen und sorge dafür, dass mir keines abhanden kommt."
Rascaal spürte die Ernsthaftigkeit ihrer Worte, denen sie eine kurze Pause folgen ließ. Eindringlich blickte sie dem Vampir in die Augen.
"Es gibt ein kleines Haus in der Schenkelgasse", offenbarte sie schließlich leise. "Es hat keinen besonderen Namen und ist außerhalb meiner Gilde auch nicht bekannt. Dort leben Frauen und Mädchen, die in ihrem Leben... großes Leid erfahren haben. Sie sind dort unter sich und erfahren die Hilfe und Unterstützung, die sie so dringend benötigen. Niemand bedrängt sie, niemand setzt sie unter Druck. Und erst wenn sie selbst es wollen, wenn sie mit der Welt im Reinen sind, gehen sie wieder hinaus und setzen ihr Leben fort. Manche von ihnen bleiben sehr lange, weißt du?"
Rascaal wusste nicht, was er sagen sollte, aber Frau Palm erwartete scheinbar auch keine Antwort von ihm.
"Wenn du erlaubst... wenn du es möchtest, nehme ich die kleine Sara bei mir auf. Es mag seltsam erscheinen, das Mädchen ausgerechnet uns Näherinnen anzuvertrauen und viele würden es nicht akzeptieren, aber ich glaube, du wirst es verstehen."
"Ja...", antwortete der Kommandeur, "ich glaube, das tue ich tatsächlich."
Einige Minuten beobachteten sie noch das schlafende Mädchen im Arm der alten Näherin. Vielleicht gab es ja doch noch so etwas wie Hoffnung, überlegte Rascaal.
"Frau Palm?" wandte er sich schließlich formvollendet an die Dame an seiner Seite.
"Ja, Kommandeur?"
"Darf ich dich bitten, die kleine Sara aufzunehmen und für sie zu sorgen, solange sie deine Hilfe benötigt?"
"Es ist mir eine Ehre, Kommandeur."
Beide verneigten sich ein klein wenig vor dem anderen. Dem Protokoll war Genüge getan.
***Kurz vor Mittag traf ein älterer Herr in der Wache ein. Er trug gepflegte Kleidung, die seine magere Statur etwas kaschierte, die blasse Haut dafür aber um so mehr betonte. Er wusste um diesen Umstand und pflegte sein Äußeres dahingehend sehr penibel, um dem abgenutzten Klischee zu entsprechen, dass von Anwälten nun einmal eine solche Erscheinung verlangte. Er stellte sich ohne lange Umschweife als Herr Schnittgut und Rechtsbeistand von Sir Klerington vor. Ungefragt begann er, eine Litanei von Paragraphen zu zitieren und verlangte, sofort zu seinem Klienten vorgelassen zu werden. Nach mehreren Verbalattacken und Drohungen, die er wohlgezielt unter Wächtern niedrigeren Ranges verteilte, gewährte man ihm sein Anliegen schließlich und geleitete ihn zu Kleringtons Zelle.
Herr Schnittgut verbrachte nur eine knappe halbe Stunde bei dem Verdächtigen, ehe er den diensthabenden Wächter im Zellentrakt darüber in Kenntnis setzte, dass sein Klient nun bereit sei, seine Aussage zu Protokoll zu geben. Unter Bezugnahme auf einen Präzedenzfall von 1348 erklärte er weiter, dass eine Vernehmung seines Mandanten allerdings ausschließlich durch den Kommandeur zu erfolgen habe, um der gesellschaftlichen Stellung des Sir Klerington in angemessener Weise Rechnung zu tragen.
Der Wächter war zunächst vollkommen überrumpelt von soviel Unverfrorenheit, besaß aber anschließend die Geistesgegenwart, nicht nur Hauptmann Llanddcairfyn und dem Kommandeur selbst Meldung zu machen, sondern auch zwei, drei Kameraden von dem ungeheuerlichen Auftreten des Rechtsverdrehers zu erzählen. Von da an verbreitete sich die Nachricht mit exponentieller Geschwindigkeit, - schließlich war man in Ankh-Morpork. Binnen zehn Minuten gab es niemanden mehr in der Wache, der nicht von der bevorstehenden Vernehmung wusste. Als sich schließlich die Tür von Kommandeur Ohnedursts Büro öffnete, war kaum ein Wächter im Dienst, der nicht versucht hätte, einen verstohlenen Blick auf die kleine Gruppe zu werfen, die mit grimmigen Mienen aus dem Raum trat.
Entschlossenen Schrittes marschierte Rascaal Ohnedurst voran zu den Vernehmungsräumen. Ihm folgten Hauptmann Daemon Llanddcairfyn, Abteilungsleiter von RUM, und Tussnelda von Grantick, eine der RUM-Püschologinnen.
***"Oh... ich wünsche einen Guten Tag, Herr Ohnedurst", begrüßte Herr Schnittgut den Kommandeur, als der den kleinen Vernehmungsraum betrat. Der Anwalt erhob sich von seinem Stuhl und strich dezent seine Gildentracht glatt. Er war mit seinem Klienten bereits vor einigen Minuten in dieses Zimmer gebracht worden.
Sir Klerington saß neben seinem Rechtsbeistand, machte aber keinerlei Anstalten, die Gegenwart des Kommandeurs auch nur im entferntesten zur Kenntnis zu nehmen.
"Ich freue mich, dass sie es so schnell einrichten konnten, schließlich erscheint mir eine zügige Verhandlung doch sehr wünschenswert...", fuhr Schnittgut fort, wurde aber durch den Blick des Vampirs zum Schweigen gebracht.
"Für mich ist es keine Freude, Herr Schneidgut..."
"Schnittgut...", korrigierte der Anwalt automatisch.
"... und es gilt hier auch nichts einzurichten oder zügig zu verhandeln. In der vergangenen Nacht kam es zu einem Mord und, - auch wenn es schwer fällt, das zu glauben -, wohl auch zu Schlimmeren." Mit den letzten Worten sprach Ohnedurst direkt den Verdächtigen an und für einen Moment trafen sich die Blicke der zwei Männer. Beide musterten sich mit unverhülltem Hass.
Nur durch das sofortige Eingreifen von Herrn Schnittgut blieb das Ergebnis des subtilen Kräftemessens offen, denn der Anwalt schob sich elegant zwischen die Kontrahenten und richtete das Wort erneut an den Kommandeur. "Ah ja. Ich sehe, Herr Ohnedurst, sie möchten sofort zum Thema kommen. Ich weiß das sehr zu schätzen, - ja wirklich. Und seien sie bitte versichert, niemand bedauert die schrecklichen Vorfälle der vergangenen Nacht mehr als mein Mandant, - ja tatsächlich. Aber Herr Ohnedurst, wenn sie so freundlich wären, - welche Vorwürfe erhebt man bitte gegen Sir Klerington?" Fragend und ein wenig arrogant haftete der Blick von Schnittgut an der Nasenspitze des Untoten.
Nach der etwas stürmischen Eröffnung musste sich Rascaal ermahnen, die Ruhe zu bewahren. Dieser elende Rechtsverdreher wollte ihn in Rage bringen und beinahe wäre es ihm auch gelungen. Jedes Wort, jede Geste von ihm zielte darauf ab, den Kommandeur zu einer unüberlegten Handlung zu treiben. Selbst jetzt baute er sich nur Zentimeter von Rascaal entfernt auf, den Kopf emporgereckt und den Hals entblößt. Deutlich trat seine Halsschlagader hervor und stellte eine Provokation ganz eigener Art für den Vampir dar.
"Wir sollten uns zunächst setzen, da wir wohl ein wenig länger brauchen werden", äußerte Ohnedurst kühl. Seine Aufforderung klang deutlich nach einem Befehl und Schnittgut beeilte sich, ihr mit einer angedeuteten Verbeugung nachzukommen.
"Selbstverständlich, Herr Ohnedurst. Obgleich ich ihre Meinung über den zeitlichen Aufwand momentan nicht zu teilen vermag, - ja -, wollen wir uns doch diese Form der Höflichkeit nicht vorenthalten, nicht wahr?"
Umständlich ließ sich Schnittgut wieder auf seinem Stuhl nieder. Er verhält sich wie ein Stutzer, schoss es Rascaal durch den Kopf. Aber nicht etwa, weil er wirklich ein affektierter Narr gewesen wäre, sondern weil er sein gestelztes Benehmen benutzen konnte, um von seinen wahren Zielen abzulenken.
"Nun Herr Ohnedurst, - ja", fuhr der Anwalt fort, "um auf meine Frage zurückzukommen: Was wirft man Sir Klerington vor?"
"Zum jetzigen Zeitpunkt sind die Ermittlungen natürlich noch nicht abgeschlossen", antwortete der Kommandeur mit ausdrucksloser Miene. "Aber die Klageschrift für die Gilden wird unter anderem die Entführung und Misshandlung von Schutzbefohlenen beinhalten, weitere Punkte werden derzeit geprüft. Am Schwersten wiegt allerdings der Mord an einem Kind. Er alleine rechtfertigt bereits..."
"Ja natürlich, Herr Ohndurst", unterbrach ihn Herr Schnittgut. "Allein, sie wissen um die Notwendigkeit begründender Beweise, die eine Festnahme vor Beginn der Verhandlung rechtfertigen?"
"Eine Verhandlung?" fragte der Kommandeur nach und zog eine Augenbraue in die Höhe. "Heißt das, dass Klerington seinen Fall dem Patrizier vortragen will, statt vor die Gilden zu treten?"
"Ganz offensichtlich stammt
Sir Klerington aus den besseren Schichten der Stadt. Sollte es daher, - und ich betone -,
sollte es zu einer Klage kommen, so kann natürlich nur der Patrizier selbst über den Fall richten."
Ohnedurst und Llanddcairfyn warfen sich einen kurzen Blick zu. Beide witterten, dass Schnittgut etwas im Schilde führte. Nur was?
"Sie sehen meine Herren", wandte sich der Anwalt an die Offiziere, "hier ist kein Gildenrecht gefragt. Daher sind für eine Festnahme zum jetzigen Zeitpunkt auch zwingend Beweise vorzulegen. Indizien reichen nicht aus. Nun frage ich sie: Welche Beweise können sie vorlegen?"
Hauptmann Llanddcairfyn gab der Gefreiten von Grantick ein Zeichen, woraufhin diese aufstand und das Zimmer verließ. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, ergriff der Abteilungsleiter von RUM das Wort. "In der zurückliegenden Nacht wurde im Hide Park ein Mord an einem kleinen Mädchen aus Sir Kleringtons Waisenheim verübt. Die Spuren am Tatort sind diesbezüglich frei von Zweifeln und lassen keinen anderen Schluss zu."
Schnittgut bestätigte dies mit einem Nicken. Sein Klient starrte hingegen teilnahmslos, beinahe gelangweilt an die Decke des Raums.
"Direkt neben der Leiche wurde die Tatwaffe gefunden. Es handelt sich dabei um einen drei Fuß langen Metallhammer besonderen Typs, der ausschließlich in Kleringtons Werkstatt verwendet wird. Somit besteht eine direkte Verbindung zwischen Klerington und..."
"Ah ja... ein Indiz", fiel ihm Schnittgut ins Wort. "Tatsächlich leider kein Beweis. Eine Verbindung zwischen dem Täter und den
'Klerington Metallveredelungswerken - gegründet im Jahr der bestechlichen Wanderratte' liegt nahe, beweist aber nicht, dass mein Mandant in irgendeiner Weise involviert ist, - ja wirklich. Gibt es Fingerabdrücke?"
"Nein, aufgrund des Schnees in dem das Werkzeug gefunden..."
"Tja dann", in scheinbarem Bedauern zuckte der Anwalt mit den Schultern.
Einen Moment kam Llanddcairfyn ins Stocken und eine Ader an seiner Schläfe schwoll gefährlich an. Nach einigen Sekunden hatte er sich jedoch wieder völlig im Griff und fuhr fort. "Weiterhin konnten in der vergangenen Nacht von mehreren Wächtern Spuren verfolgt werden, die vom Tatort direkt zum Haus des Täters führten. Dies beweist..."
"Zum Anwesen des geschätzten Sir Klerington?" unterbrach Schnittgut den Hauptmann erneut.
"Ja!"
"Dann muss ich darum bitten, die korrekte Terminologie zu verwenden. Sir Klerington ist keines Verbrechens überführt worden, daher handelt es sich nicht um das Haus des
Täters." Der Anwalt schenkte Llanddcairfyn ein nachsichtiges Lächeln, als ob er noch ein letztes Mal über die unprofessionelle Ausdrucksweise des Wächters hinwegsehen wollte. "Weiterhin muss ich an dieser Stelle fragen, ob es Ikonographien oder Gipsabdrücke der Spuren gibt, - ob also verwertbare Beweise vorliegen." Oberflächlich interessiert blickte Schnittgut zwischen Llanddcairfyn und Ohnedurst hin und her.
"Es waren... Spuren im Schnee", antwortete der Kommandeur nach einer Weile. "Die Zeit reichte nicht aus, sie zu sichern. Es schneite in der gesamten Nacht!"
"Ja natürlich. Somit also leider kein Beweis. Eine Person bewegte sich nachweislich vom Park zum Anwesen Sir Kleringtons, - ja wirklich. Ein Indiz, das aber nicht direkt mit meinem Mandanten in Verbindung gebracht werden kann. Ich bedaure", mit gespielter Enttäuschung schüttelte Schnittgut den Kopf. "Bitte Herr Ohnedurst, sie haben meinen Mandanten doch nicht etwa zu nachtschlafender Zeit aus seinem eigenen Anwesen entführt, auf Grundlage solch unzureichender Indizien?"
Klerington begann sich an der Vorstellung seines Rechtsvertreters offensichtlich zu erfreuen, rekelte sich auf seinem Stuhl und gab sich einem überheblichen Grinsen hin. Llanddcairfyn holte deutlich hörbar tief Luft, aber bevor er etwas Falsches tun konnte, gab ihm der Kommandeur ein unauffälliges Zeichen, die Ruhe zu bewahren.
Betont langsam stand Ohnedurst auf und wandte sich mit gefährlich leisem Ton an die beiden Männer vor ihm. "Ich hatte gehofft, auf diesen Schritt verzichten zu können, Klerington. Aber offensichtlich zwingt mich ihr Anwalt dazu." Und alleine dafür hast du verdient, in der Hölle zu schmoren, fügte er in Gedanken hinzu.
Schweren Herzens öffnete er die Tür des Vernehmungszimmers und warf einen Blick nach draußen. Vor der Tür stand Tussnelda und wartete auf sein Zeichen. Sie hatte inzwischen wie vereinbart Dippwin Bendolch und die kleine Sara geholt. Das Mädchen schmiegte sich Schutz suchend an seine Seite, während der junge Wächter beruhigend ihre Hand hielt. Beide wirkten angespannt und blickten dem Kommandeur aus nervösen Augen entgegen.
Nur zögerlich kamen sie auf sein Nicken hin in den Raum, denn sie wussten, auf wen sie dort treffen würden. Ängstlich sah sich Sara im Zimmer um und in der Sekunde in der sie ihren Peiniger erblickte, klammerte sie sich mit beiden Händen an Dippwin fest. Beschützend drückte er das Mädchen an sich. Doch auch er spürte das Grauen wieder, als er in die kalten Augen des Mörders blickte.
Tussnelda kniete sich vor Sara nieder und sah sie zärtlich an. So vorsichtig wie möglich versuchte sie das Kind zu erreichen, dass gelähmt vor Furcht und mit aufgerissenen Augen Klerington anstarrte. "Sara - mein Kleines, du kannst sofort wieder mit Dippwin gehen. Es dauert nicht lange, hörst du?"
Das Mädchen schien die Püschologin zunächst gar nicht wahrzunehmen, nickte dann aber unmerklich. Ihre Lippen zitterten leicht und ihr Gesicht hatte alle Farbe verloren.
"Sara, kannst du mir sagen, ob das der Mann ist, der dich und deine Schwester gestern Abend aus dem Heim geholt hat?" fragte Tussnelda mit leiser Stimme. "Der, der euch in den Park mitgenommen hat?"
Wieder nickte das Mädchen. Ihr Blick wurde glasig und ohne dass ein Ton von ihr zu hören gewesen wäre, lief eine einsame Träne über ihre Wange.
Dippwin hatte das Gefühl nicht mehr atmen zu können, so deutlich spürte er ihren Schmerz, all ihre Qualen. Deutlich sah er noch einmal die schrecklichen Bilder der vergangenen Nacht und sein Herz wollte bersten, als er für einen Moment das ganze Leid Saras empfand.
Er hatte ihre tote Schwester in seinen Armen gehalten und später auch sie selbst. In gewisser Weise hatte er in dieser Nacht durch Sara ebenso viel Trost erfahren, wie sie durch ihn. Er versuchte es nicht zu verstehen, aber er wusste, dass für Sara, - genau wie für ihn -, nie wieder alles so sein würde wie zuvor.
Schließlich riss ihn die Stimme des Anwalts aus seinen Gedanken. "Ja tatsächlich. Nun, Fräulein...", wandte sich Schnittgut fragend an die Püschologin.
"Von Grantick... Gefreite von Grantick", antwortete Tussnelda trocken.
"Natürlich, Fräulein von Grantick. Nun, wenn sie bitte erklären würden, wer dieses Kind ist?"
Schockiert öffnete Tussnelda ihren Mund, brachte jedoch ob dieser unverschämten Frage keinen Ton heraus. Sofort eilte ihr Llanddcairfyn helfend zur Seite und fauchte den Anwalt an. "Das, Herr Schnittgut, ist Sara! Ein Mädchen, das bis gestern in dem Heim des sauberen Sir Klerington gelebt hat. Sie hat mit angesehen, wie ihr sogenannter Mandant ihre eigene Schwester umgebracht hat. Sie ist Opfer und Zeugin zugleich! Reicht ihnen das für eine Festnahme aus, Schnittgut?" Der Hauptmann war wutentbrannt von seinem Stuhl aufgesprungen, während Sara zitternd ihr Gesicht in Dippwins Uniform vergrub und sich die Ohren zuhielt.
Der angesprochene Anwalt zeigte sich indessen nicht im Geringsten beeindruckt durch den plötzlichen Wutausbruch des Offiziers. In aller Ruhe öffnete er seine Aktentasche und kramte einige Papiere daraus hervor. Scheinbar nebenbei führte er die Unterhaltung fort. "Ah, ja. Selbstverständlich... Sara. Ich habe hier einige Unterlagen diesbezüglich. Ist es richtig, dass es sich dabei um Sara Tischbein handelt? Zwölf Jahre alt, verwaist, wohnhaft im
'Frühlingsluft - Pflegeheim für Waisen und Arme'?" Er sprach von dem Kind wie von einer Sache und würdigte Sara keines Blickes.
"Ja", antworteten die Püschologin und ihr Chef fast gleichzeitig.
"Nun, unter diesen Umstanden muss ich darauf hinweisen, - ja wirklich -, dass besagte Sara Tischbein aufgrund ihres Alters nicht rechtsfähig ist und daher als Zeugin nicht zugelassen werden kann."
Rascaal Ohnedurst kämpfte mühsam um seine Beherrschung. "Es kommt immer wieder vor, dass Kinder bei Verhandlungen aussagen, Schnittgut. Das wissen sie so gut wie ich! Was sollen diese Spielereien also?"
Ehe er antwortete, sah der Anwalt den Kommandeur einen Moment fast mitleidig an. "Herr Ohnedurst", setzte er in belehrendem Tonfall an, "ihnen ist sicherlich bekannt, dass eine Aussage nicht rechtsfähiger Personen, - respektive Kindern -, durch die Eltern in Bezug auf Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit verbürgt werden muss. Die von ihnen angeführte Zeugin", ohne sie anzusehen deutete Schnittgut mit ausgestrecktem Arm auf Sara, "verfügt aber über keine Eltern. Sie haben es eben selbst bestätig. Sie ist eine Waise. Die
'Gesetze der Stadt Ankh-Morpork in der Fassung von 1457' sind in diesem Fall eindeutig und lassen keine Ausnahmen zu."
Als er die letzten Sätze hörte, setzte Dippwins Herzschlag aus und die Zeit schien stehen zu bleiben. Die Worte waren ihm so vertraut, klangen beinahe wie aus seinem eigenen Mund. Auf diese Art und Weise dachte er selbst. Alles drehte sich um Gesetze und Vorschriften. Sie einzuhalten war absolut notwendig und sei es nur zu ihrem Selbstzweck. Ohne Regeln musste doch alles unweigerlich im Chaos versinken, oder nicht?
Aber es durfte doch auch nicht sein, dass man der kleinen Sara kein Gehör schenken wollte. Nur, weil sie keine Eltern hatte? Es erschien ihm nicht... gerecht? Zum ersten Mal in seinem Leben wirkte dieser abstrakte Begriff für ihn verständlich: Gerechtigkeit.
Konnte es sein, dass die Gesetze fehlbar waren? Dass sie keine Gerechtigkeit bewirkten?
Llanddcairfyns donnernde Stimme riss ihn aus seinen Überlegungen.
"Aber das kann doch nicht sein! Es muss doch eine Lösung geben?" brüllte der Hauptmann außer sich.
"Gut, dass sie es ansprechen, - ja wirklich", ganz Mann von Welt verbeugte sich Schnittgut in Richtung des Offiziers. "Tatsächlich gibt es eine Möglichkeit, die Rechtsfähigkeit der kleinen Sara wieder herzustellen. Ein Präzedenzfall aus königlicher Zeit, aber immer noch gültig, aus dem Jahre 1252 besagt: Eine unmündige, in ihrer Rechtsfähigkeit eingeschränkte Person kann vor Gericht durch denjenigen vertreten werden, der ihr Obdach, Kleidung und Essen gewährt."
"Aber das wäre ja in diesem Fall...", Tussnelda wagte nicht, ihren eigenen Satz zu beenden.
"Sir Klerington, sehr richtig, Fräulein von Grantick", half ihr der Anwalt weiter.
"Sie machen eine Farce aus dem Recht, Schnittgut", ergriff der Kommandeur das Wort. "Durch Leute wie sie laufen Verbrecher frei durch die Straßen. Können sie abends noch in den Spiegel sehen? Ertragen sie ihren eigenen Anblick?"
"Herr Ohnedurst, ich bitte sie. Wenn wir über Persönliches reden wollen, lassen sie uns doch einmal gemeinsam Essen gehen", antwortete Schnittgut trocken. "In der Zwischenzeit jedoch, möchte ich sie auf das Förmlichste dazu auffordern, meinen Mandanten aus der Haft zu entlassen. Er ist als Geschäftsführer der
'Klerington Metallveredelungswerken - gegründet im Jahr der bestechlichen Wanderratte' ein viel beschäftigter Mann und muss sich nebenbei noch um die Betreuung eines Waisenheims kümmern. Sie verstehen also, - wenn keine anderen Punkte mehr anliegen, würden wir es gerne vorziehen, jetzt zu gehen. Wir möchten sie nicht länger aufhalten, - ja wirklich."
Den Rest der Auseinandersetzung nahm Dippwin wie in Trance wahr. Die Bilder und Geräusche drangen nicht mehr zu ihm vor. Entsetzt über den Ausgang der vermeintlichen Vernehmung, kämpfte er darum seinen Glauben an bestehende Werte und Ordnung zu erhalten... oder wiederzuerlangen. Woran sollte er glauben?
Er bemerkte kaum, dass Herr Schnittgut sich an ihm vorbei drängte, um zur Tür zu gelangen. Die Worte von Tussnelda, die sich bemühte ihn und Sara aus dem Raum zu schieben, klangen dumpf und ihr Sinn erschloss sich ihm nicht.
Erst als er Kleringtons Gesicht sah, der sich vor ihm und Sara aufbaute, kehrte er langsam in die Realität zurück. Breit und höhnisch grinsend stand er vor Dippwin und blickte triumphierend auf das Mädchen herab, die sich noch immer an den Rekruten presste. Nur Sara und Dippwin konnten seine Worte hören, als er sich flüsternd zu ihr hinab beugte. "Siehst du mein Engel, wir werden doch noch spielen..."
***Es war wieder Nacht in Ankh-Mopork. Eine kalte und stille Winternacht. Sie unterschied sich kaum von anderen Nächten, war vielleicht etwas milder als die zuvor. Seit dem Abend schneite es nicht mehr, der Wind war abgeklungen und einzelne Sterne strahlten am Firmament. Eine friedliche Nacht. Sogar der Mond wagte sich hinter den Wolken hervor, stand über den Dächern der Stadt und badete Ankh-Morpork in silbernem Licht. Eine helle Nacht.
Für Dippwin war es die finsterste Nacht seines Lebens. Ein Schatten hatte sich über seine Seele gelegt. Tief in ihm herrschte eine Dunkelheit, die ihn zu verschlingen drohte.
Seine Bewegungen wirkten in der düsteren Halle fahrig und seltsam ungelenk, als er das letzte Fass aus dem Regal heraushob. So leise wie möglich rollte er es über die Dielen hinüber zu einem der größeren Bassins. Das leise Knirschen der Holzdauben auf dem Boden ließ ihn mehrfach nervös innehalten. Ängstlich sah er sich um, ob ihn auch niemand aus den Schatten heraus beobachtete.
Am vergangenen Abend war er zum ersten Mal seit dem Beginn seiner Grundausbildung unentschuldigt nicht zum Dienst erschienen. Aber wie hätte er jetzt auch arbeiten können? Man hatte Klerington einfach laufen lassen. Er hatte die Wache als freier Mann verlassen. Schnittgut war sogar soweit gegangen, eine offizielle Entschuldigung des Kommandeurs zu verlangen, um den geschädigten Ruf des Adeligen wiederherzustellen. Wieso ließ man so etwas geschehen?
Behutsam stellte er das Fass neben die anderen beiden, stets darauf achtend, nur keine unnötigen Geräusche zu verursachen. Mit zitternden Fingern hob er das Stemmeisen auf und hebelte vorsichtig den Deckel des ersten Fasses auf. Leises Splittern war zu hören, als das Holz endlich nachgab. Im Schein der kleinen Öllampe, die Dippwin über das Fass hielt, war das bleihaltige Salz zu sehen das er gesucht hatte.
Schnell befestigte er die Laterne an einem der vor ihm in Kopfhöhe hängenden Haken und begann das seltene Mineralsalz in die Wanne vor sich zu füllen. Es zischte, als die Kristalle in die Schwefelsäure im Bassin rieselten und ätzende Gase aufstiegen. Dennoch verflüchtigte sich ein Teil seiner Aufregung. Die Arbeit mit den gefährlichen Chemikalien war Dippwin aus der Zeit in der Alchimistengilde vertraut und hatte eine beruhigende Wirkung auf ihn.
Er benötigte mehrere Minuten und löste nach und nach den Inhalt aller drei Fässer in der Säure auf.
Immer wieder gingen ihm dabei die letzten Worte des Mörders durch den Kopf.
'... wir werden doch noch spielen...'Schweißperlen traten ihm auf die Stirn, obwohl es in der Halle so kalt war, dass Dippwin seinen eigenen Atem sehen konnte. Mit fahrigen Bewegungen kippte er die letzten Reste aus den Fässern in die Wanne.
'... mein Engel...'Er durfte es nicht zulassen. Niemals wieder durfte dieses Monster der kleinen Sara begegnen.
Nachdem er das letzte Fass abgestellt hatte, huschte er ohne die Lampe mitzunehmen durch die Dunkelheit. Er wusste wo er zu suchen hatte.
Am anderen Ende der Halle angekommen, tasteten seine Finger vorsichtig über die raue Bretterwand. Schließlich fand er die Haken an denen die Drahtrollen hingen. Eilig nahm er sich mehrere davon und hastete zu dem großen Bassin zurück. Die nötigen Klemmen waren an den verschiedenen Metallplatten, die in ihren Haken über dem Becken hingen, bereits angebracht. Mit klopfendem Herzen verband er abwechselnd Blei- und Zinkplatten in einem komplizierten System. Am Ende kontrollierte er alle Verbindungen im flackernden Licht der Lampe. Erst als er sich sicher war, dass er keinen Fehler gemacht hatte, schlich er zurück zum Hallentor.
Durch den leicht geöffneten Türspalt fiel silbernes Mondlicht in den Raum. Dort, wo der Lichtkegel den Hallenboden berührte, lag ein längliches, in Tuch eingeschlagenes Bündel, das Dippwin am Eingang abgelegt hatte, nachdem er in die Halle eingebrochen war. Leise kniete er sich davor nieder und schlug den Stoff zurück, in den nur ein einzelner Gegenstand eingewickelt war. Das sanfte Licht des Mondes fiel auf den blutigen Stahlhammer.
'Siehst du mein Engel, wir werden doch noch spielen...'Auf dem harten Boden kniend, starrte Dippwin minutenlang auf das Mordwerkzeug. Er durfte es nicht zulassen. Niemals wieder!
Als er ihn schließlich aufhob, fühlte sich der Hammer seltsam schwer und kalt an. Langsam ging er zur Mitte der Halle.
Es war ihm überraschend leicht gefallen, das Beweismittel aus der Asservatenkammer von SUSI zu erhalten. Dippwin hatte nach langem Zögern den Hauptgefreiten Charlie Holm aufgesucht, weil er diesen am Vormittag mit dem Hammer gesehen hatte. Mit einer frei erfundenen Geschichte wollte er dem Spurensicherer begründen, warum er das Beweismittel dringend brauchte. Aber Charlie wirkte, nachdem er Dippwin angehört hatte, sehr kurz angebunden und hatte ihn auf später vertröstet.
Dippwin hatte bereits überlegt, wer ihm sonst hätte weiterhelfen können, als Charlie etwa eine Stunde später unvermittelt bei ihm auftauchte und den Hammer an ihn übergab. Der Hauptgefreite schien davon auszugehen, dass der Rekrut einen offiziellen Auftrag hatte, das Beweismittel für Untersuchungen zu empfangen und stellte keinerlei Fragen. Von da an hatte es für Dippwin kein zurück mehr gegeben.
Seine Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück. Ihm war klar, dass er selbst jetzt noch hätte umkehren können. Alles was man ihm bis jetzt vorwerfen konnte, war der Einbruch. Aber seit er den blutbefleckten Hammer in Händen gehalten hatte, schienen alle Zweifel in ihm beseitigt. Er durfte es nicht zulassen!
Fast ehrfürchtig legte er den Stahlhammer in der Mitte der Werkstatt auf den Holzboden und stellte die Öllampe daneben. Die kleine, züngelnde Flamme reichte gerade aus, das blutige Mordwerkzeug in unheimliches Licht zu tauchen. Der Rest der Halle lag im Dunkeln.
Einige Sekunden hielt er inne und atmete tief durch. Dann beugte er sich zu der Waffe hinab und wickelte zwei dünne Metalldrähte um den Kopf und den Stiehl des Hammers. Die freien Enden der Kabel verbarg er in den Ritzen zwischen den Dielenbrettern. Selbst beim genaueren Hinsehen waren sie kaum noch zu erkennen.
Außerhalb des Lichtkegels verlegte er die Kabel hastig zu dem vorbereiteten Bassin. Dort verband er einen Draht mit der Hauptklemme der äußersten Bleiplatte. Den zweiten befestigte er an einer der Zinkplatten auf der gegenüberliegenden Seite der Wanne.
Anschließend verfolgte er das zweite Kabel zurück in Richtung des Hammers. In einer besonders dunklen Ecke der Halle durchtrennte er den Draht und fixierte die losen Enden an den Backen einer hölzernen Zange, die zuhauf in der Werkstatt zu finden waren. Erst beim Schließen der Zange würden sich die Drahtenden wieder berühren. Hier würde später sein Versteck sein.
Die Vorbereitungen waren fast abgeschlossen. Noch einmal überschlug er im Kopf die richtige Konzentration der Säure und die Salzmenge, überprüfte alle Drahtverbindungen und versteckte schließlich die leeren Fässer.
Bei dem Gedanken an das, was er zu tun beabsichtigte, wurde ihm abwechselnd heiß und kalt. Jetzt, unmittelbar bevor es geschehen würde, kam er plötzlich noch einmal ins Wanken. Hatte er den Mut, sein Vorhaben umzusetzen? Konnte er es tun?
Aber dann sah er wieder die Bilder der vergangenen Nacht und spürte all das Leid der kleinen Sara. Nein, er durfte nicht zulassen, dass es sich wiederholte!
Zitternd griff er nach der Kette des Flaschenzugs und begann die Metallplatten mit lautem Rattern in die Säure hinabzulassen. Sofort stiegen kleine Gasblasen auf, als Zink und Blei in die ätzende Flüssigkeit eintauchten und mit den gelösten Salzen reagierten. Kleine Lichtbogen entstanden an der Oberfläche der Säure und blitzten zwischen den Drähten auf. Ein leises Summen und Knistern ging von dem Bassin aus.
Einen Moment beobachtete Dippwin das Becken, dann beeilte er sich und lief in die Ecke mit der Tür zu Kleringtons Herrenhaus. Dort angekommen, ließ er sich auf den Boden fallen und tastete in der Dunkelheit über die Dielen. Hier musste es irgendwo sein. Hektisch fuhr er mit den Fingerspitzen die Fugen zwischen den Holzbohlen entlang, auf der Suche nach einem kleinen Widerstand. Schließlich spürte er den gesplitterten Schaft von Harrys abgebrochenem Pfeil. Er steckte noch immer in der Ritze und blockierte die Trittleiste.
Mit bloßen Fingern mühte er sich, die Pfeilspitze aus dem Holz zu hebeln. Wieder vergingen kostbare Minuten, ehe sich das Metall endlich ein wenig bewegen ließ. Doch schließlich gab der Pfeilstumpf nach und Dippwin konnte ihn aus der Diele herausziehen.
Mit seinem ganzen Gewicht stützte er sich auf die Trittleiste und löste den Alarm im Anwesen aus. Irgendwo hörte er ein leises Läuten und sofort stieg neue Nervosität in ihm auf. Es war soweit.
Schnell lief er zurück zu seinem improvisierten Versteck, kauerte sich in die Schatten und hob vorsichtig die Zange auf. Wenn er jetzt die Kontakte zusammenführte, würde die gesamte Energie des chemischen Prozesses über den Stahlhammer umgeleitet werden. Aufkeimende Panik ließ Dippwin am ganzen Körper zittern.
***Mit leisem Quietschen öffnete sich die Tür. Gedämpftes Licht drang aus dem Herrenhaus und tauchte die Halle in unheimliches Zwielicht. Gegen den hellen Hintergrund konnte Dippwin die Silhouette eines einzelnen Mannes ausmachen, der eine Klinge in der Hand hielt. War es Klerington?
Langsam trat die Gestalt in die Halle und blickte sich suchend um. Wer auch immer es war, - er zeigte keine Furcht. Mit den Bewegungen eines Jägers schlich der Schatten vorsichtig in die Werkstatt. Als er den Lichtkreis in der Mitte der Halle sah, hielt er kurz inne, ging aber nach einem Augenblick zielstrebig auf den Schein der Öllampe zu.
Dippwins Herz raste.
Gleich...Einige Meter von dem Hammer entfernt blieb der Mann plötzlich stehen. Dennoch reichte das sanfte Licht der kleinen Flamme aus, um die grenzenlose Überraschung in seinem Gesicht zu zeigen, als er die eigene Mordwaffe entdeckte. Es war Klerington.
Misstrauisch sah sich der Adelige in der Werkstatt um, doch sein Blick wurde fast magisch immer wieder von dem blutigen Werkzeug angezogen. Ungläubig blickte er auf das Mordinstrument herab. Schließlich machte er die letzten zögerlichen Schritte, bis er unmittelbar vor dem Hammer stand.
Minutenlang starrte er fassungslos auf die blutbefleckte Waffe, mit der er noch vor Tagesfrist gemordet hatte. Die Hand mit seinem Degen hing kraftlos herab. Witterte er die Falle? Oder war die Verwirrung darüber, wie der Hammer hierher kam, zu groß?
Dippwin hielt den Atem an. Würde er nach dem Werkzeug greifen?
Wieder schweifte Kleringtons Blick durch die Halle. Für Dippwin schien eine Ewigkeit zu vergehen, doch zuletzt bückte sich der Mörder endlich und fasste mit seiner freien Hand nach dem stählernen Hammer.
Fast gleichzeitig spürte Dippwin, wie sich sein ganzer Körper verkrampfte.
Wie in Zeitlupe richtete sich Klerington wieder auf. Den Stiehl des Hammers hielt er dicht unter dem Kopf und betrachtete nachdenklich das unerwartete Fundstück.
Jetzt...Im Schein der Öllampe sah Dippwin die beiden Drähte vom Hammer herabhängen. Er musste die Kontakte schließen, bevor Klerington etwas bemerkte. Aber sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Starr vor Entsetzen blickte er auf seine zitternden Hände hinab.
Unvermittelt verengten sich die Augen des Adeligen, als er den Schatten sah. Achtlos ließ er den Degen fallen und griff nach den Drähten.
Jetzt...Warum konnte er es nicht tun? Die Knöchel seiner Finger traten weiß hervor und Blut rauschte in seinen Ohren, während der winzige Spalt zwischen den zwei Kontakten zum Zentrum des ganzen Universums für ihn wurde. Er durfte es doch nicht zulassen!
Klerington hatte in der Zwischenzeit seine Hand um einen der verräterischen Drähte geschlossen. Verwirrung zeigte sich in seinem Gesicht. Prüfend zog er an dem Kabel und folgte dessen Verlauf. Langsam dämmerte Erkenntnis in seinen Augen. Als sich ihm schließlich die Verbindung zu dem großen Bassin offenbarte, verwandelte kalter Zorn seine Züge.
Jetzt...!Seine letzte Chance. Es waren doch nur wenige Zentimeter. Wieso schaffte er es nicht? Warum gehorchten ihm seine eigenen Hände nicht mehr? Tränen der Verzweiflung sammelten sich in seinen Augen.
Ein wütender Schrei hallte durch die Werkstatt, als Klerington mit einer ruckartigen Bewegung beide Drähte von dem Hammer abriss.
Vor Schreck sog Dippwin scharf die Luft ein. Die plötzlich nutzlose Zange entglitt seinen Fingern und landete mit leisem Klappern auf den Dielen.
Sofort ruckte der Kopf des Mörders zu ihm herum. Der Hammer wurde einmal mehr zur bedrohlichen Waffe, als sich beide Hände um den Griff legten und er zum Schlag ausholte. Mit schnellen Schritten näherte er sich der dunklen Ecke in der Dippwin kauerte.
In unsäglicher Enttäuschung über sein eigenes Unvermögen hockte Dippwin am Boden und blickte Klerington gleichgültig entgegen. Innerhalb von Sekunden war jegliche Entschlossenheit, die ihn bis zu diesem Moment angetrieben hatte, verflogen. Er hatte versagt. Beinahe teilnahmslos erkannte er, dass gleich alles vorbei sein würde. Der Gedanke erschreckte ihn nicht. Das Einzige was er noch fühlte, war ein tiefes Bedauern dafür, dass er der kleinen Sara nicht hatte helfen können.
Kleringtons Gestalt erhob sich schwer atmend und gefährlich vor ihm. In der Dunkelheit konnte Dippwin außer dem Funkeln in seinen Augen nichts von seinen Zügen erkennen.
"Wie viele?" fragte der Mörder mit emotionsloser Stimme.
Der Rekrut brauchte einen Moment, um sich auf die Worte Kleringtons zu konzentrieren. Schließlich schüttelte er irritiert den Kopf. "Alleine...", mehr konnte er nicht sagen.
Hart traf in der Stiefel des Adeligen in die Seite.
"Lüg' mich nicht an, Abschaum! Mit wie vielen anderen bist du hier?"
Dippwin nahm den Schmerz kaum wahr. "Ich... ich bin alleine. Es ist keiner außer mir hier."
Aus zusammengekniffenen Augen musterte Klerington den dunklen Schatten des Eindringlings. Konnte es sein, dass er die Wahrheit sagte? Langsam ließ er den Hammer sinken.
"Du bist einer der verdammten Wächter, nicht wahr? Was wolltest du in meinem Haus?"
"Ich...", wollte Dippwin antworten, konnte den Satz aber nicht beenden. Was wollte er eigentlich? All seine Gedanken kreisten um das schutzlose Mädchen. "Sara...", murmelte er leise vor sich hin.
"Was?" herrschte ihn Klerington an. "Das Gör? Geht es dir etwa nur um das dumme Balg?" Plötzlich lachte der Adelige laut auf. "Willst du sie beschützen? Geht es dir darum?"
Wieder verhöhnte er Dippwin mit seinem lauten, unbeherrschten Lachen. Belustigt umrundete er den wehrlosen Rekruten und begutachtete ihn wie ein Stück Vieh. Schließlich beugte er sich zu ihm herab und wurde schlagartig ernst. "Nichts und niemand wird sie mir wegnehmen! Hörst du? Niemand!"
Sein Speichel traf den Wächter im Gesicht. Aus der Nähe konnte Dippwin zum ersten Mal das hassverzerrte Gesicht erkennen. Aus den Augen schrie ihm der Wahnsinn des Adeligen
entgegen.
"Ich habe mir ihre Schwester geholt, - so wie all die anderen -, und ich werde mir deinen kleinen Engel holen, verlass dich darauf! Und du wirst nichts dagegen tun können!"
Selbstbewusst richtete sich Klerington wieder auf und trat einen Schritt zurück. "Für wen hältst du dich, dass du glaubst, du könntest mich aufhalten?" Kalt lächelnd hob er den Hammer an und warf einen kurzen, abschätzenden Blick auf den Kopf der Waffe. Dann holte er zu einem mächtigen Schlag aus. "Du wirst teuer dafür bezahlen, Wächter, allein in mein Anwesen eingedrungen zu sein!"
Lautlos fiel ein Schatten von der Decke und richtete sich hinter dem Mörder bedrohlich auf. "Ein Wächter ist niemals allein!" flüsterte eine eisige Stimme.
Panisch wollte sich der Adelige umdrehen, aber eine Hand hatte sich bereits um den Stiehl des Hammers gelegt und hielt die Waffe in eisernem Griff. Vergeblich bemühte sich Klerington, die Waffe aus der Umklammerung freizubekommen.
"Du bist verhaftet,
Sir Klerington! Zwei Zeugen haben dein Geständnis gehört und das reicht selbst für ein Verfahren vor dem Patrizier aus!" Die Stimme war bar jeder Emotion.
"Ohnedurst!" entfuhr es dem Mörder.
"Sehr richtig. Und nun, - gib auf!" erwiderte der Kommandeur, während beide um die Herrschaft über den Hammer rangen.
"Niemals!" schrie Klerington. Unerwartet ließ er von dem Mordwerkzeug ab und rammte dem Untoten einen Ellbogen in den Magen. Sofort danach wandte er sich ab und versuchte zu flüchten. Aber Rascaal hatte ihn bereits an der Schulter gepackt und trat ihm gleichzeitig in die Beine. Krachend fiel der Stahlhammer auf die Holzdielen, als beide Männer in einem Handgemenge zu Boden gingen.
Dippwin konnte in der Dunkelheit kaum erkennen, welcher der Kämpfer gerade die Oberhand hatte. Mühsam rappelte er sich auf, griff nach dem Hammer und stolperte so schnell es ging zu der Öllampe hinüber, die noch immer in der Mitte des Raumes stand.
Als er zurückkam, standen beide Kontrahenten bereits wieder und der Vampir trieb Klerington mit einer Serie von Schlägen vor sich her. Immer wieder landete er bei dem Adeligen harte Treffer, die aber kaum Wirkung zeigten. Schritt für Schritt wich sein Gegner nach hinten aus. Durch einen Großteil der Halle tobte der Kampf, bevor Klerington langsam die Kräfte verließen. Endlich kam er nach einem Hieb des Kommandeurs ins Straucheln und stürzte beinahe.
Keuchend blieb der Adelige stehen und hob abwehrend eine Hand. "Ich... ich gebe auf... Gnade!"
Abwartend blieb Rascaal vor seinem Gegner stehen und beobachtete ihn. Dippwin trat etwas näher an die beiden heran und beleuchtete die Szenerie mit der empor gehaltenen Lampe. Der Kommandeur wollte gerade ansetzen, um den Verhafteten über seine Rechte zu belehren, als sich Klerington plötzlich auf Dippwin stürzte. Offensichtlich war seine Erschöpfung nur gespielt, denn er griff geschickt nach dem Hammer, den der Rekrut gedankenverloren in der Hand hielt, und tauchte gleichzeitig unter einem weiteren Schlag des Kommandeurs weg. In einer geschmeidigen und fließenden Bewegung drehte er sich hinter Dippwin um und schwang dabei die schwere Waffe mit aller Macht nach dem Rekruten.
Rascaal Ohnedurst sprang genau in dem Moment, da nur noch wenige Zentimeter den Hammer von der Schläfe des schreckensstarren Wächters trennten. Sein Stoß schleuderte Dippwin zu Boden und der stählerne Kopf des Werkzeugs raste um Haaresbreite an dem Rekruten vorbei.
Der Angriff ging ins Leere. Klerington weiteten sich entsetzt, als er plötzlich das Gleichgewicht verlor. Die Kraft seines eigenen Schwungs riss ihn nach hinten. Erst als er stürzte, bemerkte er, dass er unmittelbar vor Dippwins großem Becken gestanden hatte. Unaufhaltsam fiel er den zuckenden Blitzen entgegen.
Sein Schrei hallte laut und lange in der dunklen Werkstatt nach.
***Der Kommandeur und Dippwin standen hinter der Halle im Schnee und blickten in die Nacht hinaus. Inzwischen waren Spezialisten von SUSI und RUM in der Werkstatt eingetroffen und verrichteten ihre Arbeit. Fragen und Spekulationen wurden hinter vorgehaltener Hand gemurmelt, denn Ohnedurst hatte bis jetzt keine Anstalten unternommen, zur Klärung der Situation beizutragen. Sie würden es früh genug erfahren.
Eine Weile standen sie schweigend nebeneinander und hingen ihren Gedanken nach.
"Woher haben sie es gewusst, Sir?" fragte der Rekrut schließlich leise.
Mit hochgezogener Augenbraue warf ihm der Kommandeur einen Blick von der Seite zu, bevor er wieder die Sterne betrachtete. "Bendolch", antwortete er schließlich in einem leicht tadelnden Tonfall, "glaubst du denn, Charlie würde dir einfach so Beweismittel aus seiner Asservatenkammer überlassen, ohne dass ich davon wüsste?"
Schmerzlich verzog Dippwin das Gesicht und nickte. Ja, er war ziemlich naiv gewesen.
"Aber... haben sie dann auch gewusst, dass ich..."
"Dass du nach weiteren Beweisen in dem Anwesen suchen wolltest?", unterbrach ihn Ohnedurst warnend.
"Nach weiteren..."
"Weiteren Beweisen! Ja, Bendolch. Natürlich wusste ich davon." Rascaals Stimme ließ keinen Zweifel an seinen Worten zu. "Und ich muss dich offiziell darüber belehren, dass wir gut ausgebildete Wächter für diese Art von Aufgaben haben und dass du als Rekrut nichts hier draußen zu suchen hast. Ist das klar, Wächter Bendolch?"
Dippwin sah seinen Kommandeur aus großen Augen an. War das etwa alles? Nur eine Belehrung und sonst nichts?
"Ja, Sir", antwortete er schließlich kleinlaut.
"Deine persönlichen Gefühle für die kleine Sara haben bei deiner Arbeit nichts zu suchen", sagte Rascaal einfühlsam. "Sie gefährden nur dein Leben und das deiner Kameraden. Du darfst die Fälle nicht so dicht an dich heranlassen, verstehst du?" Trotz der harten Worte klang der Kommandeur jetzt viel ruhiger und geduldiger.
Der junge Rekrut nickte, obwohl er nicht wusste, wie er die Anweisung des Kommandeurs jemals umsetzen sollte, - ob er überhaupt jemals als Wächter würde arbeiten können.
Noch einmal fühlte er seine eigene Hilflosigkeit, als Klerington nach dem Hammer griff.
"Ich konnte es einfach nicht tun...", flüsterte er der Nacht zu.
In diesem Moment riss ihn der Kommandeur grob zu sich herum, packte ihn an den Schultern und blickte ihm tief in die Augen.
"Halte diesen Gedanken gut fest, Bendolch", herrschte er den Rekruten an, "und wage es nicht, ihn jemals zu vergessen! Nur dieses kleine Zögern ist es, dass dich von Klerington unterscheidet! Hättest du nicht gezögert, wärst du keinen Deut besser als er oder irgendein beliebiger Mörder. Hättest du nicht gezögert, würden wir jetzt sicherlich nicht gemeinsam hier im Schnee stehen!" Schmerzhaft bohrten sich Ohnedursts Finger in Dippwins Arme und unterstrichen die Bedeutung die der Kommandeur diesen Worten beimaß.
Langsam löste sich Rascaal wieder von dem jungen Wächter. Er hatte lange gezweifelt, wie sich Bendolch entscheiden würde. Aus seinem Versteck unter dem Dach hatte er die gesamten, beinahe fanatischen Vorbereitungen des Rekruten beobachtet. Die Zielstrebigkeit und Entschlossenheit die der junge Mann dabei an den Tag gelegt hatte, beeindruckten und beängstigten Rascaal zu gleichen Teilen. Wie hätte er wohl gehandelt, wenn Bendolch seine mysteriöse Zange tatsächlich geschlossen hätte? Hätte er es als Kommandeur überhaupt so weit kommen lassen? Im Nachhinein musste er zugeben, dass er sehr lange gewartet hatte, ehe er eingeschritten war. Aber schließlich wollte er erst das Geständnis von Klerington hören. Oder war dies nur eine Ausrede, die er sich selbst vorgaukelte?
Ein seltsamer Gedanke wollte ihm nicht mehr aus dem Sinn gehen. Bendolch hatte großen Aufwand betrieben, um den blutigen Hammer als Köder verwenden zu können. Konnte es sein, dass er, Rascaal Ohnedurst - Kommandeur der Stadtwache, auf die gleiche Weise verfahren hatte? War es möglich, dass er mit ähnlichen Anstrengungen Dippwin Bendolch als Köder benutzt hatte? War ihm vorzuwerfen, dass er den jungen Rekruten bewusst in die Konfrontation mit Klerington hatte laufen lassen?
Eine Weile beobachteten sie stumm die Sterne und versuchten Abstand von den letzten Stunden zu gewinnen. Aber schließlich nickte der Kommandeur seinem Rekruten zu und gemeinsam gingen sie in Richtung Kröselstrasse.
Mit jedem Schritt fiel ein kleiner Teil der Last von Dippwin ab, fiel das Vergessen etwas leichter. Ein Stück des Weges konnte der Kommandeur ihn begleiten. Manchmal war dies notwendig.
[1] Siehe 'Eine Vorführung vorzuführen' von Dippwin Damo Felabro Bendolch.
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