Entführt die Diebesgilde schon unschuldige Bürger von Ankh Morpork und wenn ja, wo findet sie welche? Eine junge Dame zumindest behauptet, dass ihre Familie von lizenzierten Dieben gekidnappt worden sei. Zeit nachzuforschen!
Dafür vergebene Note: 10
"Sie haben sich bei uns gemeldet, Frau Lechtner?", fragte Frän Fromm direkt, und lächelte freundlich die Person an, die in der Tür stand. Hinter der Vampirin stand Larius, der erleichtert war dass ihm jemand das Sprechen abnahm.
"Habe ich. Bitte kommen Sie doch rein", kam die Antwort in einer hellen Stimme. Sie war weder schön, noch melodisch oder sanft, sie wirkte vielmehr wie Sandpapier in den Ohren.
Die Einwohner von Ankh Morpork passten sich ihrer Stadt in jeder Beziehung an.
Die beiden Wächter betraten den kleinen, schmutzigen Vorraum der Wohnung. Es war hier anscheinend schon lange nicht mehr gewischt oder geputzt worden, und nur zwei Bilder die eine Frau mittleren Alters und ein junges Mädchen zeigten, stachen durch ihren Glanz aus der Trostlosigkeit hervor. Frau Lechtner war 16 Jahre alt, und wirkte noch um einiges jünger. Sie trug zweckmäßige Kleidung, die vom Geruch her zu schließen dringend ein Mal gewaschen werden müsste, was jedoch auf ihre gesamte Person zutraf.
"Frau Lechtner, Sie sagten Ihre Familie sei von lizenzierten Dieben entführt worden. Wollen sie uns erzählen, was genau sich zugetragen hat?", fragte die Pyschologin mit einer sanften Stimme.
"Natürlich. Aber bitte nennen Sie mich Hanna. Es passierte dort, im Schlafraum."
Das fahle Licht des Mondes, der sich halb hinter Wolken versteckt hielt schien auf Hannas Gesicht, und wie so oft schaute sie einfach nur in die Sterne, während hinter ihr ihre Mutter und ihre kleine Schwester schliefen. Sie wusste nicht, was aus ihr werden sollte. Aber eigentlich wollte sie es auch nicht wissen. Sie wollte nur hier stehen, an dem Fenster und am Himmel oben die Sterne zählen. Links vom Mond war ein kleiner Fleck, der sie in den Bann zog. Es schien als hätten die Sterne, die dort vorher waren, Platz gemacht. Als würden sie auf etwas warten. Irgendwo in der Stadt bellte ein Hund, und der im Licht der wenigen Laternen schimmernde Rauch aus den Schornsteinen beruhigte die junge Frau auf eine sehr sanfte Art und Weise.
Das leise Atmen ihrer Schwester erinnerte Hanna daran, das sie nicht alleine war, und ihr Blick fiel auf ihre Familie. Das einzige, was sie wirklich jemals besessen hatte lag vor ihr und schlaf einen seligen Traum.
Doch plötzlich wurde hinter ihr die Tür aufgerissen und einige Männer stürmten in den kleinen Raum. Ihre Gesichter waren im schwachen Licht kaum auszumachen, doch wirkten sie alle gleich.
Gleich kalt, hart und böse.
Unter ihnen war auch einer, dessen Gesicht zu strahlen schien. Seine blitzblauen Augen durchbohrten Hanna, und sein kühles Lächeln ließ sie das Fensterbrett, auf dem sie gerade noch gelehnt hatte umklammern. Der Mann war sehr gut aussehend, und ohne seinen Blick von ihr zu nehmen sagte er laut:
"Holt euch die Kleine und die Mutter ..."
"Holt euch... die Kleine... und die Mutter...", stammelte Hanna vor sich hin, und ihr Blick schien seltsam fern.
"Das hört sich ja grauenhaft an... aber wieso willst du wissen, dass es ein lizenzierter Dieb war?", fragte die Vampirin, während hinter ihr Larius mit seinem gekonnten Blick das Schlafzimmer unter die Lupe nahm.
Sie schluckte und fuhr dann leiser fort:
"Das kommt noch..."
"... Aber lasst Hanna hier!"
Noch immer war sein Blick auf sie gerichtet, schien sie an der Wand zu fixieren, während die restlichen Männer ihr die Sicht auf ihre Familie verdeckten. Die junge Frau hörte Schreie, und sah, wie ihre kleine Schwester versuchte zu fliehen. Doch sie wurde an ihren roten Haaren zurückgerissen und in einen Sack gestopft.
"Lasst Ejana in Ruhe! Sie hat euch nichts getan!", rief Hanna, und versuchte auf die Männer zuzulaufen, doch der plötzliche Griff des Mannes mit den blauen Augen hielt sie zurück, und seine feinen Gesichtszüge zuckten bei dem bösartigen Lächeln, als er sagte:
"Dein Schwesterlein wird dir genommen... und es wird leiden... und du bist schuld daran. Du kannst es nicht verhindern. Du wirst sie nie mehr wieder sehen."
Noch während er das sagte schleiften die Männer Ejana und die Mutter aus dem Raum und verschwanden, und so war Hanna alleine mit Blauäugigen.
"Du weißt, dass du sie nie mehr sehen wirst, du weißt dass du Schuld hast. Wir sehen uns wieder", sagte er leise, und ließ etwas auf den Boden fallen, bevor auch er ging.
"... wir sehen uns wieder...", wiederholte sie die letzten Worte, und sah Frän panisch in die Augen.
"Ihr müsst meine Schwester finden! Sie ist so jung... und meine Mutter war eine gute Frau... ihr müsst sie retten!"
Larius hatte aufmerksam zugehört, und betrachtete sorgfältig den Boden um die Tür herum, während die Pyschologin fragte:
"Was hat er fallen gelassen?"
Hanna reichte ihr eine Diebeslizenz, ausgestellt auf den Namen Jaremin Arxwald.
Es war bei Welt nicht sein erster Besuch in diesem Gebäude, aber es fröstelte ihn wie beim ersten Mal, als Neflie mit Sallien über das Dach in die Diebesgilde eindrang. Die Leute die sich im Inneren des ausladenden Gebäudes wirkten freundlich, und doch fühlte der kleine Gnom eine Kälte, die ihn an die harten Winter in Überwald erinnerte. Er musste hier sehr gut aufpassen. Diebe waren unglaublich gut darin Kleinigkeiten zu entdecken.
"Guten Morgen Herr Kappl!"
Mit einem Ruck wandte sich ein Mann mittleren Alters, der sich über lange Listen mit Namen gebeugt hatte zu seinem Regal um, und blickte in die Augen eines toten Fisches. Nach einer Sekunde kam er zu dem Schluss, dass es nicht der Fisch war, der ihn angesprochen hatte.
"Wer ist da?"
"Ich bin es", sagte Neflie locker, und tauchte hinter einer kleinen Holzkiste auf dem Regal auf, eine Flasche mit gelber Substanz in der Hand.
"Was würde die Assassinengilde oder der Gildenleiter sagen, wenn sie wüssten dass der freundliche Herr Kappl einen Vorrat an Gelbstechmückeneiter hat, ein Gift das nur von den Assassinen eingesetzt werden darf... Wie werden sie darauf reagieren, wenn es jemand anderer als ein Assassine täte?"
"Erstens hatten wir das schon einige Male, und zweitens hast du diesmal die Falsche aus meinem falschen Tränkekasten erwischt... der Andere ist weitaus besser versteckt. Eine Schande, dass du bei der Wache bist, wo du doch zu uns gehörst. Was kann ich diesmal für dich tun?", antwortete Herr Kappl resignierend, und schloss die Mappe mit den Listen, welche die Aufschrift "Mitglieder Kwote" trugen.
"Ich suche jemanden der das vermisst", sagte Neflie, und warf dem Verwalter der Diebesgilde eine Gildenlizenz zu. Der prüfte sie stirnrunzelnd, und schlug danach seine Listen auf.
"Die haben wir gesucht... ich weiß ja nicht warum du das brauchst, aber der Typ hat die Gilde vor zwei Wochen verlassen und ist in Richtung Sto Lat aufgebrochen. Es ist nicht gut für uns, wenn Lizenzen verloren gehen. Wo hast du die her?"
"Sie lief mir in meinem derzeitigen Fall über den Weg... angeblich sollt ihr eine Familie entführt haben", antwortete der kleine Gnom, und war ein wenig verwirrt.
Seit zwei Wochen unterwegs nach Sto Lat? Vielleicht hatte er umgedreht, aber woher soll er die Männer geholt haben? Hatte sich die Frau das vielleicht nur eingebildet? Was will er eigentlich erreichen? Hilfe suchend wandte er seinen Blick zu dem Fisch, der ihm stumm in die Augen sah.
Hatte dieser Fisch gelitten, bevor er ausgestopft worden war? Nachdenklich drückte Neflie gegen die Flosse. Hinter dem Fisch fuhr plötzlich die Holzvertäflung nach oben, und ein Pfeil verfehlte den kleinen Gnom nur knapp. Das Loch in der Wand machte den Blick auf einige seltene Gifte und Waffen frei, während der Pfeil surrend in der gegenüberliegenden Wand stecken blieb.
Herr Kappl wurde bleich:
"Es hat drei Wochen gedauert dieses Versteck anzufertigen, jetzt muss ich mir schon wieder ein neues Suchen. Und zu deinem Vorwurf: Wir würden nie Personen stehlen. Wir stehen nur Dinge die sich nicht wehren. Wer wirft uns das vor? Was wollt ihr uns als nächstes Vorwerfen? Wollt ihr vielleicht, dass wir unsere Einbrüche nicht mehr durchführen? Wer würde sonst armen Bürgern die Last des Wechselgeldes abnehmen? Und das mit der Statue in dem Museum, das waren nicht wir. Wir beachten die Quoten. Und außerdem..."
Neflie hörte gar nicht mehr zu. Er hatte in der Zwischenzeit eine Nachricht für Larius und Frän geschrieben, und unterbrach danach Herrn Kappl im Redefluss. Dieser sprach gerade ausführlich darüber, was man genau tun müsse um die Statue zu stehlen
[1], und warum es die Gilde unmöglich hat sein können.
"Hatte hier irgendjemand engeren Kontakt zu Jaremin?"
"Sehr seltsamer Fall."
Das war alles was Larius dazu zu sagen hatte. Er hatte noch einige Zeit das Schlafzimmer nach Spuren hin untersucht, und hatte rein gar nichts gefunden. Keinen Tropfen Blut, keine Schleifspuren, keine Fetzen von Kleidung, rein gar nichts.
"Wir hätten sie auf die Wache mitnehmen sollen. Sie leidet an leichten posttraumatischen Störungen, die sich auch in ihre Geschichte niederschlugen nehme ich an", antwortete Frän, die neben dem Feldwebel zum Hauptgebäude der Wache marschierte. Dort wollten sie Neflie, der damit beauftragt wurde die Diebesgilde darüber zu befragen, treffen.
Plötzlich wurde Larius hart an der Schulter getroffen und fuhr herum, nur um zu bemerken dass ein Eichhörnchen auf seiner Schulter saß.
"Warum ein schweres Eichhörnchen? Warum nicht eine kleine Maus? Warum nicht etwas Leichtes!", fuhr er das kleine Tier, dass ein Stück Papier in den Pfoten hielt, an. Mit einem Lächeln nahm die Vampirin Sallien in die Hand, und las den Zettel laut vor:
"Diebesgilde will nichts davon wissen. Besitzer der Lizenz ist weg. Such nach weiteren Hinweisen. Brauche noch ein wenig Zeit. Neflie."
"Wenn er schon sein Haustier schickt, sollte er sich wenigstens etwas ausführlicher fassen, wenn er uns auch noch warten lässt. Oder eine Taube schicken", murrte Larius, und rückte seine Rüstung wieder zurecht. Frän, die ein frühes Ende des Tages in weite Ferne rücken sah, fing wieder an über den Fall zu reden:
"Seltsam an der Geschichte sind die Umstände. Keine Verwandte, den Arbeitsort der Mutter wollte sie uns nicht sagen, und über den Vater fiel kein Wort."
"Ich denke es waren Spezialisten, die hier an der Arbeit waren. Nur hätten solche Leute kein Motiv."
"Keines von dem wir wissen. Sie redete sehr detailliert über den Anführer der Bande, der auch die Gildenlizenz fallen ließ. Sie stellte ihn immer als böse dar, ohne wirkliche Begründung zu nennen. Natürlich, er hat ihre Familie entführen lassen... Aber dann noch der Dialog... Auch wenn sie behauptete, sie wüsste nicht was er gemeint hatte. Ich glaube sie verheimlicht uns etwas."
"Das wird ja toll. Der zuständige von DOG ist langsam, der einzige Augenzeuge lügt uns an, und es gibt weder Spuren noch Hinweise außer einen Lizenz eines Diebes, der nicht mehr da ist, was auch immer Neflie damit meinte", maulte der Feldwebel, und ging schweigend durch die schön langsam dunkel werdenden Gassen Ankh Morporks.
Ist es Diebstahl, wenn man Diebe bestiehlt?
Mit dem Gedanken kämpfte der kleine Wächter, als er durch das mit Kleinkram vollgefüllte Zimmer stapfte. Überall lagen billige Schmuckstücke, einige Ankh Morpork Dollar und ein Sammelsurium an Haushaltsgegenständen, die wohl mehr unabsichtlich als gewollt bei Einbrüchen mitgenommen worden waren. Langsam sickerte die Dunkelheit durch das Fenster des kleinen Raumes, und auf Glück hoffend schlich der kleine Gnom trotz der immer schlechteren Sichtverhältnisse weiter.
"Wer ist da?", fragte ein Mann laut, der durch den plötzlichen Lärm einer umgekippten Schachtel Murmeln angelockt in das Zimmer kam, eine Kerze in seiner Hand. Die bunten Glaskugeln waren im ganzen Raum verteilt, und anscheinend waren noch einige andere Dinge dabei umgefallen.
"Ich bin von der Wache, und suche jemanden mit dem Namen Jaril Trecin", entgegnete ihm ein Haufen alter Wäsche neben ihm. Erschrocken machte der Mann einen Schritt zurück, und fiel auf die Knie.
"Oh großer Gott der ungewaschenen Unterwäsche, ich habe nach deinen Zeichen gesucht! Ich wusste, dass du dich dem treuesten aller Anhänger zeigen würdest! Ich habe gewusst, dass du kommen wirst, um alle Leute, die regelmäßig ihre Unterwäsche waschen zu vernichten. Nur für dich habe ich hier mehr alte Unterwäsche gesammelt als jeder andere in dieser Stadt!"
Fanatismus glühte in seinen Augen, und seine Hände zitterten vor Freude.
"Ungewaschene Unterwäsche? Ich liege in einem Haufen ungewaschener Unterwäsche?!", entgegnete die Stimme aus dem Gewandhaufen, und ein kleiner Gnom sprang angeekelter Miene heraus.
"Was machst du in meiner Unterwäsche?"
Die Enttäuschung des Mannes so wie seine plötzliche Skepsis waren unübersehbar, als er Neflie betrachtete der sich seine Dienstmarke zurechtrückte.
"Ich wollte nicht dort hin, glauben Sie mir. Wie gesagt, ich suche jemanden mit dem Namen Jaril Trecin. Können Sie mir da weiterhelfen?"
"Der bin ich. Aber was willst du in meinem Zimmer, Gnom? Wolltest du mir etwas stehlen?"
Entnervt antwortete Neflie:
"Nein, ich wollte mich nur ein wenig umsehen, weil niemand zuhause war, als ich ankam."
"Ich wusste gar nicht das Wächter Häuser betreten dürfen, wenn niemand zuhause ist", war die überlegte Antwort von dem Mann.
"Dürfen sie aber. Sie können sich jederzeit in einem unserer Wachehäuser schlau machen", antwortete der kleine Gnom, und betete darum, dass der Mann eben das nicht tun würde. Sehr zu seiner Erleichterung schien sich dieser damit abzufinden, und sprach:
"Ich bin Jaril. Was wollen Sie von mir?"
"Ich möchte Ihnen gerne einige Fragen zu Ihrem Freund Jaremin stellen."
"Ahhh...", sagte der Mann, und wirkte einigermaßen beruhigt, dass die Anwesenheit des Wächters nichts mit seinem Diebesgut zu tun hatte, "er ist in die Sto Ebenen hinaus, nachdem er seine Freundin verließ. Die ist verrückt geworden. War ein hübsches Mädchen, ihren Namen weiß ich nicht. Sehr verträumt... er hatte sie geliebt, denke ich. Na ja, jetzt wohl egal. Was wollen sie wissen, Herr Wächter?"
"Ich wollte wissen, wie sein Charakter war, was an ihm außergewöhnlich war, seit wann er unterwegs ist, wer mit ihm gegangen ist und ob noch jemand in der Stadt Kontakt zu ihm hat", fragte Neflie und fing an sich schnell Notizen auf seinem Block zu machen. Das war gegen seinen Geschmack, er beobachtete viel lieber als Fragen zu stellen.
"Er fuhr bei einem Eselkarren mit, wohin weiß ich nicht. Ich denke, er war alleine. Und ich glaube nicht, dass er außer mir jemals jemanden aus dieser Stadt wirklich gekannt hatte. Wir haben ein gutes Team abgegeben, und er war ein guter Freund. Schade, dass er tot ist", antwortete Jaril, als ob die Zustände lebend oder tot nicht weiter wichtig wären. Der kleine Wächter brauchte einen kurzen Moment um sich wieder zu fassen:
"Woran ist er gestorben?"
Der beständige Nieselregen hatte die Straße komplett aufgeweicht, und der Karren kam nur schleppend voran. Die Landschaft wirkte eintönig grau, nur die endlosen Reihen von Kohl brachten ein wenig Farbe in die Umgebung. Ein plötzlicher Ruck teilte dem Karrenlenker mit, dass ein Rad fest steckte, und so sprang er vom Fuhrbock.
"Kleiner, hilf mal kurz. Ich schiebe, du ziehst!"
Hinten aus dem Karren kam ein junger Mann hervor und streckte sich kurz.
Er mochte früher wirklich schön ausgesehen haben, doch er wirkte wie alte Kleidung, die zu oft gewaschen worden war. Das Blau seiner Augen, das früher von vielen Mitmenschen bewundert worden war, da es zu strahlen schien, war zu einem sanften grau geworden, und er schien sich nicht mehr die Mühe zu machen, seine braunen mittellangen Haare zu richten. Sie hingen ihm ins Gesicht und vervollständigten mit dem schwarzen Mantel den er trug das Bild eines gebrochenen Mannes. Das Lächeln, mit dem er früher oft andere Leute zum Lachen gebracht hatte war gänzlich von seinen schmalen Lippen verschwunden, und seine helle Stimme, mit der er Geschichten erzählen konnte wie kein Zweiter, war dumpf und kalt geworden, und verunsicherte oft die Leute, mit denen er sprach.
Wenn er sprach, was sehr selten vorkam.
Er stellte sich zu dem Esel, und lachte ob der Ironie des Moments. Sogar dem Esel, der nun schon seit Tagen den Karren durch den Regen zog schein es besser zu gehen als ihm.
"Auf drei schiebe ich, und du ziehst. 1..."
Mit einem halben Ohr hörte Jaremin die Worte des netten Mannes, der sich bereit erklärt hatte ihn mitzunehmen, wohin auch immer, und dachte über das Geschehene nach. Er hatte ihr nicht mehr helfen können, er hatte es einfach nicht mehr ausgehalten. Er sagte sich selbst immer wieder, dass es nicht seine Schuld war.
"...2..."
Aber was wenn doch? Hatte er denn wirklich versucht sich um sie zu kümmern? Er hatte gedacht, nie in seinem Leben von ihr loskommen zu können. Nun hatte er sie schon eine Woche nicht gesehen, und war immer noch nicht tot.
"...3!"
Noch nicht.
"Ich weiß es nicht. Ich erhielt die Nachricht dass er tot sei, von dem Mann der ihn mitnahm weil er meine Adresse bei Jaremin fand."
"Mein Beileid", sagte Neflie, der es nicht gewohnt war, mit einer Person über einen verstorbenen Freund zu reden. Natürlich hatte er schon etliche Tote gesehen, aber die meisten davon waren ohne Familie und Freunde gewesen. Der kleine Gnom hatte noch nie daran gedacht, wie schrecklich es für die Angehörigen sein muss, jemanden zu verlieren.
"Danke, aber das Leben geht weiter. Menschen sterben nun einmal, dagegen kann man nichts machen. Da hilft kein Jammern und kein Klagen. Er hätte es nicht gewollt dass ich in ewige Trauer wegen seinem Tod verfalle", sagte Jaril mit einer durchaus zuversichtlichen Stimme, die Neflie beinahe so sehr schockte wie der Gedanken über den Tod," Gibt es sonst noch etwas was ich für Sie tun kann, Herr Wächter?"
"J... Ja. Können sie mir beschreiben wie ihr Freund aussah?", fragte der Gnom, und war verwirrt. Er hatte nie gedacht, dass jemand den Tod eines Freundes so leicht hinnehmen könne.
"Er war mittelmäßig groß, hatte blaue Augen, die zu strahlen schienen, und konnte reden wie sonst keiner. Seine helle Stimme und sein freundliches Lächeln brachten fast Alle immer wieder zum Lachen. Sonst fielen mir keine Besonderheiten ein."
Neflie nickte, und bemerkte, dass er beim Nachdenken eine der Glasmurmeln, die er vorher umgeworfen hatte in die Hand genommen hatte.
Für kurz glaubte er darin eine Gestalt zu erkennen, bestehend aus Rauch und Licht.
"Darf ich die mitnehmen?"
Jaril wirkte verblüfft, als der Gnom das fragte, nickt dann aber:
"Von mir aus. Das war sein Zimmer hier. Sie können sich von mir aus noch ein wenig umsehen, Herr Wächter. Was hier liegt gehört jetzt niemanden mehr."
Neflie schüttelte aber den Kopf:
"Danke, ich habe genug gesehen. Ich danke Ihnen für ihre Auskunft."
"Einem Wächter helfe ich doch gerne."
"Sehr gut Neflie. Wenn du das Ganze beim nächsten Mal noch vor Mitternacht schaffen würdest, wäre es perfekt", sagte Feldwebel Larius, und gähnte herzhaft. Neflie, der den ganzen Tag durch Ankh Morpork gelaufen war, hatte bereits die Augen geschlossen, und nur Frän wirkte einigermaßen ausgeruht.
"Es könnte sein, dass die Mitteilung für seinen Freund gefälscht war, oder der Freund... wie war noch ein Mal sein Name? Mit ihm zusammenarbeitet. Das wäre zumindest am nahe liegendsten", sagte die Vampirin, und versuchte mit ihren derzeitigen Informationen etwas anzufangen.
"Ich denke er hieß Jaril. Gefreiter Neflie, aufwachen. Ich finde es nicht gut, dass unsere einzige Zeugin für die Zeit der Ermittlungen nicht in das Wachehaus kommen wollte", erwiderte Larius, und weckte den kleinen Gnom unsanft aus seinem Halbschlaf.
"Ja, Söhr?", fragte dieser, und salutierte, weil er nicht wusste was er sonst machen sollte.
"Schlafen kannst du später. Was mich auch interessiert ist, wer sich um Hanna kümmert. Ich glaube nicht dass sie in ihrem Leben bisher irgendeiner Arbeit nachgegangen ist ", fuhr der Feldwebel fort.
"Sie meinte eine Bekannte ihrer Mutter würde ihr helfen. Vielleicht sollten wir diese morgen besuchen, möglicherweise hat sie etwas gesehen", antwortete Frän, und betrachtete Neflie, der sich wieder auf den Tisch gesetzt hatte, und nun ganz langsam begann umzukippen.
"Neflie?"
"Ja?", schrak der eben angesprochene hoch, und riss die Augen auf.
" Ich habe ein Mal gelesen dass man im Stehen nicht schlafen kann. Also, steh auf, Gefreiter!", fuhr in Larius an, und der Gnom machte einen Satz in die Höhe.
Er hatte nicht mit einer so lauten Anweisung gerechnet.
"Die Diebesgilde können wir ausschließen. Gibt es vielleicht Informationen über einen Geheimbund, der Interesse an Entführungen haben könnte?"
"Ich wüsste davon nichts. Ich denke, wir sollten morgen weitersuchen, und unseren Observierer die Frau beobachten lassen", sagte Frän, und ein dumpfes Geräusch wies sie darauf hin, dass Neflie gerade das Unmögliche geschafft hatte.
Er war im Stehen eingeschlafen.
Zumindest bis auf er auf dem Tisch aufgeschlagen war.
Die kalte Luft brachte den Lebensgeist in den kleinen Gnom zurück, und kaum war er fünf Minuten unterwegs, war die Müdigkeit auch schon aus seinen Augen verschwunden. Die Nacht war klar als Neflie auf seinem Eichhörnchen zurück zu dem Haus der Entführten ritt. Es war ein weiter Weg dorthin, und er überließ es Sallien, die schnellste Route zu finden. Er wusste nicht was er ohne seine treue Begleiterin tun würde. Sein Eichhörnchen war schnell, konnte ihn zu Orte bringen wo sonst keiner hin gelangte, war immer freundlich, spendete ihm Trost und war sein einziger Freund in dieser Stadt. Oft fuhr er einfach nur so mit seiner Hand durch das Fell des Tieres, um zu spüren, wie lebendig es war. Sallien war nicht sein Besitz, dafür war sie zu intelligent. Der kleine Gnom seufzte, und streichelte über ihren Kopf, während sie ihr Weg über die Äste eines alten Baumes führte. Seit zwei Jahren war er nun mit diesem Geschöpf in dieser Stadt, und sie hatte ihn nicht ein Mal enttäuscht. Seine Gedanken schweiften weiter, und er sah hinauf zum Himmel. Scheinbar direkt über ihm war der Mond, der mit seinem bleichen Licht die Straßen nur schwach erhellte, umringt von zahlreichen Sternen. Nur nicht eine Stelle, auf der es schien, als hätten alle Sterne Platz gemacht für etwas.
Und plötzlich blinkten dort zwei Sterne auf.
Es war in einem Bruchteil einer Sekunde geschehen, und schon waren sie da. Sie leuchteten heller als alle anderen Sterne, und der kleine Gnom fragte sich, ob er der einzige war, der es bemerkt hatte.
Er war es nicht.
Zwischen den beiden hellen Punkten am Himmel war noch immer Platz für einen Stern, wie Hanna mit einem Schaudern erkannte. Wie jeden Abend stand sie am Fenster, und sah in den Nachthimmel. Irgendwo bellte ein Hund und sie sah plötzlich einen Schatten von einem hohen Dach fallen. Was auch immer das war konnte den Aufprall nicht überlebt haben. Doch der Hund bellte weiter, und in der Nähe begannen zwei Männerstimmen zu streiten.
Egal was auch passierte, das Leben ging weiter.
Sie seufzte, strich einen Satz in ihrem Tagebuch durch, ohne es wirklich zu bemerken, und schrieb hinein:
"Warum kann es nicht wieder sein, wie es früher war?"
"Weil sich alles um uns verändert. Einfach alles. Sogar die Sterne kommen und gehen, wie du gesehen hast. Das Leben ist kurz, endet meist sehr abrupt. Wir müssen uns den Änderungen beugen, wenn wir nicht verrückt werden wollen", war die Antwort einer freundlichen Stimme, und als sie sich umdrehte erkannte sie den Mann mit den blauen Augen hinter sich.
"Was willst du von mir?", fuhr sie ihn an, " Wo hast du meine Familie versteckt!"
Doch er lächelte nur, und zeigte auf einen Sack, der plötzlich in der Zimmerecke stand. Blut war in den Stoff gesickert, und er rührte sich nicht mehr. Es war derselbe Sack, in dem am Vortag ihre Schwester gesteckt wurde.
Mit leisen Schritten ging der Mann in Richtung Tür, und während er den Sack Schulterte sagte er sanft:
"Du hast sie bereits vor langem verloren. Du weißt woran", und mit diesen Worten verließ den Raum.
Hanna stand da wie gelähmt, sie konnte sich nicht einen Zentimeter rühren. Sie spürte es mit der bösartigen Gewissheit, mit der manchmal Leute aufgrund Phantomschmerzen aufwachen. Dem Wissen dass ihr wegen etwas schmerzt, was sie nie wieder haben wird.
Ihre Gedanken rasten in ihrem Kopf hin und her. Immer wieder sah sie den Sack, dann das Gesicht ihrer Schwester, wie sie lachte. Wie ihr Haar ihr zartes Gesicht umwehte, wie ihre roten Backen in der Sonne glänzten, wie sie das erste Mal in ihrem Leben versuchte eines von Schnappers Würstchen zu essen
[2]... Und dann wieder das Bild des Sackes, der sich nicht mehr rührte. Sie sah wie sie mit einem jungen Mann mit blauen Augen sprach, sie sah wie sie sich mit diesem Mann stritt. Und dann sah sie das gleißende Blau der Augen, die ihr solche Schmerzen bereiteten.
Kannte sie diesen Mann?
Der unheilvolle Gedanke machte ihr das Atmen schwer, und Panik rang sich in ihr hoch.
Er hatte ihr Leben zerstört.
Und möglicherweise hatte sie es verdient.
Die Dachschindel war locker und der Sturz sehr lang gewesen. Er hatte es gewusst, nur hatten ihn die beiden Sterne zu sehr abgelenkt, als dass er sich auf den Weg konzentriert hatte. An mehr konnte sich Neflie nicht mehr erinnern, als er die Augen öffnete. Er sah nach oben und erkannte dass die Sonne bereits aufgegangen war. Rund zwölf Meter über ihm war die Dachkante, von der Sallien und er gestürzt waren.
Sallien.
Der eine Gedanke, der seinen Kopf schneller ausfüllte als jeder andere. Der eine Gedanke, der all seine Hoffnung und all seine Angst gebündelt in sich trug. Der eine Gedanke, der ihm mit der Brutalität eines von einem Troll geschwungenen Vorschlaghammers traf.
Der kleine Gnom schloss die Augen, in der Hoffnung die Wirklichkeit nicht sehen zu müssen. Er bereute es sofort, denn seine anderen Sinne erwachten dadurch wieder zum Leben. Der Grund warum er den Sturz überhaupt überlebt hatte lag nicht allein darin, dass er Glück gehabt hatte.
Der Grund lag in jeder menge Glück und einer weichen Landung.
Unter sich spürte Neflie den weichen Körper seines geliebten Tieres.
Er fuhr mit einer Hand über das Fell, über das rotbraune Fell, dass ihm in den letzten zwei Jahren und der Reise in die Stadt davor über immer Hoffnung signalisiert hatte.
Er streichelte über den Rücken, der ihn getragen hatte, auch bei Gefahr und über lange Strecken, egal wohin, egal warum.
Er kraulte das Ohr, das manche Gefahr wahrnahm, bevor der Gnom sie auch nur erahnte, und ihn warnte, damit er sich noch rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte.
Er berührte zum letzten Mal die Nase des kleinen Nagers, die ihn mit ihrer Wärme immer geweckt hatte. Nur jetzt war sie kalt, und eine Träne rollte über Neflies Wange.
Sallien hätte sich vor dem Sturz retten und ihn alleine fallen lassen können, das wusste er.
Doch sie hatte es nicht getan, obwohl es eigentlich seine Schuld gewesen war.
Sie hatte ihr Leben für ihn gegeben. Ein Leben voller Möglichkeiten, ein Leben mit Zukunft.
Der kleine Gnom hatte bisher nie etwas verloren, das ihm wichtig war. Weinend rollte er sich von seiner treuen Begleiterin herunter, und sah in ihr Gesicht.
Das Eichhörnchen schien noch im Tode zu lächeln, und wenn nicht ein Bein, das Neflies Bauch hätte sein können, von einem Stück Holz beim Sturz durchbohrt worden wäre, so sähe es aus, als würde sie schlafen.
"Ich denke, er ist einfach eingeschlafen."
"Würde mich wundern. Auch wenn er ein wenig müde war, er weiß wie wichtig es ist seiner Pflicht nachzugehen", erwiderte Frän, als sie mit Larius in Richtung Haus stapften.
"Warum hat er sich dann nicht gemeldet? Er hätte ja in der Früh kommen können, oder sein Haustier schicken. Endlich ein Mal eine sinnvolle Tätigkeit für das Eichhörnchen", sagte Larius. Er hatte nichts gegen das kleine Tier, es war nur so, dass er es nicht mochte, wenn ihm etwas vollkommen unvermittelt auf die Schulter oder den Kopf sprang. Plötzlich blieb die Vampirin kurz stehen, schüttelte dann aber nur kurz den Kopf:
"Ich dachte, ich hätte jemanden weinen gehört. Vielleicht sind die Entführer wieder da gewesen, und haben ihn überwältigt und Hanna mitgenommen."
Die beiden Wächter bogen um die Ecke in eine schmale Seitengasse in der auch der Eingang zu dem kleinen Haus lag.
Larius horchte kurz an der Tür, und sagte dann:
"Ich kann nichts hören. Ich denke wir sollten rein gehen. Wenn sie bis jetzt nicht aufgewacht ist muss sie tot sein."
Die Tür ließ sich normal öffnen, und es sah genauso unordentlich aus wie beim letzten Mal. Von Hanna war nichts zu sehen.
"Vielleicht ist sie außer Haus gegangen. Egal, Neflie sollte zumindest irgendwo hier sein."
"Wenn er hier wäre hätte er uns bereits gehört, nehme ich an.", antwortete Frän, die bemerkte, dass die Schlafzimmertüre geöffnet war. Jahre der Erziehung hatten, wenn sie auch weit zurück lagen, bei ihr bleibende Schäden hinterlassen, und die Vampirin ging um sie zu schließen, doch warf sie zuvor noch einen Blick in den Raum. Neben den drei Betten, in einer Ecke des Raumes saß Hanna, und blickte mit großen Augen auf eine Stelle an der Wand. Frän folgte ihrem Blick, nur um zu erkennen, dass dort absolut gar nichts war.
'"Hanna?"
Die junge Frau riss ihren Kopf herum, und wirkte als wäre sie gerade aus einem langen Traum aufgewacht. Und plötzlich fing sie an zu weinen.
"Schläft sie?", fragte Larius, der am Küchentisch des kleinen Hauses saß, und seinen Kopf auf seine Hände gestützt hatte.
"Ja. Auch wenn ich fürchte, dass es kein sehr erholsamer Schlaf für sie sein wird", antwortete Frän, die aus dem Schlafzimmer zurückgekommen war.
"Wie kam er unbemerkt in das Haus? Wie konnte er den Sack leise in das kleine Schlafzimmer bringen? Warum konnte sie sich nicht bewegen? Warum war er überhaupt hier?", fragte Larius mehr sich selbst als die Gefreite.
"Wir könnten vielleicht mehr wissen, wenn wir mehr über sie herausfinden", schlug die Vampirin vor.
"Da kommen wir auch nicht weiter. Wir wissen nicht wo ihre Mutter gearbeitet hat, oder wer Informationen haben könnte. Es gibt in dem Raum keine Spuren von Blut, was ich sehr seltsam finde. Es gibt einfach gar keine Anhaltspunkte."
"Vielleicht sollten wir Unterstützung anfordern?"
Larius lächelte schmal, und zeigte dann auf den praktischen, aber nicht sehr hübschen Kasten:
"Sieh dir dieses Haus an. Wie bedeutend glaubst du sind die Besitzer? Die Wache hat nicht für alles Zeit, das ist der Grund warum wir hier nur zu dritt sind. Wer wird die Beiden vermissen? Ras wird nicht noch mehr Wächter für so etwas aufbieten, wenn es andere Fälle gibt, bei denen der Patrizier oder andere einflussreiche Leute Druck machen."
"Was ist mit Neflie?"
"Mach dir um den keine Sorgen, der verschwindet öfter mal, um danach wieder aufzutauchen. Sein Eichhörnchen hat ihn bis jetzt immer vor größeren Schäden bewahrt. Aber von mir aus können wir denen vom Wachhaus eine Taube schicken.", antwortete der Feldwebel locker, und lehnte sich zurück.
Frän stand auf, und Larius hörte sie ins Schlafzimmer gehen, aus dem danach für einige Zeit Stimmen kamen. Er war nicht in der Verfassung an dem Gespräch teilzunehmen oder sich darum gröber zu kümmern, wozu hatte man ihm die Pyschologin zugeteilt, wenn nicht als Kindermädchen für die Zeugin?
Hanna sah mit tränenden Augen von ihrem Tagebuch auf, und hauchte:
"Dieser Sack... ich spürte dass sie darin war... Es war so grausam."
"Bist du dir ganz sicher? Es ist nicht schwer, ihn nur so wirken zu lassen als würde er deine Schwester beinhalten"
Die junge Frau schluckte, strich anscheinend gedankenverloren einen Satz in ihrem Tagebuch durch und sagte dann:
"Ich weiß es. Sie haben meine Schwester geschlagen... Sie hat sich nicht mehr bewegt. Das Blut... Er war mit ihrem Blut voll gesogen. Ich spürte es, dass ihre dünnen Knochen zerschmettert waren... es war wie ein Stich in meinem Herzen."
"Kanntest du ihn?", war Fräns sehr direkte Frage, und Hanna fing an zu weinen, als sie antwortete:
"Ich hasse ihn! Er hat mir alles genommen was mir wichtig war! Und danach einfach so verlassen! Er ist einfach nur böse!"
Die Vampirin legte der jungen Frau die Hand auf die Schulter:
"Ich glaube es dir ja. Aber ich muss viel wissen, wenn ich deine Familie wieder finden soll."
Hanna nickte, und nachdem sie sich wieder einigermaßen unter Kontrolle hatte flüsterte sie leise:
"Siehst du öfter in die Sterne? Ich sehe dort gerne hinauf. Ich sehe Dinge in den Sternen. Schöne, und weniger schöne Dinge. Meine Mutter mochte die Sterne auch, und hie und da nach der Arbeit nahm sie mich in einen der hohen Türme mit, und wir konnten von oben alles sehen... Ich fand das wundervoll."
Die Pyschologin nickte nur mitfühlend, und sah an der jungen Frau vorbei in die Wand.
"Ein Mal meinte meine Mutter, dass wir alle Sterne werden, wenn wir sterben, nicht mehr auf dieser Welt sind... und dass alle Sterne dort oben einmal Menschen waren. Die guten Menschen leuchten ganz hell, und die bösen sind fast gar nicht zu sehen. Aber am Nachthimmel gibt es sie alle, die hellen und die schwach leuchtenden. Am Nachthimmel ist Platz für jeden Menschen. Wäre es nicht schön, wenn wir im Tod alle zusammen dort oben wären am Nachthimmel? Meine Mutter nahm mir ein Mal ein Buch von der Arbeit mit, das sie dort heimlich für mich gestohlen hatte... In ihm standen solche Dinge, und wie wir die Sterne zu deuten haben. Wenn zum Beispiel neue Sterne erscheinen ist das ein Zeichen für baldige Freude, oder Erlösung von einer Qual..."
"Darf ich das Buch ein mal sehen?", fragte Frän, die dem Gespräch nur mit halbem Ohr gelauscht hatte. Sie wusste, dass sie sich als Vampirin kaum mit einem Menschen über den Tod unterhalten konnte. Es funktionierte einfach nicht. Hanna griff unter ihr Bett, und reichte der Wächterin den gewünschten Gegenstand.
"Darf ich mir das ausborgen?"
"Ich habe einen Verdacht, wo ihre Mutter arbeitete!", triumphierte die Vampirin, als sie zurückkam.
Larius nickte beeindruckt, und wollte sie schon loben, als mit einem knarren die Eingangstüre aufging, und leise Schritte, die sich in Richtung Schlafzimmer bewegten, zu hören waren. Die Küche lag auf halbem Weg zwischen dem Schlafraum und dem Hauseingang. Die beiden rührten sich nicht und warteten gespannt darauf, dass etwas in ihr Sichtfeld trat.
Plötzliche Dunkelheit riss den kleinen Gnom aus seinen trübsinnigen Gedanken, als sich etwas vor die Sonne schob, die mit ihrem hellsten Licht auf ihn geschienen hatte. Es waren bereits viele Personen hier vorbeigegangen, aber keine von ihnen schien ihn bemerkt zu haben, wie er an eine Hauswand gelehnt da saß und nachdachte. Er hatte nicht gewusst was er tun sollte, und so war er zu dem einzigen Ort gegangen, der für ihn ein wenig wie ein Zuhause war: dem Boucherie Rouge. Aber nun war er mit seinem Wissen am Ende. Mit seiner zerrissenen DOG Uniform strich er sich über einen Kratzer, der seine Wange zierte, was zur Folge hatte dass sein Gesicht danach wie ein Kunstwerk aus Schmutz und trockenem Blut wirkte. Seine kleine Nachbildung einer Dienstmarke, die er sich in stundenlanger Feinarbeit selbst angefertigt hatte und mit der er einen Großteil der Schlösser in Ankh Morpork öffnen konnte, war verbogen, und vervollständigte seinen niedergeschlagenen Eindruck.
"Neflie?"
Erst jetzt bemerkte der kleine Gnom, dass der Schatten nicht wieder verschwunden war wie die anderen, sondern nach wie vor die Sonne verdeckte. Langsam hob er den Kopf, und sah in die besorgten Augen seines Abteilungsleiters. Doch irgendetwas war anders als sonst, und er senkte den Blick wieder. Er hatte in Robin immer jemanden gesehen, dem er vertraute, und auf den er zumindest meistens hörte. Doch jetzt könnte genau so gut Schnapper anstatt ihm dort stehen, und er würde den Unterschied kaum bemerken.
"Uns erreichte eine Taube aus dem Haupthaus, dass du verschwunden seiest."
"Gut möglich, Söhr", war die monotone Antwort.
"Du hast einen Fall und deine Kollegen vertrauen auf dich."
"Kann vorkommen, Söhr", teilte Robin die Stimme von unten mit.
"Es kann passieren, dass man dich für dein Verhalten aus der Wache wirft."
"Das kann passieren, daran lege ich keine Zweifel Söhr", antwortete Neflie, als hätte er den Satz seines Vorgesetzten nicht verstanden. Er war einfach nicht in der Lage über Worte zu denken.
"Neflie?"
Der Klang seines Namens hallte in seinem Kopf nach, und der Gnom sah wieder auf. Langsam dämmerte ihm, was er der Wache schuldete, und dass seine Kollegen ihn brauchen würden. Zumindest ein paar davon. Oder wenige. Es war nicht richtig von ihm gewesen hier herum zu sitzen, während andere nach ihm suchten.
"Ist alles in Ordnung mit dir?", fragte Robin, den es immer mehr besorgte, dass der kleine Gnom vor ihm nichts sagte, sondern ihm einfach nur in die Augen sah.
"Nein... Ja... vielleicht nicht ganz, Söhr. Tut mir leid Söhr, aber ich habe einen Fall zu bearbeiten. Söhr. Schönen Tag noch, Söhr!", war die überraschende Antwort, als Neflie aufstand und davonging. Robin sah ihm hinterher, schüttelte sich kurz und machte sich eine mentale Notiz, einen gewissen Wächter zum Püschologen zu schicken.
Enttäuschung und zugleich Erleichterung machte sich in den Gesichtern von Frän und Larius breit, als sie sahen, dass es Neflie war, der über den Flur stapfte.
"Wo bist du gewesen? Der Entführer kam in der Nacht vorbei, hat Hanna bedroht, und du warst nicht da. Außerdem...", doch der Feldwebel brach ab, als er das Gesicht des Gnomes sah. Es war von einer Schicht aus Schmutz und eingetrocknetem Blut überzogen, und die Augen waren vom Weinen gerötet. Die Kleidung war zerrissen, und etliche Kratzer bedeckten seine Haut.
"Was ist passiert? Habt ihr etwas Neues herausgefunden?", fragte Neflie.
"Wir haben einen Verdacht, wo... Du solltest dich ein Mal dringend waschen gehen... ihre Mutter gearbeitet haben könnte. Vielleicht weißt du etwas über solche Bücher?", war Fräns Antwort, und zeigte auf das Buch das vor ihr am Tisch lag. Bevor der Gnom aber etwas sagen konnte griff Larius danach und untersuchte den Buchrücken.
"Hier sind eindeutig Bissspuren...", sagte er, und schlug es auf, "und hier sind Anmerkungen mit einer seltsamen Tinte gemacht worden, die sich zu bewegen scheinen... dass ich nicht früher drauf kam. Ich denke es handelt sich um ein Buch von der Bibliothek der Unsichtbaren Universität."
Nun war Neflie an der Reihe zu erklären was bei ihm Geschehen war. Normalerweise war der Gnom der fixen Meinung, dass man nicht Lügen sollte, wenn es nicht notwendig war. Aber er schaffte es einfach nicht, den Tod seiner treuen Begleiterin zu schildern, und so fehlte sein Eichhörnchen komplett in seiner Erzählung. Larius nickte und schien es ihm zu glauben, aber Frän drehte sich um und sah zum Fenster, auf das Haus von dem der Gnom gestürzt war. Auch wenn sie einigermaßen weit entfernt war konnte sie erkennen, dass selbst ein Gnom diesen Sturz nicht überlebt hätte. Aber sie schwieg.
"Soll ich zur Unsichtbaren Universität, Söhr?", fragte Neflie, der bemerkt hatte, dass seine Lüge durchschaut worden war und sich dafür schämte.
"Mach das. Ich werde derweil nach weiteren Spuren suchen, und Frän kümmert sich um Hanna. Aber bitte wasch dich vorher", antwortete Larius.
"Du bist nicht der Gott der gewaschenen Unterwäsche?", fragte die Haushälterin entsetzt, als Neflie sich seinen Weg aus den Gewändern von etlichen Magiern bahnte.
Der kleine Gnom begann sich zu fragen, ob Schnapper ein neues Mittel unter die Menschen brachte, dass sie an Unterwäschen-Götter glauben ließ, und beschloss dem ein andermal auf den Grund zu gehen. Er versuchte so ernst wie nur möglich zu wirken, als er laut sagte:
"Nein, ich bin von der Wache. Ich wollte ihnen einige Fragen stellen, wenn sie erlauben."
"Du hast eine Unterhose auf deinem Kopf", war die Feststellung der jungen Dame, die ihn entdeckt hatte und ihn sehr seltsam betrachtete.
"Ich weiß. Haben sie Zeit meine Fragen zu beantworten?", fragte Neflie, und entfernte das Kleidungsstück so dezent wie für eine Unterhose die in seinem Haar hing nur möglich war.
"Du hast nicht Mal eine Rüstung, hast kein Schwert und bist sehr klein. Dir soll ich glauben, dass du bei der Wache bist?", erwiderte sie, und hob ihn abrupt hoch.
"Außerdem trägst du nur einen Stück zerschlissenen grauen Stoff..."
"Die Farbe der Abteilung für die Observierung von Gilden und der Unsichtbare Universität."
"...Hast ein verbogenes Stück Metal an deiner Brust..."
"Das einmal ein Wächterabzeichen war."
"...schleichst dich in eine Waschküche..."
"Ich sammelte Informationen."
"...hast Geld aus den Mänteln im Vorraum genommen..."
"Sichern von Beweisstücken.
"...das du jetzt freundlicherweise wieder hergeben wirst...", sagte die Frau, unterbrach kurz um den Gnom kräftig zu schütteln, bis zwei kleine Münzen in ihre Handfläche fielen,
"...Hast versucht die Kassa mit den Münzen, die wir hie und da in den Gewändern der Magier finden zu stehlen. Ich habe dich genau beobachtet..."
"Ich habe im Sinne der allgemeinen Sicherheit gehandelt. Es hätten verzauberte Münzen sein können."
"...und siehst einfach viel zu putzig aus für einen Wächter. Ich habe eine kleine Schwester, und suche schon seit langem ein neues Spielzeug für sie. Ich glaube ich habe jetzt eines gefunden", beendete sie den Monolog mit Unterbrechungen, und grinste breit, während Neflie kreidebleich wurde:
"Bitte nicht! Alles, nur keine kleinen Kinder!"
Sie kicherte amüsiert, und sagte:
"Dann solltest du mir jetzt ganz schnell sagen was du hier suchst. Ich mag Wächter nämlich nicht, und ich hoffe für dich, dass du keiner bist. Ansonsten müsste ich deinen Kollegen nämlich sagen, dass du versucht hast hier zu stehlen."
Sie schien sichtbar daran gefallen zu finden, den kleinen Gnom zu quälen, der noch bleicher wurde.
"Na gut. Ich bin kein Wächter, ich wollte nur etwas stehlen, tut mir leid. Bitte zeig mich nicht an", log er in der Hoffnung, den schlimmsten Konsequenzen zu entgehen.
"Keine Sorge. Ich habe hier in letzter Zeit nur selten Gesellschaft gehabt, und ich bin heute gut gelaunt", kicherte sie wieder, und schüttelte den Gnom noch ein bisschen. Er wollte gar nicht wissen was wäre, wenn sie schlecht gelaunt wäre. Viel schlimmer konnte er es sich kaum vorstellen.
Neflie, dem schön langsam schlecht wurde, suchte verzweifelt nach ein Gesprächsthema, um die junge Frau abzulenken, damit sie vielleicht aufhörte ihn herumzuwirbeln:
"Warum bist du alleine? Arbeiten hier nicht mehr Leute?"
"Natürlich, aber bei der Wäscherei hier bin ich jetzt die einzige, seit meine Kollegin verstorben ist. Sie war der einzige Mensch, der regelmäßig für mich da war, der sich um mich kümmerte und der mir zuhörte", war ihre Antwort, und sie hörte auf den Gnom herumzuschleudern, während eine Träne ihre Wange hinabrollte.
"Das tut mir Leid. Wie hieß sie denn?", wollte Neflie wissen, der nicht vergessen hatte warum er hier war.
"Annemarie. Annemarie Lechtner. Mit ihr machte die Arbeit hier wirklich Spaß. Aber es ist normal, dass alle sterben, die dafür sorgen, dass es mir gut geht", seufzte die junge Frau, und ließ ihn auf die frisch gewaschene Wäsche fallen.
"Woran ist sie gestorben?", war die erstaunt wirkende Frage des Gnomes. Woher wollte die Frau wissen, dass die Vermisste tot war?
"Bei einem Eselkarrenunfall. Ich war dabei", sagte sie, und schniefte.
Eine Frau in mittlerem Alter, das Haar braun und lockig über ihre Schultern fallend, überquerte mit ihrer jungen Tochter die Straße. Sie hatte heute nicht lange arbeiten müssen, und war froh darüber mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen zu können. Beim Vorbeigehen sah sie Tanja, die für sie schon wie eine weitere Tochter geworden war. Die junge Kollegin war sehr schüchtern seit ihre Eltern von unlizenzierten Dieben unabsichtlich getötet worden waren, war aber recht attraktiv. Die untergehende Sonne schien auf ihre zarten Züge, und für einen Moment schien ihr schwarzes Haar zu leuchten. Annemarie schenkte ihr ein freundliches Lächeln, das ihr warmherzig zurückgeworfen wurde, und sie war glücklich.
Sie hatte in ihrem Leben eigentlich nicht viel erreicht, aber sie hatte zwei wunderbare Töchter, und kam mit allen Menschen in ihrer Umgebung gut aus. Sie war hilfsbereit, da sie immer daran glaubte, dass es allen gut gehen sollte so lange sie lebten. Sie war so viel glücklicher als viele andere Menschen, die sich im Geld wälzten, oder "besseren" Tätigkeiten nachgingen.
Mit Ejana am Arm ging sie gerade über eine abschüssige Brücke, da hörte sie von oben einen Heidenlärm. Sekunden später stürzten Menschen an ihr vorbei, die vor etwas flohen. Nur sie floh nicht, da sie die Gefahr zu spät erkannte. Ein Karren mit schwerer Ladung war nicht sicher abgestellt worden, und war durch einen heftigen Zusammenstoß mit dem einem Troll mit hoher Geschwindigkeit die Straße hinab geschossen. Sie wollte ihre kleine Tochter noch von sich stoßen, doch auch dafür war es zu spät. Der Karren rammte sie beide, und schleuderte sie über den Rand der Brücke hinaus.
Viele Leute haben versucht ihr zu helfen, doch sie verblutete von Schmerzen geplagt auf der harten Kruste des Ankh. All das hatte Tanja vom Schock gelähmt mit angesehen, und dann fing sie an zu weinen.
Und sie weinte nicht alleine. Viele Leute trauerten um Annemarie Lechtner, und als alle zusammenlegten konnte man sich ein gebührendes Begräbnis für sie leisten.
Die junge Frau fing leise an zu weinen, und Neflie, der von dem traurigen Zauber der Geschichte gebannt war, konnte nicht mehr tun als ihr eine Unterhose zu reichen, die dankend angenommen und als Taschentuch missbraucht wurde.
"Wie lange ist das her?", wollte er wissen, nachdem sich Tanja wieder einigermaßen gefasst hatte.
"Ich denke zwei Wochen."
"Und... kannst du mir etwas über ihre Tochter erzählen?"
"Tut mir leid, über die weiß ich nichts."
"Nun, danke. Ich muss jetzt los", sagte Neflie, und wandte sich um zu gehen.
"Du wirst mich doch wieder besuchen kommen, oder? Ich habe schon so lange nicht mehr mit jemandem gesprochen... wie heißt du eigentlich? Von woher kommst du? Wer bist du?", sagte sie, und der Gnom fühlte die Verzweiflung, die in ihr keimte. Dann war er um die Ecke verschwunden, froh darüber den Fragen entkommen zu sein, die er jetzt nicht mehr beantworten konnte.
Wer war er eigentlich?
Er war ein Gnom, der von seinem Clan verstoßen wurde. Nein, nicht direkt verstoßen. Nur keiner mochte ihn. Er wollte dieser Einsamkeit entfliehen.
Und jetzt?
Brauchte ihn die Wache?
Mochten ihn seine Kollegen?
Bedeutete er selbst irgendjemandem etwas?
"Gefreite Frän, würden sie bitte die DOGs davon in Kenntnis setzen, dass wir Neflie gefunden haben?", fragte Larius die Vampirin.
"Warum schicken wir nicht einfach eine Brieftaube, Söhr?"
"Weil ich nur eine mitgenommen habe. Du kannst bei der Gelegenheit auch gleich eine weitere mitnehmen."
"Ich denke das Hanna püschologischen Beistand braucht, Söhr."
Der Feldwebel zog eine Augenbraue nach oben, und sagte:
"Ich denke nicht dass sie beim Schlafen püschologischen Beistand braucht. Und ich denke auch nicht dass sie so bald erwacht, und zum Wachehaus sind es nur 15 Minuten zu Fuß. Mit Flügeln sollte diese Strecke noch schneller zu bewältigen sein."
Frän Fromm salutierte, und begab sich widerwillig zum Boucherie Rouge, wo man sich nicht sehr beeindruckt von dieser Information gab. Ein wenig verärgert dachte Frän, dass wenn sie unterwegs war, sie auch noch gleich in ihrem Büro am Pseudopolisplatz nach dem Rechten sehen könne.
Im Wachhaus wurde sie plötzlich von Johann Schaaf angehalten:
"Ich habe gerade eine Akte gefunden, die euch bei eurem Fall helfen kann."
Er drückte der Wächterin einen Pack Papier in die Hand, und sie begann darin zu lesen.
Und sie las den Unfallbericht über ein tragisches Unglück, in das ein Eselkarren, eine abschüssige Brücke, ein Troll und nicht zuletzt auch Frau Lechtner und ihre Tochter involviert waren.
Tanja stand da wie gelähmt, und ihre Augen fixierten den Punkt, an dem gerade noch der Gnom gestanden hatte. Er war einfach so um die Ecke verschwunden, hatte sie stehen lassen, mit ihren Ängsten, ihrer Furcht und ihrem Leiden.
War er wirklich nur an Informationen interessiert gewesen?
Hatte er ihr gar nicht wirklich zugehört?
War er vielleicht wirklich einer dieser Wächter, die nicht fähig gewesen waren, die Schuldigen für den Tod ihrer Eltern zu finden? Es lag schon Jahre zurück, aber sie hatte es den Leuten in ihren Rüstungen nie verziehen. Eine letzte Träne rollte über ihre Wange, als sie wieder einen Haufen gewaschener Wäsche in eine ganz spezielle Form brachte, und mit ihrer Arbeit fort fuhr.
Er hatte sie ausgenutzt.
Er hatte sie angelogen, sich ihre Trauer zum Nutzen gemacht, um einfach an Informationen zu gelangen, obwohl sie doch so freundlich zu ihm gewesen war.
Sie hätte ihn anzeigen können.
Und dann fiel ihr mit einer grimmigen Genugtuung ein, dass sie das eigentlich noch immer konnte.
Niemand tat ihr weh ohne dafür ordentlich zu leiden.
Das hatten auch vor einem Jahr die unlizenzierten Diebe fühlen müssen, die damals ihre Eltern ermordeten. Es war unglaublich, welche Einblicke in den menschlichen Körper man mit einem langem Messer und zwei Testobjekten haben konnte.
Es ging zu schnell für den jungen, in Gedanken vertieften Mann.
Am schlimmsten war der Gedanke an die, die seine Freundin war, gewesen.
Er hatte sie verlassen müssen. Es war für ihn nicht mehr auszuhalten. Nachdem sie ihre Mutter und ihre Schwester verloren hatte, war sie einfach... durchgedreht. Sie hatte nur in die Sterne gesehen, war mit den Gedanken selten auf dieser Welt, und redete mit ihrer Familie, als ob sie aus dem Tode aufgestanden wären. Sie war der festen Überzeugung, dass sie alle noch bei ihr waren.
Er hatte es nicht verkraftet, das Ganze mit anzusehen. Er hatte geglaubt er würde sie immer lieben, egal was passierte. Doch die Realität hatte es ihm bewiesen, dass es nicht so war.
Oder doch?
Er konnte nicht mehr in der Stadt bleiben, konnte sich nicht länger in ihrer Nähe aufhalten. Sein ganzes Denken drehte sich mehr denn je um sie.
Der Wagen wurde mit der Kraft von Lenker und Esel aus dem ruckartig aus dem Loch befördert. Der Ruck sorgte dafür, dass eine Klappe beim Kutscherbock aufging. Die eisenbeschlagene Kante fuhr herab, und traf den jungen Mann an der Schläfe.
Das Letzte was er sah waren drei helle Sterne.
Der Wagenlenker war nicht besorgt, dachte er doch dass der junge Mann nur bewusstlos wäre. Zumindest bis er das Rinnsaal Blut sah, das schön langsam in der Erde neben einem Kohl versickerte. Der Mann schien nicht annähernd so nachdenklich gestorben zu sein, wie er sich die letzten Tage verhalten hatte.
Mit einem letzten Lächeln, ganz als ob er endlich gefunden hätte, wonach er so lange suchte, lag er am Boden, und wirkte so friedlich wie ein Mann mit einer blutenden Kopfwunde nur wirken konnte.
Hanna nahm sich das Tagebuch zu Hand und begann darin zu blättern. Schon wieder waren viele der mühsam niedergeschriebenen Zeilen durchgestrichen worden, und sie konnte sich nicht daran erinnern warum. Sie konnte sich auch nicht daran erinnern was die letzten paar Tage passiert war.
"Wer bist du? Was machst du in meinem Haus?"
Hannas Stimme riss Larius aus seinen Gedanken, und ein wenig überrascht sah er zu der jungen Frau hinüber.
"Ich überlege gerade", erklärte der Feldwebel seinen Halbschlaf, aus dem er von ihr geweckt worden war.
"Was machst du hier?"
Der Blick der jungen Frau kam Larius merkwürdig vor, er wirkte so viel lebendiger als sonst:
"Wir sind wegen der Entführung hier."
"Ihr? Welche Anderen? Welche Entführung?", fragte sie verdutzt.
"Die Entführung deiner Familie?", fragte der Feldwebel, dem das Ganze schön langsam komisch vorkam. Ihre Augen nahmen sofort wieder den verträumten Zustand ein, und sie schien sich zu erinnern.
Wie hatte sie das nur vergessen können?
Diese netten Wächter waren hier um ihr zu helfen ihre Familie wieder zu finden, damit sie wieder glücklich vereint mit ihrer Schwester und ihrer Mutter war, und um sie vor dem Bösewicht zu beschützen. Die Sätze in dem Tagebuch waren falsch gewesen, deshalb hatte sie diese durchgestrichen. Jemand hatte sich wohl einen Scherz erlaubt und hinein geschrieben, dass ihre Geliebten schon vor Wochen gestorben waren.
Larius hob eine Augenbraue, als die junge Frau zurück ins Schlafzimmer tappte, sank dann aber wieder zurück in seinen Halbschlaf. Menschen die gerade aufgewacht waren konnten hie und da seltsam sein.
"Ich denke, jemand liest heimlich mein Tagebuch und streicht meine Sätze durch... ich weiß nicht mehr was passiert... was ist los mit mir?", schrieb Hanna in ihr Tagebuch, nur um den Satz eine Sekunde später wieder durchzustreichen. Sie bemerkte es erst gar nicht, dass sie das getan hatte, doch als sie es sah schloss sie die Augen und überlegte. Ihre Familie war tot.
Nein, sie war ihr gestohlen worden.
Sie wimmerte ganz leise. Gedanken rasten in ihrem Kopf hin und her, und sie konnte nicht anders als einfach zu schreiben.
"Die Wächter helfen mir meine Familie wieder zu finden..."
"...das stimmt nicht, denn meine Familie ist tot. Sie starben..."
"... nicht. Der Böse, der Dieb, hat..."
"... mich einmal geliebt, und ..."
"... hat er nicht. Er ist böse und gemein, ich hatte ihn nie..."
"... nie vergessen können. Es quält mich, das ich nicht weiß warum..."
"... er meine Familie gestohlen hatte."
Hanna sah auf ihr Tagebuch, wo die ganzen halben Sätze standen. Jemand schien ihre Worte immer zu ergänzen, und in ihr fing an ein schlimmer Gedanke zu keimen, der sich bestätigte, als das ganze was sie geschrieben hatte ohne es zu bemerken durchstrich.
Panik kroch in ihr hoch. War es sie, die verrückt geworden war?
Würde sie ihre gekidnappte Familie nie wieder sehen?
Die beiden Gefreiten erreichten zeitgleich das kleine Gebäude der Familie Lechtner, und eilten in den Vorraum.
"Was ist los?", wollte Larius wissen, der gerade aufgestanden war.
"Ich habe herausgefunden, dass...", begann der Gnom den Satz, doch wurde er von der Vampirin Stimme unterbrochen,
"... ihr Familie schon seit zwei Wochen tot ist."
Für kurz sahen sich Neflie und Frän erstaunt an, aber bevor sie noch fragen konnten, woher der jeweils andere das wusste, war das Sirren einer Armbrustsehne und das Geräusch von Fleisch, das von einer harten Eisenspitze durchbohrt wurde, zu hören.
Es kam aus dem Schlafzimmer.
Vor ihnen lag Hanna, die Dienstarmbrust von Larius in der Hand hielt. Ein Bolzen ragte aus ihrem Bauch und Blut sickerte aus ihrem Körper.
"Ich kann die Sterne sehen... Ejana, ich kann die Sterne sehen...", hauchte sie so als ob sie keine Schmerzen fühlen würde, als ob sie schon von dieser Welt geschieden wäre, ihr Blick richtete sich auf den kleinen Wächtergnom, und für kurz glaubte dieser Bilder in ihren Augen zu sehen. Bilder von Hoffnung, Bilder von Träumen, Bilder von ihrer Familie, Bilder von ihrem Freund, das Bild mit dem blutenden Sack und das vorletzte Bild war ein Bild von Begräbnisse ihrer Familie. Doch das letzte Bild war das Sonderbarste. Für kurz glaubte Neflie den Nachthimmel zu sehen, an dem in hellstem Glanz drei Sterne leuchteten.
Ganz als ob sie es wüsste lächelte sie ihn an, und schloss ihre Augen für immer.
Tanja sah hinaus auf die grauen Wölkchen, die vor ihrem Zimmerfenster nach oben steigen, und die im fahlen Licht des Mondes zu glühen schienen. Ihre Unterkunft war relativ billig; sie lebte bei Frau Salma in einer kleinen Dachwohnung, und wurde von der alten Frau zumeist in Ruhe gelassen.
"Gute Abend."
Neflie sprang von dem Bücherregal, auf dem er gesessen hatte auf das Bett, und sah zu Tanja hinauf, die sich überrascht umwandte.
"Wie bist du hierher gekommen?", fragte sie, und ging einen Schritt auf das Bett zu.
"Durch die Tür, die du offen gelassen hast."
"Oh... was willst du?", fragte sie mit einem bissigem Unterton. Sie hatte nicht vergessen, dass er sie nach ihrem letzten Gespräch einfach hatte stehen lassen, dass er nur gekommen war um Informationen zu erhalten.
"Ich habe dich vermisst", sagte der Gnom, und wurde leicht rot um die Ohren. Er hatte die letzte Woche kaum schlafen können, nicht mit dem Wissen über das Schicksal seiner ehemaligen Weggefährtin. Er wusste einfach nicht mit wem er reden sollte, und dann war ihm die junge schwarzhaarige Frau wieder eingefallen,
"Und wollte fragen, ob ich mit dir reden kann."
"Oh."
Mehr bekam Tanja nicht hervor. Es war ihr bisher noch nie passiert, dass jemand mit ihr reden wollte, meist hielten die Leute sie für verrückt oder einfach zu... anders. Dann bemerkte sie den fragenden Blick des Gnomes, der sie förmlich durchbohrte, und lächelnd nickte sie:
"Gerne... ich habe nicht oft Gesellschaft."
Neflie lächelte erfreut auf, und Tanja nahm ihn hoch und stellte ihn aufs Fensterbrett.
"Was wolltest du wirklich, als du mich in der Universität besucht hattest?", fragte sie, und begann leise zu beten, dass er einen anderen Grund hatte als das er ein Wächter war.
"Ich hatte es dir gesagt... es ist meine Pflicht Informationen zu sammeln, ich bin bei der Wache."
"Schade", war alles, was Tanja dazu einfiel. Anscheinend war die einzige Person, die gerne in ihrer Nähe war jemand, dem sie nicht vertrauen durfte.
"Ja... das stimmt", war seine überraschende Antwort, auf die ein sanftes Schweigen folgte. Irgendwo unter ihnen bellte ein Hund, und zwei Männerstimmen fingen an zu streiten. Das Leuchten der Sterne ließ die Augen der beiden schimmern, und obwohl kein Wort gesagt wurde wussten sie, dass sie sich verstanden.
"Was uns wohl die Sterne sagen wollen?", fragte Neflie.
"Ich weiß es nicht... keiner weiß es. Aber was auch immer es ist... es muss schön sein. Aber vielleicht wäre es einfacher zu wissen, was sie zeigen, wenn wir wüssten, woher sie kämen", antwortete Tanja, und dachte an ihre bisheriges Leben. Von wo kam sie selbst eigentlich? Wenn sie zurück sah spürte sie jede Menge Hass. Hass auf die Mörder ihrer Eltern. Hass auf die Welt, die sie nicht leiden konnte. Hass auf die Götter, die all das zugelassen hatten, ihr immer wieder nahmen was ihr wichtig war und ohne es selbst zu spüren ballte sie ihre zarten Hände zu Fäusten.
"Von woher glaubst du kommen die Sterne? Sie sind so viele, sie sind so schön...", flüsterte Neflie.
"Vielleicht kommt jedes Mal einer wenn wir etwas gut machen... oder etwas verlieren... alles ist möglich."
"Warum müssen wir immer verlieren? Gibt es keine Möglichkeit, etwas ohne zu verlieren zu erreichen?"
Die naive Frage hallte lange in dem Kopf der jungen Frau wieder. Warum nur mussten sie immer verlieren? Warum musste sie immer verlieren?
"Vielleicht damit wir lernen... zu lernen, dass wir nichts im Leben zu wichtig machen sollten."
Es war ein Gedanke gewesen, den sie versehentlich ausgesprochen hatte, und doch wusste sie, dass sie Recht hatte. Zumindest für sich.
"Vielleicht... aber kann man das nicht auch anders lernen? Ohne dass es so schmerzt? Ohne dass andere sterben? Ohne dass Manche für immer von uns gehen?", fragte der kleine Gnom leise, und eine Träne rann ihm über die Wange. Zu schmerzhaft war der Gedanke an den Verlust seines geliebten Eichhörnchens.
"Vielleicht sind sie nicht für immer fort... sondern da oben bei den Sternen, bei unseren Hoffnungen und Träumen, unseren Ängsten und Befürchtungen. Bei allem was wir tun und denken, bei allem was wir sehen und fühlen... vielleicht sind sie jetzt einfach überall."
Neflie war wieder zu dem Haus des lizenzierten Diebes, in den Raum der einst Jaremin gehörte, gegangen. Die Vorhänge waren zugezogen, und die Wäscheberge waren verschwunden, allerdings nicht die Berge von Kleinkram, die sich überall türmten. Mitten auf dem Boden des Zimmers stand eine kleine Kerze.
Schritte sagten ihm, dass sich jemand näherte, und so versteckte sich der Wächter in einer dunklen Ecke.
Der Freund des Verstorbenen kam in den Raum, entzündete die Kerze am Boden, und kniete sich vor sie. Das tanzende Licht der Kerze warf Schatten auf sein Gesicht, das gefasst, beinahe fröhlich wirkte.
"Mach es gut, wo immer du auch bist. Mein Leben geht weiter, aber ich werde dich nie vergessen. Du hattest immer gesagt, dass alles endet, und dass man nicht nur Trauern soll. Es wäre das Beste für sich zu Trauern, und du hattest Recht, mein alter Freund."
Dann machte er die Flamme wieder aus, und ging.
Das Grün des Friedhofs und das Zwitschern der Vögel ließ die Luft auf dem Friedhof vor Glücksgefühlen vibrieren, und wenn Neflie nicht die ganzen Grabsteine mit den ganzen Namen gesehen hätte, hätte er kaum daran geglaubt, dass es hier ein Ort der Toten war. Vor einem besonders schönen Grab machte er halt, und senkte den Blick.
Es war das Grab der Familie Lechtner.
Der Gnom dachte an das Gespräch mit Tanja, mit der er sich in letzter Zeit öfter traf, und an Sterne. Vielleicht waren die drei jetzt glücklich, irgendwo da oben... oder überall... oder wo auch immer sie sein mögen. Er lächelte, und mit tränenden Augen holte er seine Glasmurmel hervor. Der milchige Rauch darin blitzte kurz im Schein der Sonne auf, und Neflie glaubte die Umrisse von Sallien gesehen zu haben, wie sie da saß und eine Nuss bearbeitete.
Sie würde es vielleicht auch besser haben, wo auch immer sie war.
Besser als in einer Stadt wo sie nicht hingehörte.
[1] Es ist unglaublich, wie viel manche Leute über Dinge wissen, die sich nicht getan haben wollen
[2] Es blieb bei einem Versuch, da das Würstchen zu viel Gegenwehr zeigte
Für die Inhalte dieses Textes ist/sind alleine der/die Autor/en verantwortlich. Webmaster
und Co-Webmaster behalten sich das Recht vor, inhaltlich fragwürdige Texte ersatzlos von der Homepage zu entfernen.