Miniaturprobleme

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von Tod
Online seit 08. 08. 1999
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Eine Ameisenkönigin in der Töngesgasse versucht ihr Herrschaftsgebiet über Lady Sahnekuchens Lädchen auszudehnen.
Die Folgen für die Unsichtbare Universität sind unabsehbar.
Lady Sahnekuchen ist verzweifelt.

Dafür vergebene Note: 9

Hunderte von Füßen marschierten im Gleichschritt durch die düsteren und feuchten Gänge. Tödliche Feinde konnten hinter jeder Ecke lauern. Diese hätten mit Sicherheit ein oder zwei von ihnen getötet, aber gegen die Macht des Kollektivs wären sie letztendlich unterlegen gewesen. So marschierte die Truppe weiter ihrem primären Ziel entgegen. Reihe für Reihe, Bataillon für Bataillon. Nach langem und gefährlichem Marsch erreichten sie das Ende der Tunnel. Vorsichtig betraten sie die Außenwelt. Zwar stieg die Furcht in ihnen, da hier besonders starke und übermächtige Feinde lauerten, doch ihr einziges Lebensziel war es ihrer Königin zu gehorchen, ihr jeden Wunsch zu erfüllen und wenn es sein mußte auch für sie zu sterben. Sie hatten ihr Zielobjekt fast erreicht. So hoch wie drei Dutzend von ihnen, ragte es vor der Truppe in den Himmel. Es war weiß, rot und vor allem klebrig. Sie mußten es nur noch in ihr Reich zurück schaffen. Ohne auch nur an den Gedanken an eine Pause nach diesem langen Marsch einzulegen, begannen sie mit dem Abtransport.

Tod schlenderte durch die Töngesgasse. Ihm war recht fröhlich zu Mute, da er soeben zum Hauptmann befördert worden war. Heute Abend würde er der gesamten Wache eine Runde in der Trommel spendieren. Das war eine der vielen Traditionen der Stadtwache, die etwas mit dem Konsum von Alkohol zu tun hatten. Wie der Schnitter inzwischen herausgefunden hatte, waren die Traditionen, nach denen man anschließend auf dem Boden einer dreckigen Spelunke erwachte, die wichtigsten. Er versuchte sich gerade wieder daran zu erinnern, wie man richtig besoffen wurde, als er das Kreischen einer Frau vernahm. Dem instinktiven Wächterdrang, bei jedem Anzeichen von Arbeit spontan die Flucht zu ergreifen, entgegen kämpfend, schließlich war er nun Hauptmann und mußte ein Vorbild für die anderen sein, die inzwischen aber schon längst weg wären und auf den Schock einen Trinken würden, näherte er sich der Quelle des Geschreis. Er fand sie in einer beleibteren, aber vornehm scheinenden Frau, die panisch vor einer Bäckerei auf und ab lief.
"WAS IST PASSIERT? GIBT ES VERLETZTE?" Neuerdings mußten Wächter diese Frage stellen, da es zu häufig vorkam, dass man mit einem Zeugen einen Trinken gegangen war und plötzlich zu einem Mordfall zurückkehrt, weil der Verletzte inzwischen verblutet, beraubt und seiner Kleider entledigt war.
"Es ist einfach schrecklich! Hunderte in meinem Laden! Überall! Ekelhaft! Ahhhh..." Die Frau sackte zusammen. Tod wollte sie auffangen, als ihm ein interessantes Detail in ihrer Aussage auffiel: "Hunderte in meinem Laden!" hatte sie gesagt. Tod blickte zu der Bäckerei hinüber, vor der er stand. Sie wirkte von außen recht klein. Er sah keine Möglichkeit hunderte von Menschen hinein zu bekommen.
Plumps!
"Autsch!" Der erneute Aufschrei der Dame rief ihre Gegenwart in Tods Gedächtnis zurück. Sofort reichte er ihr die Hand, um ihr aufzuhelfen.
"Ein Gentleman hätte mich aufgefangen. Schließlich bin ich eine Lady. Lady Sahnekuchen." Sagte sie eingeschnappt.
"ENTSCHULDIGUNG! WAS IST NUN PASSIERT? WO SIND HUNDERTE? GIBT ES EINE INVASION?" Der Hauptmann wandte sich schnell wieder dem Fall zu.
"In meinem Laden. Hunderte von Ameisen. Sie klauen alles, was Zucker enthält." Erklärte Lady Sahnekuchen, woraufhin Tod einen Blick durch das Schaufenster riskierte. Gerade wanderte eine Erdbeertorte über den Fußboden.
"ICH WERDE MICH DARUM KÜMMERN. KEINE SORGE! BEI DER STADTWACHE IST IHR FALL IN GUTEN ÄH KNOCHEN." Nach diesen heroischen Worten betrat Tod die Bäckerei.
"Stadtwache? Das war ein Wächter? Nein! Stehenbleiben! Die fressen ja mehr als die Ameisen im ganzen Jahrhundert des Flughundes." Wäre Lady Sahnekuchen nicht noch von ihrem Schwächeanfall entkräftet gewesen, hätte sie sicher Hilfe zur Kontrolle der Hilfe geholt. So aber war Tod allein im Laden. Fast allein. Außer ihm waren da noch mehrere hundert Ameisen, die ihrem emsigen Treiben nachgingen. Der Schnitter blickte sich eine Weile um, bis er gefunden hatte, was er gesucht hatte. Die kleine Gestalt mit purpurroten Mantel, winziger Krone und kleinem goldenem Zepter stand auf einem Thron aus gefüllten Teilchen und kommandierte ihre Truppen. Tod beugte sich zu ihr hinunter.
"HALLO!" sagte er möglichst freundlich.
"Beep!" war die ebenso freundliche Antwort. In Ameisenkönigskreisen bekam man nicht sooft Gelegenheit zu einem Kaffeeklatsch.
"DANKE GUT! UND DIR?" Der Hauptmann begann das Gespräch mit etwas, was er später "kleines Sprechen" nennen würde. Viel kleiner als eine Ameise zum Gesprächspartner zu haben, war kaum noch möglich.
"Beep beep! Beep beep beep. Beep! Beep." Begann die Königin zu erzählen. Tod kommentierte dies mit gelegentlichen "Ach? Tatsächlich?", "Unglaublich!", "Deine Tochter?" und "Das ist aber schade." So ging das eine ganze Weile, die Familie einer Ameisenkönigin ist recht umfangreich. Inzwischen leerte sich die Bäckerei.

"Mit wem reden sie da?" fragte Lady Sahenekuchen entsetzt.
"DARF ICH VORSTELLEN: KÖNIGIN AMIDALE VON UND ZU MEISE DIE DREITAUSENDEINHUNDERTACHTE." Tod wies auf die Ameise.
"Na so was! Eine adlige wie ich." Brachte die Lady erstaunt hervor.
"SIE ENTSTAMMT EINEM SEHR ALTEM ADELSGESCHLECHT; DAS BEREITS SEIT MEHREREN JAHRTAUSENDEN HIER LEBT." erklärte Tod hilfsbereit.
"Entschuldigt Euer Majestät, dass ich unhöflich geschrien habe. Die Aufregung, wisst ihr?" Nun war Lady Sahnekuchen wirklich aufgeregt. Schüchtern hielt sie sich, die vor Verlegenheit roten Backen.
"Beep beep, beep beep beep! Beep. Beep beep beep, beep beep beep?" Antwortete die kleine Königin. Auch ihr schien der neue Gesprächspartner zuzusagen.
"Was hat sie gesagt?" fragte Lady Sahnekuchen verwirrt.
"JA!" übersetzte Tod.
"Ihr könnt natürlich so viele Torten nehmen wie Ihr wollt. Es ist mir eine Ehre. Das ist so aufregend, wenn ich das meinen Freundinnen erzähle. Die werden außer sich sein, vor Neid." Entzückt erzählte sie weiter.
"Beep!" schlug Amidale nach einer Weile vor.
"SIE MEINT, DASS SIE MIT EUCH GERNE EINE ABMACHUNG TREFFEN WÜRDE. SIE BLEIBT MIT IHREN UNTERTANEN AUS DEM BEREICH DER BÄCKEREI UND DAFÜR LADEN SIE SIE JEDEN SONTAG ZU KAFFEE UND KUCHEN EIN. DEN AMEISEN WÄRE EINE TORTE PRO WOCHE VOLLKOMMEN AUSREICHEND." Berichtete der Wächter.
"Oh das wäre ja phantastisch. Die Königin ist ja eine so reizende Gesprächspartnerin. Ich freue mich schon jetzt auf den nächsten Sonntag. Huch! Ich muß dringend kleine Möbel kaufen. Und Tassen und ..." Lady Sahnekuchen rannte zur Ladentür.
"Bedient euch ruhig! Nehmt soviel ihr wollt." Rief sie im Rauseilen. Tod blickte zur Königin hinunter und beantwortete die nicht gestellte Frage.
"NEIN. ICH VERSTEHE ES AUCH NICHT!" Dann fiel sein Blick plötzlich auf all das viele Gebäck. Sie sollten sich ruhig bedienen, hatte sie gesagt. Ein paar Kuchen würden doch gut zur Feier seiner Beförderung passen, überlegte er. Es waren im Moment siebenundzwanzig Wächter, dann brauchte er also...




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