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von Korporal Braggasch Goldwart (GRUND)
Online seit 15. 10. 2011
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 Außerdem kommt vor: Pismire

Eine kleine Homage auf einen recht aktuellen, nicht ganz logischen Kinofilm. Wer ihn kennt, wird wohl einige Anspielungen entdecken, doch auch unbelekte werden hoffentlich ihren Spass haben. Insgesamt wohl die brutalste Single, die jeh aus meiner Feder kroch. Die vorgestellten Ereignisse beruhen teilweise auf den Elebnissen von Pismire und Braggasch. Wer sich über die Gründe von Paeonia und Mundus Depilarii und ihren Hass auf den Hauptmann informieren möchte, der lese die Single: 'Mord in bester Gesellschaft' Hier ; ein Blick auf das Wesen Gerd Glücklos erhascht man durch Konsultation von: 'Glücklos in Ankh-Morpork' Hier . (Wichtelsingle)

Dafür vergebene Note: 13

.oOo.

Bohrende Kopfschmerzen. Ein verklebtes Auge öffnete sich träge. Holz. Eine Tischplatte? Hauptmann Pismire zwang auch das zweiten Augenlid nach oben. Dunkelheit. Ah. Mühsam drehte er den Kopf und wartete, bis sich beide für die Optik zuständigen Organe auf ein mehr oder weniger scharfes Gesamtbild geeinigt hatten, nun, da seine linke Gesichtshälfte nicht mehr auf der Platte lag. Papier, Stifte, Käse. Ja, sein Schreibtisch. Sein Schreibtisch im GRUND-Abteilungsleiter-Büro.
Wieso?
Hatte er getrunken? Warum so viel?
Mühsam richtete sich Pismire auf und versuchte erfolglos das schleimige Gefühl aus dem Rachen zu räuspern. Die Kopfschmerzen vergingen schnell. Also kein Alkohol. War er bei der Arbeit eingeschlafen?
Ein langsamer Blick zum Fenster zeigte ihm, dass der Morgen bereits ergraut war. Surrende und klickende Geräusche waren aus dem Büro unter dem seinen zu vernehmen. Braggasch - natürlich - mit seinen anstrengenden Gewurschtel aus Drähten und Holzstücken. Was auch immer das seltsame Monstrum an Regalapparatur im Arbeitszimmer von Pismires einzigen regulären Ausbilder sein sollte, er würde dieses Teil in einer Nacht- und Nebelaktion zerlegen, wenn es Goldwart nicht gelang, das Ding leiser zu machen.
Der Hauptmann besah seinen Schreibtisch mit dem Durcheinander aus billigem Papier, zusammengedrückt vom Schlaf. Nervös zogen seine Finger ein Blatt glatt. Spühle fon Wurm? Was zum...
Ein Vogel zwitscherte.
Unzufrieden schnalzte der alte Mann mit der Zunge, von sich selbst enttäuscht. Natürlich, eine neue Rekrutin, was sonst? Wieso war er nur so durcheinander? Er hatte noch schnell das Formular bearbeiten wollen, dabei war er wohl eingeschlafen. Die Arbeit als Ausbildungsleiter verlangte anscheinend schon Tribut von seinem Körper. Im Büro einpennen... so etwas passierte den jungen und motivierten Wächtern, ihm war das schon seit...
Es klopfte.
"Was?"
Weon Ceyente streckte den Kopf durch einen extra hierfür eröffneten Türspalt und blinzelte müde. "Ältere Semester sind angetreten, Sör."
"Soll das eine Beleidigung sein, Rekrut?" Pismires Augenbrauen schossen in die Höhe.
"Was? N... Nein!" Der Rekrut verschluckte sich und umklammerte seine Kette. "Bei Om, nein! Sie haben... haben gebeten, dass die Rekruten... also die, die schon länger dabei sind..."
Der Hauptmann unterbrach den Jüngeren mit einer Handbewegung. "Schon gut, danke Rekrut, wegtreten." Weon salutierte erleichtert und zog sich zurück.
Die Runde mit jenen, die ihrem Ausbildungsende entgegen sahen. Natürlich. Wie konnte er das nur vergessen haben? Er war heute wirklich nicht auf der Höhe seiner Konzentration.

Gedankenlos legte Braggasch Goldwart die Akte auf jene metallene Kippfläche vor dem Regal. Federn summten, als das Eigengewicht des Papiers die Platte leicht nach unten drückte und eine Reihe von Klackmechanismen freisetzte. Das Quietschen von kleinen Kugellagern und ein leises Brummen von abrollendem Seil begleitete die Fahrt der Akte quer über den Schrank, auf eines der Fächer zu.
Der Korporal und Ausbilder hatte bereits die Hand an den Türgriff gelegt, als das raschelnde Klatschen hinter ihm verkündete, dass irgend etwas schief gelaufen war und die Papiere den schnellen Weg Richtung Hauptsammelstelle Boden gewählt hatten. Braggasch seufzte. Wer hätte gedacht, dass ihn die Kalibrierung seiner Erfindung dermaßen viel Zeit kosten würde, und stets eine Kleinigkeit nicht ganz stimmte? Gleichviel. Der neue Rekrut Ardor Fernel würde auf seinen vorbestimmten Platz im Regal warten müssen, denn die Schüler begannen sich für den Unterricht zu sammeln und Goldwart liebte es, bereits vor ihnen im Raum zu sein, zu warten. Seines Erachtens wirkte so etwas bestimmend und vorbildhaft - nach Meinung der Rekruten eher neurotisch. Der Geruch nach altem Bohnerwachs umfing ihn, als er in den braunen Flur des Wachhauses an der Kröselstraße hinaus trat und fast mit Weon zusammenstieß, der in voller Montur an ihm vorbei hastete und kurz entschuldigend salutierte, bevor er die Treppe hinauf verschwand.

Sorgsam setzte der Abteilungsleiter von GRUND den in einem Kamm zulaufenden Helm auf den Kopf und rückte ihn mit sanften Drehungen fest. Pismire konnte nicht verhehlen, dass eine leichte Aufregung sein altes Herz umfasste. Wie lange war er nun nicht mehr auf Streife gegangen? Vielleicht war es nur eine fixe Idee gewesen, die ihn da vor einer Woche geritten hatte, dennoch freute er sich darauf mit einigen fortgeschrittenen Rekruten, die den theoretischen Unterricht über das Tauben- und Klackersystem der Wache von Braggasch nicht mehr nötig hatten, durch die Gassen zu ziehen, alte Bekannte abzuklappern und zu schwelgen, dass früher alles Besser war. Das war natürlich Unsinn. Früher war alles nur Früher. In seinem besonderen Fall war früher höchstens alles fusseliger gewesen. Dennoch glaubte der Hauptmann, mittlerweile in ein Alter zu kommen, in welchem die jüngeren Mitglieder der Wache solche Bemerkungen von ihm erwarteten. Den Gedanken eine der festgelegten Routen von SEALS zu verwenden, hatte Pismire direkt verworfen. Immerhin musste er noch einkaufen - der Ziegenkäse ging fast zur Neige, seit Chrystobella III an dieser leichten Erkältung erkrankt war und momentan weniger Milch gab - und dann musste er unbedingt das reizende Fräulein Muskatstrauch an ihrem Kräuterstand besuchen.

"Alle Anwesend? Ja? Äh... gut. Jerome, Ardor, bitte setzt euch. Danke. Was zum... äh? Oh, ja. Äh, Yuka, oder? Schön, schön. Wenn du einfach, äh, ja, wenn du von der Fensterbank herunter kommen würdest und dich auch an einen der Tische... ja, danke. Äh..." Braggasch verfolgte den holprigen Gang des Wasserspeiers mit den Augen. "Willkommen in der Wache, Yuka. Ich bin mir, äh, sicher, du wirst dich sehr, äh, ja."
Wie immer begann der Korporal seinen Unterricht damit, dass er sämtliche sorgfältig vorbereitete Sätze vergas, die Aufzeichnungen auf dem Pult durcheinander brachte, sich unsicher räusperte und verzweifelt versuchte, den Faden wieder zu finden. "Gut. Ja. Äh... gut. Wir wollten heute... Was? Genau! Ich meine, äh, ja, sehr gut aufgepasst, Rekrutin Morgän... Rekrut! Rekrut! Tut mir leid. Also das Kommunikationssystem der Wache... äh... bevor wir mit dem durchaus interessanten Klackersystem beginnen, habe ich hier etwas, äh, anderes vorbereitet. Das hier... Bitte? Nein, Rekrut Yuka, das ist kein Mittagessen, das ist ein Taube. Ja, ich weiß aber... nein, äh, bitte, das ist ein Unterschied. Es ist sehr wichtig, dass du das begreifst. Die Tauben der Wache sind nicht zum, äh, essen da. Gut. Also: Das Taubensystem ist ganz einfach. Äh... wenn ihr euch entscheidet, Kommunikationsexperte einer Abteilung zu werden, dann werdet ihr so ein Tier mir euch herum tragen. Wenn nicht, müsst ihr einen der Orte aufsuchen, äh, an denen die Vögel für einen Flug zum Wachhaus aufbewahrt werden. Welche Orte das sind, seht ihr auf dieser Karte... äh... ja? Das Fenster? Oh, äh, na gut. Wenn es Apatit zu warm wird, dann mache ich gerne..."
Die folgenden Ereignisse fanden viel zu schnell statt, als dass der Späher hätte reagieren können. Er trat redend an das Fenster, welches Yuka, der Wasserspeier, hatte offen stehen lassen, als er den Raum betrat, und bemerkte eine kurze Bewegung auf dem gegenüberliegenden Hausdach. Im nächsten Moment traf ihn ein Bolzen im Auge, drang mit einem leichten Knacken durch den dahinter liegenden Schädel und zerfetzte einen beträchtlichen Teil seiner Hirnmasse.
Völlig geräuschlos kippte Braggasch Goldwart nach hinten um.
Einige Sekunden war es völlig still, dann begannen die Rekruten zu schreien.

Pismire war stolz auf sich. Der Zeitdämon auf dem Schreibtisch hatte verkündet, dass er kaum mehr als sieben Minuten benötigt hatte, um von einem zerknautschten Penner zu einem einigermaßen respektablen Hauptmann zu mutieren. Schwungvoll trat er in den Flur und hatte bereits die ersten paar Stufen hinab genommen, als er die Laute der Panik hinter sich vernahm.
Verwirrt und verunsichert drehte der Abteilungsleiter auf dem Absatz um und eilte zum Unterrichtsraum. Er streckte gerade die Hand nach der Klinke aus, da wurde die Tür bereits aufgerissen und Dagomar Ignatius Volkwin von Omnien fiel ihm in die Arme. Der ohnehin blasse Mann war weiß wie eine Leiche und blickte seinen Vorgesetzten aus panisch aufgerissenen Augen an. Stumm öffnete er den Mund, aber Pismire schob sich bereits an ihm vorbei. Das Zimmer bot ein Bild des Chaos. Rekruten rannten kopflos herum oder saßen wie versteinert auf ihren Plätzen. Tische lagen umgeworfen auf dem Boden und eine Kakophonie aus Weinen, Brüllen, Kreischen und Stöhnen lag in der Luft. Es roch nach Angstschweiß und Erbrochenem. An einem der Fenster, nicht weit vom Ausbilderpult entfernt, lag Korporal Goldwart in einer stetig wachsenden Blutlache. Ein Bolzen ragte aus seinem Gesicht, rote Flecken hatten sich über die Karte von Ankh-Morpork an der Wand verteilt. Neben Braggasch in der Pfütze kniete Spüle von Wurm, an einem der schlaffen Arme des Korporals ziehend. Ardor Fernel in ihrer Nähe übergab sich gerade zum wiederholten Male geräuschvoll in eine Ecke.
"Rekrutin!" Pismire rempelte Domino beiseite und kämpfte sich zu Rabbe durch. "Was ist passiert?"
Leere Augen blickten zum Hauptmann auf. "So schnell... Wieso...?"
Hektisches Getrampel lies erahnen, dass die unten aufgereihten, altgedienten Rekruten die Treppe hinauf stampften. Der Alte packte von Wurm an den Schultern und schüttelte sie viel zu heftig. "Rekrutin!"
"Sör! Was ist passiert?", rief Fynn, der dicht gefolgt von Boris in den Raum stolperte. Der schlaksige Zweite war in dem Bemühen versunken wenig erfolgreich das Schwert aus der Scheide zu zerren, indessen ihm gar nicht auffiel, dass sein weit ausschreitender Fuß Klara Morgän erwischte und den Gnom quer durch den Raum schleuderte.
"Unbekannter Schütze!", brüllte Pismire über den Lärm hinweg. "Sofort das Wachhaus verlassen und ausschw-"
Eine drückende Stille senkte sich über das gesamte Gebäude und verschluckte die Worte des Hauptmanns. Es war, als hätte der Alte Tom geschlagen.
Alle Bewegungen schienen eingefroren.
Doch nur einen kurzen Moment.
Ein ungeheuerliches Krachen ertönte im Untergeschoss. Das gesamte Wachhaus erbebte.
Dann, eine Wolke aus Glassplittern, Holzstückchen und Gliedmaßen vor sich her treibend, fegte eine gewaltige Feuersäule durch dass Treppenhaus und drang unter dem miasmatischen Gestank von kalten Blitzen und der Hitze eines Schmelzofens in den Unterrichtsraum ein.
Pismire spürte das alles verzehrende Brennen am gesamten Körper und fühlte, wie er hinfort geweht wurde wie ein Blatt, wie Gewalten an seinem Körper zerrten und der Schmerz tobte.
Dann wurde alles schwarz.

.oOo.

"Hauptmann Pismire, hier sprich Zentrale HEM, machen Sie Meldung."
Pismire keuchte. Unwillkürlich zog sich sein gesamter Körper zusammen. Die Erinnerung an die Schmerzen war derart intensiv, dass der Ältere nur verkrampft liegen bleiben konnte, mit einer Hand immer wieder auf den Boden schlagend, dem eigenen, stoßweisen Atem lauschend.
Doch da war kein Schmerz.
"Hauptmann Pismire, hier sprich Zentrale HEM, machen Sie Meldung."
Langsam dämmerte dem Wächter, dass er nicht verbrannt, dass seine Organe nicht in alle Richtungen geplatzt waren. Was war passiert? Was, bei allen Höllen, war passiert?
"Hauptmann Pismire, hier spri-"
"Schnauze!" Verzweifelt versuchte er, seine Gedanken zu ordnen. Es gelang nicht.
"Schön, dass Sie da sind, Hauptmann." All die entsetzten Gesichter, die leeren Blicke, das Feuer... "Ich hatte schon fast die Hoffnung aufgegeben, dass-"
"Schnauze, habe ich gesagt!" Noch immer hielt der Hauptmann die Augen fest verschlossen, während er die ominöse Stimme anschrie. Eine Explosion. Das war es. Die Kröselstraße war explodiert. Das Wachhaus. Und er... War es nur ein Alptraum gewesen? Aber es hatte sich so real angefühlt... Die Angst, der Gestank, der Druck, das Brennen... dieses unerträgliche Brennen...
"Hauptmann, es tut mir leid, aber-"
"Was?", zischte Pismire.
"Wir haben nur wenig Zeit. Wo befinden Sie sich?"
"Woher soll ich das wissen? Sag du es mir."
Der, wohl männliche, Sprecher seufzte. "Das kann ich nicht. Ist es dunkel?"
"Keine Ahnung, ich habe die Augen zu."
"Dann öffnen Sie sie... Bitte."
Eigentlich hatte der altgediente Wächter keinerlei Lust den Aufforderungen dieses affektierten, aufgeblasenen Wichtigtuers Folge zu leisten, doch irgendwann musste er die Augen auf machen. Nach einigen Bemühungen entspannte sich der Körper weit genug, dass Pismire immerhin ansatzweise das Gefühl hatte, Herr seiner Sinne sein zu können. Der Boden unter ihm war... nachgiebig, doch nicht sehr. In etwa so wie unprofessionell fest gestampfte Erde oder eher noch Filz. Es folgte auch kein blendender Lichtstrahl durch die sich hebenden Lider, wie erwartet. Alles in Allem war es eher... langweilig.
Feuer, Panik, Schreie.
Der Ausbildungsleiter versuchte die Gedanken abzuschütteln und rappelte sich auf. Graues, unbestimmtes Licht erhellte die Umgebung matt. Er erblickte Stämme, die in die Höhe ragten... Nein... keine Stämme... Kordeln... oder eher Haare. Er war auf einem Teppich. Genauer: Er war auf seinem Teppich. Hinter ihm stand seine alte Hütte. Er war wieder bei den Munrung. Schamane der Teppichvölker.
"Was sehen Sie, Hauptmann?"
"Weniger Staub als erwartet", antwortete Pismire grimmig. "Was soll das hier?"
Sein unbekannte Sprecher räusperte sich. "Bitte folgen Sie meiner Stimme."
Der Offizier schüttelte den Kopf und ging um seine Hütte herum. Hatten die Haare immer so dicht gestanden? Sie waren ja nahezu undurchdringlich.
Sein Kräutergarten war völlig kahl gefressen, und dazwischen... "Chrystobella?"
"Wie bitte, Hauptmann?" Fragend zog die Ziege die Augenbrauen in die Höhe.
"Hast dich schon wieder los gemacht, um meine Arbeit zu zerstören, was?"
Die Ziege verzog unglücklich die Mundwinkel. "Hauptmann, bitte, konzentrieren Sie sich. Wie sehe ich aus?"
"Wie ein bösartiges Mistvieh."
Chrystobella seufzte. "Auch gut. So wichtig ist es nicht. Fühlen Sie sich in der Lage zurück zu gehen?"
Pismire lehnte sich an seine Hüttenwand, verschränkte die Arme und funkelte die Ziege, die er von Häuptling Glurk erworben hatte, misstrauisch an. "Wohin?"
"Zurück zu den Ereignissen. Wir müssen versuchen-"
"Wir? Ich weiß ja nicht einmal, wer du bist."
"Zentrale HEM. Es ist von äußerster Wichtigkeit-"
"- dass du mir erklärst, was der Mist soll, das sehe ich ebenso." Der Schamane schniefte bedeutungsvoll. "Zentrale Hämm ist kein Name und ich weigere mich mit einer Ziege zu reden, die keinen vernünftigen Namen trägt."
"Eine Ziege? Ich..." Chrystobella trabte nervös mit den Hufen. "Für so etwas haben wir keine Zeit, Hauptmann. Der Patrizier hat angeordnet-"
"Was hat der denn damit zu tun?", unterbrach ihn Pismire abermals wütend. "Und warum sollten wir keine Zeit haben? Werd' deutlich, verdammt! Ich bin soeben in die Luft geflogen, Mann, und meine Rekruten gleich mit!" Gestank, Beben, Feuer, Tod... Er schlug sich mit dem Handballen gegen die Schläfe, um die Erinnerungen zu vertreiben.
"Hauptmann!" Die Ziege klang nun verzweifelt. "Es stehen Menschenleben auf dem Spiel. Es hat einen Anschlag gegeben. Das Wachhaus in der Kröselstraße wurde heute morgen von einer Flammenwolke verschlungen. Die Wache geht von einer Bombe aus, aber die Untersuchungen laufen noch. Seine Eminenz, der Patrizier, hat Sorge, dass dies nur der Anfang einer Kette von Terroranschlägen sein könnte. Aus diesem Grund ist es von Monumentaler Dringlichkeit, dass Sie-"
"Terroranschläge? Wer sollte sich ausgerechnet das Rekrutenwachhaus dafür aussuchen? Wie geht es meinen Schützlingen?"
Seine Ziege stierte in an und schüttelte dann resignierend den Kopf. "Ich werde Sie nun wieder zurück schicken. Finden Sie heraus, was passiert ist und wer der Täter ist."
Pismire lachte verächtlich und völlig humorlos. "Du bist doch nicht ganz dicht. Wie soll ich-"

.oOo.

Dieses mal waren die Kopfschmerzen weniger schlimm. Ruckartig hob Pismire das Gesicht von seiner Tischplatte - mit dem Erfolg, dass sich die Welt kurz um ihn drehte.
Stöhnend massierte er beide Schläfen mit den Fingern. Träume? Wahn? Wirklichkeit?
Erst war er hier, dann war er wieder im Teppich und unterhielt sich mit seiner Ziege, die noch kein mal, an das sich der Schamane erinnern konnte, zuvor mit ihm gesprochen hatte. Außerdem war er sich eigentlich sehr sicher gewesen, dass Chrystobella weiblich gewesen war - kein maskulines Wesen konnte derart heimtückisch sein - weshalb der quäkende Bariton, mit der sie kommuniziert hatte, nicht so recht passen wollte.
Verwirrt rieb der Hauptmann den Dreck aus den Augen und sah zum Fenster. Ein grauer Morgen. Ganz so, wie in seiner Erinnerung...
Einen Raum unter ihm surrten Braggaschs Mechaniken.
Pismire stockte. Das konnte unmöglich sein! Nichts auf der Scheibe konnte geschehene Ereignisse wieder rückgängig machen! Gut, er war ein intelligenter Mann und zudem von magischer Begabung, aus diesem Grund revidierte der alte Mann den Gedanken auf: Es ist sehr schwer Geschehnisse zu verändern.
Aus den Gassen Ankh-Morporks drang ein Vogelzwitschern zu ihm herauf.
Fluchend ging er zur Tür und riss sie auf. Wie erwartet hastete Rekrut Creyente wenige Augenblicke später die Treppe hinauf.
"Sör!" Kurz durchschnaufend kam Weon zu stehen. "Die älteren-"
"Ja, danke Rekrut." Pismire musterte den jungen Mann eingehend. "Welchen Tag haben wir heute?"
Der Omianer blinzelte. "Ähm... Freitag, Sör."
"Datum?"
"Wohl der dreizehnte Juni, Sör."
Der ehemalige Schamane nickte. Das entsprach auch in etwa seinen Erinnerungen. "Danke, Rekrut, wegtreten." Weon salutierte und eilte davon. Auf der Treppe kam ihm Korporal Goldwart entgegen, dem er respektvoll auswich, was dieser mit einem überraschten und dankbaren Nicken quittierte.
Als der Zwerg seinen Vorgesetzten erblickte, salutierte er gewohnheitsgemäß.
"Guten morgen, Sör. Äh... gut geschlafen?"
Pismire antwortete nicht sofort, sondern nagte nur kurz an der Unterlippe, nachdenklich, bevor er an seiner schmuddeligen und unvollständigen Uniform hinunterblickte. "Kann man nicht gerade sagen, nein."
"Äh... oh." Unbehagliches Schweigen trat ein, während Braggasch sich gemustert fühlte. "Ich werde dann mal, äh, den Unterricht vorbereiten... Sör."
"Kennst du dich mit Quanten und sowas aus, Korporal?"
Die Frage traf Goldwart völlig unerwartet, dennoch blieb er neben dem Älteren stehen und antwortete: "Nun ja, äh, Sör. Mir fallen auf Anhieb drei Mechaniken ein, die einen Quantenantrieb verwenden, Zwei für die Gewinnung von einbeinscher suptimaler Quantenenergie... und dann gibt es da noch diesen interessanten Quantenmetabolismus, der bei einem zufälligen Aufeinandertreffen der hellfriedschen Bewegungsenergie mit-"
"Schon gut, danke. Weitermachen."
Der Korporal zuckte mit den Schultern, raffte die Materialien unter seinem Arm zusammen, was der Taube ein böses gurren entlockte, und ging den Flur hinunter, verschwand im Unterrichtsraum.
Pismire blieb alleine auf den Holzdielen zurück und dachte nach. Es gab mehrere mögliche Erklärungen für das ganze. Illusionen. Götterwirken. Einbildungen. Dämonen. Doch die Frage, die er sich nicht beantworten konnte war: Warum, zum Toifel? Warum?
Was hatte dieser Hämm gesagt? Herausfinden was passiert war? Nun, dann würde der Hauptmann dieses Spiel mitspielen und dann Antworten verlangen - bevor er seiner vorlauten Ziege den Hals umdrehte.
Kurz dachte er darüber nach, seine Uniform herzurichten, verwarf den Gedanken jedoch sofort wieder. Wieso in einer Wahnvorstellung auf gutes Aussehen achten? Vielleicht konnte er sogar Logiklücken im Konstrukt dieser ominösen Zentrale entdecken und einen Weg finden auszubrechen.
Die Rekruten warteten in der Tat hübsch aufgereiht am Fuße der Treppe im Flur. Über die Monate hinweg hatte man ihnen zumindest das Strammstehen beibringen können. Thurgrim Kurzarm, Theodosius von Butterhain, Weon Creyente, Boris Machtnichts, Fynn Düstergut, Rabbe Schraubenndrehr, Vinzent Trocken. Wäre die Situation nicht so verzwickt gewesen, hätte sich Pismire sicherlich an dem Anblick seiner Jungs und seines Mädels erfreuen können, nun aber erfüllte ihn ihr Anblick mit Unbehagen.
Nicht sonderlich synchron salutierten alle, als ihr Vorgesetzter den letzten Fuß von der Treppe nahm.
"Ja, sehr schön." Plötzlich wusste der Schamane nicht mehr weiter, fuhr sich unruhig mit der Hand durchs Haar. "Fynn, herkommen."
Düstergut drückte die Brust stolz durch und salutierte abermals. "Sör!"
"Du hast dich bei RUM beworben, richtig?" Pismire betrachtete sorgfältig das Gesicht des Jüngeren.
"Ja, Sör."
"Die Leitung dort wurde von Rogi übernommen, richtig?"
Der zukünftige Gefreite bekam große Augen. "Ähm. Nein, Sör. Tut mir leid, Sör, aber da musst Du falsch informiert sein. Feldwebel von Grauhaar ist dort noch immer Abteilungsleiter."
Die Augen des Hauptmanns verengten sich zu misstrauischen Schlitzen. "Lügst du mich auch nicht an, Rekrut?"
Fynn schluckte und sah hilfesuchend zu seinen Kameraden, die sehr bemüht waren, starr geradeaus zu schauen. "Ich... glaube nicht, Sör."
"Du... glaubst?"
"Ich weiß!", quiekte der Rekrut. "Ich meine, meinen Informationen nach ist dort kein Wechsel vorgenommen worden, Sör!"
Bevor der Bohrende weiter in den jungen Mann eindringen konnte, wurde die Eingangstür aufgestoßen und Jerome Schulz stürmte herein. Erschrocken blickte er auf die aufgereihten Rekruten und versteinerte.
"Salutieren", half ihm Pismire mürrisch aus, am Kopf von Fynn vorbei schauend.
"Natürlich... ähm, Sör!", kam es von Schulz, der daraufhin sicherheitshalber direkt zwei Mal salutierte. "Darf ich..." Er deute an Hauptmann und leidenden Altrekruten vorbei auf die Treppe.
"Du darfst. Ich werde euch später noch aufsuchen."
"Danke, Sör, wie Du meinst, Sör."
Sechzehn Augen verfolgten den eiligen Abgang Jeromes die Treppe hinauf.
Peinliche Stille trat ein, nur unterbrochen vom Schaben, mit dem sich der ehemalige Schamane nachdenklich über das Kinn strich.
"Sör, darf ich...", wagte Fynn einen Vorstoß.
Pismire verzog unwillig den Mund. "Schon gut, Rekrut." Schneller, als Düstergut erleichtert aufatmen konnte, sauste die Hand des Älteren vor und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige. Der Rekrut zuckte keuchend, schmerzerfüllt zusammen - und mit ihm die erschrockenen Aufgereihten.
"Tat das weh, Rekrut?"
Fynn sah seinen Ausbildungsleiter an, als sei dieser verrückt geworden. "Ja... ja, Sör." Etwas wie Zorn flammte in seinem Blick auf - fast völlig verdrängt von Verwirrung und Angst. Unsicher rieb er sich die schnell rot färbende Wange.
"Dann wirst du dich jetzt wehren", befahl Pismire, noch immer mit diesem argwöhnischen Gesichtsausdruck. Im Grunde seines Herzens tat ihm der Rekrut leid, doch er verdrängte das Gefühl indem er sich sagte, dass alles sowieso nur Phantasmorgie sei... Dennoch... Fynns Reaktionen waren so... verständlich. Das Rot seiner Wange so real...
"W... Was?"
"Es heißt 'Wie bitte?'."
"Wie bitte, Sör?"
"Du sollst dich wehren. Schlag mich. Verpass mir eine Ohrfeige, so fest du kannst."
"Aber, Sör, ich kann doch nicht..."
"Das ist ein Befehl, Rekrut."
"Aber-"
"Tu es!"
"Ich-"
"Tu es, Rekrut!"
Selbst Pismire überraschte die Kraft in der Hand, die sein Gesicht traf - Düstergut noch viel mehr. Der Kopf des Hauptmanns flog herum, seine Haare wirbelten durch die Gegend. Brennender Schmerz wallte heiß herauf.
Panisch bedachte Fynn Düstergut seine Hand mit einem Blick. "Sör! Ich wollte nicht! Es tut mir leid!"
"Schon gut", keuchte der Hauptmann. "Alles in Ordnung. Es war ein Befehl." Seine Finger kneteten die heiße Wange. "Meine Güte, hast du einen Schlag drauf, Junge. Ich hatte nicht erwartet, dass der Schmerz mit implementiert ist."
"Wa... Wie bitte, Sör?"
"Nichts weiter..." Pismire blickte in verstörte Gesichter. So kam er nicht weiter. Wo immer er war, entweder war es keine Illusion, oder derjenige, der sie gebaut hatte, wusste verdammt gut, was er tat. Zu allem Überfluss machte ihn diese Tatsache nur noch wütender. "Rekruten... ich fürchte, unsere Patrouille muss ausfallen. Ihr werdet nun alle nach Hause gehen."
Rabbe war diejenige, die zu Widersprechen wagte: "Aber, Sör, bei allem Respekt, wieso sollen wir...?"
"Wenn ich möchte, dass meine Befehle hinterfragt werden, Rekrutin, dann werde ich dich darauf hinweisen, danke." Schraubenndrehr errötete peinlich berührt. "Also: Ich möchte, dass ihr jetzt geht. Zieht euch nicht um. Verschwindet, wie ihr seid und verschwindet schnell, bevor ich es mir anders überlege. Wenn ich in einer-" Überraschte Ausrufe aus dem oberen Stockwerk, welche sich schnell zu panischem Schreien steigerten, unterbrachen seine Worte. "Scheiße", sagte Pismire voller Inbrunst.
"Sör, da ist was passiert, wir sollten...", stieß Weon Creyente hervor.
"Nein!", bellte der Hauptmann. "Ihr bleibt, wo ihr seid!"
Vielleicht war es die Ohrfeige, dachte er später, oder einfach rudimentärer Ungehorsam, doch der Rekrut Fynn Düstergut schnaubte nur kurz verächtlich und rannte los. "Da oben braucht man Hilfe!", rief er im Laufen und zog sein Schwert. Sein Freund Boris blickte kurz zu Pismire und nahm dann die Verfolgung auf.
"Rekruten! Hiergeblieben! Das ist ein Befehl!", brüllte der ehemalige Schamane.
Thurgrim schien völlig hin und her gerissen zwischen dem Wunsch zu Helfen und dem Wissen über eine Disziplinarstrafnahme, die dieser Tat folgen würde. Die Hand an der Waffe trat er unruhig von einem Fuß auf den Anderen. Den übrigen Rekruten erging es nicht anders. Nur Weon schien, wenn auch mit unglücklichem Gesichtsausdruck, wenig Probleme damit zu haben, den Befehlen des Hauptmanns folge zu leisten.
"Das Gebäude verlassen, sofort!" Pismire stürmte seinen beiden befehlsverweigernden Rekruten hinterher. Er hatte die Treppe noch nicht erreicht, da hörte er es. Das Brechen von Holz. Sein Blick flog herum.
Einer der Fensterläden war von außen aufgebrochen worden. Ein Gefäß von der Größe einer Bowlingkugel befand sich bereits im Flug. Der Alte beobachtete die trügerisch langsam anmutende Bahn des irdenen Gegenstandes und wusste doch, dass jeder Fangversuch zu spät kommen würde. Rekruten schrien, rissen Mund und Augen auf und stolperten wie in Zeitlupe von der Gefahrenquelle weg.
Pismire stand nur da und versuchte sich auf das vorzubereiten, was nun folgen würde.
Ohne Erfolg.
Trudelnd näherte sich die Tonkugel dem Boden, eine hübsche Flammenspirale hinter sich herziehend, gemalt von dem brennenden Lumpen, der aus einer Seite ragte.
Das Gefäß traf auf und zerbarst.
Drachenatem hüllte Pismire ein. Hier, nahe an der Explosion, waren die Auswirkungen noch stärker, doch dafür auch weniger schmerzhaft. Der alte Körper wurde zurück geschleudert, die Treppe hinauf. Er spürte, wie seine Knochen mehrfach brachen; Sein Körper zerschmettert wurde, als würden Feuer und Druck darum wetteifern, wer ihn zuerst umbrachte.

.oOo.

Pismire schrie.
Er schrie und schrie und schrie und schrie.
Er schrie, bis seine Stimme heiser versagte und dann noch ein wenig länger.
Stille klingelte in seinen Ohren, als das letzte keuchende Wimmern verstarb.
Wut, Schmerz, Versagen.
"Hauptmann Pismire, hier sprich Zentrale HEM, machen Sie Meldung."
In einer fließenden Bewegung sprang der ehemalige Schamane auf, packte seine Ziege an den Hörnern und schmetterte ihren Kopf auf den Boden. Blut spritze und verband sich mit Staub und Flusen. Das Knacken von Nasenknochen und brechenden Zähnen ertönte kurz auf der kleinen Lichtung hinter seinem Haus auf dem Teppich.
Pismire lies sich wieder fallen und verbarg das Gesicht schluchzend in den Händen.
"Was ist passiert, Hauptmann?", ertönte die männliche Stimme völlig unbeeindruckt.
Der Wächter benötigte einen langen Moment, um den Kopf heben zu können. Seine geröteten Augen blickten in die entstellte, eingedellte und blutige Schnauze Chrystobellas. Unfreiwillig, da die Lippen des Tiers weit aufgeplatzt waren, grinste sie ihn mit ihren verbliebenen, rot verschmierten Zähnen an. "Haben Sie die Täter erkennen können, Hauptmann?"
"Ich hasse dich", brachte der Verstörte hervor. Es war nicht sonderlich originell, aber es erfüllte ihn mit ungemeiner Befriedigung.
Die Ziege schwieg eine Weile. "Das ist bedauerlich, aber für die Mission nicht von belang. Sie haben geschrien, Hauptmann."
"Ich wurde verbrannt! Ich wurde zerschmettert!" Pismire schluchzte. Wieder traten ihm Tränen der Scham und der Verzweiflung aus den Augen.
"Das tut mir leid." Die Stimme klang ernsthaft mitfühlend. "Aber verstehen Sie doch, Hauptmann, ihre Mithilfe kann Leben retten und uns läuft die Zeit davon."
Der alternde Schamane versuchte sich zu sammeln. "Wie heißt du?"
"Hauptmann, ich..." Die verkrüppelte Ziege schwieg. "Kleinmuth", sagte sie dann. "Alexander Kleinmuth, von der Unsichtbaren Universität. Fünftes Semester. Sonderbeauftragter."
"Was bedeutet Hämm, Kleinmuth?"
"HEM. Hochenergetische Magie."
Pismire nickte stumm.
Chrystobellas zerstörtes Maul stieß seufzend Atem aus. "Hauptmann. Ich kann mir denken, was Sie durchmachen müssen, aber denken Sie an die Stadt. Denken Sie an die Zivilisten, die Ihr Opfer rettet."
"Es wird unangenehm warm", stellte der noch immer Sitzende abwesend fest und sah sich um.
"Das tut nichts zur Sache." Die Stimme seines Gegenübers nahm wieder ihren neutral-geschäftlichen Klang an. "Konnten Sie irgendetwas erkennen, Hauptmann?"
"Da war eine Kugel."
"Eine Kugel?"
"Eine Tonkugel. Brennend. Sie zerbracht auf dem Boden."
"Eine Bombe. Eine ihrer Abteilungen, ich glaube, sie nennen sie 'Suchen und Sichern', hat Spuren von Pulver Nummer Eins gefunden. Eine gewisse Laiza Harmonie hat einen Bericht vor kurzem an den Patrizier weiter geleitet." Chrystobella schüttelte sich. "Konnten sie den Täter erkennen?"
"Ich war auf dem Weg nach Oben..."
"Konnten Sie jemanden sehen?"
"Nein."
"Kann es einer der Rekruten gewesen sein?"
"Nein!" Pismire hatte nicht bemerkt, dass er aufgesprungen war. Die Hitze wurde unerträglich, Schweiß lief über sein Gesicht. "Sie sind alle... Es waren alle im Gebäude."
"Gut. Hauptmann, ich werde Sie nun wieder zurückschicken. Finden Sie den Täter. Finden Sie heraus, wer das war!"
Die Stimme des Hauptmanns versagte, als er kleinlaut wisperte: "Ich will nicht zurück..."
"Sie müssen. Machen Sie sich bereit."
"Warte! Ich weiß nicht-"

.oOo.

Während Pismire im Unterrichtsraum des Wachhauses saß und dem Gedanken nachhing, jenem immer wiederkehrenden Vogel das Goldkehlchen zu stopfen, trommelten seine Finger ungeduldig auf die Tischplatte. Es war wirklich unangenehm warm und stickig in diesem Raum - was sich nicht Wunder nahm: Immerhin war der Hochsommer nahe und die Belüftung im Wachhaus konnte bestenfalls als mangelhaft bezeichnet werden.
Die Tür zum Unterrichtsraum öffnete sich in jenem Moment, den der Hauptmann erwartet hatte.
Goldwart blinzelte überrascht. "Äh... Sör?"
"Bitte schließ die Tür, Korporal."
Etwas verunsichert schob der Zwerg den Durchlass mit dem Fuß zu, während er die Karte Ankh-Morporks, diverse Zettel sowie den Käfig mit der Taube in beiden Händen hielt. "Der Rekrut Creyente steht vor deinem Büro und klopft, Sör. Ich glaube er, äh, sucht dich." Umständlich legte Braggasch die Unterlagen auf dem Schreibtisch ab.
"Ich weiß", wischte Pismire den Einwurf beiseite. "Es gibt dringlicheres."
Fragend blickten blassgrüne Augen auf.
Der ehemalige Schamane legte die Fingerspitzen aneinander, ließ sich Zeit. Er nahm die Geräusche der Stadt gedämpft durch den geschlossenen Fensterladen wahr, spürte die sanfte, drückende Hitze der Jahreszeit, roch den aufdringlichen Duft der Taube und das Fett von Goldwarts Lederkleidung, bemerkte den eigenen, kalten Schweiß an den Handflächen. Nein, kein Traum, keine Wahnvorstellung...
"Was würdest du tun, wenn du jeden Tag immer wieder erleben würdest, Korporal?"
Burkhards Sohn kratze sich unbehaglich am Helm. "Sör, ich, äh, bin nicht gut in solchen Dingen..."
"Versuch es", ermutigte ihn Pismire, doch der Ausbilder blieb hartnäckig.
"Meistens gehe ich mit solchen Sachen immer zu Gürtel... äh, Sebulon Samaxsohn, Sör. Äh... er sagt mir dann, was ich zu tun habe."
"Dem Agenten?"
"Vorher war er Püschologe, Sör."
"Ah..." Der Blick des Hauptmanns verlor sich kurz in Überlegungen. "Interessanter Gedanke. Dennoch: Was würdest du tun?"
"Ich weiß nicht genau, äh, Sör. Erinnere ich mich denn an alles?"
"Ja. Leider. Und du hast nur wenig Zeit."
Nachdenklich wiegte Braggasch den Kopf hin und her. "Zeit genug, um immer ein Stück, äh, weiter an einem Bauplan weiter zu zeichnen?"
"Wahrscheinlich nicht", war die gemurmelte Antwort. Pismire lies sich auf einem der Plätze für die Rekruten nieder. "Du hättest eine Aufgabe zu erledigen."
"Dann ist das doch sehr einfach. Äh, ich würde die Aufgabe erledigen, denke ich."
"Du weißt nicht wie."
"Ich, äh, habe doch Zeit, oder, Sör? Dann finde ich einen Weg?"
Der Hauptmann schwieg. Goldwart hatte Recht gehabt - er war nicht sonderlich hilfreich.
Es klopfte.
Braggasch, der während des Schweigens seines Vorgesetzten die Karte an die Wand gepinnt hatte, öffnete die Tür.
"Bin ich zu spät?", quäkte es aus Bodennähe.
"Äh... nein. Nein, Rekrut, du bist, äh, pünktlich. Komm herein."
Misstrauisch warf Klara Morgän dem nachdenklichen Hauptmann einen Blick zu. "Soll ich später wiederkommen, Sörs?"
Der zwergische Ausbilder schüttelte den Kopf. "Alles in Ordnung. Du bist Erste, äh, Erster, aber, äh, hast alles richtig gemacht."
"Ich bin nicht der Erste", widersprach der Gnom und deutete in die Ecke. "Der Troll ist schon da."
Sowohl Goldwart als auch Pismire schauten überrascht ins Halbdunkel. Tatsächlich saß dort Apatit, groß und grau. Und völlig unbeweglich.
Der Hauptmann senkte bedrohlich die Augenbrauen. "Warum hast du dich nicht zu erkennen gegeben, Rekrut? Antworte!"
"Oh, gibt es heute Doppelunterricht?", wollte Ardor Fernel wissen, der lächelnd gemeinsam mit Domino und Dagomar Ignatius Volkwin von Omnien den Raum betrat.
Bevor der ehemalige Späher antworten konnte, mischte sich Pismire ein, dessen Stimme immer misstrauischer klang. "Wo kommt ihr her, Rekruten? Ich habe euch nicht die Treppe hinauf kommen sehen!"
Fernels Lächeln geriet ins Schwanken. "Natürlich nicht Sör, du warst ja auch hier drin..."
Während Braggasch Gesicht einen nachdenklichen Zug annahm, verfinsterten sich die des Hauptmanns beträchtlich. "Ich bin es leid, meine Fragen erklären zu müssen. Du bist jetzt bei der Wache, Junge, ein Rekrut. Wenn ich etwas wissen will, dann antwortest du, und zwar wahrheitsgemäß und schnell."
"Selbstverständlich, Sör!", erwiderte Ardor schleunigst. Zusätzlich salutierte er - seine gute Laune war verflogen. "Wir haben uns im Büro getroffen, Sör... in dem der Rekruten, nebenan." Er deutete hinter sich, wo ein Stau der übrigen Jungrekruten auf dem Flur entstand. Dazwischen stand Weon und versuchte höflich die Aufmerksamkeit des Hauptmanns zu erregen. "Alle, bis auf Klara und Jerome, Sör. Wir wollten... uns auf den Unterricht vorbereiten."
Pismire schnaubte. "Natürlich wolltet ihr das. Dann kommt rein und steht da nicht dumm herum." Sein Blick fixierte den Gnom. "Was ist mit dir, Rekrutin, wo kamst du her?"
Klara wollte schon wie üblich protestieren, unterließ dies jedoch, als er der misstrauischen Mine des Ausbildungsleiters bewusst wurde. "Ich hatte keine Lust, Sör. Deshalb hab' ich unten ausgeschlafen und bin dann erst hoch... Und, bitte, ich bin keine Rekrutin, Sör."
"Dann musst du die Treppe hinauf gekommen sein - am Eingangsbereich vorbei."
"Ja, Sör, da standen die älteren Rekruten aufgereiht und haben gewartet, Sör, aber mich haben sie nicht gesehen", nickte Morgän.
"Immerhin bist du sehr klein...", sinnierte Pismire an niemand bestimmten. "Warum antwortet der Troll nicht, Korporal?"
Goldwart hielt in seiner Arbeit, die Jüngeren an ihre Plätze zu verweisen, inne und musterte den für seine Verhältnisse langweilig sandsteinfarbenen Steinriesen kurz. "Äh... nun ja, äh, Sör. Apatit ist... äh... recht einfach. Vielleicht findet er keine Worte?"
"Sör", ertönte es von der Tür, "dürfte ich wohl kurz..."
"Nein, Rekrut Creyente", schnitt ihm der ehemalige Schamane ungehalten das Wort ab. "Du darfst nicht. Geh runter und sag den anderen, sie sollen warten."
Der Omnhianer salutierte zackig und eilte davon - nur um am Treppenabsatz mit Jerome Schulz zusammen zu krachen. Stöhnend wurden beide Rekruten von dem Aufprall zu Boden geworfen.
"Äh... Spühle, Dagomar, helf ihnen, äh, bitte", befahl Braggasch und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. "Rekrut Schulz, warum so spät?"
"Verschlafen...", nuschelte Jerome und lies sich auf seinen Platz helfen.
"Na, Hauptsache, du bist, äh, noch gerade so pünktlich. Gut, dann... äh, Sör, möchtest du mitmachen?"
Pismire wurde aus seinen Gedanken gerissen. "Bitte?"
"Möchtest du am Unterricht teilnehmen, Sör?"
"Nein, ich denke nicht. Danke. Weitermachen, Korporal." Schwerfällig erhob sich der Hauptmann von seinem Sitz und stapfte zur Tür.
"Danke, Sör. Gut, äh, wenn sich dann bitte alle hinsetzen würden? Ardor, bitte.. äh... was zum...?" Das Fenster öffnete sich von außen und ein steinernes Gesicht blickte hinein. "Ah... äh... Yuka, richtig? Gut, äh, wenn du-"
"Weg von dem Fenster!"
Der gesamte Raum zuckte fürchterlich zusammen, als Pismires Ruf ertönte. Der Hauptmann hatte gerade die Tür hiner sich ins Schloss fallen lassen wollen, als er Braggaschs Worte vernommen hatte, nun stand er mit panischem Blick und angespanntem Körper wieder im Unterrichtsraum.
"S... Sör?", stammelte Burkhards Sohn, doch bevor er eine Antwort erhalten konnte, kündete das dumpfe Krachen vor dem Wachhaus an, dass Yuka allem Anschein nach vor Schreck den Halt verloren und vom Dach gestürzt war. "Rekrut!", kreischte der blondgelockte Ausbilder und wollte zu Öffnung springen, doch Pismire war schneller.
Mit zwei langen Schritten hatte er seinen Untergebenen eingeholt und bei der Schulter gefasst, war an ihm vorbei geglitten und hatte sich vor ihm aufgebaut, den Rücken zum Fenster. "Ich weiß, das klingt verrückt, aber du darfst da nicht hingehen, Korporal, ich werde dir alles erklären, aber jetzt musst du mir zuhören: Wir-" Ein nahezu sanftes Rucken lief durch Pismires Körper.
Verwirrt öffnete er den Mund und schloss ihn wieder, als die Welt begann, an den Rändern schwarz auszufransen. Nachdenklich blickte er auf Goldwart hinunter, den er noch immer an der Schulter gepackt hielt. Die Augen des Korporals traten aus den Höhlen. Er schrie irgendetwas, aber seine Stimme war anscheinend kaputt, denn Pismire konnte ihn kaum verstehen.
Beruhigend wollte er auf den Zwerg einreden, doch aus irgendwelchen Gründen konnte er seinen Kiefer nicht bewegen. Unverständlich stellte der ehemalige Schamane fest, dass sein Blickfeld immer eingeschränkter wurde, immer Tunnelartiger. Schon konnte er die zappelnden Rekruten nicht mehr erkennen, sah nur noch Braggasch, der irgendwelche tonlosen Befehle rief, durch die Gegend deutete und völlig verängstigt aussah.
Plötzlich kippte die Welt. War er hingefallen? Warum konnte er denn nicht mehr aufstehen?
Es wurde irgendwie unangenehm kalt im Raum, während sich der Tunnel weiter verengte. Noch konnte er die weichen Stiefel des Korporals erkennen.
Dann nichts mehr.
Alles schwarz.

.oOo.

Stumm starrte der Schamane seine Ziege an. Wie lange er nun reglos saß, wusste Pismire nicht mehr, jedoch war es schon eine ganze Weile her, dass Kleinmuth zum letzten mal versucht hatte Kontakt zu ihm aufzunehmen. Nach dem ewigen 'Machen Sie Meldung' hatte der Sprecher versucht zu betteln, anschließend hatte er geschmeichelt und schließlich gedroht.
Pismire war still geblieben. Hatte Chrystobella nur gemustert, deren Schnauze wie durch Zauberhand wieder ihre Ursprungsform angenommen hatte, und nachgedacht.
Schmerzen, Schreie, Verwüstung.
Es war still um seine Hütte. Zu still. Kein Wind ging, kein Faden bewegte sich. Nur das Tier vor ihm schnaufte.
Der Hauptmann musste den Rand seiner Lichtung, die eng stehenden Haare, nicht abschreiten, um zu wissen, dass er keinen Ausweg finden würde. Ebenso konnte er sich gut vorstellen, dass ihm ein Blick in seine Hütte all das zeigen würde, was er erwartete.
Einer kurzen Eingebung folgend erhob er sich, klopfte den Staub von der Hose und betrat sein ehemaliges Heim, um sich eine Tasse Tee aufzubrühen.
Als er wieder nach draußen trat, nicht nur bewaffnet mit dem gewünschten Heißgetränk, sondern auch einem Beutel Gebäck aus Ziegenkäse, den er an der üblichen Stelle im Schrank gefunden hatte, war die Entscheidung, nicht länger zu schweigen, gefallen.
"Alexander? Wo bin ich hier?", wandte sich Pismire an die Ziege.
Es dauerte eine Weile, bis Kleinmuths Stimme ertönte. "Hauptmann? Schön, dass Sie ihren Protest aufgegeben haben. Ihr Standort ist nicht von Belang, wir müssen-"
"Was von Belang ist und was nicht, hast du nicht zu entscheiden", unterbrach der Schamane ruppig. "Ihr seid auf mich angewiesen, nicht umgekehrt. Also: Wo bin ich?"
Chrytsobella trabte auf der Stelle und plusterte die Wangen auf. Nichtsdestotrotz ließ die Antwort eine Weile auf sich warten - und als sie kam, wirkte sie unsicher. "Ich werde Sie nun wieder zurück schicken, Hauptmann, damit Sie-"
"Wenn du das tust, werde ich in meinem Zimmer sitzen bleiben bis ich explodiere", stellte Pismire trocken fest. Als die Reaktion ausblieb, fügte er hinzu: "Das habe ich vorhin schon einmal gesagt. Ich bin dieses Spiel leid. Du erklärst mir, wo ich bin und wieso. Du beantwortest alle meine Fragen, bis ich zufrieden bin und dann helfe ich dir vielleicht. Da du dich immer noch mit mir beschäftigst, gehe ich davon aus, dass ich dein... oder euer, je nachdem... einziges Versuchskaninchen bin. Ich sitze hier also am längeren Hebel - und bevor du jetzt wieder mit dem 'Wir haben keine Zeit'-Blödsinn anfängst, kann ich dir direkt sagen: Falsch. Du und der Patrizier, ihr habt keine Zeit, wenn ich das richtig interpretiere. Ich hingegen habe Tee und Kekse, einen milden Tag und die angenehm schnaufende Gesellschaft einer Ziege... und überhaupt kein Problem damit, mich zurückzulehnen und zu dösen. Klar soweit?"
Schweigen.
Dann: "Hauptmann Pismire? Können! Sie! Mich! Hören?" Chrystobellas Stimme hatte sich verändert. Nicht nur, dass sie jetzt langsam, deutlich und jedes Wort betonend sprach, sie klang nun auch dunkler und mehr von sich überzeugt.
"Sie können ganz normal reden, Erzkanzler, er kann sie hören. Ganz, wie ich ihnen versprochen habe", unterbrach sich die Ziege selber mit dem üblichen Quäken Alexanders.
"Mund halten, Kleinmuth. Hauptmann?"
Der Schamane konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, während das haarige Mistvieh im Kräutergarten seinen monologischen Dialog führte. Er biss genüsslich in einen Keks und lies sich Zeit mit der Antwort.
"Siehst du, Kleinmuth, er hört mich nicht", dröhnte Chrystobella.
Dann seufzte sie. "Er kann Sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hören, Erzkanzler. Hauptmann, bitte, sagen Sie es ihm!"
"Nur grenzend, was?" Fragte die Ziege. "Ist ihr Dingsbums kaputt gegangen?"
"Nein, Erzkanzler, wirklich, wenn Sie kurz Gedult haben könnten..."
"Wofür ist denn das hier gut?"
"Bitte legen Sie das wieder zurück!", flehte das Tier. "Das sind sehr empfindliche thaumaturgische Materialien!"
"Also es sieht ziemlich kaputt aus..."
"Das muss so sein, Erzkanzler, Hex benötigt diese Gegenstände genau so, wie-"
"Erzkanzler Ridcully?", unterbrach Pismire - er hatte sich genug amüsiert.
Chrystobella grunzte zufrieden. "Sehen sie, Kleinmuth? Ich habe es repariert!"
Bevor der Zauberer im fünften Semester protestieren konnte, sprach der Wächter schnell weiter: "Ich möchte nicht uncooperativ erscheinen, Erzkanzler, aber ich verlange zu wissen, was mit mir passiert."
"Natürlich." Pismire konnte nahezu hören, wie der ältere Magier sich nachdenklich am Bart zupfte. "Dennoch sollten Sie sich darüber im Klaren sein, dass wir Sie notfalls auch zwingen können, uns zu helfen. Kleinmuth hier ist der festen Überzeugung, einen grandiosen wissenschaftlichen Durchbruch erzielt zu haben. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, könne wir sie immer wieder... wie nennst du es, Kleinmuth? Zurückschicken?"
"Was Ihnen nichts bringen wird..."
Chrystolbella prustete ungeduldig. "Ich habe gehört, was Sie gesagt hatten, Hauptmann, als ich mich mit Kleinmuth über die Fortschritte unterhalten habe. Von wegen im Zimmer sitzen bleiben und so. Ich bitte Sie. Sie sind ein Wächter. Ich habe keine besonders hohe Meinung von ihrer Institution, da bin ich ehrlich, Hauptmann. Die Stadtwache ist meiner Meinung nach unorganisiert und unzuverlässig. Trotzdem: Auch, wenn Sie das alles für eine Einbildung halten, werden Sie nicht zulassen, dass Ihre Leute da unten leiden. Mit anderen Worten: Wir können Sie immer wieder zurückschicken und warten, bis Ihr eigenes schlechtes Gewissen dafür sorgt, dass Sie herausfinden, was wir wissen wollen. Bisher gab es keine neuen Anschläge, doch Sie wissen selber, dass der Patrizier kein geduldiger Mann ist. Ihre heißgeliebte Wache tappt bisher was den Anschlag angeht noch völlig im Dunkeln. Kleinmuth hier behauptete, dass seine Forschungen zum Erfolg führen würden, also habe ich mich ein wenig für ihn eingesetzt und der gute Vetinari war so freundlich, ihn mit den nötigen Befugnissen und neusten Erkenntnissen auszustatten. Sie sind nun bereits einen halben Tag bei uns, Hauptmann, auf Grund Ihrer kindischen Weigerung uns weiter zu helfen. Pures Glück hat bisher dazu geführt, dass die Attentäter noch kein weiteres Leben eingefordert haben, aber was glauben Sie, wie oft der Patrizier bisher nach Fortschritten fragte? Abgesehen von weiteren potentiellen Opfern hängt somit also noch der ein oder andere Kopf vom Erfolg dieses Experimentes ab, Hauptmann - und wie mir Kleinmuth berichtete, waren sie bisher nicht so hilfreich, wie er es sich gewünscht hatte. Soviel also zu ihrem Standpunkt. Sie verlieren nichts, wenn sie uns helfen... Aber Sie schaden sehr vielen Menschen mit Ihrem Trotz.
Und nun...", Erzkanzler Ridcully machte eine lange und bedeutende Pause - Pismire füllte sie nicht, ihn hatten die Worte des Zauberers nachdenklich gestimmt. "Kleinmuth, sag dem Hauptmann, was er wissen will."
"Aber Erzkanzler", jammerte Chrystobella. "Er wird-"
Die Ziege stieß ein Knurren aus. "Zumindest hilfreicher sein als bisher. Gib ihm seine Antworten, und dann führt ihr beide diesen Mummenschanz zu einem zufriedenstellenden Ende." Im Anschluss an seine Worte gab das Tier klackende Geräusche von sich - Absätze auf Steinplatten, die sich entfernten. Pismire fragte sich kurz, seit wann das Oberhaupt der Unsichtbaren Universität festes Schuhwerk anstatt der üblichen, weichen Pantoffeln trug, entschied dann aber, dass Ridcully, nach allem was man hörte, ja sowieso anders als der übliche Zauberer war.
"Nun", tönte Kleinmuths Stimme verschnupft, "Sie haben den Erzkanzler gehört. Ich halte es für töricht, Sie mit mehr Informationen zu belasten als Sie für den Auftrag benötigen, aber das liegt wohl nicht mehr in meiner Entscheidungsgewalt. Also fragen Sie, Hauptmann."
"Danke", murmelte der Wächter ehrlich. "Dann zurück zu meiner Eingangsfrage: Wo bin ich?"
"Das kann ich ihnen nicht sagen."
"Wieso?"
"Weil ich ihre Umgebung nicht sehen kann, Hauptmann."
Pismire verdrehte die Augen. "Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen, Mann!"
Chrystobella seufzte. "Ihr Aufenthaltsort bestimmt sich nach Ihren eigenen, unterbewussten Gedanken. Sie befinden sich im Horse Code. Einer... nun, magischen Zwischenwelt, von mir entwickelt, von unserem... ähm... halborganischen Mitarbeiter Hex entworfen und kreiert."
"Halborganisch?"
"Er... Oder so: Teile von ihm sind organisch. Beispielsweise die Ameisen. Er lehnt es ab, weiterhin als Maschine behandelt zu werden." Alexander Kleinmuth von der Zentrale HEM klang ein wenig kleinlaut.
"Und was genau ist dieses Ho-as..."
"Horse Code. Das ist ein Begriff aus dem alten Überwaldianisch. Code ist etwas, das entschlüsselt werden muss, ein Rätsel, wenn sie so wollen."
"So, wie du versuchst zu entschlüsseln, mit was genau du hier eigentlich experimentierst", mutmaßte der Ausbildungsleiter.
Kleinmuth zögerte. "Nun... ich... ja, Hauptmann. Weitere Fragen? Sonst könnten wir-"
"Und Ho-as?"
"Das... es bedeutet: Pferd."
Schweigen.
Dann: "Wieso?"
"Ich glaube nicht, dass dies die wichtigen Informationen sind, von denen der Erzkanzler-"
"Wieso?"
"Hauptmann, ich-"
"Wieso?"
Chrystobella seufzte schnaubend. "Weil Hex Pferdeäpfel benötigt, um die Verbindung aufzubauen."
"Er braucht was?" Der Wächter konnte ein ungläubiges Lachen nicht verkneifen.
"Äpfel. Die Hinterlassenschaften von Pferden. Fragen Sie mich nicht wieso, es ist einfach so. Wahrscheinlich ist es die große Menge an Energie, die in solche... Dingen steckt."
"Du hast deine wertvolle Arbeit wirklich Pferde-Kot genannt?"
"Horse Code, Hauptmann, dass ist nicht das gleiche-"
"Wieso nichts Latatianisches? Irgendwas mit Equus?"
"Hauptmann!" Der Zauberer schrie fast. "Es reicht jetzt, denke ich. Sie sind dort, nennen Sie es, wie Sie wollen. Fakt ist, dass es Ihre eigene, kleine Welt ist."
Pismire nahm einen Schluck Tee und versuchte zu folgen. "Erst erklärst du mir, dass alles hier meinem Unterbewusstsein entspricht, dann behauptest du euer Hex hätte es gebaut, jetzt ist es wieder meins. Was denn nun?"
"Hex zapft Ihre Gedanken an, Hauptmann, um eine möglichst vertraute Umgebung zu schaffen."
"Deshalb konnte ich nicht borgen", murmelte der Schamane mehr zu sich selbst.
Kleinmuth ging dennoch darauf ein. "Wie bitte?"
"Ich habe versucht in den Geist Chrystobellas... der Ziege, mit deren Maul du sprichst, einzudringen. Es hat nicht funktioniert. Sie existiert ja auch nur in meinem Kopf."
"Sehr gut, Hauptmann." Alexander klang nicht wirklich begeistert.
"Aber wenn du in ihr steckst, wieso kannst du das Drumherum nicht sehen?"
"Ich stecke nicht in ihr, Hauptmann. Die... Ziege ist nur ein Sprachrohr, eingerichtet von Hex, entwickelt aus ihren Gedanken, um die Kommunikation einfacher zu gestalten. Ich selbst höre nur Ihre Stimme, ohne irgendwie sonst auf Ihre Welt eingreifen zu können oder sie mit anderen Sinnen wahrzunehmen." Die Stimme seines Gesprächspartners vermittelte eindeutige Ungeduld. "Wenn das alles war, können wir-"
"Wie konntest du den Kommandeur davon überzeugen, mich von meiner Arbeit abzuziehen, um mit meinem Kopf eine Zwischenwelt zu bauen, während der Mörder von über fünfzehn Rekruten noch immer frei herum läuft? Wieso bin ich überhaupt noch am Leben? Anscheinend ist das, was ich immer wieder durchleben muss, ja wirklich passiert? Wie kommt es, dass ich noch immer frisch und munter mit einer Ziege plaudere, während das Ausbildungswachhaus in Trümmern liegt? Ich erinnere mich nicht."
"Der Verlust der effektiven Erinnerung scheint ein nötiges Übel zu sein, um genau diese Erinnerungen immer wieder aufzurufen", erklärte der Zauberer ausweichend.
Pismires Gedanken wanderten bereits weiter, so dass er nicht merkte, dass ihm nur ein Teil seiner Fragen beantwortet worden war. "Und diese Erinnerung existiert nur vom Aufwachen bis zur Explosion..."
"Genauer gesagt umfassen diese Rückblicke exakt eine Zahl zwischen Sieben und Neun in Minuten."
"Sie meinen ich habe immer genau-"
"Bitte, Hauptmann", unterbrach Kleinmuth hastig. "Sie befinden sich in einer hochmagischen Existenzphase, jede Aussprache jener bestimmten Zahl könnte zu Fluktuationen führen."
"Alexander", sagte Pismire ernst, "ich befinde mich in meinem Kopf und habe jene ach so gefährliche Zahl jetzt schon mehrfach gedacht. Glaubst du nicht, dass bisher schon irgendetwas passiert wäre, wenn das alles hier so instabil wäre? Warum also... Ich meine wieso genau... Ach, verflucht! Warum eine Anzahl Minuten in Höhe Der-Zahl-die-nicht-genannt-wird?"
Chrystobella hatte scharf die Luft eingezogen, als der Schamane kurz davor stand, jene Nummer auszusprechen. Da er es doch nicht tat, stöhnte sie erleichtert. "Ich würde Sie bitten, solche Experimente zu unterlassen, Hauptmann, Sie gefährden damit alles, was ich in vielen Monaten erforscht habe. Nun denn. Die Sieben-A ist, wie Ihnen bekannt sein dürfte, von großer magischer Bedeutung. Deshalb eine oktarine Zeitangabe... schätze ich. Bedenken Sie, Hauptmann, dass noch alles in der Phase der Forschung steckt. Sie sind der Prototyp, Hauptmann, doch wenn es funktioniert, wird das einen gewaltigen Schritt in der Verbrechensbekämpfung bedeuten."
"Irgendwie hat es mir besser gefallen, als du mich noch mit Samthandschuhen angefasst und nicht als 'Prototyp' bezeichnet hast, Alexander", warf Pismire säuerlich ein.
"Sie wollten es so, Hauptmann", hielt dieser ungerührt dagegen.
"Und wieso ich?"
"Neben ihrem qualitfizierenden Genie, meinen Sie? Nein, Sie müssen nicht antworten, Verzeihung. Es liegt an ihrer magischen Begabung, Hauptmann, zu keinem anderen hätte Hex sonst eine passende Verbindung aufbauen können."
Der Schamane nickte in sich hinein, merkte dann jedoch, dass ihn Kleinmuth anscheinend ja nicht sehen konnte. "Ich muss ein wenig darüber nachdenken."
"Könnten Sie mir, während Sie das tun, Ihre Erfahrungen vom letzten Mal schildern, Hauptmann?"
Der Wächter sammelte seine Gedanken. "Es müssen zwei Täter sein, mindestens", schlussfolgerte er.
"Wieso?"
"Einer warf die Bombe, der Andere erschoss meinen Korporal, vermutlich mit einer Armbrust... und zuletzt war ich sein Opfer...", schilderte Pismire, brach dann jedoch nachdenklich ab.
Seine Ziege ließ den Kopf hin und her pendeln, anscheinend wenig überzeugt. "Dann kann ich Ihre Kollegen zumindest gezielt nach einer Bolzenspitze suchen lassen... die Nadel im Heuhaufen... mit viel Glück kann man die Waffe zurückverfolgen... Das ist ein Anfang, aber bei Weitem nicht genug, Hauptmann."
"Wie kommt es, dass ich im letzten Durchlauf gestorben bin, bevor die Explosion kam - also bevor die... entsprechende Anzahl Minuten abgelaufen war?"
"Der menschliche Geist... oder was immer Sie auch genau sind... könnte eine Todeserfahrung, die er überlebt, nicht verkraften, will ich meinen. Die Erinnerung endet dann an dieser Stelle", versuchte Kleinmuth zu erklären.
Tief versunken murmelte der Schamane: "Und wenn ich die Zeit überleben würde?"
"Sie befinden sich in einem Konstrukt, Hauptmann. Ich wage zu behaupten, dass Sie in jener Welt immer vor dem endgültigen Zeitpunkt zu Tode kommen, so oder so. Und wenn Sie ein Drache verschluckt. Denn danach würde nichts kommen. Sobald sich die Explosion ereignete, enden ihre Erinnerungen."
"Wieso?"
"Hauptmann, wir drehen uns im Kreis. Ich werde müde es zu betonen: Uns läuft die Zeit davon. Könne wir nun endlich weiter machen?"
"Eins noch: Ich habe Dinge gesehen, die ich nie erlebt haben kann. Ich kann nicht gleichzeitig unten bei meinen Rekruten und oben in Korporal Goldwarts Unterricht gewesen sein. Wieso kann ich also jetzt solche Dinge rekapitulieren?"
Chrystobella verdrehte die Augen. "Das Gehirn speichert für einen kurzen Zeitraum sehr viel mehr, als nur das, was die fünf Sinne wahrnehmen. Haben Sie schon mal etwas von Quanten gehört? Wahrscheinlich nicht, das ist hohe Zauberei. Stellen Sie es sich wie Schwingungen vor, die von überall auf ihr Hirn einprasseln und abgespeichert werden - für genau diese sieben-a Minuten, denn alles darüber hinaus würde die Speicherkapazität des Gehirns überlasten. Das ist es, was sie nun nacherleben können. Und alles, was außerhalb der Schwingungsreichweite liegt, füllen Sie mit Ihrer Phantasie."
"Also doch Quanten, ich wusste es!", rief Pismire aus.
"Hauptmann?"
"Schon gut..."
"Wenn Sie meinen. Können wir dann?"
Der Ausbildungsleiter atmete noch einmal tief ein und aus. "Ich bin bereit."
"Denken Sie daran: Wir brauchen eine Beschreibung der Täter - alles, was Sie an Informationen aufschnappen können, hilft uns weiter, um-"
"Ich denke, ich weiß schon sehr genau, was ich zu tun habe."
"Gut." Die Ziege ließ die Ohren schlackern. "Also los."

.oOo.

Auf sein erstes Klopfen folgte Stille. Pismire hoffte, dass der Gesuchte auch in seinem Büro sein würde. Der ehemalige Schamane war ziemlich außer Atem, da er den nicht unbeträchtlichen Weg hierher rennend hinter sich gebracht hatte, um möglichst viel Zeit zu haben.
Zugegeben, die Rekruten hatten ein wenig befremdlich geguckt, als er den armen Weon beinahe umgerannt hatte und dann aus dem Wachhaus auf die Kröselstraße gestürzt war, die schwachen Kopfschmerzen und den fröhlich zwitschernden Vogel ignorierend.
Aus dem Raum erklang ein erwartungsvolles: "Herein?"
Pismire dankte allen Göttern, die ihm gerade einfielen, und drückte die Klinke herab.
Das Büro war recht nüchtern gestaltet. Durch verstärkte Wände wirkte es klein und erdrückend, die Vorhänge waren zugezogen und das einzige Licht kam von Kerzen in Gläsern. Harte Stühle, mit Vorhängeschlössern gesicherte Aktenschränke... bis auf das Bild im Hintergrund, was aus irgendwelchen Gründen eine Backware zeigte, war das Zimmer nicht gerade einladend hergerichtet.
Hinter seinem Schreibtisch saß Sebulon Sohn des Samax, der sich nun etwas verspätet erhob und salutierte. "Verzeih mein Zögern, Sir, ich bekomme nur selten Besuch."
"Schon gut, Chief-Korporal", japste der Ältere und versuchte, zu Atem zu kommen, während er den Gruß nachlässig erwiderte. "Ich bin nicht an deinen Fähigkeiten als Agent interessiert, sondern an denen als Püschologe."
Sebulon bot dem Hauptmann mit einer Geste den einzigen, harten Stuhl vor seinem Tisch an. "Obwohl du sicher deine Gründe hast, genau mich aufzusuchen, komme ich nicht umhin, dir mitzuteilen, dass ich nicht mehr als Püschologe tätig bin, Sir. Mit anderen Worten: Ich bin nicht mehr an Schweigepflichten und ähnliches gebunden. Des weiteren muss und werde ich alles, was ich in einem Gespräch erfahre, für meine nachforschenden Tätigkeiten als IA-Agent nutzen."
Pismire wischte den Einwand beiseite. "Das ist mir vollkommen klar, Chief-Korporal, ich hatte nichts anderes erwartet. Dennoch hat dich Korporal Goldwart mehrfach empfohlen. Meine Einschätzung war: Jemand, der es schafft Goldwart gesellschaftsfähig zu machen, muss über eine gewisse Kompetenz verfügen." Er setzte sich.
"Vielen Dank."
"Ganz abgesehen davon muss ich davon ausgehen, dass du eine Ausgeburt meiner eigenen Phantasie bist - im Grunde diskutiere ich also mit mir selber. Da wäre es völlig egal, wen ich als Gesprächspartner auswähle, solange ich davon ausgehe, dass er fähig ist."
Sebulon klappte die Akte, die auf der Tischplatte lag, zu und lehnte sich zurück. "Das erscheint mir sehr... abstrus, muss ich sagen, Sir."
"Mehr als du glaubst. Mehr als du glaubst."
Pismire konnte erkennen, dass er das Interesse des Agenten geweckt hatte. Die Augen des Zwergs glitzerten nahezu, als er in seinem abgelegten Püschologendschob abermals tätig werden konnte. "Erzähl mir davon, Sir."
"Dafür bin ich hier. Ich suche nur einen Anfang." Jetzt, wo er die Entscheidung, wichtige Zeit für ein püschologisches Gespräch zu verplempern, getroffen hatte, fiel es dem Ausbildungsleiter erschreckend schwer seine Gedanken zu ordnen. Samax Sohn lies ihm den Moment, beobachtete aber jede Gesichtsregung.
Pismire zuckte mit den Schultern. "Warum lange darum herum reden? Ich erlebe diesen Tag hier nun schon zum vierten Mal. Beziehungsweise zum fünften Mal, aber an den ersten, wirklich verbrachten Tag kann ich mich nicht erinnern."
"Das kling, gelinde gesagt..."
"Verrückt?"
"Ungewöhnlich."
"Das will ich doch meinen." Der Hauptmann kaute kurz auf der Unterlippe, bevor er fortfuhr: "Das schlimme ist, genau zwischen sieben und neun Minuten, nachdem ich aufwache, gibt es einen Anschlag auf das Wachhaus in der Kröselstraße, wie auch zweifellos heute. Dabei sterbe ich. Im Folgenden finde ich mich in einer Art Limbus, einer Zwischenphase, wieder, in der ein Kontaktmann namens Alexander Kleinmuth von mir verlangt, den Attentäter genau jenes Anschlags ausfindig zu machen, den ich immer wieder miterleben muss."
"Kleinmuth?"
"Du kennst ihn, Chief-Korporal?"
"Ich hatte bereits schon einmal mit ihm zu tun..."
Sebulon erstaunte ihn, indem er keine der Nachfragen stellte, die Pismire befürchtet hatte. Dennoch ratterte es im Kopf des Agenten augenscheinlich auf Hochtouren. Als er den Mund abermals öffnete, war der Ausbildungsleiter von GRUND auf alles gefasst, nur nicht auf: "Wie viel Zeit bleibt uns?"
"Weniger als vier Minuten, wenn ich richtig geschätzt habe", murmelte der Abgehetzte erleichtert.
"Dann sollten wir keine Zeit verlieren", stellte Samax Sohn fest. "Wie stellt du dir vor, dass ich dir helfen kann?"
"Ich möchte ausschließen, dass dies einfach nur eine Wahnvorstellung ist."
"Oh, mit Wahnvorstellungen kenne ich mich aus. Hast du deine Umgebung genau beobachtet, Sir?"
"So gut es ging."
Sebulon zog ein leeres Blatt Papier heran und begann, Notizen zu machen. "Ist dir zufällig bereits etwas aufgefallen, dass einer gesunden Logik widerspricht? Ich meine nicht die üblichen Gesetze der Scheibenwelt, sondern die innere Logik der Welt, in der du dich momentan befindest. Ignorieren andere Wesen Dinge, die du eindeutig wahrnimmst? Bleiben Reaktionen auf Aktionen aus, die sonst immer irgendwelche Folgen nach sich ziehen würden? Fühlst du dich anders?"
Pismire schüttelte entschieden den Kopf. "Nichts von alledem. Diese Dinge habe ich bereits getestet und einen Rekruten geschlagen. Er selbst und alle anderen Anwesenden reagierten so, wie es zu erwarten war, sogar die Reizung der Haut war deutlich sichtbar..."
"Gut, dann müssen wir es von einer anderen Seite aus versuchen: Was ist das Erste, an das du dich erinnerst, Sir?"
"Kindheitserinnerungen?"
"Nein. Erinnerungen, von denen du ausgehen musst, dass du dich bereits in dieser eventuellen Wahnvorstellung befandest." Der ehemalige Püschologe strich einige Worte durch, kreiste ein oder zwei Andere jedoch ein und zog Verbindungslinien.
"Das ist einfach. Vor drei Tagen - wenn man es denn so nennen kann, erwachte ich mit dem Kopf auf meinem Schreibtisch, hatte starke Kopfschmerzen und war desorientiert. Wir haben noch immer Freitag, den dreizehnten Juni?"
"Ja."
"Dann weiß ich noch, dass ich am Tag davor eine neue Rekrutin in eine Akte eingetragen hatte... danach... wird es dunkel. Ich erinnere mich also nicht daran, auf dem Schreibtisch eingeschlafen zu sein - ich war nicht einmal müde, glaube ich. Dennoch erwachte ich dort." Pismire zupfte in dem Versuch, sich zwanghaft an mehr zu erinnern, einen schmalen Büschel seiner sowieso schütter werdenden Haare aus. Er hatte nicht gemerkt, dass er begonnen hatte an seiner Kopfbehaarung zu ziehen.
"Wie bist du gestorben - wenn ich das fragen darf, Sir."
"Ich wurde von der Druckwelle erfasst... aber ich glaube, beim ersten Mal war es das Feuer, das mich umbrachte."
"Woher weißt du, wie sich der Tod anfühlt?"
"Bitte?"
"Nun, wenn wir davon ausgehen, dass du dir dies hier alles einbildest, kannst du nur aus Erfahrungen schöpfen, die du bereits gemacht hast, Sir. Da du wohl noch keine allzu großen Begegnungen mit Tod hattest, müssten wir davon ausgehen, dass du merken würdest, dass es sich nicht richtig anfühlt." Der Zwerg sah ihm offen in die Augen. "Tat es das?"
"Oh ja... ich habe natürlich relativ wenige Vergleichsmöglichkeiten, aber ich muss doch zugeben, dass die Wahnvorstellung in Sachen Zerschmettern und Verbrennen einiges auf dem Kasten hat. Allerdings sagte Kleinmuth auch, dass ich die vier plus vier Minuten dieses Tages wohl schon einmal in der realen Welt erlebt haben müsse, der Prozess des Hoas Kot, wie er es nannte, hätte jene nur überlagert oder gelöscht oder so."
"Du musst den Anschlag also schon einmal erlebt haben, ohne dich zu erinnern?", fragte Samax Sohn, plötzlich energisch.
Pismire zögerte. "Anscheinend."
"Doch deine Welt ist stehts die Gleiche, es sei denn, du greifst ändernd ein?"
"Soweit ich das bisher feststellen konnte...", entgegnete der Ältere. "Worauf willst du hinaus, Chief-Korporal?"
Sebulon klopfte mit dem Füllfederhalter auf sein bekritzeltes Papier. Das Wort 'Wiederholung' war nun schon mehrfach eingekringelt worden. "Das wir deinen ersten Tag kennen, Sir! Wenn du keinerlei Erinnerung mehr hast, und die Welt sich nicht ändert, wird dein erster Tag hier genau so abgelaufen sein, wie in der Realität! Du wirst exakt den gleiche Tätigkeiten nachgegangen sein - davon können wir ziemlich fest ausgehen."
Der ehemalige Schamane starrte ihn mit großen Augen an. "Das ist es!", rief er aus und schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. "Warum bin ich da nicht vorher drauf gekommen?"
"Weil der menschliche Geist sehr gerne einmal unangenehme Wahrheiten ignoriert", antwortete der Chief-Korporal, der genau zu wissen schien, worauf sein Gegenüber hinaus wollte, ruhig.
Pismire sprang auf. Der unbequeme Stuhl fiel klappernd um. "Ich muss los - vielleicht ist es noch nicht zu spät etwas zu unternehmen!"
"Du hast weniger als eine Minute", gab Sebulon zu bedenken.
"Ich muss es versuchen!" Der Hauptmann war bereits aus durch die Bürotür auf den Flur verschwunden, als er diese Worte rief. Wie ein Wahnsinniger stürzte er die Treppe hinunter und wusste doch im gleichen Moment, dass er es niemals rechtzeitig bis zu Kröselstraße schaffen würde. Dennoch konnte er sich jetzt nicht mehr aufhalten.
Als er an den wachhabenden Jungwächtern vorbei auf den Pseudopolisplatz flog, hätte er es eigentlich ahnen müssen.
Nichtsdestotrotz überraschte ihn der wilde Aufschrei der Pferde neben sich.
Ein letzter, panischer Blick zeigte ihm den angstvoll im Schrei aufgerissenen Mund des bemitleidenswerten Kutschers.
Dann krachte ein Huf der steigenden Zugtiere gegen seine Schläfe.

.oOo.

"Hauptmann Pismire, hier spricht Zentrale HEM, machen Sie Meldung."
Mit einem Ruck und einem Aufschrei kam der Schamane in eine sitzende Position.
"Haben Sie Fortschritte gemacht, Hauptmann?", quäkte die unnachgiebige Stimme Kleinmuths, der Pismires Schreckenruf vernommen hatte, aus Chrystobellas Maul.
Erschrocken blickte sich der Wächter um, versuchte, die Orientierung wieder zu finden. Erst als er sie hatte, konnte er antworten: "Das kann man wohl sagen, Alexander."
"Sehr gut, könnten Sie-"
"Diese ständigen, grausamen Tode scheinen mir nicht so gut zu tun. Ich wusste für einen Augenblick nicht, wo ich war...", unterbrach er den Zauberer, wie es mittlerweile Angewohnheit geworden war.
Die Ziege stampften ungeduldig mit den Hufen. "Vielleicht müssen Sie es ja nicht mehr häufig durch machen, Hauptmann. Je nachdem, wie erfolgreich ihre Aussagen sind."
"Alexander?"
"Hauptmann?"
"Ich bin tot, oder?"
Pismire musste neidlos zugeben, dass Kleinmuth nur bewundernswert kurz zögerte. "Nun schon bereits vier mal, Hauptmann, das wissen Sie besser als ich."
"Du lügst", stellte der Ausbildungsleiter ohne Groll fest. "Du weißt genau wovon ich rede. Ich bin bereits fünf mal gestorben. Meine erste kopierte Erinnerung muss sehr ähnlich dem gewesen sein, was ich wirklich erlebt habe. Mit anderen Worten: Ich war im Wachhaus, als der Sprengsatz explodierte, und zwar mit hoher Wahrscheinlichkeit im ersten Stockwerk. Es kann nicht anders sein."
Da der Forschungsleiter schwieg, fuhr Pismire fort: "Das werde ich unmöglich überlebt haben. Ich bin tot. Nur meinen Geist hast du irgendwie festgehalten und für diese Nachforschungen genutzt. Wenn ich herausgefunden habe, was der Patrizier wissen will, wird Tod mich holen."
Chrystobella wandte ihren Blick ab und trabte ein wenig auf den Kräutergarten hinaus.
"Alexander, ist es so?", fragte der Wächter sanft.
"Ähnlich. Aber nicht ganz." Die Ziege richtete ihre braunen Augen wieder auf den sitzenden Schamanen. "Ihr Körper wird momentan mit großem magischen Aufwand am Leben gehalten, denn ohne Wohnstatt kann der Geist nicht existieren... Nun ja, zumindest nicht sinnvoll. Ihr Gehirn arbeitet... noch. Sie erinnern sich daran, dass ich Ihnen sagte, wir hätten keine Zeit zu verlieren? Nun, seine Lordschaft verlangt natürlich so schnell wie möglich Ergebnisse, dennoch hat uns Ihr Kommandeur bereits mitgeteilt, dass weitere Anschläge am gleichen Tag unwahrscheinlich sind - mit anderen Worten: Dies war nicht der Hauptgrund für meine Eile. Die Zauberei ist leider nicht allmächtig. Wir konnten nur ihren glücklicherweise unverletzten Kopf und einen Großteils des Torsos aus den Trümmern bergen. Es gelang, Sie zu stabilisieren, aber der Körper ist nicht mehr lebensfähig und wird immer schwächer. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit, Hauptmann..."
"Wie lange?" Pismires Stimme war völlig ausdruckslos.
"Ein halber Tag. Mit viel Glück ein Ganzer."
"Meine Desorientierung..."
"Könnte an dem zunehmenden Verfall der Hirnzellen liegen. Ich bin kein Fachmann auf dem Gebiet. Ebensogut wäre es möglich, dass Ihr Verstand unter den vielen Todesfällen leidet, wer könnte das schon sagen?"
"Du bist grausam, Alexander."
"Nein, Hauptmann. Ich tue, was getan werden muss, um Menschenleben zu retten." Kleinmuths Stimme klang überzeugt und unerbittlich.
Pismire grinste. Dann lachte er kurz und schnappend. "Die alte Frage der Gesetzeshüter: Ist es erlaubt, das Leben eines Einzelnen zu zerstören, um das von Vielen zu retten?"
"Ich habe Ihr Leben nicht zerstört. Sie waren bereits so gut wie tot", stellte der Zauberer richtig. "Eigentlich habe ich Ihnen sogar die seltene Gabe des letzten Augenblicks gegeben. Ihr Dasein verlängert."
"Und dabei mit meinem Seelenheil gespielt. Was, wenn Tod mich nun nicht mehr abholt und ich zu ewiger Ruhelosigkeit verdammt bin?"
"Es gibt Schlimmeres."
"Drecksack."
"Nein, Hauptmann, wieder falsch. Sie sind hier der Drecksack, da Sie ihr Leben über das der Anderen stellen. Sie sind sogar der arroganteste Drecksack, der mir jemals untergekommen ist - und ich arbeite in der Unsichtbaren Universität!"
Pismire schluckte. Aller gerechter Zorn, den er aufgebaut hatte, verpuffte. So ungerne er das zugeben wollte, Kleinmuth hatte Recht. Entmutigt ließ er den Kopf sinken und umschlang seine Brust mit den Armen.
"Was werden Sie nun tun, Hauptmann?"
Der Wächter hob zwar wieder den Blick, antwortete jedoch nicht. Bedächtig schüttelte er den Kopf, dachte nach.
Es war Wind aufgekommen. Pismire konnte es am Rauschen der Teppichhaare hören. Dann spürte er ihn auch auf der Haut. Mit gerunzelter Stirn sah er sich um.
"Hauptmann Pismire, hier spricht Zentrale HEM, machen Sie Meldung! Was haben Sie nun vor?" Obwohl Kleinmuth deutlich verärgert klang, ertönte seine Stimme wie aus weiter Ferne. Pismire achtete nicht auf ihn.
Langsam legte er den Kopf schief und fixierte die Palisade aus undurchdringlichen Stoppeln, die seine Lichtung einschlossen. Eilig wichen diese zurück, als hätte sie der Blick des Schamanen versengt. Die Haare bäumten sich auf, sie wanden sich, manche versanken zurück in den Boden.
Der Ausbildungsleiter lächelte. Dies hier waren seine Gedanken.Seine Welt.
"Hauptmann Pismire, hier spricht Zentrale HEM, machen Sie Meldung!"
Ein Stuhl erhob sich unter Pismires Hintern, während seine Hütte verblasste und schlussendlich verschwand. Tiefste Gedanken formten die weichen Haare und Fäden der Umgebung in festes Mauerwerk. Die neu entstandenen Steine rückten heran, wurden zu einem Raum.
Ein Gewächs mutierte zu einem Regal, der Kräutergarten sprang in die Höhe und wurde zum Schreibtisch. Akten und Notizen regneten herab.
Der Hauptmann saß wieder in seinem Büro in der Kröselstraße.
"Hauptmann Pismire, hier spricht Zentrale HEM, ich bitte Sie, machen Sie Meldung..."
Er sah auf und musste lächeln. Eingeschüchtert und seltsam wie eh und je stand dort Korporal Braggasch Goldwart an der Stelle, die zuvor Chrystobella eingenommen hatte, Papiere unter den Armen, und flehte mit Kleinmuths Stimme.
Das war besser.
Das war viel besser.
Pismire lehnte sich zurück.
"Haupt-"
"Schick mich zurück, Alexander. Ich habe ein paar Attentäter ausfindig zu machen."


.oOo.

Ruckartig hob der Ausbildungsleiter den Kopf. Seine Wange schmerzte von der langen Liegeposition auf der Tischplatte. So realistisch...
Pismire benötigte einen viel zu langen Augenblick, um sein Büro zu erkennen. Zuerst bekam er einen Schreck und dachte, es hätte nicht funktioniert und er säße immer noch in seiner kleinen Welt mit Kleinmuth. Als jedoch das bekannte Summen der Apparaturen von unten erklang und ihm die eklatante Abwesenheit Goldwarts in seinem Zimmer auffiel, beruhigte sich der ehemalige Schamane.
Verfluchte Desorientierung.
Mühsam stemmte sich der alte Mann in die Höhe und unterdrückte dabei den Schwindel und die leichte Übelkeit, die anscheinend an die Stelle der Kopfschmerzen getreten waren.
Mit einem letzten Augenreiben verscheuchte er die Müdigkeit, verfluchte den elenden Vogel und trat in den Gang vor seinem Büro.
Sekunden später hechtete Weon die Treppe hinauf. Überrascht blieb er stehen und salutierte.
"Guten Morgen, Rekrut Creyente", warf ihm Pismire entgegen und salutierte ebenfalls. "Ich weiß, die Rekruten sind bereit, aber ich fürchte, wir werden unseren heutigen Ausflug nicht gemeinsam durchführen können, ich habe wichtige Memo von Kommandeur erhalten. Geh wieder hinunter und teile ihnen mit, dass sie alle gemeinsam zum Wachhaus am Pseudopolisplatz gehen sollen, dort einen Mitarbeiter von SEALS aufsuchen und um die Eckdaten der Route Nummer Drei bitten. Diese soll dann abgeschritten werden - ich erwarte morgen einen vollständigen Bericht über alle unnormalen Vorfälle. Danach wirst du wieder hier hoch zurückkehren, Rekrut Creyente. Warte ein wenig im Flur, bis die Rekruten aus dem Gemeinschaftsbüro kommen und in den Unterrichtsraum gehen, um unangenehme Fragen zu vermeiden. In dem Zusammenhang kannst du direkt einmal überprüfen, ob der Rekut Morgän die Treppe hinauf kommt - er müsste noch im Schlafsaal sein. Halte ihn nicht auf. Schau einfach, ob an ihm etwas seltsames ist.
Sobald also das Gemeinschaftsbüro leer ist, wirst du dich dort an ein Fenster stellen und die Straße vor dem Wachhaus sondieren - versteck dich dabei so gut es eben geht, und versuch dir die Gesichter all jener einzuprägen, die du für auffällig hältst. Glaub mir, meine Befehle erhalten Sinn. Ich werde in ein paar Minuten zurück kommen und dich nach den Ergebnissen deiner Aufgaben fragen. Los jetzt, Rekrut, ich zähle auf dich!"
Weon lies den Redeschwall, wie es seine Art war, kommentarlos über sich ergehen und salutierte im Anschluss erneut. "Jawohl, Sör!" Daraufhin eilte er respektvoll an dem bereits hinter ihm wartenden Goldwart vorbei und verschwand, um den Altrekruten die entsprechenden Befehle weiter zu geben.
Braggasch, der schon einen Moment hinter Creyente ausgeharrt hatte, zusammen mit der Taube, der Karte und seinen Unterlagen, musterte Pismire befremdlich. "Darf ich, äh, fragen was diese Befehle sollten, Sör?"
"Ein Test, Korporal", gab der Ausbildungsleiter ausweichend zurück. "Ich möchte dich nicht von deinem Unterricht abhalten, aber ich war eben in dem Raum und habe den Rekruten Apatit in einer Ecke sitzen sehen. Du weißt ja, wie er ist - den Großteil der Zeit durchsichtig. Sieh bitte einmal nach ihm. Ach, und ich empfehle dir die Karte im hinteren Teil des Raumes aufzuhängen und den Unterricht von dort zu machen - da ist ein besseres Licht, habe ich gehört. Weiterhin soll unser neuer Rekrut Yuka eine Schwäche für Fenster haben - öffne jenes im Unterrichtsraum am besten und sag ihm dann, dass er es hinter sich schließen soll, sonst wird es so stickig, wenn die warme Sommerluft einströmt. Das wäre alles, Korporal."
Der ehemalige Späher blinzelte. "Äh... danke, Sör?"
"Keine Ursache." Sein Vorgesetzter klopfte ihm munter auf die Schulter. "Habe ich dir eigentlich schon einmal gesagt, dass ich deinen Rat sehr zu schätzen weiß?" Bevor sein einziger Ausbilder antworten konnte, eilte der Hauptmann zur Treppe und stieg hinauf zum Taubenschlag.
Er zwängte sich eilig durch das Lager, in dem Taubenfutter und mechanische Bestandteile der Klacker aufbewahrt wurden, und betrat den muffigen Schlag.
Die Vögel blickten ihn dämlich, wie nur Tauben schauen können, an, als er sich durch Guano und Federn arbeitete, um Kopf und Oberkörper weit durch den unteren, großen Ein- und Auslass zu schieben.
Auch der neu rekrutierte Wasserspeier Yuka zeigte sich erstaunt, als sein Ausbildungsleiter plötzlich hinter ihm auftauchte, freundlich winkte, und ihm bedeutete, mit dem fortzufahren, was er tat. Also zuckte der Steinerne mit den Schultern und tappste über das Dach, um sich einen bequemen Zugang zum Raum unter sich zu suchen.
Von hier aus hatte der ehemalige Schamane einen hervorragenden Blick auf jene Häuser, die dem Fenster im Unterrichtsraum, welches Goldwarts und in einem Fall auch sein eigenes Schicksal besiegelt hatte, gegenüber lagen. Obwohl er wusste, was er suchte, benötigte er lange, um ihn zu erkennen.
Bisher war weder Pismire noch sonst jemandem wohl aufgefallen, dass ein Gebäude, welches sich gegenüber der abgerundeten Seite des Wachhauses befand [1], zwei sehr eng beieinander liegenden Schornsteine aufwies, die wie große Finger aus dem Dach ragten. Da besagtes Dach in der Hauptflugschneise der wacheeigenen Tauben lag, und alle wussten, was die Lieblingsbeschäftigung jener Tiere war, wiesen die beiden Schornsteine zwischen sich schon eine beträchtliche Menge Vogeldreck auf. Genau hinter diesem Haufen, in schindelfarbener Kleidung getarnt, lag ein bewaffneter Mann. Pismire kniff die Augen zusammen. Irgendwie kam ihm diese Person bekannt vor... Die Augenpartie, der verächtlich verzogene Mund... doch dann waren da wieder diese ausgeblichenen Haare und die dunkle Haut, welche so gar nicht zu dem Gesamtbild passen wollten.
Als hätte der Fremde mit der Armbrust seine Musterung gespürt, blickte er auf.
Lautlos fluchend wollte der Hauptmann sich in den Taubenschlag zurückziehen, griff aber mit der linken Hand in Vogelscheiße und rutschte ab. Erst der zweite Hangriff saß und ermöglichte es, dass er aus der Schussbahn verschwand. Dennoch war sich Pismire sicher, dass der Attentäter ihn gesehen hatte. Der Bolzen, der in scharfem Winkel dort durch die Öffnung sauste, wo er sich noch vor Sekunden befunden hatte, und einer Wachetaube das Lebenslicht auspustete, bestätigte seine Vermutung.
Nunmehr seinen Flüchen Stimme gebend, hastete der Ausbildungsleiter durch panisch umherflatternde Vogelleiber zur Treppe und raste hinab.
Außerhalb des Wachhauses erklang ein helles, unmenschliches Kreischen: Heuler. Ein Bolzen mit einem kleinen Eisenkorb davor, der beim Fliegen dieses ohrenbetäubende Geräusch von sich gab. Eine Warnung für die Mitstreiter des Armbrustschützen.
Als er das Gemeinschaftsbüro erreichte, blickte ihm Weon bereits nervös entgegen. "Sör? Was war das für-"
"Keine Zeit, Rekrut. Was hast du gesehen?"
Creyente nickte. "Der Rekrut Morgän ist in der Tat-"
"Das andere!", brüllte Pismire. "Hast du jemanden auf der Straße erkennen können?"
Obwohl die barschen Worte des Vorgesetzten den Rekruten merklich verstörten, versuchte dieser dennoch so schnell wie möglich Auskunft zu geben: "Da war dieser schmutzige Mann, mit den abgerissenen Klamotten. Ich glaube, seine Zähne waren alle verfault, aber genau konnte ich es von hier oben nicht erkennen..."
"Einer der Diebesgilde, der unsere Tätigkeiten auskundschaftet. Er sitzt dort schon seit Tagen. Er ist nicht den anderen Rekruten gefolgt? Egal! Was noch?"
"Eine ältere Dame ist nun schon dreimal mit ihrem Stock und ihrem Hund vorbei gehumpelt-"
Wieder unterbrach der ehemalige Schamane. "Unwichtig. Sie kann es nicht gewesen sein. Hast du eine Frau gesehen? Jung und sehr hübsch, aber sonnengebrannt und nicht sonderlich gut gekleidet?"
Weon hob überrascht die Augenbrauen. "Ja, Sör, sie ist vor wenigen Momenten aufgetaucht. Sie müsste noch immer... oh nein, sie ist weg", erkannte er enttäuscht, als er prüfend aus dem Fenster sah.
"Was war mit ihr?"
"Nun, sie kam von rechts, Sör, aus der Gasse. Eigentlich war sie nicht wirklich schlecht gekleidet, aber reich war sie wohl auch nicht. Ich habe sie für eine Ausländerin gehalten, weil sie ja auch einen Leibwächter bei sich hatte."
"Einen Söldner?"
"Ja, Sör. Ein relativ unscheinbarer Kerl mit einer Axt, der sich immer in ihrer Nähe gehalten hat. Aber eigentlich waren die beiden nicht sonderlich auffällig, Sör. Die Frau hat sogar mit einige Passanten geredet, nach dem Weg gefragt, nahm ich an, und länger mit einem vorbeigehenden Bauern um eine Orange gefeilscht."
Pismire hieb vor Wut gegen die Wand. "Verdammt! Ja, den Schein wahren konnte sie immer!"
"Sör?"
"Hast du sonst noch etwas an den Beiden bemerkt?"
"Naja, die Frau trug eine ziemlich große Reisetasche bei sich..."
"Das muss es sein! Gute Arbeit, Rekrut!" Herbe schlug der Hauptmann Creyente auf die Schulter und hastete aus dem Raum.
Auf dem Flur orientierte er sich und wählte den weg die Treppe hinab, Braggaschs Anwesenheit in der Tür des Unterrichtsraumes und seine Frage, ob dies ein Lärmer H3 gewesen sei, den er gehört habe, ignorierend.
Er hatte erst wenige Stufen genommen, als er des Körpers gewahr wurde, der ihm mit nicht minderer Geschwindigkeit die Treppe hinauf entgegen kam.
Jeder Ausweichversuch kam zu spät. Schmerzhaft bohrte sich Jerome Schulz' Schulter in seinen Unterleib, als sie zusammen prallten. Keuchend und aufschreiend riss der ehemalige Schamane den Rekruten durch seine Geschwindigkeit mit.
Beide fielen.
Bevor Pismires Kopf auf die Stufen prallte, konnte er nur eines denken: Zu früh!

Ein Klatschen auf seiner Wange weckte den Ausbildungsleiter.
"Hauptmann? Äh... bitte-"
"Machen Sie Meldung! Ich weiß, verdammt! Halt die Klappe, Kleinmuth!" Er hatte nicht schreien wollen, doch sein Kopf fühlte sich an, als würde er jeden Moment explodieren, und Pismires Geduld mit den ewigen Tiraden des Zauberers war erschöpft.
Der Schatten über ihm räusperte sich unbehaglich. "Kleinmuth, Sör? Hier spricht Braggasch, äh, Korporal Braggasch Goldwart, Sör."
Der ehemalige Schamane schlug die Augen auf. Lichtlanzen stachen mit aller Wucht auf ihn ein und ließen ihn aufstöhnen.
"Alles in Ordnung, Sör? Nein, äh, natürlich nicht", plapperte Goldwart. "Es tut mir leid, dass ich dich wecken muss, Sör, äh, aber wir sitzen ziemlich in der Klemme. Äh... Jerome wollt uns warnen. Als er kam, war der Mann mit der Axt schon da und hinter ihm her. Euer Sturz hat auch ihn mitgerissen und, äh, kurzzeitig außer Gefecht gesetzt, also den Mann, so, dass ich die Rekruten anweisen konnte, dich und Schulz hinauf zu ziehen, Sör. Äh... aber um Jerome steht es schlecht, glaube ich, und der Axtschwinger ist wieder bei Sinnen, Sör. Wir haben die Tür verbarrikadiert, aber er brüllt und flucht und schlägt mit seiner Waffe auf sie ein... äh... ich weiß nicht, wie lange das Holz noch halten wird."
In Pismires Kopf schwollen die Worte des Zwerges an und ab. Wurden undeutlich und dann scharf wie Klingen, bohrten sich in sein ramponiertes Gehirn. Es war schwer, dem Geschwafel einen Sinn zu entlocken. Immer wieder sandte sein Körper heißen Schmerz in Wellen durch seinen Schädel, während er versuchte zu verstehen, was passiert war.
"Wie... lange?"
Trotz seiner Panik verstand Braggasch tatsächlich sofort, was sein Vorgesetzter meinte. "Du ohnmächtig warst? Äh... fünf oder sechs Minuten, vielleicht etwas mehr, nicht lange, Sör."
Der Hauptmann biss die Zähne zusammen vor Übelkeit. "Die Bombe!"
"Welche Bombe? Sör! Da ist dieser Mann, äh, der mit der Axt. Die Rekruten sind außer sich... und ich weiß nicht... äh... ich weiß nicht was ich tun soll! Und ich glaube ich, äh, kenne den Mann! Und Apatit ist tot, Sör, wie du vermutet hattest - und Jerome vielleicht bald auch!" Goldwarts Stimme überschlug sich.
Knurrend erhob sich Pismire. Seinem Kopf nach zu urteilen hatten die Attentäter die Sprengladung mittlerweile darin platziert und ließen sie nun immer und immer wieder detonieren. Das Blickfeld verschwamm und wollte sich partout nicht richtig einstellen. "Der Mann...", stöhnte er. "Du kennst ihn?" Als er nach seinem Hinterkopf tastete, fühlte er eine klebrig-warme Flüssigkeit.
"Äh... ja, Sör. Ich bin schon einmal mit ihm... zusammen geraten. Es ist lange her. Äh, kurz nachdem ich in die Stadt gekommen bin." Der Zwerg musterte ihn besorgt. "Er heißt Gerd Glücklos. Ich dachte, er sei tot. Gestorben bei einer, äh, Explosion."
"Eine was? Verdammt, Korporal, wir müssen hier raus!"
Die Sprengung erfasste ihn unerwartet, da sie anscheinend nicht im Empfangsflur, sondern genau unter dem Unterrichtsraum gezündet wurde.

.oOo.

Schreie. Explosionen. Tod.
Pismire stieß ein unartikuliertes Gurgeln hervor und taumelte nach vorne. Fiel auf die Knie und kroch weiter. Die Welt wankte. Ein dröhnender Basston drückte auf seine Schläfen. Es roch nach Metall und Angst.
Etwas griff ihn von rechts an. Ein Schrank?
Undeutlich konnte er eine dumpfe, sinnlos vor sich hin brabbelnde Stimme vernehmen.
Wo war sein Haus? Was hatte er für einen Auftrag? Woran arbeitete er gerade? Was war hier los? Wer war er? Und wenn ja, wie viele?
Langsam, sehr langsam nahm die Umgebung Kontur an. Sein Büro in der Kröselstraße... jedoch unrealistisch verbeult und schief. Die Wände waberten, der Tisch schwebte ein Stück über den Boden und alles schien sich in Unendlichkeit zu verlieren.
Die unverständlichen Worte flossen wie stinkender Honig aus dem Mund von Braggasch, der halb geschmolzen, verzerrt und verunstaltet in der Mitte des Raumes stand und ihn aus toten Augenhöhlen an stierte.
Der Schamane presste die Handflächen auf die Ohren und schrie.
Feuer. Tod. Feuer.
Der Mann mit der Axt war nur Ablenkung gewesen... sie hatten die Bombe dennoch gezündet...
Erinnerungsfetzen flogen vorbei. Wahllos, sinnlos.
Pismire setzt seine Unterschrift auf eine Akte. Pismire steht stirnrunzelnd im Archiv. Pismire bekommt von Rince seine Wächtermarke überreicht. Pismire schüttelt einen verstörten Goldwart, klebriges Blut an seinem Hinterkopf. Pismire spricht mit einem jungen Zauberer in einem Raum voller seltsamer Röhren und Gläser. Pismire sitzt auf dem Klo.
Tod. Schmerzen. Schreie.
"Hauptmann, hören Sie mich? Hauptmann, hier spricht Zentrale HEM! Hauptmann!"
Hauptmann Pismire von der Ankh-Morpork Stadtwache, momentan zuständig als Ausbildungsleiter für die Heranführung der Rekruten. Sein Auftrag...
"Paeonia und Mundus Depilarii, sowie ein gewisser Gerd Glücklos", würgte Pismire, viel zu laut und schrill, unzusammenhängend hervor. Als er sich traute, den Blick zu heben, war die Welt um ihn herum wieder nahezu eingerastet. Braggasch blickte ihn überrascht und typisch-sorgenvoll an.
"Wie bitte, Hauptmann?", wollte Kleinmuths Stimme wissen.
Der Ausbildungsleiter kniff die Augen zusammen und riss sie wieder auf, um das rauchige Gefühl im Kopf los zu werden. "Die Attentäter, Mann!"
"Sind sie s-"
"Ja, bin ich!", heulte Pismire, halb wahnsinnig, seine Gedanken rasten. "Der Mann mit der Axt war Glücklos. Er war nur eine Ablenkung! Nur eine Ablenkung! Er soll in einer Explosion umgekommen, sein, aber das ist er nicht. Wurde nur verletzt und dann Hass... voller Hass auf Goldwart! Und die Depilarii-Geschwister waren in Vier-Icks, wurden von ihrem Vater abgeschoben... wegen mir... wegen mir... Dort haben sie anscheinend alles gelernt... es ist lange her! Die Attentäter sind nur wegen uns da gewesen... Sie wollten uns leiden lassen! Mich und den Korporal. Sie wollten Rache! Und Glücklos wollte eine Explosion.... Gleiches mit Gleichem! Scheiße! Wegen uns...!"
"Ich werde sofort Meldung machen. Vielleicht sind sie noch in der Stadt. Ausgezeichnete Arbeit, Hauptmann!", die letzten Worte klangen so erleichtert und beglückt, dass Pismire dem Abbild von Braggasch am liebsten an den Hals gegangen wäre, doch dieser gab noch einmal Geräusche von wehendem Stoff von sich und verstummte dann. Kleinmuth war weg.
... Und blieb es für eine ganze Weile, was dem Schamanen nur recht war.
Mühsam schleppte er sich zu seinem Schreibtischstuhl, der noch immer ein wenig wackelte, lies sich fallen und dachte nach. Langsam, sehr langsam ordneten sich seine Gedanken.
Je klarer der Hauptmann dachte, desto mehr wuchs in ihm eine Erkenntnis - und mit ihr ein Wunsch...
Es mochten Stunden vergangen sein, als Alexander Kleinmuth sich das nächste mal meldete. Pismire hätte es nicht genau sagen könne, doch sein Büro hatte mittlerweile wieder seine üblichen Konturen angenommen und auch Braggasch mutierte glücklicherweise nicht mehr vor sich hin.
"Hauptmann?" Die Stimme des Zauberers klang gelöst und sogar ein klein wenig betrunken.
Der 'Prototyp' öffnete die Augen. Trocken sagte er: "Da bist du ja wieder, Alexander."
Goldwart lächelte nicht, als Kleinmuth fröhlich verkündete: "Sie haben es geschafft, Hauptmann! Es wurde sofort eine Suche eingeleitet. Natürlich glaubt man mir nicht vollends, aber man wird Spuren finden, irgendwelcher Art. Vielleicht erwischt man sogar noch die Saukerle! Sie haben der Stadt Frieden und ihren Rekruten Gerechtigkeit verschafft!"
"Und dir Ruhm."
"Ähm. Ja, wenn Sie so wollen: Ja."
Pismire seufzte. "Meine Rekruten sind tot, Alexander. Nichts verschafft ihnen noch Gerechtigkeit. Einzig Rache konnte ich ihnen geben und das wird den Jungs und Mädels dort, wo sie jetzt sind, nicht sehr viel bedeuten. Im Gegenteil: Aus Rachegefühlen heraus ist diese ganze Sache überhaupt erst passiert."
Ob der Magier nichts darauf antworten konnte oder ob er nicht wollte, da sein Projekt ihm die gute Laune verdarb - jedenfalls schwieg er.
"Ich habe ziemlich viel nach gedacht, während du weg warst, Alexander."
"Ach ja?" Kleinmuth klang beleidigt.
"Tatsächlich - auch wenn es dich vielleicht überraschen mag. Samaxsohn hat mich auf die Idee gebracht, als er davon sprach, dass ich nicht wissen könne, wie sich der Tod anfühle. Goldwart hat es dann bestätigt, als er davon sprach, dass ich fünf oder mehr Minuten ohnmächtig gewesen wäre."
"Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht folgen, Hauptmann."
"Das dachte ich mir." Statt ihn aufzuklären, entschied sich Pismire für die Frage, die ihm seit Stunden im Kopf herumschwirrte. "Was wird jetzt mit mir passieren, Alexander?"
Der Zauberer schien von der einen auf die andere Minute nüchtern zu werden. "Wie meinen Sie das?"
"Ich bitte dich. Wir beide Wissen, was ich meine. Spiel nicht auf Zeit, du weißt, dass ich davon nicht mehr all zu viel haben dürfte. Eine Stunde? Zwei? Drei? Egal. Also?"
"Sie... ähm, ich..." Braggasch öffnete und schloss den Mund - Kleinmuth rang offensichtlich nach Worten. "Ich habe mich schon im Vorfeld meiner Forschungen mit unserem Professor für Postmortale Kommunikation unterhalten, Hauptmann. Wenn Sie es wünschen... Nun... Ich denke, es wäre möglich, ihren Körper mit Unleben zu erfüllen, so dass ihr Geist-"
"Du willst aus mir einen Zombie machen?"
"Nun-"
"Hast du nicht davon geredet, dass nur Teile meines Torsos geborgen werden konnten? Was soll ich mit einem ewigen Leben ohne Arme und Beine anfangen?"
"Vielleicht könnte Ihr Igor-"
Pismire schüttelte entschieden den Kopf. "Nein, Alexander. Das möchte ich wirklich nicht. Ich müsste tot sein, gestorben mit meinen Rekruten. In der realen Welt wohl schon seit länger als einem Tag."
Kleinmuth schwieg kurz. Dann erwiderte er leicht enttäuscht: "Natürlich. Das habe ich mir schon gedacht. Es ist sehr schade, ich hätte während meiner fortführenden Entwicklungen zu diesem Projekt gerne auf Ihre Erfahrung zurück gegriffen. Dennoch haben Sie sich Ihre Ruhe verdient. Wenn Sie wünschen, werde ich die lebenserhaltende Magie abschalten lassen."
"Einen Moment noch, Alexander. Es gibt noch einen weiteren Weg."
"Was meinen Sie, Hauptmann?"
Pismire hoffe inständig, dass Kleinmuth in seiner Logik keine Fehler entdecken würde. "Hast du schon einmal etwas von parallelen Dimensionen gehört, Alexander?"
Goldwart schüttelte den Kopf und seufzte. "Sie reden von den Hosenbeinen des Multiversums, Hauptmann? Natürlich habe ich davon gehört, ich habe es studiert! Und ich kann ihnen direkt sagen: Das ist eine sehr vage Hoffnung, an die sie sich klammern."
"Aber es ist wenigstens eine Hoffnung", hielt der Schamane dagegen. "Mir wurde immer wieder, nicht nur im Gespräch mit einem Püschologen, bewusst, wie real diese ganzen Erlebnisse sind. Ich konnte aktiv darauf einwirken, die Welt hat sich mit verändert!"
"Ihr Phantasie-"
"Bitte lass mich ausreden, Alexander. Es war so gewaltig und komplex, so viele Personen, die eigenständig gehandelt, gedacht, gefühlt haben. Ich hatte von Anfang an meine Probleme damit anzunehmen, dass dies alles nur meine Schöpfung aus meinen Erinnerungen sein sollte. Was, wenn wir mit jedem Mal, das du mich zurück geschickt hast eine neue Möglichkeit eröffnet haben? Eine neue Art, wie es wirklich hätte sein könne? So etwas passiert dauernd, millionenfach! Was, wenn wir ein solches, neues Hosenbein geöffnet haben? Korporal Goldwart sprach davon, dass ich fünf oder mehr Minuten ohnmächtig gewesen wäre, nachdem ich die Treppe hinunter gefallen sei. Selbst wenn er sich um ein oder zwei Minuten vertut - und normalerweise ist er wenigstens in diesen Dingen recht genau - kommt es zeitlich nicht hin. Mit allen Erlebnissen vor meiner Ohnmacht und mit allen Worten, die danach gewechselt wurden, muss es länger als Die-Zahl-die-nicht-genannt-wird Minuten gedauert haben. Länger, Alexander! Das bedeutet ich habe Dinge nachvollzogen, die zeitlich auf jeden Fall weiter reichten als meine ursprünglichen Erlebnisse. Zu dem Zeitpunkt, wo ich mit Goldwart über dessen Bekannten Glücklos debattierte, wäre mein reales Ich schon von der Druckwelle erfasst und beinahe getötet worden."
Kleinmuth seufzte. "Hauptmann Psimire. Es ist mir klar, dass die klare Hinsicht auf den Tod fruchtbar sein muss, doch ein solch verzweifelter Versuch..."
"Schick mich wieder zurück, Alexander", unterbrach der Schamane abermals. "Ein aller letztes Mal. Gib mir sieben-und-eine Minuten, dann lösch die Magie, die meinen Körper noch hier hält. Ich muss das tun! Was hast du zu verlieren?"
"Nicht ich, Hauptmann, es geht um Sie. Sie haben es selber gemerkt, als Sie vor einigen Stunden zu sich kamen: Ihr Gehirn kann das Erlebte kaum noch verarbeiten. Ob es nun an den Geschehnissen liegt oder daran, dass sich die Zellen und Denkstränge langsam zersetzen, sei einmal dahin gestellt." Braggaschs Körper drückte den Unmut des Zauberers aus, indem er verzweifelt mit den Händen rang. "Die Gefahr, dass Ihr Verstand auseinander gerissen wird - sei es nun bei der Transformierung Ihres Bewusstseins in die Erlebnisse hinein oder wieder zurück hierher - ist enorm groß. Wer kann schon sagen, was dann aus Ihnen wird? Ist der Geist zerstört, könnte es gut sein, dass Sie sich komplett auflösen, ohne die Möglichkeit des Nachtodes zu haben. Denkbar wäre es auch, dass Ihr wahnsinniges Ich sich als Spukgestalt löst und Ankh-Morpork terrorisiert. Wollen Sie dieses Risiko eingehen?"
Pismire dachte gründlich über Kleinmuths Worte nach, doch er hatte seine Entscheidung bereits getroffen - und diesmal war sie unumstößlich. "Ein letzter Versuch", sagte er fest. "Das bist du mir schuldig, Alexander."

.oOo.

"Ha... Haup... Bitte... Haupt..."
"Äh! Äh, Sör! Sör! Lass, äh, los! Sör!"
"Hau... Sö... S..." Befriedigt spürte er, wie das Wesen in seiner Hand schwächer wurde. Die Töne, die sie von sich gaben, waren sinnlos, es ging hier um sein Überleben. Knurrend fletschte er die Zähne. "S..."
"Sör! Äh! Äh!" Endlich lies das sinnlose Zerren und Kratzen an seinem Arm nach. Er war stärker! Dann: "Es, äh, tut mir leid, Sör..."
Plötzlich und unerwartet zogen sich seine Beine zusammen. Eine Kraft riss die Knöchel nach innen, dass sie mit einem schmerzhaften Knacken aufeinander stießen. Noch während das wabernde Alptraumwesen, dessen Hals er umklammert hielt, sein Leben auskeuchte, kippte er zur Seite. Seine zusammengebundenen Füße wurden nach hinten gezogen und konnten das Gleichgewicht einfach nicht mehr halten.
Heulend krachte er zu Boden. Die sowieso schwankende Welt drehte sich. Das Wesen, welches er gewürgt hatte, ging neben ihm nieder - doch es lebte noch!
Einen Augenblick, nur einen Kurzen, hatte er das Gefühl jenes Ding schon einmal gesehen zu haben...
Mit Wucht wurde ihm die Luft aus den Lungen gepresst, als er von hinten angesprungen wurde. Fauchend wand er sich, versuchte das Gewicht auf seinem Rücken abzuwerfen.
"Sör! Äh, Pismire! Sör! Komm zu dir!", quäkte es von Hinten während kurze Arme sich verzweifelt klammernd um seine Brust legten.
"O'por'al, lo'la'n!", formten seine Lippen verwaschen.
"Sör?"
Schlagartig hörte er auf sich zu wehren. Was tat er hier? Wer war er? "Wa' lo'..." Wieso benutzte er die gleichen Töne wie die Wesen? Was wollte er sagen? Pismire kniff die Augen zusammen und versuchte es abermals: "Wasch i' lo'?"
Das Gewicht auf seinem Rücken verschwand nicht. "Du bist auf den, äh, Rekruten Creyente losgegangen, Sör. Erinnerst du, äh, dich?"
Creyente. Rekrut. Weon. Braggasch Goldwart. Stadtwache. Hauptmann. Pismire! Explosionen. Zauberer. Tod. Beförderung. Büro. Pismire! Tod. Depilarii. Tod. "Geh bitte von mir herunter, Korporal."
"Sör?"
Stark blinzelnd bemühte sich der Ausbildungsleiter darum, dem Boden Konturen zu geben. "Ich denke, ich bin wieder ich selbst, Korporal, bitte geh von mir herunter."
"Äh..."
"Ich heiße Pismire und bin Hauptmann der Stadtwache. Wenn dir das nicht genügt und du nicht sofort von meinem Rücken steigst, werde ich ein Gespräch mit deinem Freund Sebulon bei Intörnal Affärs führen müssen, welches deinen weiteren Karriereweg nachhaltig beeinflussen könnte."
Das Gewicht des Zwerges verschwand.
Der ehemalige Schamane streifte sich den Gürtel von den Beinen, richtete sich auf und reichte dem stark keuchenden Weon eine Hand, um auch ihm aufzuhelfen. Deutlich zeichneten sich rote Striemen am Hals des Rekruten ab, die Pismires Hände hinterlassen hatten. "Ich entschuldige mich in aller Aufrichtigkeit bei dir, Rekrut Creyente, ich fürchte, dass ich nicht zurechnungsfähig gewesen bin. Natürlich steht dir jedes Recht zu, eine Klage wegen Misshandlung gegen mich einzureichen, doch zuerst würde ich dich, wenn du dies für mich tun würdest, um einen wichtigen Gefallen bitten."
Der gläubige Omnianer starrte seinen Vorgesetzten nur ängstlich an, während er sich die Kehle rieb und nach Luft rang.
"Es wird hier demnächst sehr viele teils stark verletzte Personen geben", fuhr der Hauptmann fort, während er Braggasch dessen Gürtel zurückreichte. "Bitte verlasse das Wachhaus ohne Eile. Wenn du sicher sein kannst, dass dich niemand von hier aus mehr beobachten kann, nimmst du die Beine in die Hand und rennst zu Feldwebel Rogi Feinstich. Sie soll so viele Helfer wie irgend möglich zusammen treiben, ihren Koffer für Notfälle packen und sofort zur Kröselstraße zurückkehren. Bleib bei ihr. Sag ihr, der Befehl käme direkt von mir und ich wäre mir absolut sicher." Pismire musterte den Rekruten noch einmal eindringlich. Dann fügte er hinzu: "Bitte sei so gut und wickle dir einen Schal oder ähnliches um den Hals um die Spuren vorerst zu verdecken, bevor noch unnötige Zeit mit Fragen vergeudet werden. Geh jetzt."
Ob es der Blick, die Eindringlichkeit der Worte oder einfach unverbesserlicher Gehorsam war, jedenfalls nickte Weon zögernd, krächzte ein: "Sör!" - und eilte aus dem Raum.
Tief durchatmend gestattete sich der Hauptmann ein Anlehnen an die Wand, um den hartnäckigen Schwindel zu vertreiben.
"Sör?" Goldwarts besorgtes Gesicht erschien in seinem Blickfeld.
"Wie lange ist es her, seit du deine seltsame Schrankeinrichtung benutzt hast, Korporal?"
"Ich... äh..." Etwas hilfesuchend sah der Zwerg zu Boden. "Ich habe die Akte darauf gelegt, da hatte ich die Unterrichtsmaterialien bereits in der, äh, Hand... Ich habe die Akte liegen gelassen... Dann bin ich nach Oben gegangen und habe die Geräusche von deinem... äh... äh... Ausrasten gehört und bin hier her geeilt." Burkhards Sohn deutete auf die am Boden zerstreut liegenden Papiere, Karten und die wild in ihrem Käfig zappelnden und zeternden Taube. "Ich denke nicht viel mehr als eine Minute, Sör."
"Also etwa zwei Minuten..."
"Sör?"
Pismire rieb sich erschöpft die Augen. "Korporal, folgendes Gedankenspiel: Zwei Personen sind auf dem Weg zum Wachhaus, die Eine im Umgang mit einer Waffe geschult, die Andere im Besitz einer Reisetasche, die einen Sprengsatz enthält. Auf einem Dach gegenüber des Wachhauses ist ein Späher und Schütze positioniert, der durch ein gezieltes Attentat für Aufsehen sorgen und die anwesenden Personen im Gebäude halten soll. Du hast etwa sechs Minuten Zeit um das Zünden der Bombe im Wachhaus zu verhindern, was tust du? Die Zeit läuft."
Braggasch starrte seinen Vorgesetzten sprachlos an.
"Na los, Goldwart!"
"Äh... ich... äh... Habe ich Zeit, etwas zu entwerfen?"
Pismire knurrte, schnappte sich sein Schwert und eilte aus dem Raum. "Du kannst mit einer Armbrust umgehen?", fragte er währenddessen den hinterherhechelnden Zwerg.
"Ja, Sör! Ein, äh, wenig."
"Hol dir deine Waffe und renn hoch zum Taubenschlag. Aus einem der unteren Flugöffnungen kannst du einen Mann erkennen, er versteckt sich getarnt hinter einem Haufen Scheiße zwischen zwei Schornsteinen direkt gegenüber. Du hast die Erlaubnis und den Befehl diesen Mann zu erschießen. Der erste Schuss muss sitzen, sonst bist du tot. Nutze wenn möglich den Rekruten Yuka als Unterstützung. Danach schnappst du dir deine Schützlinge und verlässt das Wachhaus so schnell und vorsichtig wie möglich. Sollte ich nicht erfolgreich sein, wird es gefährlich, aber du musst handeln, bevor sie die Möglichkeit haben die Bombe zu zünden. Verstanden?"
"Äh... Wer sind, äh, sie?"
Die Beiden hatten inzwischen den Fuß der Treppe erreicht und sahen sich mit neugierigen Blicken einiger Altrekruten konfrontiert. "Das war ein Befehl, Korporal. Ausführen!"
Mit einem letzten überforderten Blick huschte Goldwart in sein Büro.
Pismire wandte sich an seine Schützlinge und erwiderte ihren Salut. "Rekruten, ich freue mich euch so einsatzbereit und gut ausgerüstet vor mir zu sehen. Wie ihr mitbekommen habt, ist der Rekrut Creyente... oh, einen Moment." Einer Erinnerung folgend wandte der Hauptmann sich um - und tatsächlich konnte er gerade noch den winzigen Rücken erkennen, der sich heimlich die Treppe hinauf stahl. "Rekrut Morgän, ich meine, euch beigebracht zu haben, den Ranghöheren zu grüßen, wenn man an ihm vorbei eilt."
Der Gnom unterbrach seine gewandte Kletterei wie versteinert und drehte sich mit erzwungenem Lächeln um. "Wollte nich stören, Sör...", murmelte er kleinlaut.
"Oh, du störst nicht. Ganz im Gegenteil: Da du dich anscheinend auf das ungesehene Fortkommen verstehst, hätte ich einen sehr wichtigen und gefährlichen Auftrag für dich."
Klara betrachtete das ernste Gesicht des Ausbildungsleiters und salutierte zitternd. "Sör?"
"Lauf nach draußen, nimm am besten eines der Fenster als Ausstieg und versteck dich so gut es geht. Auf der Straße wirst du eine gebräunte Frau sehen, die eine große Reisetasche bei sich trägt. In ihrer Begleitung ist ein Mann mit einer Axt." Pismire unterbrach sich kurz, als Braggasch mit seiner Armbrust aus dem Büro geeilt kam und unter verstörten Blicken die Treppe hinauf rannte. "In dieser Reisetasche befindet sich eine Bombe." Aufgeregtes Getuschel erhob sich unter den Rekruten. "Du musst es schaffen ungesehen in die Tasche zu gelangen und die Frau unter Aufbringung all deiner Kräfte daran hindern, eine Explosion zu verursachen. Los jetzt, Rekrut, das ist ein Befehl."
Ein Schimmern, welches durchaus als wahnsinnig bezeichnet werden konnte, legte sich auf die Augen des Winzlings, als dieser grimmig blickte und zu Umkleide und von dort weiter in den Stall flitzte.
Der ehemalige Schamane pochte mit der Faust mehrfach gegen die Holzwand, um sich unter dem nicht unbeträchtlichen Geräuschpegel der Rekruten Gehör zu verschaffen. "Ihr habt es alle vernommen, Rekruten, es gilt ein Attentat zu verhindern. Der Feind ist bewaffnet und gefährlich. Ich würde euch nicht dafür einsetzen, wenn die Zeit nicht davonlaufen würde. Macht eure Waffen bereit. Wir geben dem Korporal Goldwart sowie den Rekruten Creyente und Morgän etwa eine Minute, dann stürmen wir nach draußen. Boris, Thurgim, Rabbe: Euer Ziel ist der Söldner mit der Axt. Vinzent, Fynn, Theodosius: Ihr übernehmt die Frau und passt bloß auf, dass ihr deren Tasche in eure Gewalt bekommt, ohne dass sie auf dem Boden zerspringt, klar?"
Ängstliches Salutieren folgte.
Pismire nickte ernst und umfasste den Griff seines Schwertes fester. "Also dann... Macht euch bereit..."

Es hätte wirklich funktionieren können.
Als die Rekruten unter Führung des Hauptmanns das Wachhaus verließen, zeigten sich ihre Gegner angemessen überrascht. Paeonia Depilarii griff sofort in ihren Reisebeutel, um die Sprengung ungeplant vorzuziehen, doch musste sie mit einem Aufschrei ihre Hand schnell wieder zurückziehen, auf der sich blutend eine winzige Einstichwunde abzeichnete.
Gerd Glücklos, Braggaschs Nemesis, nahm knurrend eine enorme Streitaxt in beide Hände und spieh den Heranstürmenden Flüche entgegen. Rabbes ersten, schlecht gezielten Hieb konnte er mühelos abblocken. Während die bullige Frau an ihm vorbei stolperte, nutzte der als Söldner getarnte Mann den Schwung der Parade und verpasste dem hysterisch schreienden Boris einen Rückhandschlag mitten ins Gesicht. Knochen splitterten vernehmlich, als die stumpfe Seite der Waffe Machtnichts Kiefer zerschmetterte und den schlaksigen Rekruten zur Seite warf.
Pismire warf sich indess mit einem weiten Ausfall gegen die Bombenlegerin, doch jene hatte während ihrer Zeit in Viericks anscheinend nicht tatenlos herum gesessen. Katzengleich konnte sie der heran schnellenden Spitze ausweichen und ihrerseits einen weit schwingenden Hieb mit der schweren Tasche führen. Der Hauptmann war in seinen Kampftechniken deutlich eingerostet, doch es gelang ihm, den langen Schritt zu einem Fallen umzufunktionieren, so dass er sich unbeholfen unter dem Schlag mit der zerbrechlichen Bombe weg rollen konnte. Fynn Düstergut und Vincent Trocken griffen fast zeitgleich nach dem umher sausenden Reisebeutel, um ein Fortschleudern oder Zerbrechen zu verhindern. Der Rekrut von Butterhain versuchte sich derweil mit seinem Dolch in eine passende Kampfdistanz zu Paeonia zu bringen.
Glücklos und Kurzarm lieferten sich einige schnelle Schläge, die klar machten, dass der Zwerg dem ausgebildeten Kämpfer weit unterlegen war. Nur Schraubenndrehrs wuchtiges Eingreifen verhinderte, dass es Thurgrim ebenso erging wie dem unglücklichen Boris vor ihm. Dennoch gelang es dem wutschnaubenden Mann beide Rekruten durch weite Schwinger und kräftige Hiebe mächtig in Bredouille zu bringen.
Während Pismire sich mühsam wieder hoch stemmte, hatte Fräulein Depilarii ein Messer aus ihrem Ärmel gezaubert und auf Vinzents Hand eingestochen, so dass dieser die Reisetasche heulend loslassen musste - doch auch Theodosius gelang ein Schnitt am Arm der Frau, den diese kaum registrierte.
Rabbe Schraubenndrehr kreischte triumphierend, als ihr Wacheschwert eine klaffende Wunde über den Oberschenkel von Glücklos zog. Leider musste sie diesen Triumph bitter bezahlen, als ihr Gerd seinerseits einen heftigen Tritt mittels des gesunden Beins in die Magengegend verpasst und die Schneide der Axt, begleitet von einem ungesunden Knacken, in ihren Arm fahren lies. Thurgrim nutzte die Gelegenheit, um seinen Zwergenschlägel gegen den Rücken des Widersachers zu führen, doch der Mann schien den Schlag zu spüren, wand sich herum und nutzte den eigenen Körperschwung, um die Waffe aus der stürzenden Rekrutin zu ziehen und Thurgrims Hammer beiseite zu schmettern, woraufhin dessen hölzerner Griff brach.
Fynn warf sich mit einem unartikulierten Laut nach vorne und riss den Beutel samt Bombe mit sich. Paeonia, durch deren verzweifelt klammernden Finger der Stoff rutschte, musste mit ansehen, wie sich der Rekrut im letzten Moment drehte und somit ein Zerbrechen des Sprengsatzes durch seinen eigenen Körper verhinderte. Ein wütend nachgesetzter Hieb mit dem Messer verfehlte den ehemaligen Straßenjungen, stattdessen konnte Theodosius einen weiteren Stich landen, bevor ihn ein gezielt weiblicher Tritt in die Weichteile kampfunfähig machte.
Kurzarm gelang es den Schlägen Gerds zweimal auszuweichen, den nutzlosen Hammerstiel noch in der Hand, doch der dritte, aufwärts geführte Schwinger erwischte ihn an der Hüfte und riss ihm den Unterleib auf. Stark blutend brach der Zwerg zusammen.
Hauptmann Pismire stellte sich schützend vor Düstergut, der verzweifelt bemüht war, wieder auf die Beine zu kommen. Paeonia Depilarii betrachtete kurz ihren aus zwei Wunden blutenden, nutzlosen linken Arm und nahm ihr Messer in die Rechte. Bösartig blitzte sie den Ausbildungsleiter an und suchte in seiner Deckung nach einer Lücke.
"Es ist aus, Paeonia", versuchte es Pismire keuchend, doch seine Feindin lachte nur und warf einen schnellen Blick hinter sich, wo Gerd Glücklos bereits langsam heranhumpelte.
"Ist es das?" Die Stimme der jungen, sonnenverbrannten Frau troff vor Galle. "Meinst du, nach so vielen Jahren gebe ich einfach auf, nur weil sich der Plan ein wenig geändert hat?"
Weder ihre Haltung, noch ihre Wortwahl erinnerten irgendwie noch an die höfischen Umgangsformen mit denen der Hauptmann sie vor langer Zeit kennen gelernt hatte. "Dein Bruder ist tot, die Bombe fort und die Wache bald hier. Flieh solange du kannst." Ein Schweißtropfen bahnte sich seinen Weg über Pismires Gesicht, als er hektisch von Paeonia zu Gerd sah. "Lauf, Fynn, bring den Sprengsatz zu FROG, ich halte sie auf..." Sofort erklangen hinter ihm die klatschenden Geräusche von sich entfernenden Sandalen.
"Soll ich...?", knurrte Glücklos.
Fräulein Depilarii winkte ab. "Es ist unwichtig. Ich habe, was ich wollte. Rache für all die Jahre auf der verfluchten Insel. Ein Leben für ein Leben, mit Zins und Zinseszins..."
"Was ist mit Goldwart?", fauchte der heftig blutende Mann.
"Um den kümmern wir uns später. Wenn du nun so gütig wärst, Gerd?" Paeonia deutete mit dem Messer auf ihren Gegner.
Glücklos schnaubte und hob die Axt.
Auch Pismire bereitete sich auf den Angriff vor, obwohl er sich sicher war, dass er selbst dem verletzten Kämpfer kaum etwas entgegenzusetzen hatte.
Wie aus dem Nichts erschien der hysterisch brüllende Jerome Schulz und warf sich gegen den Axtkämpfer. Beide gingen zu Boden.
Der Hauptmann gestattete sich ein winziges Lächeln - den zu spät kommenden Rekruten hätte er fast vergessen. Um den günstigen Moment nicht ungenutzt verstreichen zu lassen, ging er zum Angriff über.
Die junge Frau kreischte und drückte Pismires Schwert mit dem Messer beiseite, um dann ihrerseits in eine wilde Stichfolge zu wechseln.
Jerome und Glücklos wälzten, tierische Laute von sich Gegend, über die Straße. Obwohl es dem jungen Rekruten gelang die Axt seines Gegners zu umklammernd, so dass dieser keinen Schlag ansetzen konnte, gewann der verletzte Söldner nach einer Weile die Oberhand und rollte sich selbst über Schulz, während dieser auf dem Rücken direkt unter ihm lag. Mit gebleckten Zähnen fasste Gerd den Axtkopf mit beiden Händen und presste ihn gegen Jeromes verzweifelten Druck langsam nach unten. Die Finger des Rekruten waren mittlerweile mit Glücklos Blut besudelt und drohten abzurutschen, die Muskeln seiner Arme verkrampften sich in dem Versuch das Gewicht seines Feindes aufzuhalten, und doch senkte sich die Schneide der Axt Zentimeter um Zentimeter auf seinen Hals herab.
Plötzlich stöhnte der Kämpfer auf, ein Ruck ging durch seinen Körper. Sein Blick wanderte zum eigenen Brustkorb hinab, der nur einen Spann von dem Jeromes entfernt war. Tödlich und gemein schaute dort die Spitze eines Langschwertes heraus. Mit brechendem Blick, in dem völliges Unverständnis stand, fixierte er das Gesicht des Rekruten unter ihm, dann glitt er zur Seite, und der tödliche Druck auf Schulz' Arme verschwand. Boris Machtnichts zog kniend seine Waffe aus dem Getöteten, das zerstörte Gesicht zu etwas ähnlichem wie ein siegreiches Lächeln verzerrt, dann kippte der schlaksige Rekrut um und versank in Ohnmacht.
Paeonia hatte es in der Zwischenzeit geschafft, dem stark pumpenden Hauptmann zwei schmerzhafte Stiche zu versetzen, doch auch ihr Bein wurde von einem weiteren Kratzen geziert.
Wie altersschwache Katzen umkreisten sich die beiden erbitterten Feinde humpelnd - bis plötzlich Braggaschs Stimme erklang. "Keine, äh, Bewegung!"
Die Frau aus dem Hause Depilarii blinzelte. Der Kampf und ihre Wunden hatten sie offenkundig ausgelaugt.
"Du bist umzingelt! Äh... Rekruten, umzingelt sie! Hauptmann, Apatit ist, äh..."
"Korporal!", unterbrach Pismire mit kratziger Stimme ohne seine Gegnerin aus den Augen zu lassen.
"Sör?"
"Hast du Mundus... den Schützen erwischt?"
Langsam umkreisten verängstigte Jungrekruten die sich gegenüberstehenden Kämpfer. "Ja Sör. Ich, äh, hatte Glück. Yuka hat mir geholfen, indem er ihn ablenkte."
Der Name des Wasserspeiers berührte etwas in den Gedanken des Ausbildungsleiters. "Sag mir, ist Yuka bereits durch das Fenster geklettert?" Paeonias Augen verengten sich misstrauisch, während sie weiter nach Schwachstellen suchte. Auch die Rekruten, die sie umringen, wussten anscheinend weder was sie tun sollten, noch, was es mit Pismires Frage auf sich hatte.
"Äh... ja. Ja, Sör. Er ist hier."
Er war hier. Wie lange benötigte ein Wasserspeier, um durch ein Fenster zu klettern und das Wachhaus zu durchqueren? Zwei Minuten? Drei? Der Hauptmann hatte Yuka in seiner dritten - oder war es die Vierte? - Erinnerung an das Fenster klopfen hören und ihn gesehen, als Goldwart das Fenster geöffnet hatte. Daraufhin war der Rekrut hinunter auf die Straße gefallen. Dann war der Anschlag mit dem Bolzen gekommen... kurz darauf die Explosion... Wieviel Zeit blieb ihm, bis die acht Minuten verstrichen waren? Wenige Sekunden... "Korporal, was immer gleich passiert: Ich mache dich persönlich dafür verantwortlich, die Frau für alle Zeit einzukerkern und weggesperrt zu lassen, auch wenn ihr Vater oder sonst jemand sehr viel Geld springen lässt um sie zu befreien."
Paeonia fauchte.
"Ja, Sör. Aber, äh, wieso..."
"Tu einfach, was ich dir sage, Braggasch", murmelte Pismire erschöpft. Ein weiterer, bösartiger Schweißtropfen löste sich von seiner Stirn und gesellte sich kitzelnd zu den Anderen. Ob es an der angespannten Situation lag oder daran, dass er es erwartet hatte, konnte der ehemalige Schamane beim besten Willen nicht sagen, doch reflexartig hob der die blutverschmierte Hand, um den Schweiß von der Stirn zu wischen.
Fräulein Depilarii sprang schreiend vor.
Pismires Parade kam zu spät.
Eiskalt schnitt sich das Messer seinen Weg in den Bauch des Hauptmanns.
Das letzte, was er wahrnahm, waren mehrere Bolzen, die sich in Paeonias Rücken bohrten, dann wurde es dunkel.

.oOo.

Tod. Schmerzen. Tod.
"Hauptmann Pifmire?"
Der alte Wächter öffnete blinzelnd die Augen. Sein ganzer Körper fühlte sich taub an. "Sag bitte nicht, dass ich jetzt Meldung machen soll...", hauchte er kaum verständlich.
"Wüffte nicht, warum ich daf fagen follte", brummte Rogi schlecht gelaunt. Sie hatte in letzter Zeit ziemlich viele Rekruten verarztet und noch keine befriedigende Erklärung hierfür bekommen. "Wie fühlft du dich?"
Pismire lächelte matt. "Alles ist taub..."
"Gut. Dann wirkt ef."
"Bin ich tot?"
"Fehe ich auf wie eine Walküre oder ein kleiner Engel, Hauptmann?" Feinstich seufzte. "Der Ftich war tief, hat aber keine Organe verleft. Ich denke, ich konnte allef wieder fo fufammenflicken, daff keine bleibenden Fäden enftehen."
Der Hauptmann schluckte trocken und versuchte seiner Stimme mehr Klang zu verleihen. Ohne Erfolg. "Was ist passiert?", flüsterte er.
"Alf ich ankam, habe ich ein Blutbad gefehen. Eine unbekannte Leiche einer Frau, die der Korporal Goldwart nur flecht fuordnen konnte. Eine Weitere von einem gewiffen Gerd Glücklof, laut Goldwart. Ein Ftück entfernt wurde eine Dritte gefunden, erfoffen von einem Bolfen und dann von einem Dach gefallen. Der Rekrut Theodofiuf von Butterhain klagt über ftarke Unterleibfmerfen, Rekrut Borif Machtnichtf hat einen gebrochenen Kiefer, aber glücklicherweife nur wenige Fähne verloren, Rekrutin Rabbe Fraubenndrehrf Arm ift gebrochen, Rekrut Vinfent Trocken hat einen üblen Ftich in der Hand und der Rekrut Klara Morgän wurde fiemlich gebeutelt und leidet an einem Fleudertrauma. Rekrut Thurgrim Kurfarm ift leider vor Ort an feinen Verletfungen verftorben und der Trollrekrut Apatit fien fon feit mehreren Ftunden faft tot fu fein. Waf bei allen Höllen ift da paffiert, Hauptmann?"
"Apatit?"
"Überhitfung. Anfeinend wollte er im Raum auf den Unterricht warten. Die fwühle Hitfe hat von feinem Gehirn nicht viel übrig gelaffen. Theoretif lebt er noch, allerdingf wird er kaum noch fu irgendeiner Handlung fähig fein", erklärte Rogi geduldig.
Scham und Wut ließen eine Träne in Pismires Augen steigen. "So viel Tod... Trotz allem..."
Die Igorina klopfte ihm mitfühlend auf den Arm. "Der Fprengfatf, den der Rekrut Düftergut bei FROG abgeliefert hat, wäre nach erften Unterfuchungen in der Lage gewesen, daf ganze Wachhaus in die Luft fu Fprengen. Waf auch immer paffiert ift, ef hätte viel Flimmer kommen können. Nur die Würgemale am Half def Rekruten Creyente wirft du mir erklären müffen."
Langsam schloss der ehemalige Schamane wieder. Eine Weile sagte er nichts, während Feldwebel Feinstich ihre gesetzten Nähte überprüfte. "Also hat es funktioniert? Ich bin doch in einem anderen Hosenbein?"
"Waf?"
"Schon gut..." Ohne Mühe ließ sich Pismire in den Schlaf fallen.

Energisch pochte es an der Tür des Forschungstrakts für hochenergetische Magie.
Ein zerknautscht und müde aussehender Zauberer öffnete. "Ja bitte?", gähnte der junge Mann.
"Alexander Kleinmuth?"
Kleinmuth nickte und rieb sich die Augen. "Wer sind Sie und was haben Sie mit ihrem Bauch gemacht?"
"Hauptmann Pismire von der Stadtwache. Ich werde bald einige Erklärungen zu Ereignissen abgeben müssen und bräuchte dazu deine Unterstützung. Im Gegenzug kann ich dir wahrscheinlich einige interessante Fakten zu deinem momentanen Forschungsgebiet liefern..."
[1] Nimmt man die Karte zu Hand, ist es jenes, was aussieht wie ein verkrüppeltes B




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Feedback:

Von Aglaranna

16.10.2011

Ich weiß, dass es nicht konstruktiv ist. Trotzdem: Wow.

Von Araghast Breguyar

23.10.2011

Eine sehr schöne und interessante Single. Es hat viel Spaß gemacht, sie zu lesen.

Von Cim Bürstenkinn

17.10.2011

Beim Lesen hab ich mir gedacht, "Die Sache mit den Quanten-Erinnerungen ist seicht aber gut gemeint."
"Was schreib ich da als Feedback, damit es nicht doof ankommt". Doch was macht der Kerl? Er entlarvt die Sache selber - ja es wird sogar zur Hauptsache.

Davon abgesehen, dass ich absolut auf verschiedene Realitäten stehe, hast Du das auf eine Art und Weise gemeistert die schwer zu kopieren ist.

Rekruten: studiert diese Single und versucht ihre Struktur in Euch aufzunehmen! Gut, dass Braggasch bereits Ausbilder ist :)


Die Wendung, alles (oder vieles) an Zerstörung, Pismires und Braggaschs Tod in einem anderen Hosenbein zurückzulassen und die ganze Wache in einer neuen Realität weiterzuführen und ganz am Ende dann noch mit so Sätzen wie "Es hätte funktionieren können" den Spannungsbogen bis zum Schluss aufrecht zu erhalten ist so cool, dass ich diese Single mit 15 bewerten musste.

Einzig die Figur von Pismire... Ob er sich authentisch wiederfindet, muss Pis wohl selber beurteilen.

Gratuliere Braggasch, ich hoffe noch viele Singles von Dir zu lesen!

Von Rabbe Schraubenndrehr

28.3.2017

Auch nach 5 1/2 Jahren immernoch toll zu lesen :) Fand die Geschichte beim erscheinen toll und jetzt immernoch - it stood the test of time just fine!

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