Der Schlüssel zum Erfolg

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von Hauptgefreiter Pyronekdan (RUM)
Online seit 05. 02. 2005
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Pyronekdan versucht Thask die Krüpdografi beizubringen. Dabei sollte er sich aber nicht ablenken lassen.

Dafür vergebene Note: 9

Da Pyronekdan diesen Morgen, wie fast immer spät dran war, mußte wieder einmal in aller Eile frühstücken [1]. Wenn er sich verspätete, würden seine beiden Auszubildenden auf ihn warten müssen, womit er ihnen, wie Rina meinte, ein schlechtes Vorbild wäre. Was der Zauberer noch schlimmer fand, war, daß sie dann Gelegenheit hätten sich Fragen über ihren Job auszudenken, die er dann beantworten mußte. Zum Glück hatte er sich am Vorabend vom Bibliothekar ein Buch über die Tätigkeiten eines Kontakters geben lassen. Da er aber die obligatorische Banane vergessen hatte, bekam er jedoch nur ein Buches aus dem achaten Reich, welches von einem gewissen Lang-Fing-Fang geschrieben worden war.
"Habt ihr das Buch schon übersetzt?", fragte er seine beiden Teledämonen nach dem Frühstück.
"Wieso interessiert dich dieses Buch, wenn du noch nicht einmal unsere Bedienungsanleitung ließt?", erwiderte Woakie.
"Ich brauche es für die Wache", antwortete der Zauberer, und warf einen entsetzten Blick zur Uhr.
"Wir sind aber lange noch nicht fertig", erklärte Toakie.
"Warum nicht? Immerhin seit ihr doch zu zweit."
"Ja, aber weil wir beide immer das Gleiche denken, werden wir dadurch nicht schneller."
So verließ Pyronekdan ohne das Buch die Universität, und lief schnell zur Wache. Wie es sich herausstellte, verkürzte das jedoch nicht die Zeit, die er dafür brauchte, wie ein verärgerter Besitzer eines Obststandes und der Lenker eines Eselskarren bestätigen kann.

Als Pyronekdan schließlich in der Wache ankam, wartete die Abteilungsleiterin und Thask schon auf ihn.
"Guten Tag, Herr Zauberer", begrüßte sie ihn. "Gibt es keinen Zauberspruch, mit dem man pünktlich irgendwo ankommen kann?"
"Immerhin bin ich noch vor Alessia da", verteidigte sich dieser, und wischte sich die Überreste einer Melone von den Schuhen.
"Das ist auch nicht schwer, da sie aus persönlichen Gründen um Urlaub gebeten hat."
"Dann kann ich mich heute ja intensiv um Thask kümmern."
"Und um dieses Buch, das jeder Kontakter kennen sollte", meinte Rina und gab dem Hauptgefreiten das Buch 'Krüpdografi - Verschlüsseln und Entschlüsseln'. "Ihr könnte es unterwegs bei der Kontrolle der toten Briefkästen durchgehen, da am Sonntag ja nicht allzuviel auf den Straßen los ist."
"Gute Idee", bestätigte der Zauberer, und verließ mit seinem neuen Kollegen die Wache.

Es war ein schöner Tag, für die Verhältnisse von Ankh-Morpork. Die Sonne stand hoch am Himmel und konnte, dank eine leichten Windes, der von Mittelwärts blies, und den meisten Dunst und Gestank vertrieb, nicht nur von der Spitze des Kunstturms gesehen werden. Trotzdem war Pyronekdan, leicht deprimiert. Das lag wohl an der Ausstrahlung seines Begleiters, denn im Verhältnis zu ihm war er geradezu in Hochstimmung. Thask schlurfte mißmutig hinter dem Zauberer her, der aus Rinas Buch vorlas. Durch die Verknüpfung des Informantenkontakters und des Verbindungswächters zum Kontakter waren die Aufgaben recht vielfältig geworden. Jetzt gehörte nicht nur der Kontakt zu den Informanten, sondern auch der zu den verdeckten Ermittlern, und die Auswertung der Informationen zu den Aufgaben. Und dabei mußte er selbst noch einiges über den erweiterten Tätigkeitsbereich lernen. Obwohl das Ver- und Entschlüsseln eigentlich schon als Informantenkontakter zu seinen Aufgaben gehört hatte, mußte er in dem Gebiet noch viel nachholen.
"Hast du verstanden, was ich gerade über den Inkrementalcode gesagt habe?", fragte er seinen neuen Kollegen.
Ihm war inzwischen klar, daß er auf die Antwort ein wenig warten mußte.
"Jeder Buchstabe wird durch einen anderen ersetzt", antwortete der Zombie schließlich mit Grabestimme. "Aber wie soll man dann verstehen, was gemeint ist?"
"Jeder Buchstabe wird durch den im Alphabet nachfolgenden ersetzt", erklärte der Zauberer geduldig noch einmal. "Wenn der Empfänger dann das ganze umkehrt, kann er die Nachricht lesen."
Nach fünf Minuten kamen sie zu einer Mauer, aus der der Zauberer einen Stein löste.
"Das ist ein Toter Briefkasten", erklärte er dem Zombie. "Er dient dazu Nachrichten zu deponieren."
"Was passiert mit einem 'z'?", wollte dieser wissen, da er noch immer über das letzte Problem nachdachte.
Das war nicht ganz die Antwort, die der Zauberer erwartet hatte. Was hat ein 'z' mit einem toten Briefkasten zu tun?, fragte er sich.
"Aus einem 'z' wird ein 'a'", antwortete der Zauberer, nachdem ihm klar wurde, daß sein Kollege noch immer über den Inkrementalcode nachdachte.
Der Hauptgefreite versuchte sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, was ihm jedoch nicht ganz gelang, wie man an dem Versuch sehen konnte, das Buch anstelle des Steins wieder in die Mauer zu schieben. Erst nachdem er seinen Irrtum bemerkt hatte, und den Stein wieder einsetzten wollte, bemerkte er das Stück Papier in dem Loch. Auf ihm stand in großen Buchstaben 'JA'.
"Ich glaube, wir sollten jetzt einen Informanten besuchen, der in einem Nachrichtenturm arbeitet", teilte er dem Zombie daraufhin mit.
"Und was macht man mit den Satzzeichen und Wortzwischenräumen?"
"Die läßt man einfach weg", laß der Zauberer aus dem etwas schmutzig gewordenem Buch vor, nachdem er die entsprechende Stelle gefunden hatte. "So weiß ein Fremder nicht, wie lang die einzelnen Wörter sind."

Der Turm reichte weit über die Dächer der umliegenden Häuser hinaus, und die beiden Wächter mußten viele Stufen nach oben steigen.
"Zwischen zehn und halb elf hat er Frühstückspause, so daß er sich mit uns unterhalten kann", keuchte der etwas außer Atem geratene Zauberer, und klopfte von unten an die Falltür.
"Ja?", rief eine tiefe Stimme von oben.
"Ich bin es, Pyronekdan", erwiderte der Hauptgefreite. "Und ich habe meinen Kollegen Thask Verschoor dabei. Können wir raufkommen?"
"Ja", war die Antwort, und die Falltür wurde geöffnet.
"Das ist mein Freund Bitumen", stellte er den Troll vor. "Er arbeitet seit ein paar Wochen im Nachrichtenturm, was für uns recht nützlich sein kann. Allerdings kann er Fragen nur mit 'ja' und 'nein' beantworten, was Gespräche mit ihm etwas in die Länge ziehen kann."
"Ja."
"War er nicht auch ein Rekrut bei der Wache?", fragte Thask, der den Troll schon in der Kröselstraße gesehen hatte.
"Ja."
"Er hatte zu viele Probleme bei der Grundausbildung", erklärte der Zauberer. "Er konnte zum Beispiel das Zugtier des Eselskarren nur dazu bewegen loszufahren oder anzuhalten. Weil er es nicht schaffte abzubiegen, hat der Übungsplatz jetzt eine zusätzliche Einfahrt."
"Kommt er hier denn besser zurecht?"
"Da die Nachrichten mit nur zwei unterschiedlichen Zeichen übertragen werden, hat er hier seinen idealen Job gefunden."
Obwohl der Arbeitsplatz im Nachrichtenturm sehr kompliziert war, wurden die meisten Aufgaben nicht von Dämonen durchgeführt. Vor Bitumens Platz befanden sich zwei Hebel, die für ihn extra mit 'ja' und 'nein' beschriftet waren. Mit diesen übertrug der Troll die eingehenden Signale auf eine Walze. Die Walze war mit den Signalarmen auf der anden Seite des Turms verbunden, mit denen die Informationen zum nächsten Turm weitergeleitet wurden. Hatte dieser eine Nachricht nicht richtig verstanden, konnten die Abnehmer zurückgesetzt, und die Nachricht wiederholt werden. In den Pausen wurde die Walze angehalten, damit die Angestellten eine Stärkung zu sich nehmen konnten. Da Bitumen seine Mahlzeit noch nicht beendet hatte, warf der Zauberer einen Blick auf die Walze. Er kopierte die Punkte und Striche der letzten Nachricht auf einen Zettel, um sie später mit Hilfe des Buches zu entschlüsseln. Im Turm gab es zwar ein Gerät, um Nachrichten, die per Boten weitergeleitet werden sollten zu dekodieren, es per Hand zu machen wäre aber eine gute Übung für den Gefreiten.
Nachdem der Troll seinen Hunger gestillt hatte, ging er zu diesem Gerät, holte einen Zettel heraus, und gab ihm dem Zauberer.
"Ist das die Nachricht, die ich abholen sollte?", fragte der Hauptgefreite.
"Ja."
"Gibt es sonst noch etwas neues?"
"Nein."
"Vielen Dank, dann wollen wir dich nicht weiter stören", verabschiedete sich der Zauberer, da die Pause des Troll fast vorbei war.
"Hast du alles verstanden?", fragte er seinen Kollegen als sie den Turm herunterstiegen.
"Nein."
Pyronekdan drehte sich um, um sich zu vergewissern, daß es Thask war, der ihm geantwortet hatte.
"Bitumen hat das Papier in den toten Briefkasten gelegt, weil er eine Nachricht für uns hat. Das ist sicherer, als wenn er den Zettel mit der Nachricht selbst hineingelegt hätte."

Nachdem sie noch ein paar weitere tote Briefkästen kontrolliert hatten, gingen sie zurück zur Wache. Sie holten sich beim Kaffeedämonen etwas zu trinken, und setzten sich an einen Tisch im Pausenraum. Hier gab der Zauberer dem Gefreiten die abgeschriebene Nachricht zum entschlüsseln. Er öffnete das schon etwas mitgenommene Buch an der entsprechenden Stelle und versuchte, das Verfahren zu erklären.
Kaum zwei Stunden später hatte Thask die erste Zeile geschafft. Nun kümmerte sich Pyronekdan um die Nachricht des Trolls. Wie nicht anders zu erwarten, standen dort statt einer Reihe aus Punkten und Strichen eine scheinbar zufällige Folge der Wörter 'ja' und 'nein'. Dummer Weise ergab die Nachricht nach der Umformung in Buchstaben immer noch keinen Sinn: 'gewtiermadnebagatnomehcstuktsopredbuar' kam dabei heraus. Der Zauberer versuchte es mit dem Inkrementalcode, und ersetzte jeden Buchstaben durch den nächsten im Alphabet: 'hfxujfsnbeofcbhbuopnfidtuvlutpqsfecvbs' war aber keine wirkliche Verbesserung. Dann merkte er, daß er einen Fehler gemacht hatte. Wenn man beim Verschlüsseln den nächsten Buchstaben nimmt, muß man beim Entschlüsseln den vorherigen nehmen, dachte er sich, und machte sich an die Arbeit. Für das Ergebnis 'fdvshdqlzcmdazfzsmnldgbrstjsrnoqdcatzq' brauchte er einiges länger, und half ihm natürlich auch nicht weiter.
"raubderpostkutschemontagabendamreitweg murmelte Thask vor sich her, der mit seiner Aufgabe fertig war und dem Hauptgefreiten über die Schulter schaute.
"Was hast du gerade gesagt?", fragte dieser verwundert.
"Ich habe die Nachricht nur rückwärts gelesen", erklärte der Gefreite.
"Raub der Postkutsche Montag Mittag am Reitweg", laß der Zauberer dann selbst. "Wie bist du darauf gekommen?"
"Ich habe mich nur gelangweilt, weil ich mit dem Entschlüsseln fertig war."
"Dafür wird sich Rina bestimmt interessieren", meinte der Hauptgefreite.
"Woher wusste Bitumen eigentlich, daß die Nachricht für die Wache wichtig ist?", wollte Thask noch wissen.
"Keine Ahnung, es ist mir noch nicht gelungen, das aus ihm herauszubekommen. Diese Frage läßt sich schließlich nicht mit 'ja' oder 'nein' beantworten." [2]

"War die Sache mit dem Postkutschenraub ein Erfolg?", erkundigte sich der Zauberer am Dienstag bei seiner Chefin.
"Das kann man wohl sagen", meinte diese. Die Scheibe war ausverkauft.
"Welche Scheibe?"
"Das Theater. 'Raub der Postkutsche' heißt das neue Stück, das sie dort spielen."
"Aber ich habe gehört, daß wir gestern einen Räuber verhaftet haben", fragte der Hauptgefreite verwundert nach. "Stimmt das nicht?"
"Doch, und zwar aufgrund eines Hinweises, den ich auf einem Zettel im Pausenraum fand. Gleich neben diesem Buch über Krüpdografi, das ich in wesentlich besseren Zustand in Erinnerung hatte", erklärte Rina scharf. "Wenn ich ihn nicht zufällig gefunden hätte, wäre der Räuber wohl davongekommen."
Langsam dämmerte es dem Zauberer, daß es sich bei dem Zettel um die Übung von Thask handeln mußte.
"Kann es sein, daß der Zettel mit Thasks Handschrift geschrieben wurde?", fragte er vorsichtig nach.
"Ja, ich glaube er macht sich ganz gut als Kontakter. Nur solltest du ihm noch beibringen, wichtige Nachrichten auch weiterzuleiten."
[1] also in weit weniger als der üblichen zwei Stunden

[2] Nachrichten, die aus normalen Wörtern bestehen, enthalten immer wieder bestimmte Muster aus Punkten und Strichen. Das liegt daran, das bestimmte Buchstabenkombination, wie zum Beispiel 'sch', 'ent', oder 'ung', viel häufiger sind, als andere. Bei verschlüsselten Nachrichten sind diese Kombinationen sehr selten. Da Bitumens Gehirn binär arbeitet, fällt ihm so etwas auf.

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