Heute steht der Umgang mit den Bürgern der Stadt auf dem Ausbildungsplan! Zusammen mit einem anderen Rekruten wird es deine Aufgabe sein einen kleinen Tatort vor den neugierigen Bürgern zu schützen, damit die Tatortwächter von SuSi in Ruhe ihre Arbeit verrichten können. Wie das wohl ausgeht?
Gloddi fand, dass es ein wirklich schöner Tag war, schon als er aufstand. Sein Frühstück, eine kleine Portion Rattenpastete, war erstaunlich köstlich für die Verhältnisse der Herberge, in die er sich eingemietet hatte. Danach wurden er und seine neue Freundin Ainda, die er erst vor Kurzem kennen gelernt hatte, nicht ein einziges Mal überfallen, als sie sich zum Wachhaus in der Kröselstraße begaben, wo heute ihre Ausbildung beginnen sollte. Na gut, sie waren ein wenig spät dran, aber es würde sicher trotzdem interessant werden. Das Wachhaus war nicht mehr weit, und seine Vorfreude steigerte sich immer mehr.
"Du wirst schon sehen, Ainda, das wird ein Spaß!"
"Bist du dir sicher?"
"Ja, ganz sicher! Wir könnten vielleicht schon heute einen Fall bekommen! Vielleicht ein Mordfall! Oder eine Geiselname!"
Ainda zuckte mit den Schultern. "Das kann ich mir nicht vorstellen."
"Stimmt, du hast Recht. Aber vielleicht machen wir einen Schwertkampf, oder gehen auf Streife, oder..."
"Kann ich mir auch nicht vorstellen."
Gloddi sah sie misstrauisch an. "Du hast nicht viel Phantasie, oder?"
"Genau."
Stille.
Gloddi fand sie sympathisch und alles, für einen Menschen, aber irgendwie verstand sie keinen Spaß.
"Wie, glaubst du, sind die Duschen eingeteilt?", fragte Gloddi sie mit seiner speziellen Stimme, knuffte sie in den Oberschenkel und ließ seine Augenbrauen hoch und runter wandern.
"Vermutlich gibt es gar keine, es ist immerhin eine Wache, und selbst wenn, werden sie vermutlich geteilt sein."
"Ja. Vermutlich."
Stille.
Gloddi begann zu hoffen, dass sie bald zum Wachhaus kamen.
"Sieh nur, da ist es.", tönte es von etwa einem halben Meter über ihm. Gloddi schob sich zwischen einigen Beinpaaren durch.
"Tatsächlich! Wir sind da!"
Er stürmte schon fast zum Tor des Gebäudes, Ainda folgte ihm langsam.
Die Eingangshalle war recht dunkel eingerichtet. Das gesamte Gebäude wirkte ein wenig morbide, und für einen Moment hatte Gloddi das Gefühl, in einer Art Gruft zu sein, doch dann bemerkte er, dass ein Wächter an dem Tisch, der offensichtlich der Tresen war, saß. Er schien schon halb eingeschlafen zu sein, zumindest stützte er seinen Kopf nur noch halbherzig ab. Gloddi trat vor den Tresen und salutierte. "Rekrut Knollstein und Rekrut Blitzstut melden sich zum Dienst, Herr!"
Der Wächter, welcher die Augen geschlossen hatte, öffnete diese und musterte die beiden mit mäßigem Enthusiasmus. "Wisst ihr eigentlich, wie spät es ist?", fragte er gähnend.
Gloddi wirkte ein wenig verunsichert, blieb aber still stehen. "Nein, Herr!"
Der Wächter fing an, sich zu räkeln. Nach einem kleinen Blick auf eine große Uhr, die an der gegenüberliegenden Wand hing, sagte er: "Es ist 9 Uhr 20! Ihr solltet um 7 Uhr da sein! Bemerkst du den kleinen Unterschied?"
Gloddi wirkte verunsichert, doch als er etwas erwidern wollte, fiel Ainda ihm ins Wort: "Es tut uns Leid, Herr. Kannst du uns zu unserem Ausbilder bringen, Herr?"
Der Mann am Tresen wirkte irritiert."Was? Was hat das damit zu tun?"
"Wir sollen ausgebildet werden.", sagte Ainda, als wäre es selbstverständlich.
Der Wächter sah sie ein wenig misstrauisch an, gab jedoch, als sie sich nichts anmerken lies, auf. "Jaaa, na gut. Wir haben Ausbilder Feinstich. Geht diesen Gang entlang, biegt dann rechts ab und dann die erste Tür rechts.", erklärte er und lies sein Gesicht schlaftrunken in seine Hände sinken. Als er aufsah und die Rekruten ihn immernoch unsicher ansahen, fügte er zornig hinzu: "Los jetzt!!"
Gloddi salutierte kurz, nuschelte schnell ein "Danke, Herr!" und folge Ainda, die schon losgegangen war.
Sie standen vor der Tür, zu der sie geschickt worden waren. Wenn das restliche Ambiente des Wachhauses morbid und dunkel war, konnte diese Tür nur als bedrohlich und finster bezeichnet werden. Gloddi fühlte sich an überwäldische Schlösser erinnert, von denen er vor ewigen Zeiten mal eins besucht hatte. Er atmete tief ein und klopfte.
"
Herein." Diese Stimme klang, als ob sie speziell für diese Situation einstudiert worden war.
Gloddi bekam allmählich Angst. Wer, oder besser,
was, war ihr Ausbilder? Seine Hand näherte sich zitternd dem Türknauf. Schweiß lief seine Stirn hinunter.
Dann öffnete Ainda die Tür und trat ein. Die Tür knarrte bedrohlich. Gloddi sah ihr entsetzt hinterher, er konnte nicht verstehen, wie sie so vollkommen unpassend handeln konnte. Es wurde von den Leuten erwartet, bei so einer Tür Angst zu haben, oder? Schnell hastete er dann aber auch in den Raum.
Der Raum war dunkel und so, wie man es draußen erwartet hatte. Spinnenweben hingen überall, ein seltsamer Geruch hing in der Luft, passend zu den Dingen, die in verschiedenen Gläsern auf dem Schreibtisch standen. Der Schreibtisch. Er dominierte den Raum. Ein großes, dunkles Monstrum von einem Tisch, bedeckt mit viel Papierkram und Gläsern mit Dingen drin. In der Mitte saß eine Gestalt, kaum zu erkennen. Sie wirkte hochgewachsen und ihr Haar zerzaust.
"Ja?", fragte die Gestalt theatralisch.
"Wir suchen Ausbilder Feinstich.", sagte Ainda.
"Ähm, ja. Wir, äh, sind die neuen Rekruten.", fügte Gloddi vorsichtig hinzu.
Die Gestalt blickte auf. Plötzlich fiel Licht auf ihr Gesicht.
Es war eine Frau, soviel konnte Gloddi sagen. Doch er war durch die Details irritiert: nicht zusammen passende Augen auf unterschiedlicher Höhe, Hautfarbe in vielen verschiedenen Farbtönen und alles abgegrenzt durch große Narben.
"Ach, habt ihr euch auch endlich dafu entfieden, herfukommen?", fragte die seltsame Frau unpassend sachlich. "Vermutlich habt ihr fon Rekrut Kirfkuch am Trefen getroffen. Waf guckft du fo? Achfo, ja. Ich bin eure Aufbilderin, Feldwebel Rogi Feinftich."
"Ja, Mä'äm!", rief Ainda aus. Gloddi tat es ihr hastig nach.
"Ihr feid fu fpät."
"Ja, Mä'äm! Tut mir Leid, Mä'äm!"
"Ähm... ja, mir auch, Mä'äm!"
"Wollt ihr nun fo weiter machen, jeden Tag fu fpät kommen?"
"Nein, Mä'äm!", rief Gloddi entsetzt aus. "Es war ein... Versehen... wir wollten nicht..."
"Sind Sie ein Zombie, Mä'äm?"
Der letzte Satz stammte von Ainda, der diese Frage wohl schon auf der Zunge gelegen hatte.
"Waf?", fragte der Feldwebel, sichtlich aus dem Konzept gebracht.
"Ob Sie ein Zombie sind, Mä'äm. Sie sehen wie einer aus, Mä'äm."
Feinstich funkelte sie bedrohlich an. Es war ein Kunststück, jemanden in einem so schlecht beleuchteten Raum so bedrohlich anzufunkeln. "Für dich immernoch
Feldwebel Fombie. Und nein, ich bin keiner. Ich bin eine Igorina."
Nun wurde Gloddi einiges klar. Nichts hier war wirklich bedrohlich, es war einfach die einem Igor angeborene Theatralik. Deswegen hatte die Tür ihn an das Schloss in Überwald erinnert!
"Wirklich? Hätte ich mir nicht vorstellen können.", sagte Ainda währenddessen. Auf ein Räuspern der Ausbilderin hin fügte sie hinzu:"Mä'äm."
"Und? Was ist unser Ersatzauftrag, Mä'äm?", schaltete Gloddi sich wieder ein, sichtlich in seinem Selbstvertrauen gestärkt.
"Hmm... lafft mich nachdenken... Ich weiff!", rief Rogi aus und grinste theatralisch böse. "Ihr beide werdet... hmm, wo war der Fettel..." Sie wühlte einen Moment in dem Papierkram auf ihrem Schreibtisch herum. Schließlich fand sie, was sie suchte, und holte es triumphierend hervor. "Hier, daf hier ift vor einigen Minuten vorbei gebracht worden. Ihr beide werdet den Tatortwächtern von der FuFi helfen, einen Tatort zu analyfieren."
Gloddis Augen fingen an zu strahlen. "Sie meinen, ganz mit Fingerabdrücken und Beweismitteln und so? Mä'äm?"
"Nein. Hier fteht, daff ihr beide daneben ftehen werdet, um neugierige Bürger
[1] vom Tatort fern fu halten. Hier fteht auch, daff ef einfach fein wird."
Gloddi schien ein wenig enttäuscht zu sein. "Sind Sie sich..."
"Wir werden es tun, Mä'äm!", unterbrach Ainda ihn.
"Ausgezeichnet. Hier, auf diefem Fettel fteht allef wichtige."Sie reichte Ainda das Blatt Papier, welches sie zuvor hervorgekramt hatte. "Der Tatort ift hier in der Nähe, nur fünf Blöcke weiter. Ach ja... Bevor ihr geht, holt euch eine Uniform, Rekrut Kirfkuch wird euch fagen, wo ihr welche findet."
"Ja, Mä'äm. Danke, Mä'äm. Dann lassen wir mal die Fetzen fliegen, haha", fügte Gloddi hinzu und grinste. Als sich auf Rogis Gesicht nichts regte
[2], wurde ihm klar, dass er noch jemanden gefunden hatte, der seinen Humor nicht mochte. Toll. Peinlich berüht und ein wenig zu hastig verließ er den Raum, und seine neue Kollegin folgte ihm.
Als sie den Raum schon verlassen hatten, sagte Rogi leise: "Daf haben fie davon, mich Fombie fu nennen..." und machte sich daran, die Tür ein wenig mehr zum Knarren zu bringen. Der eine der Rekruten hatte sich überhaupt nicht beeindruckt gezeigt, das machte ihr ein wenig Sorgen.
Später fanden sich Ainda und Gloddi in frischen Uniformen
[3] auf dem Weg zu dem Tatort wieder.
"Wieso?", fragte Gloddi nach einer Weile.
"Wieso was?"
"Wieso hast du diesen Auftrag angenommen? Das ist doch totaler Mist!"
"Sie sagte, es sei einfach. Und ich habe gehört, dass Zombies nie lügen."
Gloddi seufzte innerlich. Machte sie das mit Absicht? "Sie ist kein Zombie", erklärte er ihr.
"Sie sah wie einer aus.", meinte Ainda voller Überzeugung.
Stille.
"Was steht eigentlich auf diesem Zettel?", versuchte Gloddi das Thema zu wechseln.
"Hier steht:
Benötigen Hilfe von ein paar Rekruten bei der kleinen Bäckerei 5 Blöcke weiter.
Gebt ihnen diesen Zettel und bläut ihnen ein:
1. Macht jedem klar, dass ihr die Bosse seid.
2. Wenn ein Bürger aufdringlich wird, dann sagt ihm, dass er zu nah ist.
3. Lasst niemanden zum Tatort.
4. Wenn Schnapper auftaucht, habt ihr verloren.
5. Wenn mehr als 3 Bürger auftauchen, sagt, dass es nichts zu sehen gibt."Hmmm. Klingt wirklich einfach.", sagte Gloddi widerstrebend, als Ainda mit lesen fertig war.
"Stimmt.", kommentierte diese.
"Da vorne ist es. Sieh nur, nicht ein Mensch in der Nähe, das wird sicher einfach."
Direkt vor ihnen war die auf dem Zettel erwähnte Bäckerei. Es war ein unscheinbares Gebäude mit einem Schaufenster, auf dem "Kuchenfrechs köhstliche Kuchen" stand, und einer kleinen Ladentür. Es stand eingeklemmt zwischen zwei größeren Häusern und schien allgemein recht unbedeutend. Vor dem Gebäude standen zwei Wächter mit einem kleinen, kahlköpfigen und nervösen alten Mann, der wohl der Besitzer war. Die beiden Rekruten schritten möglichst professionell zu ihnen.
"Rekrut Knollnase und Rekrut Blitzstut, melden sich zum Dienst!", sagten beide und salutierten.
"Na endlich seid ihr hier. Das ist die Gefreite Inös und ich bin Obergefreite Kathiopeja. Ihr habt euch Zeit gelassen.", sagte einer der Wächter. Bei genauerem Hinsehen stellte Gloddi fest, dass es eine
Wächterin war. Sie wirkte recht groß und, wie auch seine Ausbilderin, sehr bedrohlich, nur hatte er hier den Eindruck, dass es nicht nur gespielt war.
"Ja, Mä'äm!", antwortete er ihr.
"Ok, ihr habt die Regeln bekommen, haltet euch dran und alles läuft gut. Wir gehen rein und untersuchen den Einbruch. ist das so recht für Sie, Herr Kuchenfrech?"
Der kleine Mann sah etwas nervös aus und wirkte nicht wirklich zufrieden. "Ja, vielen Dank, Obergefreite. Wird nun also
endlich jemand diesen
schrecklichen Einbruch untersuchen?"
"Ich kann Ihnen versichern, daß es wirklich nicht so schlimm sein wird, Herr Kuchenfrech. Wir sind hier nicht einmal mehr sehr nah an den Schatten.", schaltete sich die Gefreite Inös ein.
Herr Kuchenfrech wirkte immernoch angespannt, stimmte ihr aber widerwillig zu: "Na gut, bringen wir es hinter uns."
"Na endlich", lies die Obergefreite vernehmen. "Du da!" Kathiopeja deutete auf Ainda und warf ihr einen kleinen Beutel zu. "Geh mit diesen Bohnen ins Wachhaus und mach mir einen Kaffee. Jetzt."
"Ja, Mä'äm", sagte Ainda und ging los.
"Naja, wir fangen mal an. Es wird nicht lange dauern, vermutlich ist überhaupt nichts passiert.", sagte sie, einen eindringlichen Blick auf Herrn Kuchenfrech werfend.
"Hier hast du Absperrband." Mit diesen Worten gab die Gloddi eine kleine Rolle gelblichen Stoffes, "nur für den Notfall. Wir gehen mal rein.", murmelte sie und betrat die Bäckerei. Olga- Maria und der Besitzer folgten ihr, die Gefreite raunte Gloddi aber noch ein halbherziges "Viel Glück!" zu.
Nun stand Gloddi allein vor der Bäckerei.
"Ein ziemlich frauenlastiger Haufen, ich frage mich, wie hoch die Kosten zum Brustpanzer Ausbeulen sind." Er fing an, halbherzig zu kichern.
Er beobachtete die vorübergehenden Leute. Ein Adeliger mit einem Leibwächter ging vorbei. Danach eine alte Frau mit ihrer Wäsche. Einige junge Arbeiter zogen vorüber, recht nah an ihm.
"Hier gibt es nichts zu sehen...", murmelte Gloddi geistesabwesend.
Einer der Arbeiter blieb stehen.
"Was hast du gesagt, Kurzer?", fragte der Arbeiter ihn, nachdem er sich hingehockt hatte.
"Ich sagte, dass es hier nichts zu sehen gibt. Geh bitte weiter."
"Ach ja? Sowas kenne ich." Er zwinkerte Gloddi zu. "Was gibt es denn hier
nicht zu sehen?"
"Absolut gar nichts. Hier gab es nur einen einfachen Einbruch.", beteuerte Gloddi.
"Oh, wirklich? He, Jungs, hier hat wer beim alten Kuchenfrech eingebrochen!" Seine Mitarbeiter kamen unter johlenden Rufen dazu.
Eine stämmige Frau mittleren Alters, die auf der anderen Straßenseite entlang gegangen war, kam herüber und fragte: "Was ist denn hier los?"
"Dieser Bursche hier sagt, dass wer den alten Kuchenfrech ausgeraubt hat!"
"Unerhört!" Rief die Frau empört. "Kann man etwas erkennen?" Sie reckte sie ihren Hals, um durch eines der Schaufenster zu sehen.
"Ich muss Sie wirklich bitten, weiter zu gehen, meine Dame."
"Jaja, gleich.", winkte sie ab.
"Ich
bitte dich, geh weiter!", knurrte Gloddi. Er wurde langsam sauer.
"Oh, dieser Zwerg wird aggressiv!", rief einer der Arbeiter aus.
"
Nein, werde ich nicht!", schrie Gloddi den Arbeiter an.
Ein Mann mit einem schwarzen Anzug und einem Zylinder, der vorbei ging, hielt an und fragte: "Wieso wird dieser Zwerg denn so zornig?"
"Hier gab es einen brutalen Überfall! Jemand hat den alten Kuchenfrech angegriffen und ausgeraubt!"
"
Nein, so war es
nicht!", meldete Gloddi sich wieder zu Wort.
Er versuchte, beherrscht zu wirken, doch innerlich verzweifelte er. Was wollten diese Leute von ihm? Es war doch wirklich nichts passiert...
Als Ainda wiederkam, hatte sie keinen Kaffee bei sich, da sie vergessen hatte, die Obergefreite zu fragen, wo die Kaffeemühle stand. Als sie in die Bäckerei wollte, um zu fragen, fielen ihr die vielen Schaulustigen auf, die die Bäckerei belagerten.
"Was ist hier los?", fragte sie einen alten Mann, der am Rand der Masse stand und seinen Hals reckte.
"Ganz schlimm! Angeblich hat jemand den alten Kuchenfrech und seine Frau getötet, den Laden in die Luft gejagt und ausgeraubt und ist nun immernoch dort! Herrje, dabei habe ich hier gestern noch eingekauft!"
"Wieso sollte er noch dort sein, wenn der den Laden in die Luft gejagt hat? Außerdem sehe ich den Laden noch! Direkt dort, dieser Mann lehnt sich daran an!"
Der alte Mann wirkte durch Logik verunsichert. "Das hat zumindest so ein Polizist gesagt, der da vorne steht. Sagt auf jeden Fall diese Dame hier."
Ainda kämpfte sich durch den Mob nach vorne. Sie gelangte ihren Mitrekruten, auf einer Kiste stehend, als er rief: "
Hier gibt es nichts zu sehen! Gehen Sie bitte weiter!"
"Was ist los?", fragte Ainda ihn.
"Gut, daß du wieder hier bist! Es ist schrecklich! Die Regeln funktionieren nicht! All diese Leute wollen da rein, aber die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen!
He du, komm nicht zu nah!" Dies war an einen Jungen gerichtet, der mit einem großen Stein in der Hand auf das Schaufenster zugegangen war. Er schreckte zurück und verschwand wieder in der Menge.
"Gut, dass du endlich hier bist, Ainda! Los, breite dieses Absperrband aus, ich halte die Leute weiter zurück!" Er überreichte ihr die Rolle, formte seine Hände zu einem Trichter, legt sie an den Mund und rief: "ICH bin hier der Boss! Und ich sage: Geht weiter!"
Ainda breitete gerade das Absperrband direkt an der Menge aus, als sie eine verräterische Stimme rufen hörte: "Würstchen! Heiße Würstchen! Esst ein Würstchen, nur ein Dollar, und damit treibe ich mich selbst in den Ruin!"
Gloddi hörte die Stimme auch und fluchte leise. Es hätte ein so schöner Tag werden können, da war er sich sicher. Doch irgendwie war nichts so gelaufen, wie er gehofft hatte. Er hatte verloren, da war er sich sicher, aber er würde nicht aufgeben. Jeder in der Stadt wusste, dass Schnapper immer vor Ort war, wenn etwas interessantes passierte
[4]. Und seine Anwesenheit hier würde sicher dafür sorgen, dass mehr Bürger herkommen würden. Und mehr Bürger bedeuteten mehr Gefahr, auch wenn sie nicht in der unmittelbaren Umgebung der Schatten waren. Und dann waren da noch die Würstchen...
Er nahm seinen Proviantbeutel mit Rattenkebab hervor, packte es aus und nahm einen großen Bissen. Vielleicht, so hoffte er, würde Schnapper ihn dann wenigstens mit den Würstchen verschonen. Außerdem: Wenn er schon an seinem ersten Tag versagen sollte, dann wenigstens mit vollem Magen.
"Hier gibt es absolut nichts zu sehen, glaubt mir. Geht bitte weiter.", versuchte Ainda auszuhelfen, nachdem sie das Absperrband aufgestellt hatte. Anscheinend geriet sogar sie langsam in Panik.
"Wenau! Nifft fu fehn!", fügte Gloddi mit vollem Mund hinzu.
"Ahh, ein junger, suh- va- räner Korporal der Stadtwache!", hörte er eine Stimme rufen und sah plötzlich T. M. S. I. D. R. Schnapper vor sich. Er hatte seinen tragbaren Würstchenstand bei sich, ein sicheres Zeichen dafür, dass seine neuste Geschäftsidee, was auch immer das gewesen sein mochte, versagt hatte. "Ich finde es gut, wie du die Leute aus der Gefahrenzone von diesem Dämon hälst!", ermutigte Schnapper Gloddi. "Möchtest du ein Würstchen? Nur ein Dollar!" Er hielt ihm eines seiner Würstchen unter die Nase. Der Geruch trieb Gloddi die Tränen in die Augen.
"Nein, ich möchte kein Würstchen, selbst wenn ich keinen Proviant dabei hätte würde ich keins nehmen!", sagte er auf sein Rattenkebab deutend.
"Schade. Wie ist dein Name, Korporal?"
"Ich bin Rekrut. Rekrut Knollstein." Er salutierte.
"Interessant. Und, was weiß man vom Dämon?", fragte Schnapper unschuldig und versuchte, an Gloddi vorbei zu sehen.
"Dämon? Welcher Dämon?"
"Na der Dämon, der gekommen ist, als der Hohepriester in der geheimen Spielhölle von der Wache getötet wurde."
"Ist das die Geschichte, die momentan erzählt wird?", fragte Gloddi verzweifelt.
"Ja. Stimmt sie nicht?"
"Nein, es war nur ein Einbruch.", schaltete sich Ainda ein.
"Und sie sind, junge Dame?"
"Rekrut Blitzstut."
"Ah. Und was genau wurde gestohlen?"
"Nichts wurde gestohlen! Absolut nichts!", schrie Gloddi Schnapper an.
"Etwas so wertvolles? HE, LEUTE!", rief Schnapper in die Menge, "Hier wurde ein Brilliantkollier gestohlen und ist nun irgendwo in der Bäckerei versteckt!"
Bei Gloddi klingelten alle Alarmglocken. Wenn die Bürger Ankh- Morporks irgendwo etwas Wertvolles vermuteten, wollten sie hin und danach suchen. Das hieß, dass sie rein wollten! Die SuSis waren noch nicht fertig! Sie sollten sie draußen halten, bis sie fertig waren! Er würde versagen!
"Sie wollen rein, Gloddi. Wir sollten sie draußen halten, bis die SuSis fertig sind. Wir werden versagen.", fasste Ainda sachlich zusammen.
"Danke für diesen Kommentar, Ainda.", sagte Gloddi resigniert. "Irgendwelche Ideen, wie wir die Situation retten können?"
"Nein."
"Mist." Wieso hatte er sie überhaupt gefragt?
Da kam Gloddi eine Idee. "Bleibt zurück, Leute! Ich habe hier sechs Zwergenbrötchen, und bin bereit, sie einzusetzen!"
Das Schieben und Zerren, das nach Schnappers Ausruf begonnen hatte, hörte schlagartig auf. Gloddi posierte triumphierend auf seiner Kiste und hielt eines seiner Brötchen hoch, als plötzlich jemand rief: "Er ist mit dem Dämon verbündet! Auf ihn!"
Das letzte, an das Gloddi sich erinnern konnte, war, wie etwa zwanzig Leute auf ihn zukamen, um ihn ins Gesicht zu schlagen. Zum Glück, so sein letzter Gedanke, ist kein Troll unter diesen Leuten und zum Glück mein Ausbilder eine Igorina...
Gloddi wachte auf. Sein Schädel brummte. Als er seine Augen öffnete, sah er ein helles Licht.
"Gloddi? Du bist aufgewacht."
Aindas Stimme. Er war also vermutlich nicht tot. Oder zumindest nicht im Himmel.
"Du liegst in einem Bett im Rekrutenschlafsaal.", beantwortete Ainda seine ungestellte Frage.
"Wir haben einen Schlafsaal? Wieso habe ich mir dann überhaupt ein Zimmer in einer Herberge gemietet?"
"Darüber solltest du dir später Sorgen machen. Feldwebel Feinstich will mit dir reden."
Gloddi seufzte. "Wielange habe ich geschlafen?"
"Zwanzig Minuten."
"Oh. Kann ich... aufstehen?"
"Du hast dir nichts gebrochen."
"Gut!", rief Gloddi und sprang aus dem Bett. Er spürte einen gewissen Luftzug.
"Allerdings trägst du keine Kleidung, deswegen wäre es nicht sehr ratsam, wenn du aufstehst."
Gloddi legte sich wieder ins Bett und deckte sich hastig zu. Er seufzte. "Danke für den Hinweis, Ainda."
"Kein Problem."
Ein weiterer Seufzer. Und sie machte es nichtmal mit Absicht...
Nachdem er sich angezogen hatte, begab er sich zu dem Büro des Feldwebels. Er atmete noch einmal tief durch und klopfte.
"
Herein."
Obwohl er mit dieser Stimme gerechnet hatte, lief ihm ein Schauer über den Rücken. Er öffnete die Tür knarrend und sah den obligatorischen Schreibtisch mit den charakteristischen Gläsern.
"Waf haft du fu deiner Verteidigung fu fagen, Rekrut?", fragte der Feldwebel, nachdem er eingetreten war. Sie hatte sich diesmal anders hingesetzt, es ging ihr wohl nicht so sehr um den Auftritt.
"Ähmm.... Es waren sehr viele? Mä'äm?"
"Daf ift keine Entfuldigung. Lieber Himmel, dabei war ef nur ein Einbruch in eine Bäckerei!"
"Ich weiss nicht, wie es passiert ist! Es wurden plötzlich immer mehr!" Er war so verzweifelt, dass er sogar das "Mä'äm" vergaß.
Die Ausbilderin seufzte. "Ef ist dein erfter Tag. Da können wir daf nochnmal durchgehen laffen, du haft ef ja wenigftenf verfucht."
Gloddi salutierte strahlend. "Ja, Mä'äm! Danke, Mä'äm!"
Als er den Raum verlassen wollte, sprach Rogi ihn noch einmal an: "Rekrut?"
Er drehte sich zu ihr um. "Ja, Mä'äm?"
Ihre Augen blitzten förmlich. "
Lass so etwas nie wieder geschehen."
Er verließ fluchtartig den Raum.
Als er auf den Flur trat, erschauderte er. Der Mangel an F's im letzten Satz würde dafür sorgen, dass sich dieser Ratschlag auf lange Zeit in sein Gedächtnis brennen würde. Dennoch war er fast schon erleichtert. Sein erster Tag war noch nicht einmal zur Hälfte vorbei, und schon hatte er alles versaut und war von einem wütenden Mob verdroschen worden, weswegen er immer noch Kopfschmerzen hatte,
aber er wurde nicht rausgeworfen. Er nahm sich vor, den speziellen Hinweis seiner Ausbilderin zu befolgen. Der Ausdruck in ihren Augen war ein sicheres Zeichen dafür, dass dies besser für seine Gesundheit und Karriere war. Durch diese Einsicht bestärkt machte er sich auf in den Rest seines ersten Tages bei der Wache.
[1] also die gesamte Stadt
[2] und das hätte man sicherlich gesehen
[3] In diesem Fall handelte es sich bei den auf die Schnelle zur Verfügung gestellten Uniformen in Gloddis Fall nur um eine schmuddelige Dienstmarke und eine neue Lederhose und in Aindas Fall ein alter Brustpanzer, ein passender Helm und eine weitere Dienstmarke
[4] Und oft sorgten seine Würstchen dafür, dass nochmehr interessante Dinge passierten.
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