Geld stinkt nicht

Bisher hat keiner bewertet.

von G Casanunda
Online seit 01. 10. 1999
PDF-Version

Es geht das Gerücht um, dass Gold im Ankh ist. In diesem Fall stimmt das Sprichwort "Geld stinkt nicht" auf gar keinen Fall.
Gehe dem ganzen nach bevor es zu Massenvergiftungen kommt.

Dafür vergebene Note: 12

Vögel sangen. Bäume blühten. Frühlingsdüfte lagen in Ankh-Morporks Luft. Leider wurden sie von den dominierenden Gerüchen der Stadt vollkommen vernichtet.
Während der Frühling in der Metropole Einzug hielt, bahnte sich eine Masse von Zwergen, Untoten, Menschen und Trollen einen Weg durch die Straßen - direkt auf den Ankh zu. Personen, die das ungewöhnliche Verhalten mitansahen, wunderten sich und schüttelten die Köpfe.
Zwei Straßen weiter...
Eine Strickleiter wurde enthusiastisch aus einem Fenster geworfen, und ein kleiner Kopf lugte aus eben diesem heraus. Aufmerksame Augen beobachteten die leere Straße sorgfältig, dann schwang sich die Person aus dem zweiten Stock und kletterte behende an der Leiter hinab. Unten angekommen nahm sie das Ende der Strickleiter in die Hände und zog an ihr. Sofort rollte sich das Utensil nach unten hin auf, während sich am Fenster ein zweiter Kopf zeigte.
"Casanunda?" rief eine junge Frau vorsichtig hinunter.
"Meine Liebste?" Der Zwerg lächelte charmant.
"Danke."
"Gern geschehen". Casanunda verbeugte sich tief. "Stets zu deinen Diensten, Gnädigste."
Das Fenster schloß sich wieder. Casanunda verstaute die Strickleiter in seinem Anzug und begann, ein fröhliches Liedchen zu pfeifen. Schon nach wenigen Sekunden wurde er eines Geräusches gewahr... es klang nach Stiefeln, vermutete er ganz richtig. Nach rennenden Stiefeln. Und nach Schreien. Schreie, die das Wort "Gold" verlauten ließen. Zwei Sekunden später bog eine rasende Horde um die Ecke und rannte direkt auf ihn zu.
Weitere zwei Sekunden später rannte die Horde direkt über ihn. "Gold", war das einzige, was er noch vernahm.
Casanunda mußte am eigenen Leib erfahren, wie es war, unter einen Mob zu geraten. Nachdem der Großteil der Leute vorübergerannt war, raffte sich der zertrampelte Zwerg auf und klopfte sich Staub von der Kleidung. Wie durch ein Wunder hatte er die Attacke auf sein Leben unverletzt überstanden.
"Gold!", rief jemand. Eine tiefe Stimme ganau hinter ihm!
Der Fuß eines riesigen Trolls drückte Casanunda erneut gegen das Pflaster. Mehrere Schritte lang wurde er mitgeschleift, dann brachte er es endlich fertig, ein paar Worte hervorzupressen.
"Werter Herr Troll?"
Der Troll wurde langsamer.
"Jemand sprechen mit mir?"
"Ja. Ich klebe an deiner Fußsohle."
"Wer du sein?"
"Würdest du bitte den Fuß heben? Dann könnte wir uns zivilisierter unterhalten."
Der Troll kratzte den etwas mitgenommenen Zwerg von seiner Fußsohle.
"Jetzt bin ich platt", brachte Casanunda hervor.
"Ich sein auf dich getreten aus Versehen", entschuldigte sich der Troll.
"Nicht nur du. Aber lassen wir das. Was mich interessiert..." Casanunda zog seine polizeiliche Dienstmarke hervor. "Warum schreit hier jeder "Gold" und rennt wie von Sinnen umher?"
"Äh..." Der Troll überlegte. "Das hier sein Ankh-Morpork."
Der Zwerg schenkte ihm einen scharfen Blick.
"Äh... und außerdem jemand haben gesagt, daß Gold sich verstecken in Ankh-Fluß."
"Wer hat das behauptet?" verlangte Casanunda zu erfahren.
"Ich nicht wissen. Ich nur nachgerannt sein allen anderen."
"Nun, danke für deine Information."
"Ich jetzt wieder laufen zu Ankh um zu bekommen noch ein wenig von dem Gold, wenn du erlauben?"
"Ja, geh nur." Mit schnellen Schritten entfernte sich der Troll in Richtung Ankh.
Interessant, ging es Casanunda durch den kleinen Kopf. Seine zwergische Herkunft hätte beim Wort Gold normalerweise alle Sicherungen in ihm durchschmoren lassen müssen, aber da er seine Vorlieben auf anderen Gebieten angesiedelt hatte, grübelte er kurz über die neue Erfahrung. Gold im Ankh. Wer fällt denn auf so etwas herein?
"Mein kleiner Lieblingszwerg?" erscholl es von etwas weiter oben. Das Fenster war erneut geöffnet worden, und Frau Kachelgut winkte ihm zu. "Du bist ja immer noch hier."
Casanunda grinste schief. "Es kam mir etwas dazwischen, Teuerste."
"Paß nur auf, daß mein Mann dich nicht hier sieht..."
"Was soll ich nicht sehen?"
"Oh verdammt", zischte die junge Frau erschreckt.
Ein Mann näherte sich Casanunda langsam. Er sah sehr, sehr wütend aus.
"Ich hatte schon so einen Verdacht", grollte er erbost. "Du kleiner Mistkäfer von einem Zwerg."
"Gender? Gender, bitte mach hier keine Szene, ja?" bat die erschrockene junge Ehefrau.
"Ich brauche nur ein paar Sekunden", schrie der zornige Ehemann und sprintete auf Casanunda zu.
Der Zwerg rannte bereits. Und zwar um sein Leben.
Vier Straßenecken weiter kam die Rettung in Sicht: Die Bahre. Casanunda sprang durch die Tür, rollte die Treppe hinunter und kam auf dem Boden der Bahre zum liegen. Er raffte sich auf, klopfte - heute schon zum wiederholten Male - den Staub von seien Kleidern und blickte sich um. Als er eine bekannte Gestalt sah, wandte er sich ihr zu. Es war Eisblut, die Vampirin. Und aus nicht näher erklärten Gründen war sie ebenfalls ein wenig unsauber. Jemand hatte sich auf sie übergeben.
Casanunda eilte zu einem Tisch, an dem ein Schwarzer Mann etwas undefinierbares zu sich nahm, und verbeugte sich höflich. "Darf ich?", fragte er, und noch mitten im Satz bediente er sich an den Servietten des Schwarzen Mannes und ging, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, zu Eisblut hinüber.
"Kann ich dir behilflich sein, Teuerste?" Casanunda hielt der verzweifelt nach einer Abwischgelegenheit Ausschau haltenden Vampirin die Tücher entgegen.
"Danke", erwiderte Eisblut, "dafür schulde ich dir etwas."
Bevor Casanunda etwas erwidern konnte, erklang von draußen eine männliche Stimme: "Wo ist dieser verdammte Zwerg nur? Wenn ich den erwische..."
"Wir werden das ein andermal besprechen", versprach Casanunda und verschwand durch die Hintertür.
Nun, jetzt war er wenigstens den boshaften Ehemann los. Also auf zum Ankh und sich um die Goldsuchenden gekümmert.
Als der Zwerg den Fluß erreichte, waren bereits haufenweise Männer und Frauen und andere Spezies damit beschäftigt, die Brühe aufzugraben oder aufzusägen. Ein kurzer Blick genügte, um einen etwas abseits stehenden Alchimisten ausfindig zu machen, der die Goldsucher mit einem leicht gequälten Ausdruck auf dem Gesicht beobachtete. Unauffällig schlich Casanunda auf ihn zu.
"Meine Güte..." murmelte der Alchimist ununterbrochen vor sich hin. Nachdem der Zwerg ein paar Minuten heimlich gelauscht hatte, unterbrach er die Litanei abrupt, indem er sich vor dem Mann aufbaute. Da die erwünschte Wirkung ausblieb, weil der Mann ihn gar nicht zur Kenntnis nahm, trat ihm Casanunda gegen das Knie. "Au!" Der gepeinigte blickte nach unten. "Was willst du denn?" Dann trat ein Ausdruck der Angst auf das Gesicht des Alchimisten. "Bist du wegen des Goldes hier?"
"Ah, da kommen wir der Sache näher. Du hast vollkommen Recht. Ich bin wegen des Goldes hier, und du solltest mir schleunigst sagen, was hier vorgeht."
Der Alchimist setzte sich kummervoll ans Ufer und schlug die Hände vor's Gesicht. "Es war doch nur eine fixe Idee..." murmelte er. "Ich hatte ja nicht gedacht, daß sie so ausartet."
Mitleid keimte in Casanunda. Er setzte sich neben den gebeugten Mann und versuchte, ihn etwas zu trösten. "Na, na, wer wird denn gleich... also, erzähl doch erst mal von Anfang an, ja?"
Der Alchimist blickte den Zwerg wehleidig an. "Nun, es ist eine Tatsache, daß es Gold im Meer gibt..."
"Natürlich", pflichtete Casanunda bei. "Versunkene Schiffe und so. Weiß jedes Kind."
"Nein, nein. Das Wasser enthält das Gold. Es befindet sich im Wasser. Ein Liter Salzwasser enthält eine winzige Menge Gold. Ein paar hundert Liter enthalten schon ein wenig mehr. Und ein paar Milliarden Liter, wie beim Runden Meer... enthalten eine Menge Gold."
Casanunda starrte den Alchimisten an. "Tatsächlich?"
"Ja. Aber natürlich gibt es keine Möglichkeit, das Gold aus dem Wasser herauszubekommen. Oder, das heißt, es gäbe eine, aber wir haben nicht die nötige Energiequelle dazu. Ich habe es mit einem Zitteraal getestet. Wenn er das Aquarium elektrisiert, und wenn ich alle elektrischen Impulse in einen Tropfen Meerwasser lenke... dann filtere ich damit das Gold heraus. Aber um ein ganzes Meer zu filtern... es wären immense Mengen von Zitteraalen nötig dafür. Es würde nie funktionieren."
"Das klingt logisch."
"Tja, aber leider habe ich wohl ein wenig zu laut gedacht. Und plötzlich kam irgend jemand auf die Idee, daß es im Ankh Gold geben könnte. Eine vollkommen verrückte Idee. Mal ganz davon abgesehen, daß der Ankh gar kein Salzwasser trägt, sondern... nun, es ist kein Salzwasser, soviel ist sicher."
"Aber dann brauchen wir den Leuten ja nur von dem Irrtum zu berichten", freute sich Casanunda.
"Hah. Wenn das so einfach wäre. Wie würden die denn alle darauf reagieren, wenn sie erfahren würden, daß ich die Ursache für das Gerücht bin - und daß es gar kein Gold gibt im Ankh?"
Casanunda mußte eingestehen, daß das stimmte. Er würde öffentlich aufgehängt werden, soviel war sicher. Kummervoll blickten die beiden zu den Goldgräbern hinüber, in die auf einmal hektische Betriebsamkeit geraten war.
"Es sieht so aus, als würden sie alle davoneilen", meinte der Alchimist hoffnungsvoll.
Der Zwerg nickte. Er hielt einen passierenden Goldgräber an und fragte ihn nach dem plötzlichen Stimmungswechsel.
"Da hat sich jemand einen Scherz erlaubt!", schrie er. "Anscheinend hat die Glasereigilde das Gerücht von Gold im Ankh in Umlauf gebracht, um Werbung für ihr ankhsicheres Glas zu machen. Na warte, wenn wir die in die Finger kriegen..." Der Passant schloß sich wieder der Gruppe an und grölte Parolen, die Auslieferung und Bestrafung der Mitglieder der Gläsereigilde betreffend."
Nachdem der Mob vorüber war, atmete der Alchimist erleichtert auf.
"Das war's dann also", sagte Casanunda grinsend. "Dein falsches Gerücht wurde anscheinend von einem noch falscheren ersetzt. Immerhin gibt es gar keine Gilde der Glaser in Ankh-Morpork, soviel ich weiß."
"Aber wer hat dann das andere Gerücht in Umlauf gebracht?"
"Wer weiß?" Casanunda wandte sich ab. "Es ist Frühling. Verrückte Ideen spuken überall herum und sorgen für ein heilloses Durcheinander. Ich wünsche dir noch einen schönen Tag." Sprach's, und ward nicht mehr gesehen (wenigstens bis zur nächsten Mission).



Für die Inhalte dieses Textes ist/sind alleine der/die Autor/en verantwortlich. Webmaster und Co-Webmaster behalten sich das Recht vor, inhaltlich fragwürdige Texte ersatzlos von der Homepage zu entfernen.

Feedback:

Die Stadtwache von Ankh-Morpork ist eine nicht-kommerzielle Fan-Aktivität. Technische Realisierung: Stadtwache.net 1999-2026 Impressum | Nutzungsbedingugnen | Datenschutzerklärung