Der gebrochene Halbgott

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von Wächter Gloddi Knollstein (GRUND)
Online seit 01. 08. 2008
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Für Rekruten (zweite Mission):
Du sollst den Wachdienst im Zellentrakt übernehmen. Das kann ja nur langweilig werden, oder?

Dafür vergebene Note: 9

"Du widerliche Kreatur! Du kannst den Willen der Götter nicht aufhalten! Ich werde hier ausbrechen und den Tyrannen, den du deinen Herrn nennst, töten!"
"Meinst du meinen Wachehauptmann oder den Patrizier? Bei dem Hauptmann hast du nämlich meinen Segen."
Es schien fast, als ob die Nachtschicht im Zellentrakt doch nicht so schlimm wäre, wie der Rekrut zuerst angenommen hatte. Na gut, es war als Strafe gedacht, weil er seinen letzten Praxiseinsatz versaut hatte, aber die Betrunkenen, die zum Ausnüchtern in den Zellen saßen, warfen ihm manchmal ohne Grund Geld zu [1] und heute Nacht hatte er sogar einen echten Helden in einer Zelle. Sonst bekam er höchstens mal eine Näherin oder so, aber die machten die männlichen Insassen immer ganz verrückt, doch dieser war anders. Zumindest behauptete dieser von sich selbst, dass er ein Held war. Der Wächter argwöhnte, dass er nur ein außergewöhnlicher Betrunkener oder sowas war.
"Du kannst mich hier nicht ewig festhalten! Ich bin Atlonikles, Sohn des blinden Io! Ich habe die Macht eines Halbgottes!"
"Achja? Du bist besonders gut in Seitensprüngen?", fragte er zurück.
Die Besoffenen, die in einer anderen Zelle als Atlonikles saßen, gröhlten. Durch diesen verbalen Schlagabtausch hatten sie nicht nur ein Plätzchen für die Nacht, sondern auch noch Unterhaltung. Gloddi kannte viele Geschichten von Helden, wie Cohen, dem Barbaren und seinen Kollegen, doch dieser junge Mann war nicht ansatzweise so beeindruckend, wie Gloddi sich einen Abenteurer vorstellte. Atlonikles war ein Junge von vielleicht 18 Jahren, hochgewachsen, strohblondes Haar und blaugraue Augen, und irgendwie schaffte er es, gleichzeitig schmächtig und muskulös auszusehen. Er hatte einen erstaunlich durchdringenden Blick für solch langweilige Augen und diesen richtete er nun direkt auf Gloddi.
"Niederer Wächter! Siehst du nicht die Fehler in deinem Handeln?"
"Dass ich jemanden, der mir schon mehrfach geschworen hat, mich zu töten, nicht aus dem Gefängnis lasse? Nein, eigentlich nicht."
Atlonikles wirbelte so schnell zornerfüllt herum, dass seine Bekleidung, eine bizarre Mischung aus einer ephebianischen Toga und einer mittwärtigen Lederrüstung, flatterte wie der Rock einer Zigeunerin. Er verschwand in der Dunkelheit seiner Zelle. Der zwergische Rekrut lehnte sich triumphierend zurück, da er glaubte, gewonnen zu haben. Als er dann jedoch kratzende Geräusche aus der Zelle des jungen Helden hörte, wusste er, dass es nicht stimmte.
"Atlonedi- leonida- Atli, was machst du da?"
"Ich schulde dir keine Rechenschaft, Scherge des Bösen!", kam ein wenig trotzig zurück.
"Heh, isses nich 'n Gesetz von deim Papi, Io, dass de nich lügen darfst, Kurzer?", fragte einer der Betrunkenen, ein grosser, stinkender Mann mit Vollbart.
Die Geräusche hörten kurz auf.
"Ich habe mich bloß geweigert, eine Aussage zu geben, mein Leidensgenosse! Keine Sorge, ich werde nicht vom Pfad der Tugend weichen!"
"Oh komm schon...", murmelte der kurze Wächter, als er sich widerwillig von seinem Stuhl erhob, um nachzusehen, was dieser weltfremde Halbgott machte. Als er mit seiner Laterne vor der Zelle stand, sah er den Jungen vor der gegenüberliegenden Wand hocken und den Mörtel aus der Mauer kratzen. Der Rekrut seufzte.
"Lieber Himmel, Atli, das hier ist ein verdammter Keller! Du kommst nicht raus, indem du die Mauer abbaust!" als Atlonikles den ersten Stein entfernte, wurde der Wärter dennoch stutzig. "Wie machst du das so schnell? Du hast nur deinen Finger!"
Der Gefangene lachte verächtlich nasal.
"Ich bin der Sohn des mächtigen Io! Ich habe viele Gaben! Ich bin gutaussehend, klug, habe immer ein Schwert zur Hand, bin unverwundbar- AU!", rief er, als Gloddi eines seiner Zwergenbrote nach ihm warf.
"Vielleicht unverwundbar, aber Schmerz spürst du trotzdem", grinste dieser.
Als der andere gerade zu einer rechtschaffenden Antwort ansetzen wollte, kam aus einer anderen Zelle ein Aufschrei. Der Rekrut hastete zur Zelle der Betrunkenen und sah, wie sich der stinkende, bärtige Mann und ein kleinerer Mann mit Vollglatze prügelten. Der Zwerg entspannte sich. Darauf war er vorbereitet. Er stellte die Laterne ab, ging zu seinem Stuhl, nahm den vorbereiteten Eimer voll kaltem Wasser, ging zur Zelle zurück und schüttete ihn über die Streithähne.
"Was war denn los?", fragte er in einem ruhigen Tonfall, während die Männer versuchten, das Wasser abzuschütteln.
"Er hat mir auffen Kopp jespuckt!", lallte der Mann mit der Glatze.
"Er hat gesacht, ich bin n haariger Sohn von nem Troll...", grummelte der Andere.
Gerade, als der Rekrut dazu ansetzte, den Streit zu schlichten, hörte er hinter sich ein metallisches Geräusch. Er verdrehte die Augen, murmelte "Was nun..." und drehte sich um. Der blonde Abenteurer versuchte, mit seinem komischen Schwertgriff die Gitterstäbe zu verbiegen. Dabei rief er immer wieder "Für Io! Für Ephebe!" Gloddi warf den Eimer weg und rannte zur anderen Zelle, um dem Ephebianer das Ding wegzunehmen.
"Hör auf damit!", rief er. "Weißt du, wie teuer diese Stangen sind?"
"Sie sind vom Blut Unschuldiger bezahlt! Alles, was dem Tyrannen gehört, gehört vernichtet!"
Der vermeintliche Scherge des Bösen nahm ein weiteres Zwergenbrötchen und warf es dem Helden direkt zwischen die Augen. Dieser schrie laut "Bei Io!", liess das Eisending los und hielt sich beide Hände vor's Gesicht.
"Du kleiner Satan! Du wirst leiden für deine Verbrechen!"
Der Wächter, welcher den Griff schnell ausser Reichweite gezogen hatte, murmelte: "Ich glaube fast, du bist selbst schon die Strafe...", und wurde durch die Tatsache, dass es plötzlich sehr dunkel wurde, daran erinnert, dass er sowohl einen Eimer mit ein bisschen Wasser als auch die einzige Laterne im Raum in Reichweite der immernoch Betrunkenen stehen gelassen hatte. Er fluchte und hastete so schnell es ihm möglich war zu der betreffenden Zelle. Das hört heute ja gar nicht mehr auf, dachte er sich finster.
"He, Jungs! Macht das Licht wieder an!"
"Wieso? Was ham wir davon?", kam es eindeutig von dem Mann mit dem Vollbart zurück.
"Oh komm schon, ist das dein Ernst?", fragte der langsam verzweifelnde Wächter zurück.
"Wia wolln was zu Essn, issas kla?", ertönte diesmal der kleine Glatzköpfige.
Na immerhin haben sie ihren Streit beigelegt, dachte sich Gloddi.
"Meinetwegen. Ich habe hier etwas Rattenkebab.", bot er an.
"Gemacht! Gib her!"
Resigniert tauschte der Rekrut sein Abendessen gegen die Laterne. Als er es nach einigen Versuchen schaffte, sie anzumachen, sah er, wie der Vollbart und die Glatze sich um das Rattenkebab prügelten und von den anderen Insassen angefeuert wurden. Mit zunehmend schlechter Laune drehte er sich um und seufzte nur noch, als er sah, dass die Tür zur Zelle des Halbgottes offen stand.
"Verteidige dich selbst!", rief dieser aus einer dunklen Ecke des Raumes und trat mit einem Schwert, das aus dem Schwertgriff und einer Klinge aus blauem Licht bestand, hervor.
"Was zum... Wie hast du den Griff-" Weiter kam er nicht, da Atlonikles schon laut brüllte und auf ihn zu rannte. Der Zwerg ging einen Schritt zurück und wich einem Hieb aus.
"Du kannst mir nicht entkommen", sagte Atlonikles ruhig. "Diese göttliche Klinge wird dein Ende sein."
Gloddi sprintete zu seinem Stuhl und benutzte ihn als Schild, doch der zornige Angreifer schlug ihn mit einem Hieb seines immer stärker leuchtenden Schwertes kaputt.
"Hey, ich mochte den Stuhl!", kreischte der Rekrut, als er panisch versuchte, zu entkommen.
Als er an der Zelle der Betrunkenen vorbei kam, wurde er spontan am Kragen festgehalten und unter höhnischem Gelächter hochgehoben. Na toll, dachte Gloddi, als der Sohn des Io langsam mit einem triumphal gemeinten, aber albernen Grinsen im Gesicht auf ihn zutrat. Ich sterbe nicht nur, vorher macht man sich auch noch über meine Größe lustig. Atli baute sich vor ihm auf.
"Bete zu deinen unheiligen Göttern, Diener des Bösen!", sagte er, als er mit seinem seltsamen, leuchtenden Schwert ausholte.
Der Todgeweihte kniff die Augen zu, hielt sich die Hände vor's Gesicht und wartete. Doch an Stelle des erwarteten Todesstoßes hörte er nur ein würgendes Geräusch und danach eine Art "Platsch". Vorsichtig öffnete er die Augen und sah, dass sein Henker über und über von Erbrochenem bedeckt war. Gloddi war froh, sein Abendessen wieder zu sehen, auch, wenn er sich das eigentlich anders vorgestellt hatte. Atlonikles blickte verdutzt und erschüttert drein. Die Klinge seines Schwertes verschwand, als er es fallen liess. Er ging langsam zurück in seine Zelle und schloss die Tür hinter sich.
"Atli?", fragte der Wärter vorsichtig, als er von einer lachenden Menge Angetrunkener wieder runtergelassen wurde. "Alles ok?"
Er ging zu der anderen Zelle.
"Geht's dir gut?"
Der Angebrochene saß in einer Ecke seiner Zelle, umklammerte seine Beine und wippte vor und zurück.
"Lass mich in Ruhe, ich will niemanden sehen.", sagte er in einem Tonfall, der signalisierte, dass er möglicherweise in Tränen ausbrechen könnte.
"Na gut. Sag Bescheid, wenn du etwas brauchst", sagte Gloddi, aber als keine Antwort kam, ging er nach oben, um einen neuen Stuhl zu holen.

Am nächsten Morgen.
Gloddi gähnte und rekelte sich, als er auf dem Stuhl und umringt von nochmehr Kleingeld der Betrunkenen[2] aufwachte. Er stand auf, nahm Atlonikles' Schwertgriff und schlug damit gegen die Gitterstäbe, um alle zu wecken. Unter Stöhnen und Murren standen die Ausgenüchterten auf. "Kommt schon! Es ist Zeit, nach draußen zu gehen!", rief er dabei.
Er öffnete die Zellen und führte die Gefangenen aus dem Wachhaus heraus. Auf dem Hof trafen sie Lance-Korporal Kathiopeja, welche mit einem verwunderten Blick auf Atlonikles auf den Rekruten zu kam und ihn kurz beiseite nahm.
"Guten Morgen, Rekrut Knollstein.", grüßte sie ihn, und fragte, ohne eine Erwiderung abzuwarten, "Was is denn mit dem kleinen Blonden da passiert? Der sieht ja aus, als ob man ihm in's Gesicht gekotzt hätte!"
Atli, welcher das wohl gehört hatte, rannte plötzlich los. Man konnte sein Schluchzen noch minutenlang hören.
[1] tatsächlich gab es einen Grund, nämlich, dass sie ihn für ein Tanzäffchen hielten. Dies lag daran, dass er oft einnickte und an der seltenen Unterart des Schlafwandelns, dem Schlaftanzen, litt. Ausserdem hat niemand jemals behauptet, dass Gloddi gut aussah.

[2] Er konnte im Schlaf Salsa tanzen




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Feedback:

Von Pismire

14.08.2008 09:33

Ich war am Ende etwas enttäuscht, weil mir nicht klar ist, warum jemand, der ein blau leuchtendes Schwert aus dem Nichts holt und der Sohn eines Gottes ist, wegen eines ausgekotzten Rattenkebabs wieder in die Zelle zurückkehrt. Positiv aufgefallen sind mir die flüssigen Dialoge und der eingestreute Witz. Alles in allem: gut zu Lesen, aber ich hätte eine abgerundete Handlung vorgezogen.

Von Glum Steinstiefel

14.08.2008 09:33

Die Idee eines widerspenstigen Halbgottes ist eine interessante Sache, die man bestimmt ganz gut in eine größere Single hätte einbauen können, doch mir persönlich fehlt der Hintergrund der Geschichte, ein wenig mehr Information. Es passt einfach nicht in eine derart kurze Geschichte. Und ich finde es etwas merkwürdig, dass Atlonikles sich von Erbrochenem angewidert in seine Zelle zurückzieht, wo er vorher noch so hoch daher geredet hat. Aber auf der anderen Seite muss man sagen, dass Potential vorhanden ist. Du umschreibst die Szenen gut und ich bin überzeugt, dass du in längeren Geschichten mit dieser Schreibweise gut punkten wirst. Ich bin mal gespannt, für welchen Arbeitsbereich du dich entscheiden wirst :)

Von Ruppert ag LochMoloch

14.08.2008 09:33

Die Geschichte war witzig, flott und sehr interessant. Riesenlob dafür!Allerdings nehme ich einen Teil davon auch gleich wieder zurück ;-). Denn mir fehlen ein paar Details in der Geschichte. Zum einen wer dieser Halbgott ist und warum er sitzt. Das wäre mit zwei oder drei Sätzen geschrieben und hätte die Geschichte abgerundet. Außerdem (und das ist für mich gravierender) frage ich mich, warum sich der "Angebrochene" (wirklich ein nettes Wortspiel!) in die Zelle zurückzieht und am Boden zerstört ist. Also verbleibt ein Großes Lob!

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