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...und verbleibe in hoffnungsfroher Erwartung einer baldigen Antwort. Ihr Dippwin Damo Felabro Bendolch. Leise kratzte die Feder über das viel zu billige Papier und vollendete den Brief, der seinen Verfasser bereits seit Stunden beschäftigte. Etwas Sand wurde über die letzten Zeilen des Schreibens gestreut, trocknete die noch feuchte Tinte und konnte trotzdem nichts an den kleinen Schönheitsfehlern ändern, die sich hier und da eingeschlichen hatten. Zwei Kleckse am Rand des Briefbogens, einige unachtsam verschmierte Wörter und natürlich die vielen zerlaufenen Buchstaben, deren Tinte von dem grobfaserigen Papier viel zu gierig aufgesaugt worden war. Vorsichtig blies Dippwin den Sand von dem fertigen Schreiben und betrachtete noch einmal die Zeilen, die ihm eine Anstellung in der Stadtwache von Ankh-Morpork verschaffen sollten. Nein, an dem Erscheinungsbild seines Anschreibens konnte er im Großen und Ganzen nichts aussetzen, wenn man von der Qualität des Papiers einmal absah. Was ihm mehr Sorgen bereitete war die Frage, ob sich der Kommandeur der Wache auch mit dem Inhalt zufrieden geben würde. Noch einmal ließ Dippwin seinen Blick über die Zeilen wandern und beäugte kritisch jeden Satz. Sehr geehrter Herr Ohnedurst, Dass seine vielen Vornamen auch etwas mit dem Personenkreis zu tun hatten, in dem Mutter seinen leiblichen Vater vermutete, wollte Dippwin lieber für sich behalten. Nein, vermutlich interessierte sich Herr Ohnedurst für derlei Kleinigkeiten auch gar nicht. Auch dass Mutter solange er denken konnte für Frau Rosemarie Palm arbeitete, er im Kreise zahlreicher Näherinnen und mitten in den Schatten aufwuchs, war wohl nur von untergeordneter Bedeutung. Daher hatte er den folgenden Absatz auch sehr vorsichtig formuliert, schließlich wollte er den Kommandeur nicht unnötig langweilen. ...Ich wurde vor 31 Jahren in einem der prominenteren Viertel Ankh-Morporks geboren und wuchs in den geregelten Verhältnissen einer der gesellschaftlich anerkanntesten Gilden unserer Stadt auf. Leider war es mir aus Interessensgründen jedoch nicht möglich, in besagter Gilde selbst eine Lehre zu beginnen. Er hoffte mit der Zahl seiner vielen Ausbilder Eindruck schinden zu können, fürchtete aber gleichzeitig, dass Ohnedurst Fragen zu diesem Thema stellen könnte. Schließlich war er sich nicht ganz sicher, wie der Kommandeur wohl reagieren würde, wenn Dippwin von dem oft unerwartet frühen Tod einiger seiner Meister sprechen müsste. Zugegeben, dem jungen Mann war in keinem der Fälle die Schuld an den Unfällen und ihren Folgen gegeben worden. In der Gilde kamen Detonationen und Gasunfälle auch deutlich zu häufig vor, als dass man noch regelmäßig einen Sündenbock hätte suchen können. Aber trotzdem haftete Dippwin sehr bald der Ruf eines Pechvogels an. Ein Titel, der in der Gilde der Alchimisten schnell dazu führt, dass der Betroffene zum Einzelgänger wird. Niemand möchte in der Nähe eines Gildenbruders stehen, dem nachgesagt wird, dass Naturgewalten und Katastrophen ein besonderes Auge auf ihn geworfen haben. Trotzdem fühlte er sich bei den Alchimisten wohl und blieb dem Gildenhaus auch nach seiner Lehre weiterhin treu. ...Mit meinem Gesellenbrief erhielt ich die Möglichkeit, als Assistent in der Abteilung für Experimentelle Grundlagenforschung zu arbeiten, eine Aufgabe die meinen Fähigkeiten sehr entgegen kam und mir sehr viel Freude bereitet hat. Einige Jahre später wurde ich von Herrn Silberfisch, dem derzeitigen Gildenoberhaupt, zum Bereich Unbelebte Materie versetzt, wo ich bis vor kurzem selbstständig tätig war... Selbstständig und alleine. In den vergangenen elf Jahren forschte er ungestört und unbeachtet vom Rest der Welt vor sich hin, fertigte Konzepte an, die er regelmäßig an Silberfisch schickte, schrieb Berichte für das Archiv und beantragte Forschungsgelder die ihm grundsätzlich nicht bewilligt wurden. [1] Trotzdem war er stolz auf einige seiner Leistungen. Er hatte mittels einer komplizierten Linsen- und Spiegelkonstruktion, sowie einer Vielzahl von Uhren bewiesen, dass sich Licht nicht nur erstaunlich langsam bewegt, sondern auch erheblichen Einfluss auf das Gefüge der Zeit hat und diese zu krümmen vermag. Einige der Uhren waren dabei sogar zerbrochen. Er gab ja zu, dass der praktische Nutzen seiner Entdeckung bis jetzt noch nicht erkennbar war, aber die Erforschung des Lichts hatte ja auch gerade erst begonnen. Seine letzten Bemühungen galten der Erforschung des Nichts. Die Leute sprachen so leichtfertig vom Nichts, wenn sie beispielsweise den Inhalt einer Truhe, eines Glases oder ihrer eigenen Geldbörsen beschrieben. Aber welche Eigenschaften hatte denn dieses Nichts? Dippwin verschwendete Monate darauf diese Frage zu beantworten. Dabei erkannte er sehr schnell, dass der Begriff Nichts sehr relativ war. Ein Glas, das Nichts enthielt, war doch immer noch mit Licht und Luft gefüllt, oder? Da er ein Angehöriger der Experimentellen Grundlagenforschung war, beabsichtigte er zu Forschungszwecken zunächst eine größere Menge Nichts in seiner Reinform zu erschaffen. Dazu entfernte er alle Möbel und Gegenstände aus einem der Labore seiner Abteilung, fegte den Raum mehrere Tage lang sauber und behandelte alle Wände, die Decke und den Boden anschließend mit einer besonders ätzenden Reinigungsmittel, um das Nichts vor einer Verunreinigung mit gemeinem Hausstaub zu schützen. Anschließend dichtete er alle Ritzen und Fugen mit einem Spezialkitt eigener Herstellung, versiegelte den Raum und begann die Luft mit einer selbst entwickelten Maschine abzupumpen. Er ließ die Pumpe über ein Wasserrad am Ankh antreiben, daher war die Leistung nicht besonders groß und seinen Berechnungen nach würde es wenigstens sieben Tage dauern um reinstes Nichts zu erzeugen. Am vierten Tag hörte Dippwin erstmals seltsame Geräusche in den Mauern des Hauses, die er sich nicht erklären konnte. Tags darauf erschienen einige dünne Risse im Mauerwerk, die ihm zwar Sorgen bereiteten aber mit dem Kitt wieder abgedichtet werden konnten bevor größerer Schaden entstand. Am sechsten Tag noch vor Morgengrauen erwachte Dippwin mit dem Gefühl ein sanftes Beben gespürt zu haben, aber bevor er auch nur einen zweiten Gedanken daran verschwenden konnte, brach das gesamte Haus bereits in sich zusammen. Der Vorgang war vergleichsweise unspektakulär. Es gab kein Feuer, keine Explosion und noch nicht einmal einen lauten Donnerschlag. Lediglich das fast schüchterne Rumpeln von drei Stockwerken Leichtbauweise, die sanft in sich zusammensackten. [2] Er war erleichtert, dass kaum jemand bei dem Einsturz zu Schaden kam. Nach einigen wirklich hektischen Stunden waren auch die letzten verstörten Gildenbrüder aus den Trümmern geborgen worden und außer vielen Prellungen und einer gebrochenen Nase waren alle wohl auf. Der materielle Verlust war für die Gilde hingegen erheblich. Sehr zu Dippwins Verwunderung ließ sich Herr Silberfisch daher auch nicht von der Neuigkeit beeindrucken, über welche implosive Macht das Nichts offensichtlich verfügte. Stattdessen wurde das Gildenoberhaupt ungewohnt laut und ungehalten. Dippwin wurde mit Vorwürfen traktiert, er handle verantwortungslos, kenne seine Grenzen nicht und sei letztendlich ein gedankenverlorener Trottel, der eine Gefahr für die Allgemeinheit darstelle. So ganz konnte sich Dippwin an das Gespräch mit Herrn Silberfisch inzwischen nicht mehr erinnern, aber mit schmerzhafter Klarheit brannten die letzten Worte des alten Alchimisten noch in seinen Ohren: "Du wirst aus der Gilde ausgestoßen, Bendolch. Und lass dich hier ja nie wieder blicken!" Inzwischen wohnte Dippwin wieder bei Mutter in einem der Häuser von Frau Palm und überlegte, wo ihn sein Weg zukünftig hinführen könnte. [3] Er war inzwischen deutlich zu alt, um eine neue Lehre anzufangen. Außerdem schreckte es offensichtlich viele mögliche Arbeitgeber ab, wenn sie von seiner Alchimistenausbildung hörten. Auf mehrere Anfragen hatte er bereits Absagen erhalten und langsam schwand seine Hoffnung. Weder die Gilde der Baumeister, noch die Klempner hatten Interesse an einem Wissenschaftler mit mechanischem Grundverständnis und jahrelanger Erfahrung im Konstruieren. Auch bei der Post und der Zeitung war er nicht untergekommen. Für Dippwin war es ein Rätsel wie man seine Qualitäten so übersehen konnte. Letztlich war ihm nur noch die Bewerbung bei der Wache geblieben. Von ihr hatte er bereits manch Gutes aber auch viel Beunruhigendes gehört. Eines war jedoch allen Berichten gemeinsam, nämlich die Aussage: "Die nehmen jeden!" Nur aus diesem Grund gab sich Dippwin überhaupt Mühe bei seinem Schreiben. Er hatte Respekt, ja fast Angst vor dieser seltsamen Truppe, die offensichtlich keine festen Gesetze kannte. Für ihn waren feste Regeln und Gesetze das Salz der Erde. Ohne sie musste fast alles zwangsläufig in Chaos versinken. Gesetze beschrieben die Welt und regelten das tägliche Leben. Als Alchimist lernte Dippwin schnell auf diese Weise zu denken. Es war für das Überleben von entscheidender Bedeutung. Bei der Wache schien all dies völlig anders gehandhabt zu werden. Gesetze wurden offensichtlich mehr als helfender Hinweis verstanden und weniger als unverrückbare Grundfesten der Gesellschaft. Was heute Recht war, musste Morgen noch lange nicht Billig sein. Die Wächter entschieden heute mal auf die eine, Tags darauf auf völlig andere Weise. Dippwin verunsicherte dies zutiefst und die Truppe von Ohnedurst wirkte wie ein großes undurchsichtiges Mysterium auf ihn. [4] Und trotzdem... ...Aus persönlichen Gründen möchte ich mich nach langjähriger Arbeit für die Gilde der Alchimisten nun beruflich neu orientieren. Ich verfüge über umfangreiche Erfahrung auf dem Gebiet der Alchimie, bin körperlicher in guter Verfassung und geistig durchaus belastbar. Ich hoffe daher, für die Wache eine gute Ergänzung zu sein. Ja, eine baldige Antwort war es, die er benötigte und hoffentlich eine positive. Zwar konnte sich Dippwin keine Vorstellung davon machen, als Wächter durch Ankh-Morporks Straßen zu patrouillieren, aber wenn er nicht auch noch bei der Gilde der Bettler vorstellig werden wollte, würde er bald Geld benötigen. Denn nachdem sich sein bisheriger Arbeitsplatz in einen Trümmerhaufen verwandelt hatte, war sein gesamter Besitz die Kleidung die er am Leibe trug und seine Notizbücher der vergangenen fünf Forschungsjahre. [1] Die Abteilung Experimentelle Grundlagenforschung war schon immer für Gildenmitglieder vorgesehen, die im Kollegenkreis eher weniger beliebt waren. Der Bereich Unbelebte Materie, der von den Alchemisten eher stiefmütterlich behandelt wurde, vermochte diese Form der sozialen Isolationshaft jedoch noch zu verschärfen. [2] Hier zeigte sich eines der größten Probleme des jungen Mannes. Er hatte tatsächlich die Gabe wissenschaftliches Neuland zu betreten, da seine Gedanken immer wieder von überraschend unkonventionellen Ideen erfüllt waren. Er vermochte jedoch nur selten seine Handlungen mit all ihren Folgen, vor allem aber den Nebenwirkungen auf seine Umwelt und unschuldige Passanten vorherzusehen. [3] Der Umstand als erwachsener Mann bei seiner Mutter zu wohnen irritierte ihn dabei kaum. Um die Wahrheit zu sagen, Dippwin stand selbst als dreißigjähriger immer noch unter der Aufsicht seiner resoluten und nur noch halbtags arbeitenden Mutter. Für sie ist er immer ein liebenswerter aber unmündiger Junge geblieben. Auch das Leben bei Frau Palm und ihren Näherinnen erschien Dippwin selbstverständlich. Ihm gingen dabei allerdings keine erotischen Gedanken durch den Sinn. Für ihn waren die Mädchen, obwohl ihm bekannt war womit diese ihr Geld verdienten, eigentlich auch nur Handwerker wie Klempner oder Buchhalter. [4] Die Ursache für Dippwins Irritationen lag vor allem in seinem Unvermögen, das Konzept von Gut und Böse zu erfassen. Für ihn gab es nur wissenschaftliche Grundlagen, Naturgesetze und in gewissem Umfang sicherlich auch das Rechtssystem von Ankh-Morpork. Da in diesen aber nirgends geschrieben stand, dass man einem Schuft, der ein junges Mädchen unsittlich berührt hatte, ruhig mal kräftig in die Fresse hauen konnte, war für Dippwin ein entsprechendes Verhalten unverständlich und aufs höchste empörend. Manch einer mag dies einfach als fehlenden gesunden Menschenverstand bezeichnen. Aber so war er nun einmal. Ehemalig seit 13.03.2007 Aktualität: Letzter Fall: 07.10.2006 – Letztes Charakterisierungs-Update: vor dem 23.3.2011 | |||||||||||||||||||||||||||||||||||