Überwald sehen... und sterben?

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von Wächterin Remedios von Schwarzfell (GRUND)
Online seit 20. 01. 2012
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Für Rekruten (erste Mission):
Auf dem heutigen Ausbildungsplan steht: "Reiten - Das Wachepferd im Einsatz." Meine Güte, du bist in der Stadt. Musst du dich wirklich mit Reitunterricht herumschlagen?

Dafür vergebene Note: 12

(Durch die lange Work-in-Progress Phase, die diese Single hinter sich hat, entspricht die Ausbilderin nicht der aktuellen GRUND-Besetzung)


Im Vorhinein möchte ich den geehrten Leser darauf hinweisen, dass sich dieses Schriftstück zwar mit dem Wachepferd beschäftigt, die darin vorkommenden Pferde aber weder panisch davon stürmen und mittleres Chaos verursachen, noch beißen, schlagen oder sich urplötzlich in einen Artgenossen verlieben und den dringenden Drang sich zu begatten entwickeln. Ferner setzt sich auch kein Rekrut falsch herum auf sein Pferd und kein solches ist von Grund auf bösartig und trachtet den Wächtern nach dem Leben, oder zumindest nach den Fingern.

Um Poetizität zu gewährleisten schwappte das Morgenlicht wahrhaftig und tatsächlich zähflüssig wie Sirup über den Rand der Scheibenwelt und bahnte sich seinen Weg über Felder, schob sich langsam durch Täler, verweilte ein bisschen an den Gebirgen und erreichte schließlich Überwald. Dieses bergzerklüftete, tannengesäumte, größtenteils noch unerforschte, geheimnisvolle Land; um das sich Sagen und Mythen ranken, das unterirdisch fest in Zwergenhand liegt und auf dessen Oberfläche seit hunderten von Jahren hitzköpfige Werwölfe und arrogante Vampire um Macht, Besitz und Ehre kämpfen; dieses Land, das schon so manchem Forscher, der in einem der entlegenen, noch unentdeckten Winkel in der Gewissheit des bevorstehenden Todes erschöpft und völlig entkräftet im glitzernden Schnee zusammenbrach, doch noch eine sentimentale Träne ob seiner Schönheit und der wilden, rauen Natur ins Auge trieb – Überwald, O du mein Überwald!
Oder so ähnlich.

Gerhard Gallus war der beste Zwerghuhnzüchter in ganz Überwald. Seine Hähne hatten das bunteste Gefieder, seine Hennen legten die größten Eier und er versicherte jedem, dass kein Küken so schnell wuchs wie eines, das "Bei Gallus aus dem Ei geschlüpft" war. Seit zehn Jahren ging er als einziger Teilnehmer der von ihm ins Leben gerufenen Veranstaltung "Jährliche Vergleichigung von Zwerghühnern in Überwald" als strahlender Sieger hervor und hatte auch in diesem Jahr wieder zwei seiner schönsten Gockel ein Körungsschleifchen um den Hals hängen können. Wie Gerhard Gallus befand konnten sich die Bewohner von Duschen-Duschen glücklich schätzen ihre Eier [1] bei ihm kaufen zu können. Auch an diesem frostigen Morgen im Offel hatte der Präsident der Hühnervereinigung von Duschen-Duschen in der Küche seines Hauses bereits zwei Dutzend Eier dekorativ in kleinen Kistchen platziert, um sie seinen Stammkunden zu bringen und sie auf den Straßen feil zu bieten. Als er den letzten Schluck Kapputschino trank und sein Blick auf die Uhr fiel, wurde er stutzig. Erst jetzt fiel ihm auf, dass es viel zu ruhig war: für gewöhnlich gackerten die Hühner eifrig in ihren Verschlägen und die Hähne machten sich mit ihren Morgengrüßen daran die Bewohner des Ortes zu wecken.
Misstrauisch spähte er aus dem Fenster. Duschen-Duschen lag in vollkommener Stille, die Kamine waren erkaltet und auf den Straßen war niemand zu sehen, nicht einmal ein Hund oder eine Katze. Die Fensterläden jedes einzelnen Hauses waren fest verriegelt und wie Gerhard beinahe ungläubig erkannte, hatten seine Nachbarn sogar Bretter vor die Haustüre genagelt. Der frische Schnee war vollkommen unberührt; wie es schien hatte seit gestern Abend niemand mehr sein Heim verlassen.
"Was zum..."
Gerhard trat vor die Tür. Sofort fiel sein Blick auf den Hühnerstall und das angrenzende Gehege - oder zumindest das, was davon übrig geblieben war. Als ein lautes, mehrstimmiges, erschreckend nahes Geheul die Stille unterbrach wurde der Hühnerzüchter noch bleicher als der einst blütenweiße Schnee im Kükengehege.
Verdammt, Verdammt! Wie hatte er das nur vergessen können?! Gerhard Gallus machte auf dem Absatz kehrt und knallte die Türe hinter sich zu. Wenige Minuten später waren der Hauseingang verbarrikadiert und alle Fensterläden geschlossen.

Das kleine Schloss der Familie von Schwarzfell lag eng an den Wald geschmiegt auf einer kleinen Anhöhe, nur wenige Kilometer von Duschen-Duschen entfernt. Schon seit mehreren Stunden beherbergte das Anwesen nicht nur den engsten Familienkreis, sondern auch den Großteil des Clans, wie es bei jedem großen Ereignis Brauch war. Gut zwei Dutzend Schwarzfells [2]vertrieben sich im geräumigen Wohnzimmer die Zeit, bis sich der Stammhalter Wolfram von Schwarzfell wieder zu ihnen gesellte, um ihnen seine neugeborenen Töchter oder Söhne zu präsentieren.
"Das ist sooooo langweilig!" Ein kleines, pummeliges Mädchen mit langen schwarzen Haaren und hellbraunen Augen boxte mit entnervter Miene erst ein Kissen, dann einen Wolf der ihr zu Füßen lag und schlief, und schließlich ihre Mutter. "Kann die ihre Bälger nicht schneller werfen? Das hat bis jetzt noch nie so lange gedauert!"
"Sinistra Macademia, halt endlich deinen Mund!" Mit geübten Handgriffen schob eine füllige Frau mit dunkler Turmfrisur ihre Tochter von sich und drückte sie in die Kissen.
"... Gnihiihi.. Gelber Schnee…die werden sich wundern ihihi…."
"Sie hat Recht, Alinghi lässt sich wirklich Zeit…", tönte es vom anderen Ende des Raumes.
"Wahrscheinlich hat sie schon ein halbes Dutzend Welpen geboren und ist immer noch nicht fertig", lachte ein grauhaariger Mann, der breit in einem Ohrensessel saß und dessen Gesicht voll von Bart und Augenbrauen eingenommen war.
"Hirschkacke!"
Das vor Knurren kaum zu verstehende Wort kam nicht, wie ein Außenstehender vermutet hätte vom Geräusch einer Kreide, die auf der Tafel kratzt, sondern von der Clanältesten Demestra Euromia Impertinenzia von Schwarzfell, von der Familie mehr oder weniger liebevoll "Nonna Dementia" genannt. Die Greisin, die den größten Sessel in der Mitte des Raumes für sich beanspruchte, hatte trotz ihres beachtlich hohen Alters noch langes, pechschwarzes Haar, das nur von wenigen, silbrig-grauen Strähnen durchzogen war. Allein ihr gewaltiger, nahezu legendärer Oberkörper, der schon zahlreiche Werwölfe jeglichen Alters dazu bewegt hatte Stillleben mit dem Hauptmotiv Melonen zu zeichnen, ließ darauf schließen, dass es sich wirklich um ein weibliches Wesen handelte.
"Lächerlicher Bockmist! Keiner von euch Weichlingen hat in einem Durchgang mehr als vier Welpen produziert oder geworfen! … Und Alinghi…", sie machte eine Pause und wedelte verächtlich mit einer Hand Klaue. "Alinghi ist sicher nicht diejenige, die mit dieser jämmerlichen Entwicklung bricht. Ihr habt ja keine Ahnung! Ich habe zu meiner Zeit einmal dreizehn gesunde, kräftige Rüden hervorgebracht und da hat mein guter Ernestino mögeerinFriedenruhen schon die vier Schwächsten tot gebissen!" Sie lachte kurz und freudlos. "Eine Schande ist es, mein Vater würde sich im Grabe umdrehen, wenn er euch impotenten, gebärlahmen Haufen erleben müsste –"
"Und dazu ein Haufen roooote Beeren... rooooooooooot...!", unterbrach der verrückte Johann Nonna Dementia in ihrem Redeschwall, worauf die Gewieften unter den Schwarzfells sofort begannen, sich lautstark zu unterhalten, so dass die Clanälteste keine Möglichkeit hatte, ihre Schimpftirade fortzusetzen.
Als sich die schwere Eichentür zur Eingangshalle quietschend öffnete, brach der Clan in johlende, laute Jubelrufe aus und von einigen Seiten kamen erleichterte "Na endlich!" Rufe. Allerdings trat kein vor Freude strahlender und laut brüllender, stolzer Vater durch die Tür; es schien eher, als ob die Person draußen noch einige Momente benötigte, um sich zu sammeln und es nicht recht wagte, einzutreten. Nachdem der Jubel verklungen war herrschte noch einige Augenblicke lang peinliche Stille, dann betrat ein sehr, sehr müde wirkender Wolfram von Schwarzfell mit einem kleinen Bündel im Arm den Raum. Mittlerweile hatte sogar der verrückte Johann begriffen, dass irgendetwas nicht in Ordnung war und nahm besorgt das Ende des Vorhangs aus dem Mund.
Wolfram blickte in die Runde fragender und erstaunter Gesichter: "Alinghi geht es den Umständen entsprechend gut…"
"Was für Umstände?"
"…dann ist es auch noch so ein kleines Bündel..."
"..Ihihi…"
"Vermutlich bringt Alinghi den Rest der Welpen..."
Die Stimme des Schlossherrn übertönte nur mit Mühe das Getuschel, als er fortfuhr: "Alinghi hat mir eine Tochter geboren, ihr Name ist Remedios und… ", er sprach schnell weiter, um das erregte, aufbrausende Stimmengewirr zu unterdrücken, "…und sie ist etwas ganz Besonderes."
"Wie? Meint er das ernst?"
"Soll das lustig sein?"
"Eine Tochter? Wie peinlich.."
"Hat man schon nachgesehen ob das alles war? Vielleicht kommt noch was nach! Das war bei mir nämlich mal der Fall und- …."
"Ruhe!" Die schneidende Stimme Nonna Dementias brachte die gesamte Verwandtschaft abrupt zum Verstummen. "Zeig es mir, Wolfram", verlangte die Greisin, die sich aufgebracht aus dem Sessel erhoben hatte.
Mit einer Miene, als ob er noch nie in seinem ganzen Leben etwas ähnlich Schmerzhaftes gemacht hätte, wickelte Wolfram von Schwarzfell seine Tochter aus den Tüchern und hob sie hoch, so dass jeder sie sehen konnte.
Der Clan starrte sprachlos, fassungslos, mit offenen Mündern auf den makellosen, schneeweißen Fellknäuel, der sich leuchtend von den schwarz behaarten Händen des Vaters abhob, und als hätte sie gespürt, dass über zwanzig bernsteinfarbene Augenpaare auf sie gerichtet waren, schlug die kleine Remedios ihre Augen auf. In deren kristallklarer, azurblauer, faszinierender Tiefe spiegelte sich Nonna Dementia, die entsetzt einen Schritt zurückgewichen war, anklagend einen Arm hob und mit bebender Stimme das Schicksal Remedios’ besiegelte; die Worte aussprach, die sich jeder im Raum dachte und die die Welpe während ihrer ganzen Kindheit und Jugend verfolgen würden, sie brandmarkte und dem Spott und Hohn ihrer Verwandtschaft aussetzte: "Sie sieht aus wie ein gottverdammter Schlittenhund!"


Viele Jahre später in Ankh-Morpork, der Hauptstadt der Scheibenwelt



Mit-Flügeln-gefesselter-Feuerhuf-Uuuiiiiiiii [3]schlug wütend mit dem Kopf, schnaubte erregt und spielte unentwegt mit den Ohren, um die Geräusche in der Umgebung besser wahrnehmen zu können. Es war stockfinster, roch intensiv nach altem Holz und er konnte sich kaum bewegen. Mitten in der Nacht hatte sich plötzlich die Tür zu seiner geräumigen Box geöffnet, wo er ins Stroh gekuschelt von einer schicken Stute geträumt hatte. Noch ehe er drohend die Zähne blecken oder die Unbekannten dort, wo es besonders wehtat seine kleinen aber harten Hufe spüren lassen konnte, hatte man ihn schon auf einen Karren verfrachtet und in diesen Verschlag gebracht. Seitdem wieherte er seit Stunden ohne Unterlass, donnerte die Hinterhufe auf den Boden und warf sich mit geballter Ponykraft gegen die Wände – vergeblich. Nachdem es weiterhin vollkommen ruhig blieb, ließ der Hengst enttäuscht den Kopf sinken. Ihm war kalt, er vermisste seine weiche, warme Strohmatratze, seine Portion extra-leckeres Heu und es war dringend nötig, ihm Mähne und Schweif zu bürsten. Und so wie er eben die Wände bearbeitet hatte, wagte er es gar nicht auf seine Hufe hinunterzusehen – wenn die Unbekannten wenigstens sein pflegendes Lorbeeröl mitgenommen hätten! Er schickte ein letztes, trauriges und fragendes Wiehern in die Nacht, das ungehört verschall.

Der Morgen graute und ein paar Straßen weiter tönte aus einem großen Haus, welches die Welt wissen ließ, wie wohlhabend die Besitzer sein mussten, eine Geräuschkulisse, wie sie vor allem gern von Kindern produziert wird, die keine Rücksicht auf eventuell noch schlafende Familienmitglieder nehmen und die man vom ersten Stock bis hinauf unters Dach verfolgen konnte: Iiiiiiiiiiiiiiik... Knall. Stampf Stampf Stampf Stampf Stampf. Tapp Tapp Tapp Tapp. Stampf Stampf Stampf Stampf Stampf. Tapp Tapp. Tapp. Iiiiiiiiiik... Ein paar Worte gefolgt von einem schrillen Quietschen... Knall. Ein markerschütternder, unglaublich lange anhaltender Schrei in den höchsten Tönen, der jedem Lebewesen in der näheren Umgebung einen Tinitus bescherte. [4]



Etwa zur gleichen Zeit in der Kröselstraße



...aber nicht wie angenommen, weil Herr Kleingut – 34, Schweinefußweg 43 – die Folgen seines unlizenzierten Diebstahls in Form einer Begegnung mit energischen Vertretern der Diebesgilde fürchtete, sondern weil Frau Wagsjanicht – 64, Topflappenstraße 3 – bis zum Eintreffen der Wache auf den vorher Genannten mit Handtasche, Regenschirm und spitzem Absatz einprügelte und ihm noch Schlimmeres für seine nähere Zukunft prophezeite. Herr Kleingut bleibt auf höchst verzweifelten Wunsch noch drei weitere Tage in Schutzhaft und bezahlt dafür bereitwillig 1 AM Dollar pro Tag zzgl. Mahlzeiten.
Jalosch Eisenkauer legte den Stift beiseite, betrachtete mit zusammengekniffenen Augen seinen Bericht und überlegte kurz. Doch, er hatte alles Wichtige erwähnt. Zufrieden nahm er einen Schluck Kapputschino.
"Guten Morgen, Jalosch!"
Wie immer an gewissen Tagen im Monat hatte Remedios von Schwarzfell die Nacht nicht im Wachhaus verbracht und erschien mit ein bisschen Verspätung zum Tresendienst.
Der Zwerg schaute auf. "...Morgen Remedios. Kapputschino?"
"Gern!"
Die Werwölfin rutschte neben den Rekruten hinter den Tresen und nahm die heiße, dampfende Tasse entgegen. "War schon irgendwas Wichtiges heut’?"
Jalosch deutete nur auf seinen soeben beendeten Bericht und schüttelte den Kopf. Abgesehen von einigen Beschwerden und der Post hatten die Wächter normalerweise nichts entgegen zu nehmen.
"Heeey, du hast ja abgenommen!"
Grinsend begutachtete Remedios Jaloschs Uniform, die mittlerweile nur noch an der Stelle an der sich der Bauch am stärksten wölbte, von einer Sicherheitsnadel zusammengehalten wurde.
"Najaaa...", Jalosch errötete tatsächlich ein bisschen und zog den Bauch stolz noch ein bisschen weiter ein. "Du weißt schon... das Training und alles..."
"Ooh ja, das hat es allerdings in sich..."
Die Werwölfin nippte vorsichtig an ihrem Kapputschino. Sie war eigentlich schon immer sportlich gewesen, von Natur aus sehr ausdauernd, kräftig und mit einer guten Kondition ausgestattet, doch die Ausbildung machte auch ihr manchmal zu schaffen. Im Gegensatz zu den anderen Rekruten überstand sie den morgendlichen Dauerlauf und die gezielten Kräftigungsübungen gut, doch im Umgang mit Waffen war sie unerfahren und gerade nach einer intensiven Schwertkampfeinheit spürte sie aufgrund der ungewohnten Bewegungsabläufe am Abend Muskeln, von denen sie vorher nicht einmal gewusst hatte, dass sie existierten. Mit einem leisen, unbehaglichen Schaudern dachte die Rekrutin an den gestrigen Nachmittag zurück, den sie zusammen mit ihrer Ausbilderin und anderen Kollegen mit "speziellen Bedürfnissen“ auf dem Übungsplatz verbracht hatte. Nachdem Rogi ihren Zöglingen, die in der Übungsstunde am Tag davor besonders schlecht gewesen waren, noch mal in aller Ruhe die Tücken und Kniffe des Schwertkampfes erklärt und demonstriert hatte, klappte es bei den meisten schon ganz gut. [5]. Remedios war weder ungeschickt noch tollpatschig und die Bewegungen, die sie im Trockenen immer wieder übte waren verständlich, leuchteten ihr ein und klappten nach einiger Zeit auch ganz automatisch und sie begann, instinktiv zu reagieren und sich auf ihre Reflexe zu verlassen. Doch mit einem richtigen Schwert in der Hand war es... unangenehm, es fühlte sich ganz einfach falsch an. Sie wusste, dass es für ihre Ausbildung unerlässlich war, dass sie den richtigen Umgang mit dem Schwert erlernte und sie gab sich auch große Mühe, aber sie konnte auch nicht einfach so ihre Instinkte ausblenden, die ihr vermittelten, dass sie einem Mann genauso gut mit ihren bloßen Händen die Kehle zerfetzen konnte. Ihre Instinkte – sie waren ein großer Teil von ihr. Auf sie konnte sich die Werwölfin immer verlassen, sie leiteten sie, entschieden für sie und waren so zuverlässig wie der Salat in den Om'schen Gebeten und die obligatorischen Stricknadeln in der Tasche einer Näherin. Peinlicherweise hatten auch genau diese Instinkte die Werwölfin schon zweimal dazu veranlasst, ihr Schwert beim Angriff in buchstäblich letzter Sekunde wegzuwerfen und der Strohpuppe an die Kehle zu springen, was ihr nicht nur das verstohlene Grinsen ihrer Mitrekruten, sondern auch ein längeres Gespräch im Büro der Ausbilderin einbrachte. Der Umgang mit der Armbrust bereitete der von Schwarzfell weniger Probleme, immerhin musste sie ihr Gegenüber damit nicht aus nächster Nähe angreifen. Die Werwölfin wusste, dass sie ihre Einstellung ändern musste, aber noch versetzte es ihr tief im Inneren einen kleinen, demütigenden Stich. Rogi hatte ihr schon mehrfach zu verstehen gegeben, dass es in der Wache gewissen Regeln, Pflichten und Vorschriften gab, denen sie sich unterwerfen musste, wenn sie diesen Beruf ausüben wollte – auch wenn es sehr viel einfacher war, die Vorschriften hinter sich zu lassen, die Zähne zu fletschen und ein tiefes, von ganz unten kommendes, drohendes Knurren aus der Kehle zu lassen. Wenn nur jeder wüsste, wie einfach das war... Aber Remedios hatte sich dazu entschlossen, Wächterin der Stadtwache Ankh-Morporks zu werden und das würde sie auch durchziehen. Regelkonform und nach Vorschrift.
"Äh.. Remi?"
Jalosch Eisenkauer holte die Werwölfin aus ihren Gedanken.
"Ummm.." Remedios blinzelte und war wieder in der wirklichen Welt.
"Unsere nächste Einheit steht kurz bevor, Rogi hat es gerade angekündigt", er bedachte seine Kollegin mit einem kummervollen Blick. "Ich glaube, es wird dir gar nicht gefallen."
"Oh nein! Bitte sag mir, dass nicht schon wieder dieser dumme Schwertkampf ansteht!"
"Schwertkampf? Ich wünschte es wäre Schwertkampf!", bedeutungsschwanger senkte Jalosch die Stimme. "Es kommt viel, viel schlimmer!"


"Rekruten!", Rogi Feinstich übertönte mühelos das Geschnatter der Gruppe vor ihr. "Wie die meiften von euch ficher erkannt haben, handelt ef fich hier um fwei Pferde.“ Die Igorina hatte die Tiere, die zufrieden vor sich hindösten und sporadisch mit dem Schweif schlugen im Hof angebunden. "Daf Wachepferd ift fon feit Anbeginn der Wache im Einfatf und vielfeitig verwendbar. Fum Fiehen von Karren find Efel natürlich beffer geeignet, aber wenn fum Beifpiel ein Kommunikationfexperte eine dringliche Nachricht zuftellen muff und keine Klacker, Tauben oder Dämonen zur Verfügung stehen, ift daf Pferd eine fehr gute Wahl. Manche Wächter abfolvieren ihre Ftreife auch gerne hoch zu Roff..", Rogi verzog keine Miene, "eine alte Tradition, die den Bewohnern der Ftadt immer wieder Ehrfurcht einflöft." Sie räusperte sich und fuhr dann fort: "Heutfutage wird darauf jedoch verfichtet, nachdem den meiften Pferden die Fatten nicht befonders gut tun..." Die Ausbilderin hielt kurz inne und musterte die Rekruten vor ihr, die nicht besonders begeistert aussahen und ihrerseits misstrauisch die Pferde beäugten.
"Daf mag allef fön und gut klingen, aber man darf auch die Nachteile nicht vergeffen, die ein Wachepferd mit fich bringt", fuhr der Feldwebel fort und schritt vor ihren Schützlingen auf und ab. "Fon fo manch enge und verwinkelte Gaffe hat für Roff und Reiter kein gutef Ende genommen und in den meiften Fällen werden bei einer Verfolgung mit unglaublicher Gefwindigkeit Barrikaden und Hinderniffe aus dem Boden geftampft, die ein Weiterreiten unmöglich machen. Fudem sind unfere Exemplare hier durch daf Leben in Ankh-Morpork fwar aufergewöhnlich nervenftark und einigef gewohnt, aber Pferde bleiben nun einmal Fluchttiere, und wenn eine Trollarmee [6] auf euch fukommt... nun ja... Feht euch einmal um, könnt ihr euch denken, was daf fweite, weitauf gröfere Problem darftellt? Hm? Nein?.. Nun. Die Wache ift multikulturell und unfere Pferde find ef gewohnt, nur Menfen auf dem Rücken zu tragen. Für Trolle, Wafferspeier und Gnome fällt daf Reiten fowiefo flach und auch die meiften Fwerge fühlen sich fo weit vom Boden entfernt nicht wohl. Fombies müffen viel fu oft umkehren, um verlorene Körperteile wieder auffusammeln, alf daff fich daf Reiten für fie lohnen würde."
"Der Feldwebel auch!" flüstere einer der Rekruten und grinste.
Rogi überhörte den Kommentar geflissentlich und räusperte sich. "Bleiben noch die Werwölfe und Vampire... Hier ift ef fehr unterfiedlich, manchen Pferden macht ef nichtf auf, fie zu tragen, manche laffen fie nicht einmal in die Nähe, wobei ef Vampire im Grunde einfacher haben. Ihr könnt euch die Pferde jetft erftmal genauer anfehen, dann erkläre ich euch allef."
"Hoooo…ooohh-ooh…."
Das Remedios zugewiesene Tier ließ sich zwar mit erstaunlich leichtem Schenkeldruck über den Hof und durch den von Rogi aufgebauten Slalom dirigieren, aber man spürte deutlich, dass ihm ein anderer Reiter lieber gewesen wäre. Im Gegensatz zu der braunen Stute, die mit Lasse Zain zufrieden ihre Runden schlurfte, versteifte sich Remedios' Wallach zusehends, schnaubte unwillig und schien die Werwölfin loswerden zu wollen. Auch Remedios fühlte sich sehr fehl am Platz und konnte sich des Bildes eines Wolfs, der sich nicht minder verschreckt auf einem ängstlichen Pferd festkrallte, nicht erwehren. Nach mehreren Runden, in denen ihr Pferd immer langsamer geworden war und sich immer weniger Richtung Slalom bewegen ließ, sah sich die Rekrutin hilfesuchend nach ihrer Ausbilderin um. Rogi seufzte zwar tief, tief auf, ließ sie dann aber doch absteigen.
"Da ef offenfichtlich talentiertere Reiter alf dich gibt ift es umfo wichtiger, daff du dich fumindeft vom Boden auf gut mit den Tieren aufkennft. Die Boxen follten mal wieder fo richtig fauber gemiftet, die Heuballen umgefichtet werden und ich glaube daf Fattelzeug hat auch fon länger keine Feife mehr gefehen…"
"Aber…-"
"Wegtreten, Rekrutin."
Remedios salutierte, warf noch einen letzten, sehnsüchtigen Blick auf die ersten Rekruten die die Reitstunde schon beendet hatten und sich gerade für den Abend auf ein Bier im Eimer verabredeten und machte sich seufzend daran, die Boxen zu säubern.
Als der letzte Rekrut sein Pferd gerade zufrieden zur Anbindestange führte, damit Remedios es abreiben und füttern konnte, beförderte sie erst die vierte Ladung nasses Stroh auf den Misthaufen – ihr würde ein langer Tag bevorstehen. Sie warf der Stute, die sie zwar misstrauisch beäugte, aber mit der Aussicht auf Futter gewähren ließ, eine Decke über, führte sie in eine der frisch gemachten Boxen und warf ihr eine Schippe Hafer in den Napf.
Sie warf der Stute, die sofort gierig zu fressen begann, einen nachdenklichen Blick zu. "Wieso tu ich mir das eigentlich an?!"


Vor nicht allzu langer Zeit in Überwald


Obwohl der Mond schon hell am Himmel stand und die nächtliche Landschaft unter ihm erleuchtete, waren die Wölfe kaum auszumachen. Sie drängten sich dicht aneinander, verschmolzen perfekt mit den Schatten der Tannen oder schmiegten sich in die Ausläufe einer Schneeverwehung. Nur hie und da dampfte ein warmer Körper in der Kälte oder glitzerte eine Schneeflocke verräterisch im Fell.
"Wie lange denn noch? Wie lange? Lange? Lange!?" Der schmächtige Rüde wechselte unruhig von einem Bein auf das andere und winselte aufgeregt.
"Ruhe!", schnappte ein älterer, zottiger Wolf, der unverkennbar der Anführer des Rudels war, und zwickte den Kleineren in den Rücken. Dieser quietsche erschrocken auf und zog sich ein paar Schritte in den Schutz der puscheligen Gestalt einer Wölfin zurück.
"Ich haaabs dir ja gesagt. Hab ich es dir nicht gesagt? Ich hab es dir gesagt! Aber du wolltest ja nicht hören. Ach Gott es tut mir ja so Leid Wolfram. Er ist ja noch so unerfahren. Es ist ja nicht so, dass es seine allererste Jagd wäre, er ist nur so schrecklich ungeduldig und übereifrig, schließlich ist er das erste Mal bei euch mit dabei und …"
Der ungnädige Blick des Leitwolfs ließ sie verstummen. Er wollte gerade zu einer scharfen Antwort ansetzen, als der alte Johann aufheulte: "Ich hab seine Spur! A-huuuuuuuuuuu! Mir nach!" Seine Altersschwerfälligkeit mit viel Elan wettmachend, setzte er sich in Bewegung.
"Da, hört ihr?! Er hat seine Spur!", winselte der schmächtige Wolf hoffnungsvoll und trat wieder einen Schritt nach vorne. "Wie...Wieso folgen wir ihm nicht?" Verdutzt sah er sich in der Runde um. Die Wölfe standen und saßen alle gelassen nebeneinander, gähnten verstohlen, oder klopften mit ihren Ruten lässig in den Schnee.
"Nun…"
Wolfram ließ seinen Satz unvollendet und sah stattdessen bedeutungsvoll dem alten Johann nach, zick-zack förmige Spuren im Schnee hinterließ, begeistert heulte und sehr zielstrebig gegen einen Baum lief.
"Oh…" Der kleine Wolf duckt sich ein wenig und zog sich wieder zurück.
Mit prüfenden Augen sah sich Wolfram nach dem Mond um. Er war ein äußerst fairer Spieler und gewährte jedem einen großzügigen Vorsprung. Je siegessicherer sie sich fühlten, desto lustiger wurde es für die Wölfe. Sie ließen dem armen Tropf, der sich auf ein Spiel einließ wirklich gerne Vorsprung. Dies war ihr Revier. Sie hatten genug Zeit. Sie verloren nie.
Ein dunkler Schemen löste sich aus den Reihen der Wölfe und trottete geschmeidig nach vorne. Er war zwar etwas kleiner als der Rudelführer, schien dafür aber um einiges kräftiger und muskulöser zu sein. Sein scharfes, weißes Gebiss blitzte auf.
"Es ist Zeit!"
Das war das Signal, auf das die Wölfe gewartet hatten. Wie ein einziges, riesiges Tier schnellt die Meute nach vorne. Ihr Geheul durchbrach die Stille der Nacht und hallte zwischen den Bäumen wieder. Wolfram sah den sich rasch entfernenden Schatten nach. Er und ein paar seiner Wölfe würden einen anderen Weg einschlagen, um ihrem Opfer von der anderen Seite entgegenzukommen.
Mit aufmerksamem Blick beobachtete er einen geduckten Schatten, der sich aus der Masse des Rudels löste und mit jedem einzigen, gewaltigen Satz mehrere Meter hinter sich und seine Artgenossen brachte. Die Gestalt seines ältesten Sohnes an der Spitze entfernte sich so schnell, dass er sie nach wenigen Augenblicken kaum mehr ausmachen konnte.


In Ankh-Morpork


"Hallo. Ich bin Rosa.", piepste es hinter ihr.
Remedios drehte sich überrascht um, sie hatte niemanden kommen hören. Vor ihr stand ein kleines Mädchen mit tränennassem Gesicht, das sich gerade herzhaft die Nase an einem ihrer blonden Zöpfe abwischte. Sie trug ein hübsches, weißes Kleidchen von der Sorte die jene Eltern kaufen, die noch die Hoffnung haben, ihre Umwelt so glauben machen zu lassen, dass es sich hier wirklich um ein süßes, höfliches Kind handelte, anstatt um eine verzogene Rotzgöre.
Remedios reagierte wie jeder, der nie mit Kindern zu tun hat und diese auch nicht sonderlich mag mit herausragender Wortgewandtheit: "Äääähh……."
"Bist du von der Wache?"
"Ähh.. "
"Kannst du vielleicht nicht sprechen?"
"Wie- wie bist du hier reingekommen?"
"Durch das Tor."
"Und niemand sonst hat dich gesehen? Hat dich keiner aufgehalten? Wo sind deine Eltern?"
"Zuhause. Bist du von der Wache?"
"Ja klar, aber was…?"
Rosas Augen füllten sich erneut mit Tränen. "Du musst mir unbedingt helfen", erklärte sie mit tränenerstickter Stimme und schnäuzte sich erneut herzhaft in ihr Kleid, "Mein bester Freund wurde entführt."
Remedios hob zaghaft die Hand und klopfte dem Mädchen leicht auf den Kopf, eine, wie sie fand, sehr tröstende Geste.
"Entführt sagst du? Ich fürchte ich bin da die falsche Ansprechperson, ich stehe noch ganz am Anfang meiner Ausbildung und-"
"Waaaaaaaaaaaaaaaaaaa-haaaaaa…", brüllte Rosa so laut los, dass die Rekrutin erschrocken zusammenzuckte.
"Ruhig. Ist ja schon gut. Äh.. jetzt wein doch nicht, wir finden deinen Freund schon wieder. Ich muss nur zuerst mit meiner Ausbilderin sprechen und dann –"
"Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren", schniefte die Kleine, "Wer weiß, welchen Grobianen er in die Hände gefallen ist! Ich hab mich immer so gut um ihn gekümmert…. Und jetzt.."
Sie zog herzhaft die Nase hoch, packte Remedios entschlossen an der Hand und schob die Wächterin mit aller Kraft, die ihr kleiner Köper hergab, Richtung Ausgang.
"Er hätte schon vor sechs Stunden seine letzte Heuration kriegen sollen! Wenn wir ihn nicht bald finden verhungert er noch!"
"Heu?!" Remedios blieb stehen und sah das Mädchen verdutzt an, "Dein Freund isst Heu?"
"Natürlich!" Die Kleine schüttelte über so viel Dummheit fassungslos den Kopf, "Was dachtest du denn was Ponies fressen?"

Rosa hatte die junge Rekrutin zielsicher durch die Straßen und Gassen der Schatten geführt und schlug nun den Weg in eine etwas herrschaftlichere Gegend ein. Remedios hatte unterwegs beeindruckt festgestellt, dass eine gewisse Geschäftigkeit herrschte – sobald Rosa um eine Ecke bog schienen den verschiedenen, dunklen Gestalten, die an Ecken oder in Hauseingängen lungerten urplötzlich einzufallen, dass sie noch sehr viele wichtige Dinge zu erledigen hatten und darum auf der Stelle in die entgegen gesetzte Richtung verschwinden mussten . Die Werwölfin sog tief die Luft ein. Sie atmete zwar noch immer typisches, nicht genau definierbares [7] Ankh-Morpork Odeur ein, aber außerhalb der Schatten war ihr bedeutend leichter um die Nase. Sie musterte den blonden Schopf ihrer kleinen Begleiterin und ordnete ihre Gedanken.
Rogi würde sauer sein, so viel stand fest – allerdings war sich die Rekrutin nicht ganz sicher, was schlimmer war: Dass sie sich unerlaubterweise und ohne sich zu entschuldigen von der ihr aufgetragenen Arbeit entfernt hatte, oder dass sie das getan hatte um ein entführtes Pony zu retten. Sie würde einfach mit Rosas Eltern sprechen und dann würde sich alles in Wohlgefallen auflösen. Vermutlich war der Kleinen einfach nur langweilig und deshalb dachte sie sich Geschichten wie diese aus, um sich bei Laune zu halten. Ihr Handeln würde aber dennoch Konsequenzen haben, schließlich war Remedios ein Organ der Stadtwache und wenn sich herumspräche, dass Wächter auszogen um die Haustiere von Kindern zu retten…
"Wir sind da."
"Äh…", bewies Remedios erneut Schlagfertigkeit – ihre Nase hatten den Weg zwar registriert und gespeichert, aber Rosa hatte sie völlig aus den Gedanken gerissen.
"Hier wohne ich", erklärte Rosa hilfreich, stellte sich auf die Zehenspitzen und öffnete das Tor zum Garten, "Du musst die Spuren sichern und dann die Entführer finden."
"Gewiss, gewiss."
Die Rekrutin folgte dem kleinen Mädchen zum Haus. Allein der gepflasterte Weg dahin sah aus, als könnte er es locker mit dem Jahressold der Wächterin aufnehmen. Im Gegensatz zum mehrstöckigen Haus war der Garten recht klein und Remedios konnte weder einen Stall zur Unterbringung von Pferden, noch deren charakteristischen Geruch ausmachen. Wie sie sich gedacht hatte – die Kleine erzählte einfach nur Märchen.
Rosa klingelte. Schnelle Schritte waren zu hören, dann stürzte eine kleine, rundliche Frau aus der Tür.
"Rosalie! Du bist schon wieder weggelaufen!"
"Ich bin nicht weggelaufen, Mama!" Unbekümmert hielt das kleine, blonde Mädchen der mütterlichen Liebesattacke stand, "Ich sorge nur dafür, dass Mit-Flügeln-gefesselter-Feuerhuf wieder gefunden wird. Die Wache wird mir helfen!"
Remedios räusperte sich. Erst jetzt schien Rosas Mutter sie zu bemerken, richtete sich auf und strich sich verlegen durchs Haar. Ihr linkes Auge zuckte nervös.
"Stadtwache Ankh-Morpork, Mä'äm. Ihre Tochter hat- …", setzte die Rekrutin an, wurde aber sofort unterbrochen.
"Hören Sie…ähm.. Liebes geh doch schon ins Haus, ja? Ich komm gleich nach." Als sich die Haustüre geschlossen hatte, atmete Rosas Mutter tief auf, strich sich eine feuchte Haarsträhne aus dem geröteten Gesicht und packte Remedios beschwörend am Arm. "Hören Sie", begann die korpulente Frau erneut und sah der Wächterin so eindringlich wie möglich in die Augen, "Sie haben ja keine Ahnung wie es ist… wie sie ist. Wir hatten ja gar keine andere Wahl, sie können sich das gar nicht vorstellen… dieser ganze Zinnober den sie veranstaltet hat, der Lärm, überallhin musste sie ihn mitnehmen. Einmal mussten wir eine ganze Nacht lang neben ihm sitzen und ihm im Medizin geben und Luft zufächeln, weil sie gesagt hat, dass er krank ist... Sobald wir aufgehört haben, hat sie gebrüllt, dass ihr Pony sonst stirbt.. dabei ist er ja.... " Rosas Mutter kicherte unglücklich und stierte ins Leere.
Mit einem beherzten Ruck entzog sich Remedios der ungewollten Nähe. Sie unterdrückte ein instinktives Knurren.
"Nun beruhigen Sie sich doch erst einmal. Wollen Sie etwa sagen, dass Sie dafür verantwortlich sind, dass Rosas Pony verschwunden ist?"
"…Aber natürlich!", rief Rosas Mutter aus und packte Remedios erneut am Arm, "Kein Mensch der bei Sinnen ist, hätte das noch länger ausgehalten!"
"Nun ja, ich kann mir vorstellen, dass es zu allerlei Unannehmlichkeiten führt wenn man ein Pferd in einem Haus hält, schon allein wegen den sanitären Bedingungen…"
Einen Moment lang starrte Rosas Mutter die Wächterin an, als hätte sie den Verstand verloren, dann schien ihr ein Licht aufzugehen: "Warten Sie, Sie glauben doch wohl nicht…Ha! Natürlich.. Aber dass sie damit zur Wache geht…"
Aus einer der oberen Etagen erklangen kräftige Trommelschläge. Die Fenster des Hauses vibrierten im gleichen Takt. Rosas Mutter lächelte erleichtert. "Gut", sagte sie und wandte sich an die Wächterin, "Rosa ist fürs Erste beschäftigt. Kommen Sie, ich zeige Ihnen wo das Pony ist."


Vor nicht allzu langer Zeit in Überwald


Mit jedem Atemzug rebellierten seine Lungen gegen die klirrend kalte Luft, die er in seinen Körper pumpte und sein Herz hämmerte so hart gegen seine Brust, dass er das Gefühl hatte, sein Brustkorb berste jeden Augenblick. Seine Siegessicherheit war mittlerweile geschwunden. Er hatte es unterschätzt, alles unterschätzt, den Schnee, die Entfernung, die eisige Kälte und vor allem die Wölfe, die dem Geheul hinter ihm nach zu urteilen sehr schnell näher kamen. War er anfangs noch mit großen Schritten durch den Schnee gerannt, so kämpfte er mittlerweile um jeden Meter. Eine Pause, nur kurz verschnaufen, sich anlehnen… die Augen schließen, nicht da sein. Erschöpft lehnte er sich an einen Baumstamm und gewährte seinen schmerzenden Beinen einen Moment Erholung. Er musste einfach kurz pausieren und neue Kräfte sammeln, noch hatte er mehr als zwei Kilometer vor sich. Aber immerhin hatte er den Fluss passiert, der würde seine Spuren verwischen… Es war zu schaffen! Er musste nur … - Ein leises Platschen ließ ihn aus seinen Gedanken hochschrecken. Er hatte genau den Fehler gemacht, vor dem ihn alle gewarnt hatten, er hatte seine Umgebung außer Augen gelassen und jetzt…
"Komm raus, komm raus! Wo immer du auch bist!"
Er schmiegte sich enger an den Baumstamm, inständig wünschend mit der Tanne verschmelzen zu können und linste über die Schulter zurück. Er konnte die Gestalt eines nackten Mannes ausmachen, der leichtfüßig aus dem Wasser kletterte. Die Kälte schien ihm nichts auszumachen.
"Komm raus, komm raus! Ich finde dich auch so!"
Rechtzeitig schloss er die Augen, um die Verwandlung nicht mit ansehen zu müssen, dieser grauenhafte Moment, in dem sich die Materie änderte, der Körper nicht mehr Mensch, noch nicht Wolf war… aber er hörte es, und schon allein das Geräusch bereitete ihm Gänsehaut. Er schlug die Augen wieder auf und erblickte einen großen, schwarzen Wolf, der sich schüttelte und dann mit einem selbstgefälligen Ausdruck im Gesicht locker in seine Richtung trabte. Weglaufen? Keine Chance, er würde keinen Meter weit kommen. Bleiben und Kämpfen? Das war noch viel aussichtsloser.
"Juuuuuuhu. Ich kann dich rieeechen! Ich finde dich!"
Nun war es wieder der nackte Mann mit den halblangen, pechschwarzen Haaren, der sich ihm näherte. Er lachte breit und hüpfte durch den Schnee, tanzte beinahe. "Wo steckst du denn nur? Komm doch her, wir können ein bisschen Spaß haben, lass uns zusammen spielen!" Er hielt inne, drehte sich im Kreis, nahm eine übertriebene Denkerpose ein und überlegte laut: "Wahrscheinlich bist du hinter DIESEM Baum!"
Der Mann hatte kaum ausgesprochen, als er schon wieder in Wolfsgestalt knurrend und geifernd auf einen Baum zuschoss und mit seinen Klauen tiefe Furchen in den Stamm schlug.
Dann war Gelächter zu hören. Wieder die menschliche Gestalt. "Ich mach nur Spaß. Natürlich weiß ich wo du bist. Ich kann dich genau riechen, sogar so. Du stinkst nach Angst und Schweiß, dass einem schlecht werden könnte." Der Mann blickte nun genau in seine Richtung und kam langsam näher. "Ich weiß auch was du denkst… das macht die Erfahrung. Du hörst nur das Knirschen des Schnees, nicht wahr? Aber es wechselt die Richtung! ..Hah..und du kannst nicht einschätzen wo ich bin... hinter dir? Komme ich von der Seite? Von vorne? Und wann komme ich? Möchte ich mich noch ein bisschen mit dir unterhalten, warte ich gar auf die anderen? Oder töte ich dich… JETZT SOFORT! ......Aaaach nur Spaß, du kennst das ja schon. Was soll ich nur tun, was soll ich nur machen? Dableiben? Panisch davonlaufen, wie ein kleines Häschen?... Manche versuchen auch zu verhandeln, äußerst reizend wie sie winseln und um Gnade flehen sag ich dir. Immer eine nette Erinnerung. Buhuuu, ich will nicht sterben….Verständlich, verständlich, so geht es doch jedem von uns, das liegt in unserer Natur. Aber ich sag dir was…." Das Knirschen verstummte. Kein Geräusch war zu hören. Es knurrte, direkt neben ihm. "Der große, böse Wolf gewinnt immer."
Seine Beine versagten ihm den Dienst. Er kniff die Augen zusammen, hielt die Luft an und wartete auf den Tod. Die heiße, stinkende Atemluft auf seinem Gesicht blieb jedoch aus und statt dem lauten Knurren an seinem Ohr vernahm er ein stumpfes Geräusch und ein überraschtes Ächzen. Er riss die Augen auf. Der große schwarze Wolf lag ein paar Meter entfernt auf dem Boden und schnappte nach einem zweiten, weißen Wolf, der sich in seinen Nacken verbissen hatte.
"Remedios! Du!!", tobte der schwarze Wolf. Es gelang ihm, seine Angreiferin knurrend von sich zu stoßen. "Was zum Teufel hast du hier verloren?" Seine Stimme überschlug sich fast, "Was ist in dich gefahren du verrückte Schlampe?!"
"Lass ihn in Ruhe Wolfhard!" schnappte Remedios und stellte sich knurrend zwischen ihren älteren Bruder und den Mann, der zitternd am Baumstamm zusammengesunken war.
"Eine Schande bist du, eine Schande!", spuckte Wolfhard. Sein Körper bebte vor Erregung und Zorn und seine Worte waren kaum mehr verständlich, "Was fällt dir ein, bist du die Heilige von Überwald?! Geh mir aus dem Weg oder ICH BRINGE DICH UM!!"
"Pah!", schnaubte die weiße Wölfin verächtlich, "wir wissen doch beide, dass du das nicht kannst! Du bist so wendig ein vollgefressenes Wildschwein!" Ihr Bruder wusste, dass sie recht hatte, aber ihre Worte reizten ihn nur noch mehr. Remedios mochte zwar schneller, geschmeidiger und geschickter als Wolfhard sein, aber sein Zorn und seine Wut trieben ihn mehr als alles andere an. Sobald der Wolf in ihm den menschlichen Teil verdrängt hatte, würde er in einen regelrechten Blutrausch fallen – und dann würde ihn nichts mehr aufhalten können.
"Ernsthaft Wolfhard, Menschenjagden? Immer noch? Ist dir das nicht zu primitiv?"
"Primitiv?" echote Wolfhard knurrend, "Primitiv ist es, sich für einen Menschen einzusetzen! Du verleugnest deine Natur, du verleugnest dich selbst!"
"Der Kerl ist mir scheissegal!", schnappte Remedios, "Mir geht es nicht um ihn. Mir geht es darum, wozu ihr werdet!"
Langsam und vorsichtig näherte sie sich ihm. Ihr blieb nur der Überraschungseffekt. Als er zu einer bissigen Antwort ansetzen wollte, schnellte sie mit aller Kraft auf ihn zu. Wolfhard wurde von den Pfoten gerissen, prallte gegen den nächsten Baum und blieb benommen liegen. Remedios rappelte sich auf, wirbelte herum und stürzte auf den Mann zu, der nach wie vor am Boden saß und sie fassungslos anstarrte.
"Lauf!", knurrte sie ihn wütend an. Sein dümmlicher Ausdruck im Gesicht machte sie rasend, "Rrrrrr-auf endlich!! Wo-rrrr-rauf wa-rrrrr-test du?!"
Der Mann schien es nach wie vor nicht fassen zu können, was gerade geschehen war: "Aber…. Ich.. du.."
Aus den Augenwinkeln sah Remedios, dass Wolfhard gerade wieder dabei war, sich hoch zu rappeln. Beherzt zwickte sie den Mann in die Seite und der Schmerz schien ihn in die Realität zurück zu holen. Endlich sprang er auf und kämpfte sich so schnell es der Schnee zuließ weiter.
Remedios wirbelte gerade noch rechtzeitig herum, um Wolfhards zuschnappendem Kiefer zu entgehen und rannte los. Hinter sich hörte sie sein Knurren und das Trommeln seiner Pfoten. Wie sie geahnt hatte, folgte er lieber ihr als seinem Opfer. Der Mann war uninteressant für ihn geworden, wenn er seine Jagd nicht inszenieren konnte, machte es ihm keinen Spaß mehr. Sie hatte sein Spiel verdorben – aber er hatte längst ein neues gefunden.
Ungläubig rannte der Mann durch den Schnee, fiel hin, rappelte sich wieder auf, rannte weiter. Die Wölfin hatte ihm geholfen! Immer wieder blickte er sich um, aber die weite, schneebedeckte Fläche hinter ihm war einsam und verlassen. Niemand folgte ihm. In einigen hundert Metern Entfernung konnte er schon die ersten Lichter des Dorfes ausmachen – er hatte es geschafft!
Er wusste nur nicht, dass ihm vom Waldrand aus schon geduldige, bernsteinfarbene Augenpaare entgegensahen.


In Ankh-Morpork


Mit einer Geschwindigkeit, die Remedios der korpulenten Frau gar nicht zugetraut hatte, führte sie sie durch die Straßen und bog schließlich in eine kleine Seitengasse ein. Vor einem Schaufenster mit der säuberlich gepinselten Aufschrift "Altmanns Warenallerlei", blieben die beiden Frauen stehen.
"Sie haben das Pferd hierher gebracht?", fragte Remedios verständnislos. Sie hatte einen Schlachthof erwartet, ein Tierheim oder einen heruntergekommenen Hinterhof, aber doch keinen Laden für Krimskram!
Rosas Mutter lächelte schwach, blieb der Rekrutin jedoch die Antwort schuldig und betrat stattdessen den Laden. Der Werwölfin schlug abgestandene, muffige Luft entgegen. Überall stapelten sich Sessel, Lampen, Tische, Bilder, Porzellan, Garderobenständer, Kleiderberge und Hausrat, und wenn der Inhaber Rosas Mutter nicht freundlich begrüßt hätte, hätte ihn Remedios zwischen der ganzen Unordnung gar nicht wahrgenommen. Die Rekrutin folgte der rundlichen Frau in ein kleines Hinterzimmer, das dem vorherigen Raum in punkto Unordnung in Nichts nachstand.
"Sehen Sie", sagte Rosas Mutter, ging auf eine große Holzkiste zu und wuchtete den Deckel nach oben.
"O-Oh…" Remedios trat ungläubig näher und ihr Unterkiefer klappte herunter. In der mit Stroh ausgepolsterten Kiste stand tatächlich ein Pony. Es hatte eine Schleife im Haar, auf der Mit-Flügeln-gefesselter-Feuerhuf zu lesen war. Allerdings war das Pferd sehr viel kleiner, als Remedios es sich vorgestellt hatte. Und aus Holz.
"Ein Schaukelpferd. Ein tatsächliches Schaukelpferd. Aus Holz…" Remedios fühlte sich plötzlich sehr schwach. Sie griff sich an den Kopf und atmete innerlich tief durch. Rogi durfte nie davon erfahren.
"Natürlich gibt es kein echtes Pferd!", erklärte Rosas Mutter und ließ den Deckel der Holzkiste wieder fallen, "…aber Rosa mit ihrer Fantasie… Dieses Spielzeug ist schlimmer als alle Tiere in Ankh-Morpork zusammen, das können Sie mir glauben! Sie hat Pferdeäpfel von der Straße gesammelt und im Haus verteilt, können Sie sich das vorstellen? Was hätten wir denn tun sollen…" Ihr linkes Auge zuckte wieder leicht. "Wir haben angenommen, dass sie ihn nach ein paar Tagen vergessen wird. Wer hätte denn geahnt, dass sie sogar zur Wache geht! Wir kriegen deswegen doch keine Probleme, nicht wahr?"
"N-Nein, natürlich nicht." Schon allein die Vorstellung Rogi einen solchen Bericht auf den Tisch zu legen bereitete ihr Magenschmerzen. "Ich kann ihnen versichern, dass davon niemand je davon erfahren wird…"



Nawartedirgebich-hgghnn trabte im Takt seines knurrenden Magens die Fleissige Straße hinunter und bog in den Fünf-und-Sieben-Hof ein. Er hatte schlechte Laune. Es war kalt, nebelig, er fröstelte und schon den ganzen Abend lang hatte er ohne Erfolg seine angestammten Futterplätze [7a] abgeklappert – das Sche-Scherar war seine letzte Hoffnung, die Nacht nicht wieder auf seinen Pfoten herumkauend verbringen zu müssen. Zielstrebig überquerte er den Hof und gesellte sich zu einer Gruppe von Hunden, die nur wenige Schritte vom kleinen, von Gourmets und Gourmands aber gleichermaßen hochgeschätzten Spezialitätenrestaurant entfernt an einer dunklen Ecke saßen.
"Hallo Wazzy." Nawartedirgebich-hgghnn begrüßte einen kleinen, struppigen Hund, der sich leidenschaftlich hinter dem Ohr kratzte und wie er selbst so aussah, als hätten schon seine Urgroßeltern Reinrassigkeit und anatomisch sinnvolle Paarungen für überbewertet befunden.
"Hgghnn… Na.. Auch nix gefunden?" Im Versuch sich hinter beiden Ohren gleichzeitig zu kratzen landete Wazzy unsanft auf dem Hintern.
Nawartedirgebich-hgghnn schüttelte bedauerlich den Kopf: "Heut ist komplett zum Vergessen. Überall schon wer dran. Bei der Pferdeschlachterei ist keine zwei Minuten nach Ausgabe der fette Rocko mit seinen Jungs angehechelt gekommen. Ich wollte eigentlich abzischen, aber der alte Sabberfetzen hat mir noch eine verpasst." Stolz hob Nawartedirgebich-hghnn sein rechtes Vorderbein empor.
"Waaahn-sinn hgghnn! Chicko, OhGottdakommtnocheins, kommt und seht euch das an!"
Wazzy pfiff zwei anderen, träge am Boden liegenden Hunden, die sofort aufsprangen und sich um Nawartedirgebich-hgghnn versammelten. Fasziniert starrten sie auf seine anmutig vorgereckte Pfote.
"Bei allen Flöhen! Krass!"
"Alter! Schau dir das an! Unglaublich!"
"Echt hart. Sowas hab ich noch nie gesehen! Und ich hab meine Runden schon mit Eiter-Ronnie gemacht, das will was heißen sag ich euch…"
Nawartedirgebich-hgghnn drehte die Pfote hin- und her, so dass seine Kriegsverletzung im Licht der Laternen möglichst gut zur Geltung kommen konnte.
OhGottdakommtnocheins tappte mit seiner Pfote vorsichtig auf die Wunde. "Das war ein ordentlicher Schnapp. Und muss tief sein, alles schon richtig verkrustet und verwuchert. Da drunter kocht der Eiter nur so mein ich. Hey, hängt da nicht ein bisschen Gewebe raus?"
"Ähh…." Verlegen ließ Nawartedirgebich-hgghnn seine Pfote ein bisschen sinken, "Ihr schaut ja ganz falsch! Das gehört so, das sieht doch jeder Welpe! So hat die Natur mich vorgesehen! Da, den Schnitt am Krallenansatz mein ich…..Hey, hört auf zu lachen! Das juckt echt höllisch, in die Ritzen kommt man mit der Zunge so schlecht rein."
Chicko und OhGottdakommtnocheins schüttelten grinsend die Köpfe und ließen sich wieder zu Boden fallen.
"Komm wieder angetanzt wenn du wirklich was zu bieten hast Hgghnn. Der Kratzer da hätt mir schon nichts ausgemacht, als ich noch an den Zitzen gelegen hab. Das was du da Natur nennst solltest du aber wirklich mal abnagen, sieht ja abartig aus."
"Na wie auch immer." Auch Wazzy setzte sich bequem auf die Seite, eine Pfote kratzbereit erhoben. "Ich hab da noch so nen Tipp den ich euch natürlich nicht vorenthalten mag", mit verschwörerischem Blick grinste er in die Runde, "Wir Jungens müssen ja zusammenhalten. Habt ihrs schon mal am Friedhof versucht? Buddler hat erzählt, da solls Happahappa in Hülle und Fülle geben und -…."
"Es geht los!", rief Chicko auf.
Die letzten Gäste hatten das Sche-Scherar verlassen. Die Hunde hechelten aufgeregt und fixierten gebannt die Tür, die sich nun jeden Moment wieder öffnen würde. Nach wenigen Minuten war es so weit. Die Tür schwang auf und ein stämmiger, untersetzter Mann - mit der fleckigen Schürze und einer eingedrückten Mütze auf dem Kopf unschwer als Koch zu erkennen – wuchtete eine große Tonne aus der Tür und kippte den eine undefinierbare, stückige Masse neben die Treppe.
Die Hunde schnellten nach vorne. Was sie da genau fraßen wusste keiner von ihnen, aber immerhin bewegte sich das Meiste nicht mehr. Minutenlang war nur gieriges Schmatzen zu hören.
Als Nawartedirgebich-hgghnn das Gefühl hatte, kurz Luft holen zu müssen, hob er schnaufend den Kopf – und erstarrte.
"Oarrr..h…hh.."
"Waschn losch Hggn?", schmatzte Wazzy. "Hasch du dich an dieschem grünen Tssheug verschluckt?"
Nawartedirgebich-hgghhnn schüttelte nur den Kopf. Seine Augen glänzten.
"Schau nur Wazzy", flüsterte er, "dort, unter der Laterne."
Wazzy hob den Kopf.
Unter der Laterne, direkt vor dem Eingang, saß eine große, schneeweiße Hündin. Sie hatte ihren Schwanz anmutig um ihren Körper gelegt und verharrte vollkommen regungslos, fixierte die Tür und warf der Hundegruppe nur einen flüchtigen Blick zu. Sogar der Boden unter ihren Pfoten schien sich zu bemühen, ein bisschen sauberer zu sein.
"Oaah.. "
"Jaaah...", seufzte Nawartedirgebich-hgghnn.
"Die ist mir noch gar nie aufgefallen. Hast du ihre Augen gesehen? Wie das Meer…"
"Alter du warst doch noch gar nie am Meer!"
"Na und", schnappte Wazzy, "So stell ich mir das Meer eben vor. Weit.. und blau... und tief." Er seufzte. "Mann die wär was für mich…."
"Bist du verrückt Wazzy?", Nawartedirgebich-hgghhn warf seinem Freund einen Blick zu, als ob er von allen guten Knochen verlassen wäre, "Riechst du das nicht ?
Wazzy schnupperte.
"Oh", sagte er. Seine Stimme klang traurig.
"Die ist einige Nummern zu groß für uns."
Wazzy seufzte. "Da hast du wohl Recht. Aber theoretisch könnte sie ja einfach immer als Wölf... – Hey, es gibt Nachschub!"
Der Koch des Sche-Scherar war erneut erschienen, und warf den Hunden letzte Reste aus einer Schüssel zu.
Als er sich wieder umdrehen wollte, bemerkte er die weiße Gestalt, die immer noch ruhig wie ein Standbild unter der Laterne saß. Sie sah ihm unverwandt in die Augen. Der Koch musterte sie lange. Dann drehte er sich um, verschwand im Inneren des Gebäudes und kam kurz darauf mit einem großen Teller zurück.
"Alter…!" Nawartedirgebich-hgghhn stupste Wazzy erneut an.
"Was für eine Zweiklassengesellschaft!", stöhnte der kleine Hund und spuckte angewidert einen undefinierbaren, gelblichen Klumpen aus.
Gemeinsam sahen sie zu, wie der Koch auf die vermeintliche Hündin zuging. In respektvollem Abstand blieb er stehen, zog eine Serviette aus der Hosentasche, breitete sie auf dem Boden aus und stellte den Teller ab. Darauf lag das größte, rohe Steak, das sie jemals gesehen hatten. Der Koch räusperte sich und ging mit raschen Schritten zurück in sein Restaurant.
Die Wölfin wartete, bis sich die Tür wieder geschlossen hatte. Dann nagte sie das Steak sorgfältig in der Mitte durch und nahm eine Hälfte in die Schnauze. Sie warf den Hunden einen kurzen, auffordernden Blick zu und trottete davon. Nach wenigen Schritten war ihre Gestalt im Nebel verschwunden.


[1] Mit Köhrunk!

[2] alt und jung, dick und üppig, attraktiv und kartoffelgesichtig, mit dem Geiste auf dieser Welt weilend oder verrückt, aber zumindest jeder sehr behaart

[3] Anm.d.A: Fessel = Teil des Pferdebeins

[4] Naja, fast jedem. Der alte Schuhmacher ein paar Straßen weiter brüllte nur: "Frieda, jetz bring scho den verdammten Tee wann er eh fertig is!"

[5] Theodor, die Übungspuppe, wurde in alle Körperteile getroffen. Die Brust, die mit einem riesigen roten Kreis "Hau mich"“ markierte blieb zwar unversehrt, aber immerhin wurde er getroffen!

[6] Wofür schon zwei Trolle reichen.

[7] und ehrlich, wer würde das schon wollen?

[7a] Mülltonnen, Straßenecken, Schlachthöfe…




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Feedback:

Von Braggasch Goldwart

25.1.2012

Wahrscheinlich die ausführlichste Rekrutensingle, die ich je gelesen hab! :D Echt schönes Ding! Ich bin zwar normalerweise kein Fan von zu perfekten Helden, aber in diesem Fallkam die schöne, schnelle, starke Werwölfin angenehm unfähig rüber. :D Die Idee is klasse und mal was neues. Die Beschreibungen der Wolfsjagd und das Hundegespärch einsame Spitze. :D Allein die Tatsache, dass die Wache über mehr Pferde als einen klapprigen Gaul, der mehr ein Esel ist, verfügt, war mir neu. ^^ Ich war positiv überrascht, dass der gerettete Mann in Überwald doch nicht davon kam, das hat Stil. :)

Von Glum Steinstiefel

21.1.2012

Remedios, du hast mir einen Wunsch erfüllt – noch einmal etwas Neues über Rogis Aubsilderinnen-Zeit zu lesen, auch wenn es nur kurz war. Danke dafür!

Sprachlich ist deine Single anspruchsvoll und reizt sehr zum Lesen an. Der lyrisch-angehauchte Absatz zu Überwald holpert im Kontext zwar sprachlich etwas, was im Wesentlichen an der Hypotaxe liegt, ist aber durchaus in Ordnung. Also was dein Ausdrucksvermögen angeht – vorhanden und einsatzbereit. Freut mich!^^ Mehr davon!

Jetzt zum Inhalt:
Merkwürdig überrascht hat mich, dass Remedios von einer kleinen…im wahrsten Sinne des Wortes…Rotzgöre abgeschoben wird und diese scheinbar auch kaum verschüchtert ist angesichts der amtlichen Autorität. Dass die Bürger das seltener sind, ist bekannt, aber ein kleines Kind? Und dann läuft sie stracks durch die Schatten in ein herrschaftliches Viertel. Respekt! Und die sonst so entschiedene Remedios lässt sich einfach abschieben? (((Laut Stadtplan gibt es hinter den Schatten kein herrschaftliches Viertel. Keine Angst, das sage ich nur, aber bewertungsrelevant sind solche Dinge für mich nicht, genauso wenig, wie der Punkt zu Ankh-Morpork weiter unten ; )))
Mir fehlte hier ein Sinnabschluss. Die Handlung rund um das Holzpferd wirkt eher gering im Vergleich zu den anderen Handlungen, was im Kontext meines Erachtens auch in Ordnung ist, schließlich sollen wir mehr über die Person an sich erfahren. Doch – wie hätte Rogi nun reagiert? Wir erfahren die Pointe in der hölzernen Pferdeform – aber darüber hinaus? Nein, ich bin damit unzufrieden. Das ist der eine Punkt, der mich stört. Im Vergleich zum Rest entstand ein leises Gefühl der Vernachlässigung dieses Stranges. Ich kann es nicht einfassen. Irgendetwas zwickt mich da einfach.

Ankh-Morpork ist nicht die Hauptstadt der Scheibenwelt. Sie ist vielleicht eine äußerst wichtige und vor allem uralte und noch berühmtere, aber sie ist in keinem Fall die Hauptstadt! Wäre sie es, müsste der gute Terry sich das Konzept von XXXX oder dem achatenen Reich noch einmal überlegen ; ) Ich zitiere von Wikipedia (der freien Enzy-...Enzieglo-...dem Ding mit der Puzzlekugel): "Ankh-Morpork ist die größte und wichtigste Stadt der Scheibenwelt. […]Die Stadt entspricht in etwa einer Mischung aus dem antiken Rom, dem Florenz der Renaissance und dem modernen London. ][…] Am Stadttor hängt zur Verteidigung nur ein Schild „Danke, dass ihr unsere Stadt nicht erobert“, was viel über die Bevölkerung aussagt."
Das war lang, aber nice to know.

Mir fielen die Fußnoten auf, die man zum größten Teil vielleicht besser in den Text integriert hätte. Unpassende Fußnoten wirken meist eher störend, auch wenn ihr Inhalt als Pointe für zwischendurch zu verstehen ist.
Das ist der andere (halbe) Punkt, der mich stört.

Lange Rede, kurzer Sinn – sprachlich (fast) nichts zu beanstanden, ein Abstrich was die Fall-Handlung angeht, eine schöne Rekrutensingle, die die Würde der Wächterin gut darstellt. Du bist talentiert im Darstellen atmosphärischer Situationen, so beispielsweise die Jagdszenen der Werwölfe. Oder der letzte halbe Teil der letzten Szene, in dem die Hunde fressen. Doch, das gefällt mir. Das würde ich sehr gerne in Form eines Gastspiels deinerseits in einer meiner Lives ausnutzen wollen! Wacherechtlich ist es bis dahin leider noch ein ganz kleines Stückchen Weg.

Übrigens ist es auch erfreulich, etwas von einer Rekrutin zu lesen, die vor zweieinhalb Jahren der Wache beitrat. Gab es das eigentlich schon mal wachehistorisch? Eine GRUND-Single nach so langer Zeit?

Da bleibt mir nur das eine zu sagen:
Wir sehen uns bei der DOG! = D

Von Menélaos Schmelz

29.1.2012

Nach über 2 Jahren kommt die Rekrutensingle?! :D Ich war schon ein bisschen gespannt! Dein Stil ist wahnsinnig erfrischend, flink und rundum gelungen. Am Anfang der Geschichte dachte ich schon, dass ist keine gewöhnliche Rekruten-Single...
Der Teil mit dem Werwolf-Wurf und der Familie war ganz hervorragend!! Johann <3
Die Pferde-Szene in der Wache zog sich für meinen Geschmack etwas, gibt aber dem Rekruten-Alltag ein wenig mehr Farbe.
Die Jagdgruppe war zunächst etwas verwirrend, aber nach dem zweiten Lesen glaube ich, alles verstanden zu haben ;)
Allgemein muss ich sagen: Du bist ausgesprochen talentiert darin, Situationen diverser Art beeindruckend, szenegerecht und mit viel Witz zu umschreiben: Nicht zu plump, nicht zu filigran und, das beste, nicht zu konstruiert, wenn es drauf ankommt. Ab und zu verlierst du dich ein bisschen darin, aber lieber ein bisschen mehr von dem leckeren Zeug als zu wenig, oder? ;)
Und ganz nebenbei, für mich die vermutlich beste Rekrutensingle, die ich bisher gelesen habe! Bitte nicht noch mal Jahre mit der nächsten warten. Und noch eine Bitte oder eher "Empfehlung": SEALS! :D

Von Ophelia Ziegenberger

26.1.2012

Die Geschichte lässt sich zügig lesen. Sehr angenehm ist tatsächlich die gute Rechtschreibung. Das wäre jetzt nicht ausschlaggebend aber ich möchte es doch erwähnen, mich darüber freuen und Dir ans Herz legen, diese beizubehalten. ;-) Die GRUND-Vorlage ist quasi sogar doppelt abgearbeitet, vom Thema her, was irgendwie niedlich ist. ^^ Besonders gut gefallen hat mir, dass Du deinen Charakter schon sehr plastisch vorgestellt hast. Ich habe sowohl über ihr aktuelles Leben, als auch über ihre Vergangenheit so viel über sie erfahren, dass mir dieser Charakter im Sinn bleiben wird und ich mit Neugier ihre weitere Laufbahn in der Wache verfolgen werde. Für höhere Wertungen fehlen nun nur noch etwas mehr Spannung, mehr eingebundene Kollegen-Charaktere und bedeutungsvollere Ereignisse in deinen Fällen - dass es die aber in der ersten Single noch nicht geben konnte, ist logisch! ;-) Weiter so! :-)

Von Remedios von Schwarzfell

01.02.2012 18:47

Habt vielen, vielen Dank für euer Feedback! Das geht runter wie Butter :D

Ich konnte die Single wirklich nicht mehr sehen (2 Jahre sind echt zu lang ;)) und hab die letzten Absätze nur noch runtergeschrieben. Mit dem Rosa-Pony-Handlungsstrang bin ich selbst auch nicht wirklich zufrieden, das hätte ausführlicher bzw. erklärender sein können, irgendwie fehlt einfach was... Ich schätze, ich wollte einfach nicht noch länger herumdoktorn, sondern endlich fertig werden und das merkt man beim Lesen leider.

Deine Hinweise bezüglich der Fußnoten und Ankh-Morpork werde ich zukünftig berücksichtigen, danke Glum! Ich hab sogar irgendwo die "Straßen von Ankh-Morpork" von Briggs(?) herumliegen, das werd ich mir für die nächste Single raussuchen.

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