Gelangweilt sitzt Schizzel in der Kantine und blickt auf ein Buch über den Bürgerkrieg in Ankh-Morpork. Seine Gedanken schweifen ständig ab und er kann kaum ein Wort zu Ende lesen, ohne den Anfang des Wortes schon wieder vergessen zu haben. Weil sich die Assassinengilde um den Dozenten, der jetzt einen Vortrag hätte halten sollen, gekümmert hat, hat Schizzel etwas Luft. Zeit genug also, um an dem Referat zu arbeiten, das Daemon Llanddcairfyn ihm auf's Auge gedrückt hat. Das Thema findet Schizzel sterbenslangweilig und so starrt er das Buch vor ihm seit einer Weile einfach nur an und merkt kaum, wie sich der Hauptmann nähert.
"Ah, Rekrut Schniedel. Sehr gut", murmelt Daemon mehr zu sich selbst, "Ein wichtige Aufgabe wartet auf dich."
"Aber ich... das Referat, das sie..."
Daemon sieht ihn eindringlich an.
"Ja, sofort, ich räume nur noch die Sachen weg", beeilt sich Schizzel zu sagen und bleibt dann abrupt stehen. "Sir." Er ist nicht direkt unhöflich, aber mit der Etikette hat der Rekrut immer so seine Schwierigkeiten. Ein Problem, das ihm schon die ein oder andere Strafarbeit eingebracht hat. Als Schizzel den Tisch leer geräumt hat und dem Ausbildungsleiter nach draußen folgt, kommt ein anderer Wächter und spricht leise mit dem Hauptmann.
Woraufhin er zu Schizzel sagt: "Geh zum Zwiebel-Tor. Ich komme später nach."
Es war nur ein Buch. Dieser verdammte Bastard hatte nur ein verdammtes Buch dabei. Dick trat in den verdammten Magen der verdammten Leiche vor ihm und murmelte verdammende Verwünschungen. Er hatte edle Kleidung an. So in die Schatten zu gehen und dann zu glauben, man könnte fliehen! Die Kleider waren wahrscheinlich klatschianisch. Diesem dummen Klatschianer war sein Buch wichtiger als sein Leben gewesen. Dabei hatte Dick kein Interesse an einem Buch. Bücher waren schwer und sie brachten kaum Geld ein. Man sollte Bücher verbieten! Außer den Magiern hatte ja kaum jemand Interesse daran. Während Dick noch weiter über die erfolglose Verfolgung fluchte, sah ihm eine kleine Gestalt im Schatten einer Häuserecke zu. Ein Buch. Die Gestalt wusste nicht, was ein Buch war, aber es war sicherlich essbar. Sie musste also nur warten, bis Dick weg ging, um sich dann dieses Buch zu schnappen.
"Warum ärgerst du dich so? Allein die Kleidung ist die Mühe wert, sie sieht sehr wertvoll aus."
'Oh nein', dachte sich die kleine Gestalt. Der dicke John. Wenn der da war, konnte sie vergessen, etwas abzubekommen, der nahm alles. Also musste sie schnell handeln! So leise wie ein Schatten und doch in größter Eile flitzte die Gestalt an Dick und John vorbei und griff nach dem Buch. Es war schwer, so schwer, dass Dick die Gestalt beinahe zu fassen bekam. Doch sie war schneller.
In einem kleinen Versteck sah sich die Gestalt ihre Beute genauer an. Die Striche und Bögen gefielen Schizzel und nach einigen Monaten erkannte er auch schon, dass dahinter noch viel mehr steckte, als bloße Muster.Am Tor angekommen sieht Schizzel, wie sich die Wolken allmählich zusammen ziehen. In die eben noch weißen Wolken mischt sich ein Grauton, die immer mehr an Substanz gewinnt. Selbst die Personen, die durch das Tor gehen, wirken immer grauer und unfreundlicher. Menschen, Zwerge, Trolle und andere Spezies durchqueren das Tor, ohne miteinander zu sprechen. Keiner der Lacht und keiner, der wütend ist. Leute, die sich nicht ausstehen können, gehen sich aus dem Weg, anstatt sich zu streiten.
Und jetzt fallen auch noch die ersten Tropfen. Es sind dicke Tropfen, von jener Art, die einem Gewitter vorangehen. Auch der Wind regt sich nun, der sich bisher zurück gehalten hat. Er ist kalt, worin ihn der Regen auch noch tatkräftig unterstützt. Diejenigen, die Mäntel tragen, ziehen sie enger zusammen. Die Köpfe senken sich, einige werden schneller.
Schneller wird auch der Wind, der den inzwischen kräftigen Regen durch die Luft wirbelt, damit dieser alle möglichen und unmöglichen Stellen erreicht.
Schließlich lässt der Regen aber dann doch wieder nach. Die Tropfen werden etwas kleiner und der Wind wird wieder etwas ruhiger. Wind und Regen sammeln wohl noch etwas Kraft, um dann erst richtig losschlagen zu können.
Schon völlig durchnässt und durchgefroren fragt sich Schizzel, wie lang er hier noch stehen muss, bis er wieder in das warme Wachhaus gehen kann. Jetzt einen heißen Kaffee trinken, das wär's. Die Entscheidung, zur Wache zu gehen war gut, auch wenn er gerade ein paar Probleme mit seinen Kollegen hat. Aber nach Schizzels Ermessen war er nicht Schuld an dem Desaster. Die anderen Rekruten sind ihm freiwillig in den Untergrund der Schatten gefolgt und dann in Panik verfallen, nur weil der Weg versperrt war
[1].
Während Schizzel seinen Gedanken nachhängt, spannt eine dunkle Gestalt seine Armbrust, um diese auf einen Passanten zu richten, der in Kürze auf dem Platz erscheinen sollte...
Als Schizzel die Augenbinde abgenommen wurde, befand er sich in einem kleinen muffigen Keller. Vor ihm stand ein Schreibtisch, an dem eine Person saß, die Schizzel nur als dunkle Gestalt erkennen konnte. Der Dieb, der Schizzel hierher geführt hatte, verschwand durch die einzige sichtbare Tür und die Gestalt begann zu reden. Ihre Stimme war tief und hallte von den Wänden wieder. Wahrscheinlich eine Maßnahme, um dem Ganzen etwas Geheimnisvolles und Bedrohliches zu verleihen.
"Schattig, Nicht Wahr? Wir Haben Dich Lange Beobachtet Und Sind Übereingekommen, Dass Du Zu Unserer Organisation Passt. Wir Sind Die OZIDD [2]. Unsere Aufgabe Ist Es, Alles Im Blick Zu Behalten, Was In Dieser Stadt Passiert."
Nach einer Weile des Schweigens antwortete Schizzel zögerlich:
"Und, äh, warum bin ich hier?"
"Gestern Ist Die Stelle Des Exekutionsbeauftragten Frei Geworden. Ein Bedauerlicher Zwischenfall. Wir Nehmen An, Du Wirst Das Angebot Annehmen?" Da Schizzel der Tonfall der Frage nicht entgangen war, der ihm verriet, was geschehen würde, wenn er es nicht täte, nahm er an. Nach einigen Erklärungen, was denn nun genau Schizzels Aufgaben sein sollten, erhielt er den schwarzen Ausweis der OZIDD, auf dem seine Daten in schwarzer Farbe eingetragen waren.
"Du Wirst Immer Ein Mitglied Der OZIDD Bleiben. Mit Diesem Ausweis Erhältst Du Ein Paar Vergünstigungen, Wenn du Etwas Stiehlst."[3]Während Schizzel völlig ahnungslos von den kommenden Ereignissen frierend im Regen steht, kommt ein leicht rundlicher Zauberer auf ihn zu. Sein Kopf wird von einem spitzen marineblauen Hut geziert, der klar erkennen lässt, was der Besitzer ist. Für alle, die es trotzdem nicht erkennen, steht in goldenen Schriftzeichen das Wort 'Zaubbara' darauf. Total aufgewühlt fuchtelt er wild mit seinen Armen, während die Buchstaben versuchen sich gegenseitig zu überholen.
"Herr Wächetr, eHrr Wächtre! Manhat mcih bestholen! Meneie Bücher, Hrer Wäcther, mein eBüche!r Siesinwdeg!"
Innerlich lächelnd versucht Schizzel ernst zu bleiben.
"Haben Sie eine Quittung?"
"Eine was?"
"Eine Quittung. Das ist ein Stück Papier, auf dem steht, was Ihnen entwendet wurde."
Verwirrt und skeptisch sieht der Zauberer Schizzel an.
"Wieso sollte ein Dieb so etwas tun?"
"Weil die Diebesgilde das so verlangt."
"Die Diebesgilde?"
Armer Tor, war wohl noch nie in Ankh-Morpork. "Ja, sie sorgt für eine geregelte Quote und ahndet unlizensierten Diebstahl. Sehr effektiv."
"Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen."
"Was ist das?"
"Das ist ein Explodierkissen, ist so ähnlich wie ein Furzkissen. Wenn sich jemand darauf setzt, explodiert es und man sitzt in einer Wolke aus Rauch und Asche. Aber es funktioniert noch nicht richtig. Meine Versuchstiere werden ständig zerfetzt."
"Du bist verrückt. Du solltest zu den Alchimisten gehen."
Torben zuckte die Schulter. Das hatte er schon oft zu hören bekommen. Vielleicht wäre er tatsächlich Alchimist geworden, wenn er nicht der achte Sohn eines abergläubischen Landgrafen gewesen wäre. Er verstaute sein Kissen wieder in der Tasche und dachte erst einmal nicht mehr weiter darüber nach. Noch wusste er nicht, dass es wohl sein letztes alchimistisches Werk sein sollte, aber nach der Wirkung, die dieses Kissen entfalten sollte, fasste er nie wieder irgendwelche Pülverchen und Fläschchen an, die auch nur ein kleines Risiko einer Explosion in sich trugen.
"Interessant." dachte sich ein Schatten, der dieses Gespräch unbemerkt belauscht hatte. "Damit lässt sich doch bestimmt allerlei anstellen." Heimlich zog er das Kissen aus der Tasche und schob es auf den Stuhl des Professors.
Kurz darauf kam auch schon ein kleiner, hagerer Mann durch die Tür. Unter all den wohlgenährten Kollegen fiel er recht schnell auf. Auch mit seiner Stimme, denn sie war hoch genug, um mit einer Opernsängerin mithalten zu können. Professor Schreileis hatte immer einen roten Kopf und mit etwas Fantasie konnte man ihn auch qualmen sehen. Er war äußerst cholerisch und seine Schüler mussten sehr aufpassen, was sie sagten.
Als er sich dann setzte ging er im wahrsten Sinne des Wortes in die Luft. Wie bei einem Feuerwerkskörper verteilten sich seine Einzelteile über das gesamte Zimmer.
Ein paar Stunden später sah man eine Gestalt am Himmel von Ankh-Morpork, die in einem Bogen genau auf eine Latrine fiel. Das war es dann wohl mit der Zaubererkarriere.Der Zauberer fuchtelt wild mit den Armen, was die Händler dazu bewegt, einen möglichst weiträumigen Bogen zu machen. Wild fuchtelnde Zauberer sind nicht unbedingt das, was man in der Nähe haben will, wenn man mehr oder weniger teure Waren auf seinem Karren geladen hat. Dafür finden sich aber schon die ersten Schaulustigen ein, die vom Wegesrand herüber gaffen. In sicherer Entfernung versteht sich.
"Wo gibt es denn so was!? Man wird ausgeraubt, und die Wache fragt nach einer Quittung! Was für eine verdammte Stadt ist das!?"
"Willkommen in Ankh-Morpork.", sagt Schizzel so ruhig und freundlich, als würde er den Weg zur Unsichtbaren Universität erklären.
"Und jetzt zeigen sie einmal die Quittung. Wenn alles in Ordnung ist, dann können Sie zur Gilde gehen und die Bücher zurückkaufen. Das ist in der Regel kein Problem."
Verdutzt hört der Zauberer auf zu schreien. Die Ruhe, die von Schizzel ausgeht ist so überwältigend, dass er kein Wort mehr herausbringt. Es gibt eigentlich nur zwei Zauber, die Schizzel beherrscht. Das eine ist der Ruhezauber, den er soeben angewendet hat. Es ist immer nützlich, Ärger aus dem Weg zu gehen, indem man einfach ruhig ist. Der zweite Zauber bewirkt, dass er einfach nicht bemerkt wird, wenn er es nicht will. Diesen zweiten Zauber kann Schizzel sogar so gut, dass er ihn auch manchmal unbewusst anwendet.
Der Bolzen löst sich von der Armbrust und befindet sich auf dem direkten Weg zu seinem Ziel, als Schizzel einen Schritt zurück geht und sich damit zielsicher vor das Ziel stellt.
Der Raum lag in der Nähe des Schlafsaales der Unsichtbaren Universität und war nicht viel größer als eine Besenkammer. Und im Grunde genommen war es auch nicht viel mehr. Ein Tisch mit einem Stuhl stand an einem Fenster. Wofür ein Raum ein Fester brauchte, in dem außer dem eben erwähnten Tisch nur ein paar kaputte Stühle, verbeulte Eimer und Besen aufbewahrt wurden, blieb ein Mysterium. Schizzel hatte sich hier her zurückgezogen um ungestört ein Buch zu lesen[4]. Sein Schatten beschäftigte sich derweil mit einer Maus, die sich in die Kammer verirrt hatte.
Als Schizzel metaphorisch tief in das Buch versunken war, ging die Tür auf und ein Zwerg kam herein. Mit seinem konischen Helm sah er etwas seltsam aus, aber Schizzel war ihm schon ein paar Mal über den Weg gelaufen. Gerüchten zufolge handelte es sich um eine Frau. Eine Zwergenfrau, die sich selbst als Hekse bezeichnete.
Unvermittelt fragte Mohrtischa: "Was machst du da eigentlich gerade?"
"Ich lese."
"Ah-ha.", sagte die Hekse und in dem Laut war ein ganzer Fragenkatalog enthalten.
"Das ist ein Buch über Streit und Streitschlichtung.", antwortete Schizzel, als würde es alle Fragen beantworten. Das tat es zwar nicht, aber Mohrtischa fragte nicht weiter nach, sondern packte ihr Brot aus.
Der Schatten hielt inne. Das war genau die richtige Zeit, um herauszufinden, ob der Zwerg tatsächlich eine Frau war und so schleuderte er die Maus zielsicher zwischen die beiden Scheiben.
Mohrtischa biß in das Brot, ließ es schreckensstarr fallen und kreischt in höchsten Tönen, während die sichtbare Gesichtsfarbe von normal zu bleich und dann über puterrot zu dunklem Zornesrot wechselte.
Der Schrei hallte durch das Gebäude, um sich von dort aus durch die Gassen der Stadt zu zwängen.
Eine verwirrte und durch den Schrei taube Maus flitzte durch die Tür an einen vermeintlich sicheren Ort. Ihr Weg durch Gänge und über Treppen führte sie schließlich in die Bibliothek und von dort aus in den B-Raum, wo sie von einem Buch verschlungen wurde, in dem sie von einer Katze verschlungen wurde, die schließlich von einem Wolf verschlungen wurde[5].
Schizzel schob sich unterdessen unauffällig zur Tür. Doch es war zu spät. Böse Blicke trafen ihn und er entschied sich, auffällig und vor allem schnell durch das Fenster zu verschwinden.Plötzlich spürt Schizzel ein Brennen an seinem linken Arm. Der Bolzen hat ihn gestreift und ein gutes Stück Haut mitgenommen. Als Gegenleistung hat der Arm die Flugbahn entscheidend verändert. Anstatt auf das Opfer zu fliegen, rast er direkt auf ein Pferd zu und bohrt sich in einen Holzbalken direkt vor seinen Augen. Das Pferd bäumt sich vor Schreck auf, wodurch der Wagen zu schwanken beginnt, und rennt ein paar Meter. Dies hat den Effekt, dass der Wagen schließlich umkippt und sich die Ladung über den gesamten Platz verstreut. Es mussten Tonkrüge gewesen sein.
Verdammt. Verärgert verzieht Moart sein Gesicht.
Das kann doch nicht war sein. Es ist wieder dieser Mistkerl, der mir den Auftrag vermasselt. Und jetzt ist er auch noch Wächter!Moart, seines Zeichens unlizensierter Assassine (ehemals unlizensierter Einbrecher und noch einiges mehr) kocht vor Wut.
"Irgendwann werden wir uns Auge in Auge gegenüberstehen, und dann..." zischt er und verschwindet in die dunkle Gasse.
Der Regen prasselt auf die zerstörte Wagenladung und die Wunde brennt, als hätte jemand Salz darauf gestreut.
Na das ist ja wieder einmal toll gelaufen. Schizzel überlegt sich, ob es nicht besser wäre, einfach durch das Tor zu marschieren, anstatt auf das Donnerwetter von Daemon zu warten.
Aber, so denkt er weiter, er hat die Schatten überlebt, also würde er auch das hier überstehen.
[1] siehe dazu die Multi
Unter den Schatten[2] Organisation Zur Informationsbeschaffung Der Diebesgilde
[3] Ein paar Jahre später wurde Schizzel wegen eines kleinen Vorfalls von seinen Aufgaben frei gestellt. Dieser Vorfall hatte etwas mit Zauberern und toten OZIDD-Vorgesetzten zu tun. Aber das ist eine andere Geschichte...
[4] Ungestört sollten vor allem seine Kommilitonen sein, da das Buch unentwegt schrie und schimpfte
[5] In einem andern Universum gelangte die Maus über den B-Raum in das Schlaraffenland, wo sie glücklich dick wurde, bis sie an einem Stück Käse erstickte
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